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Die Vorstellung von einer besonderen deutschen Entwicklung hat eine lange Tradition 1 . Sie diente schon seit dem 19. Jahrhundert - mit wechselnden Inhalten - als Interpretationsschema deutscher Geschichte. Besonders in den Historikerdebatten der neuesten Zeit war sie häufig der Kritik ausgesetzt, sich weniger mit konkreten historischen Gegebenheiten als mit Deutungen solcher zu einem bestimmten politischen Ziel hin, zu beschäftigen. 2 Durch die Jahrzehnte hinweg wurde diese These immer wieder aufgegriffen und ganze Wissenschaftlergenerationen beschäftigten sich mit der Ursachensuche für die deutsche Sonderentwicklung: die schwierige geopolitische Mittellage, das Ausbleiben einer bürgerlichen Revolution, der unvergleichbar starke Verwaltungsstaat, der relativ spät einsetzende, dann aber rasch erfolgende Industrialisierungsprozeß und am wichtigsten: die verspätete Nationalstaatsgründung - sind einige der in diesem Zusammenhang gebrauchten Schlagworte. Vorliegende Arbeit soll zunächst aufzeigen, wie sich die Vorstellung vom Deutschen Sonderweg herausbildete und welche spezifisch deutschen Bedingungen dabei als konstituierend angesehen werden.
In den sich anschließenden Kapiteln soll das Hauptdeutungsschema des Deutschen Sonderwegs, das Bild von der „verspäteten Nation“, betrachtet werden. Daß es in Deutschland erst 1871 und damit später als in den meisten anderen europäischen Ländern zur Nationalstaatsbildung kam, ist ein historischer Fakt, was aber meint „verspätet“ ? Handelt es sich bei diesem Attribut, das einem 1935 erstmals erschienen und 1959 in einer Neuauflage unter dem Titel „Die verspätete Nation. Über die politische Verfügbarkeit bürgerlichen Geistes“ 3 neu aufgelegten Buches von Helmuth Plessner entstammt, nicht bereits um eine Deutung über die historischen Tatsachen hinaus? Vorliegende Arbeit soll untersuchen, inwieweit es sich bei der These von Deutschlands Verspätung um eine konkrete historische Gegebenheit und inwieweit es sich lediglich um ein bestimmtes Deutungsmuster Deutscher Geschichte handelt. Aufgabe kann dabei natürlich nicht sein, einen Überblick über die deutsche Geschichte zu liefern. Vielmehr geht es um eine Art „Phänomenologie der deutschen Nation“ 4 , eine Erklärung ihres Wesens verbunden mit der Erläuterung, warum die Deutsche Geschichte kaum Möglichkeiten hatte, anders zu verlaufen und der Untersuchung, inwieweit sie von einem Normalweg abwich.
1 Vgl. dazu ausführlich: Vierhaus, Rudolf: „Die Ideologie des deutschen Weges der politischen und sozialen
Entwicklung“, In: Thadden, Rudolf von (Hrsg.): 'LH.ULVHGHV/LEHUDOLVPXV]ZLVFKHQGHQ:HOWNULHJHQ
Göttingen 1978, S. 96 - 114.
2 Vgl. dazu: 'HXWVFKHU6RQGHUZHJ0\WKRVRGHU5HDOLWlW"Kolloquium des Instituts für Zeitgeschichte,
München 1982.
3 Plessner, Helmuth: 'LHYHUVSlWHWH1DWLRQEHUGLHSROLWLVFKH9HUIJEDUNHLWEUJHUOLFKHQ*HLVWHVFrankfurt
am Main 1992.
4 Berbig, Hans-Joachim: .OHLQH*HVFKLFKWHGHUGHXWVFKHQ1DWLRQDüsseldorf 1985, S. 13.
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Im Geschichtsbewußtsein des vormärzlichen Bildungsbürgertums überwog zunächst noch eine Sichtweise, die den europäischen Zusammenhang hervorhob. Die vorherrschende Sicht der Historiker betonte, daß die unterschiedlichen Revolutionen untereinander verknüpft waren und eine Kette bildeten: Reformation, englische Revolution, amerikanische Revolution und französische Revolution. Somit hatte die deutsche Nation, die ja eigentlich zu diesem Zeitpunkt noch keine war, mittels der Reformation Teil an dieser Entwicklung. Nach verbreiteter Lehrmeinung wies dieser Prozeß zwei Entwicklungslinien auf: eine germanischamerikanische und eine romanisch-französische.
Obwohl in dieser Phase also durchaus Entwicklungszusammenhänge gesehen wurden, traten etwa zeitgleich auch schon Historiker wie Leopold von Ranke auf den Plan, die stärkeres Augenmerk auf Unterschiede legten. Ranke faßte Staaten und Nationen als Kollektivindividuen auf und hob die Betonung der nationalen Unterschiede hervor. Für Ranke lag die Aufgabe der Historiker hauptsächlich in der Erforschung und Darstellung der unterschiedlichen Entwicklungen der einzelnen Staaten. Somit wies er den Historikern die Aufgabe zu, die besondere deutsche Entwicklung hervorzuheben und zu begründen. Dieses Postulat ist deshalb so bedeutend, weil Ranke damit für die Geschichtsschreibung der Folgezeit ein Paradigma begründete, aus dem heraus nicht nur die Sonderwegsidee geboren wurde, die zu einem Bewußtsein führte, „das auf Unterscheidung vom Westen statt auf Gemeinsamkeiten axiomatischen Wert“ 5 zu legen sei. In der Folgezeit begann in der Forschung eine akribische Suche nach derartigen Sonderbedingungen. Ich möchte im folgenden Kapitel zunächst auf einige der wichtigsten dieser Unterschiede Deutschlands zu anderen europäischen Ländern eingehen, um näher zu beleuchten, inwieweit tatsächlich von einer Sonderentwicklung gesprochen werden kann, um anschließend einen der zentralsten Differenzen, die spätere Nationalstaatsbildung gesondert zu betrachten.
5 Wehler, H.U: 8PEUXFKXQG.RQWLQXLWlWMünchen 2000, S. 85.
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Arbeit zitieren:
Jana Lippmann, 2001, Deutschlands verspätete Nationalstaatsgründung und der deutsche Sonderweg, München, GRIN Verlag GmbH
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