Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung 4
0.1 Zum Begriff tap dance 4
0.2 Quellenprobleme 5
0.3 Aufbau der Arbeit 5
1 Die Wurzeln des tap dance 6
1.1 Afrikanische und afro-amerikanische Wurzeln 6
1.2 Englische und irische Wurzeln 7
1.3 Von der Jig zum Buck and Wing 7
2 Orte und Medien in den 20er Jahren 9
2.1 Aufführungsorte 9
2.2 Vaudeville circuits 9
2.3 Das schwarze Musical 9
2.4 Film und der akustische Teil des tap dance 11
2.5 Schwarzes Entertainment weißes Entertainment 12
3 Ausbildung und Standardisierung 14
3.1 Orte des Lernens 14
3.2 The Hoofers Club 15
3.3 Stealing Steps 16
3.4 Standardisierung 17
4 Schwarz und Weiß 18
4.1 Tap Dance: eine schwarze Erfindung 18
5 Literatur 21
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0 Einleitung
Die zwanziger Jahre waren, wie im Seminar immer wieder angeklungen ist, eine „tanzverrückte“ Zeit. Daher mag es lohnend sein, einen Blick auf ein Phänomen zu werfen, das damals als „jazz dance“ bezeichnet wurde – ein Begriff, der heute etwas vollkommen anderes meint, damals aber deckungsgleich mit „tap dance“ war, den wir heute als Steptanz kennen. (Zur Begriffsverschie- bung seit den Zwanzigern siehe unten.) Drei Aspekte stehen im Zentrum meiner Aufmerksamkeit: Die Geschichte des tap dance, die Prozesse des Lernens und der Standardisierung und die rassistischen Diskurse im amerikanischen Showbiz.
In meiner Arbeit konzentriere ich mich auf die USA, da die Quellen, die mir zugänglich waren, keine Auskunft darüber geben, ob und (wenn ja) wie tap dance außerhalb Nordamerikas rezipiert oder gar praktiziert worden ist. Rusty E. FRANK zufolge waren tap acts – Solokünstler, Ensembles und Showproduktionen – auch in Rußland, Japan, Kuba und Australien unterwegs 1 , ein Publi- kum dafür hat es anscheinend weltweit gegeben; auf welches Echo tap dance stieß und ob es zum Beispiel in London, Paris oder Wien tap dance außer gastierenden amerikanischen acts gab, wird nicht erwähnt. Dieses Schweigen über tap dance außerhalb der USA könnte auch in der USA- zentrierten Perspektive der Literatur begründet sein.
Etwas spezifisch Amerikanisches ist tap dance auf jeden Fall: Wie Jazz ist er eine originär amerika- nische Kunstform, von Marshall und Jean STEARNS als „vernacular in the sense of native and homegrown“ 2 beansprucht. FRANK attestiert dem tap dance einen „[...] spirit, which was drawn from America itself, from the tempo, the excitement of the Machine Age.” 3 Daß zwischen Jazz und tap dance ein Verhältnis gegenseitiger Inspiration bestand, ist anzuneh- men. Zumindest die Richtung von der Musik in den Tanz legt FRANK nahe: „... In the years to come, the great music revolutions of ragtime, jazz, swing, bebop and avant-garde all played a tremendous role in the evolution of tap dancing.“ 4 Und nach Helmut GÜNTHER sind Jazz und tap dance verwandt: „Auf alle Fälle steht fest, daß Jazzmusik und Tap Dance den gleichen Gesetzen gehorchen.“ 5
0.1 Zum Begriff „tap dance“
Der Begriff „tap dance“ ist eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts. Über die Herkunft des Begriffs ist nichts bekannt; wahrscheinlich ist jedoch, daß er von „tap“, also dem Klang, den ein Schritt beim tap dance erzeugt, abgeleitet ist. 6 Erstmals dokumentiert ist der Begriff Ende der Zwanzi- ger/Anfang der Dreißiger Jahre als Titel eines Lehrbuches. 7 Vorher waren die Begriffe „Buck“, „Buck and Wing“ oder „hoofing“ gebräuchlich.
1 FRANK, S. 21: „Hoofers brought their artistry to such exotic places as Russia, Japan, Cuba, Australia, and the world was thrilled to see them – and hear them.“ 2 STEARNS/STEARNS, S. xiv 3 FRANK, S. 21 4 FRANK, S. 21 5 GÜNTHER (1973), S. 53 6 Siehe Günther (1937), S. 45 7 Günther (1973), S. 66
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Die gleiche Bedeutung wie „tap dance“ hatte bis in die zwanziger/dreißiger Jahre hinein „jazz dance“. Hier hat jedoch eine Verschiebung des Begriffs stattgefunden: Ab 1917, so GÜNTHER, nahm der Begriff neue Bedeutungen auf, nämlich einen Tanzstil, der von zentralafrikanischen Ursprüngen geprägt ist. 8 Anscheinend dauerte es jedoch lange, bis diese Bedeutung für „jazz dance“ sich durchsetzte; in den zwanziger Jahren existierten wahrscheinlich noch beide Bedeu- tungen parallel. Noch STEARNS/STEARNS meinen mit „jazz dance“ schlicht „dancing to jazz“, wie der Untertitel ihrer Monographie andeutet; es kann sich hierbei aber auch um ein bewußtes Inanspruchnehmen der alten Bedeutung, also einen gewollten Anachronismus, handeln.
