LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN
INSTITUT FÜR DEUTSCHE PHILOLOGIE
Hauptseminar: Das Spätwerk Thomas Manns 1939-1955
Thomas Manns ′Der Tod in Venedig′ und ′Die Betrogene′ -
Motivgleiche Erzählungen?
von: Tina Hanke
1. Einleitung
2. Eros und Thanatos 4
2.1. Wagners Liebestod 5
2.2. Tadzio und Ken als Todesboten 6
2.3. Mythologische Symbolik 8
2.4. Tod von Aschenbach und Rosalie 10
3. Geist und Leben 11
3.1. Apollinisches und Dionysisches bei Nietzsche 11
3.2. Aschenbach und Rosalie/Anna als Vertreter des Dualismus‘ 12
3.3. Farbsymbolik 15
3.4. Tod des Künstlers 16
4. Schlussbetrachtungen 18
5. Bibliographie 20
1. Einleitung
Ein alternder Schriftsteller, der sich in einen jungen Knaben verliebt, auf der einen Seite, eine wechseljahrsgeplagte Naturliebhaberin, die sich in einen jungen Amerikaner verliebt, auf der anderen Seite. Die Erkenntnis, dass zum Wesen der Kunst nicht nur der Geist, sondern auch das Sinnliche gehört, als Pendant zur Erkenntnis, dass zum Wesen der Natur nicht nur das Schöne, sondern auch der Verfall gehört. Auf der einen Seite der Tod durch Cholera, auf der anderen Seite der Tod durch Gebärmutterkrebs: Kaum etwas liegt auf den ersten Blick wohl näher, als in den Novellen Der Tod in Venedig (1912) und Die Betrogene (1953) von Thomas Mann motivgleiche Erzählungen zu erkennen, auch wenn ihr Verfasser sich stets gegen Vergleiche dieser Art gewehrt hat. So schreibt Mann zu Die Betrogene: Es sind törichte Vergleiche damit angestellt worden. Mit dem „Tod in Venedig“ hat es gar nichts zu tun, weder nach seinem Gewicht, noch nach seiner Thematik. Es hat mit ihm nur gemein, daß es eben auch von mir ist, und zwar unverkennbar von mir.1 Gewisse Parallelen zwischen der wohl bekanntesten Erzählung von Manns Frühwerk und seiner letzten Novelle sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. So bricht in beiden Erzählungen die Liebe rauschhaft-dionysisch in das bürgerliche Leben ein und führt zu einem Verhalten der beiden Hauptfiguren, das im großen Maße von der gesellschaftlichen Norm abweicht.
So verläuft das Leben des Schriftstellers Aschenbach in Der Tod in Venedig zunächst in sehr geregelten Bahnen. Nichts irritiert ihn in seinem immer gleichen Tagesablauf und seinem Glauben an die Macht des Geistes. Mit seiner fleißigen Arbeitsweise des „Durchhaltens“ wird er von der Gesellschaft hoch anerkannt, ja mit 50 Jahren sogar geadelt. Im Grunde weiß Aschenbach jedoch, dass es seinem Werk an Lebendigkeit mangelt respektive dass wahre Kunst nur unter Beteiligung des Sinnlichen entstehen kann. Als er dann eines Tages am Münchener Nordfriedhof einen etwas wild und exotisch aussehenden Wanderer trifft, brechen Aschenbachs unterdrückte Gefühle und Sehnsüchte hemmungslos hervor. Er entschließt sich zu einer Reise nach Venedig, wo er dem wunderschönen Knaben Tadzio verfällt. Mit dieser Liebe isoliert sich Aschenbach von der Gesellschaft. Nicht nur, dass der vierzehnjährige Tadzio vom Alter her sein Enkel sein könnte. Auch das homoerotische Moment ist von der Gesellschaft tabuisiert. Durch den unkontrollierbaren Liebesrausch wird Aschenbach von dem einst souveränen, anerkannten Dichter zum besessenen Dionysos, der von der Gesellschaft gemieden wird. So wird Tadzio auch mehrmals von seinen Verwandten aus der Nähe Aschenbachs zurückgerufen.