0.2 Quellenprobleme
Das Theater, das Medium, über das der tap dance in den 20er Jahren noch hauptsächlich vermit- telt wurde, ist nicht wiederholbar, allenfalls noch in Form von Kritiken und Berichten zugänglich. Vaudeville und die minstrel shows des 19. Jh. sind als Kunstformen untergegangen. Dokumente in Form von Tonkonserven und Filmen sind erst ab den späten Zwanziger Jahren, in größerer Menge (und mit vertretbarem Aufwand erhältlich) ab den frühen Dreißigern zu finden. Im Ganzen ergeben sich also dieselben Probleme, die sich für die Dokumentation des Jazz in den 20ern im Seminar auch aufgetan haben: eine Kunstform, in der die Schrift einen geringen Stel- lenwert hat und in der es wenig Aufgeschriebenes gibt, wenig Tonträger- oder audiovisuelles Ma- terial von teilweise sehr schlechter Tonqualität und eine spärliche wissenschaftliche Literatur zum Thema. Zudem entfalten sich am tap in vieler Hinsicht dieselben Rassismen, die auch die Ent- wicklung des Jazz beeinflußt haben: Die Geschichte des tap ist aufs engste mit der Geschichte der Schwarzen in den USA verbunden, deshalb müssen Äußerungen über tap immer mit einem Auge auf mögliche rassistische Implikationen oder Voreingenommenheiten gelesen werden.
0.3 Aufbau der Arbeit
Im ersten Kapitel, „Die Wurzeln des tap dance“, werde ich einen Überblick über die Herkunft und die Geschichte des tap dance geben.
Daran anschließend steht im Zentrum des zweiten Kapitels, „Orte und Medien in den zwanziger Jahren“, die Frage, wie und wo tap im „Berichtszeitraum“ des Seminars, den Zwanzigern, prakti- ziert worden ist und durch welche Medien er vermittelt, transportiert, dem Publikum zugänglich gemacht wurde.
Im dritten Kapitel, „Ausbildung und Standardisierung“, geht es darum, wie der einzelne Tänzer tanzen lernte und wie sich der Tanz als solcher entwickelte. Hatte der Tanz in den Zwanzigern bereits eine Standardisierung erfahren, gab es bereits ein verbindliches Schrittrepertoire und wie viel Raum gab es für Individualität?
Das letzte Kapitel, „Schwarz und Weiß“, beschäftigt sich mit einem Thema, an dem bei Jazz wie bei tap dance nicht vorbeizukommen ist: der Diskriminierung der Schwarzen in Amerika; wie die Unterhaltungsbranche mit schwarzen Künstlern (und Themen) umging, steht im Zentrum dieses Kapitels.
8 Günther (1977), S. 117
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1 Die Wurzeln des tap dance
1.1 Afrikanische und afro-amerikanische Wurzeln
Die Mehrzahl der Sklaven, die in die USA importiert wurden, stammte aus dem Sudan, Westafri- ka und Zentralafrika. 9 Unter diesen haben nach GÜNTHER zwei besondere Bedeutung für den tap dance: Der Sudan 10 und Westafrika.
1.1.1 Sudan
Der Tanz des Sudan betont besonders Arm- und Beinbewegungen. Die Fußarbeit hat einen aus- geprägten perkussiven Charakter. Die Fuß- und Beinbewegungen werden durch Rasseln und „Rhapia-Gamaschen“ an den Knöcheln oder den Unterschenkeln betont und hörbar gemacht. „Die Füße schlagen den Boden“ 11 und erzeugen dabei „polyrhythmische und polymetrische Mu- sik“ 12 ; die akustische Komponente des Tanzes ist so ausgeprägt, daß begleitende Instrumente bei manchen Tänzen weggelassen werden 13 .
1.1.2 Westafrika
Im westafrikanischen Tanz stehen ebenfalls Arm- und Beinbewegungen im Zentrum, allerdings auf ganz andere Weise: Betont der sudanische Tanz die Gewichtsverlagerungen, so verschleiert der westafrikanische Tanz sie eher durch „multiplizierte Motionen zwischen den steps und Wechsel des Gewichts“ 14 , die so schnell erfolgen, daß der Zuschauer nicht mehr weiß, „auf wel- chem Fuß der Tänzer im jeweiligen Moment eigentlich steht.“ 15 Der westafrikanische Tanzstil ist flachfüßig, „er bleibt am Boden“ 16 .
1.1.3 Tanz auf den Sklavenschiffen
An Bord der Schiffe auf der Überfahrt wurden die Sklaven, die aus Afrika in die Neue Welt ver- schleppt wurden, zum Tanzen gezwungen, damit sie gesund blieben. Dabei lernten sie bereits europäische Tänze kennen – zuerst namentlich spanische Volkstänze, später auch höfische Tänze (vor allem aus Spanien, Frankreich und von den britischen Inseln). 17 Ebenfalls als Maßnahme zur Gesunderhaltung der Sklaven (und damit zur Profitmaximierung 18 ) legten viele Sklavenhändler später einen „stopover“ auf den Westindischen Inseln ein, der zur
9 Günther (1977), S. 111
10 Mit „Sudan“ meint Günther anscheinend nicht das Staatsgebiet des heutigen Sudan, sondern eine wesentlich grö- ßere Region: „ein breiter Gürtel vom oberen Nil bis zum Atlantischen Oz ean“. Siehe Günther (1973), S. 57 11 Günther (1973), S. 57 12 ebd.
13 siehe ebd.
14 Günther (1973), S. 58; Multiplikation bezeichnet einen Vorgang, in dem eine Bewegung in mehrere Teilbewegun- gen aufgeteilt wird und diese Teilbewegungen besonders betont oder geradezu „ausgeziert“ werden. 15 ebd.
16 Günther (1973), S. 59 17 vgl. STEARNS/STEARNS, S.16, EMERY S. 6ff 18 Profitmaximierung hat hier zwei Dimensionen. Erstens eine quantitative (wenn die Sklaven sich regelmäßig bewe- gen mußten[C.K.] und sich akklimatisieren konnten, überlebte eine größere Anzahl die Überfahrt) und zweitens eine qualitative (Sklaven, die sich bewegen mußten, waren gesünder, sahen besser aus und erzielten damit höhere Preise Siehe EMERY S. 6: „Slaves who had been exercised looked better and brought a higher price.”).
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Akklimatisierung diente. Auch dort kamen die aus Afrika importierten Sklaven mit europäischen Tänzen in Berührung. 19 Der Tanz der Schwarzen in den USA war also schon eine „wilde Mischung“, als der zweite ent- scheidende Einfluß um 1840 auf diese Tanzkunst traf.
1.2 Englische und irische Wurzeln
Ab 1840 brachten vor allem irische Einwanderer ihre Tänze nach Nordamerika mit. Zwei Tänze spielen für den späteren tap dance eine wichtige Rolle:
• der Lancashire Clog. Dieser Tanz, in Schuhen mit hölzernen Sohlen ausgeführt, ist eng- lischen Ursprungs.
• der Irish Jig, ein irischer Tanz, der mit dem heutigen Steptanz gewissen Gemeinsamkei- ten hat: schnelle Fuß- und Beinarbeit, tapping mit Fußspitzen und Fersen. Allerdings hiel- ten die irish jig-Tänzer den Oberkörper steif aufrecht und die Arme eng am Körper.
Zu welcher Musik wurde getanzt? Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das nach STEARNS/STEARNS noch hauptsächlich britische folk music, die die Schwarzen sehr schnell für sich adaptierten. Constance Rourke merkt an: “The Negro ... seemed to pick up the Irish musical idiom with facility.” 20 Daß sie sehr bald ihre eigene Musik einfließen ließen, deuten STEARNS/STEARNS ebenfalls an:
The music that accompanied minstrel dancing eventually contributed to jazz, but at first it consisted predominantly of British folk, and increasingly, American popular music into which the rhythm and style of the American Negro began to blend. 21
GÜNTHER (1973) spricht hier davon, daß weiße Musik “rhythmisch afrikanisiert” 22 wurde. Das heißt: Die Schwarzen paßten die Musik dem rhythmischen Empfinden ihrer Kultur an.
1.3 Von der Jig zum Buck and Wing
Im New Yorker Stadtteil Harlem lebten in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts freie Schwarze und irische Einwanderer eng zusammen. Unter diesen Umständen adaptierten sie wechselseitig Tänze; schwarze Tänzer übernahmen Techniken und Begriffe von Weißen, paßten diese Techniken aber ihrem Rhythmusgefühl an 23 . Sehr schnell wurde aus dieser Mischung eine eigenständige Kunstform, die als „Jig“ oder „jigging“ bezeichnet wurde. (Ein weiteres geographi- sches Zentrum, wo dieser Austausch zwischen Afro-Amerikanern und irischen Einwanderern stattfand, war nach Günther (1973) das Hochland von Virginia und Kentucky 24 .)
19 STEARNS/STEARNS, S. 16
20 Constance Rourke: American Humor, NY 1931, S.92; zit. nach STEARNS/STEARNS, S. 45 21 STEARNS/STEARNS, S. 47/48 22 Günther (1973), S. 63 23 Günther (1973), S. 63 24 ebd.
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Arbeit zitieren:
Anne Camilla Kutzner, 2004, 'Jazz Dance': Tap Dance in den Zwanziger Jahren, München, GRIN Verlag GmbH
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