Auch bei der 50-jährigen Rosalie von Tümmler in Die Betrogene führt die Liebe zu einem unkontrollierbaren Rausch. Dabei entspricht ihre Liebe zu dem 26 Jahre jüngeren Amerikaner Ken Keaton auch nicht der bürgerlichen Norm. Rosalie gibt jedoch nichts auf die Worte ihrer Tochter Anna, die davor warnt, dass man nicht gegen seine von der Gesellschaft geprägte sittliche Überzeugung leben könne. Stattdessen genießt Rosalie ihre Liebegefühle in vollen Maßen.
Bei beiden Hauptfiguren kann man darüber hinaus verzweifelte Versuche beobachten, sich optisch zu verjüngen. Während Rosalie zum Rouge greift, lässt Aschenbach sich die Haare schwarz färben und das gesamte Gesicht jugendlich schminken, so dass er am Ende dem „falschen Jüngling“ ähnelt, den er auf seiner Reise nach Venedig noch mitleidig belächelt hatte. Auch steht am Ende der beiden Erzählungen der Tod durch Krankheit der beiden Hauptfiguren. Dies alles sind jedoch nur recht allgemeine inhaltliche Parallelen. Einen genaueren Vergleich der beiden Erzählungen erhält man, wenn man die beiden Dualismen „Eros und Thanatos“ und „Geist und Leben“ und die jeweils damit verbundene Symbolik analysiert. Hier wird sich zeigen, dass Der Tod in Venedig und Die Betrogene auch auf tieferer Ebene viel gemein haben, obwohl sie zeitlich so weit auseinander liegen. Auf der Basis vieler Gemeinsamkeiten wird jedoch auch ein wichtiger Unterschied zu erkennen sein, der von einer inneren Wandlung Thomas Manns im Laufe seines literarischen Schaffens zeugt.
2. Eros und Thanatos
Der Dualismus von Liebe und Tod, von Eros und Thanatos, der bereits auf die Antike zurückgeht und später als romantische Todesverklärung seinen Höhepunkt erfährt, stellt eines der Leitmotive in Thomas Manns Werk dar. Dabei zeigt sich Mann vor allem von Wagner und dessen „Liebestod“ beeinflusst. So thematisiert Mann bereits in seinen frühen Erzählungen wie Der kleine Herr Friedemann, Tristan und Wälsungenblut die Musik Wagners als Verführerin zum Tode. Vor allem in seinem Zauberberg zeigt Mann den Dualismus von Eros und Thanatos deutlich auf. Hier steht sein Protagonist Hans Castorp zwischen beiden Reichen, die u.a. von seiner temporären Geliebten Clawdia Chauchat, deren Name nichts anderes als „heiße Katze“ bedeutet, auf der einen und seinem alten Schulfreund Hippe, dessen Name nicht weniger als „Tod“ bedeutet, verkörpert werden. Die beiden Figuren haben mehr Ähnlichkeiten, als ihnen lieb sein kann. Und so entfaltet Thomas Mann im Zauberberg ein deutlich an Wagnersche Dimensionen erinnerndes Ringen zwischen den Polen „Liebe“ und „Tod“. Was genau fasziniert Mann jedoch an Wagner und wie verwendet er Wagners Verbindung von Liebe und Tod?
2.1. Wagners Liebestod
[...]
1 Thomas Mann: Rückkehr. In: Werke. Das essayistische Werk in acht Bänden. Autobiographisches. Hrsg. v.
Arbeit zitieren:
Tina Hanke, 2003, Thomas Manns 'Der Tod in Venedig' und 'Die Betrogene' - Motivgleiche Erzählungen?, München, GRIN Verlag GmbH
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Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig
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