- 2 -
Inhalt
I. Einleitung Seite
1. Ausgangspunkt, Bestandsaufnahme
3
2. Problematisierung / Fragestellungen
5
II. Darstellung der Person Simone de Beauvoir
und ihrer Gesellschaftskritik
1. Biographische Daten / Fakten 7
2. Zu der Gesellschaftskritik von
Simone de Beauvoir 26
3. Michael Walzer - Zur Gesellschaftskritik von
Simone de Beauvoir 40
III. Schlußbetrachtung 42
Anhang
Literaturverzeichnis 44
- 3 - I.Einleitung
1. Ausgangspunkt, Bestandsaufnahme
Simone de Beauvoir begann 1946 mit dem Schreiben ihres Buches „Das andere Geschlecht“ („Le Deuxième Sexe“), das 1949 in Paris veröffentlich wurde. 1) In diesem berühmten Standardwerk überprüft sie „die subjektiven und objektiven Einschränkungen und Belastungen, denen Frauen ausgesetzt waren und sind“. Es ist ein Kultbuch und Grundlagentext der
Frauenbewegung, da es eine grundlegende Analyse vom weiblichen Status und Selbstverständnis in Geschichte und Gegenwart darstellt. 2)
Michael Walzer hat in seinem Buch über die Gesellschaftskritik, die kritische Position von Simone de Beauvoir 3) neben zehn weiteren Autoren 4) unter bestimmten Gesichtspunkten untersucht. Sein Anliegen dabei war, herauszufinden, was Gesellschaftskritiker tun und wie sie ihre Tätigkeit begreifen, was die Grundlagen ihrer Kritik sind, wo sie stehen, wenn sie kritisieren, ob sie sich den Menschen verbunden oder nicht verbunden fühlen, deren Gesellschaft sie
kritisieren 5) Dabei geht es Walzer in erster Linie darum, den Standort des
1 ) De Beauvoir, Simone: Das Andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau (Neuübersetzung), Reinbeck bei Hamburg 1992.
2 ) So schreibt der Rowohlt Taschenbuch Verlag über dieses Buch auf der Innenseite des Buchdeckels des genannten Werkes.
3 ) Walzer, Michael: Zweifel und Einmischung. Gesellschaftskritik im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1991, S.210-231.
4 ) Julien Benda, Randolph Bourne, Martin Buber, Antonio Gramsci, Ignazio Silone, George Orwell, Albert Camus, Herbert Marcuses, Michel Foucault, Breyten Breitenbach 5 ) ebenda, S.7.
- 4 - Kritikers und die Motive seiner Kritik zu untersuchen.
Der Standort und die Motive des Kritikers sind meistens von seinem Lebens- und Erfahrungsbereich nicht trennbar und begründen ein Anliegen seiner Kritik. Deshalb soll im Mittelpunkt der folgenden Analyse die Darstellung der Person Simone de Beauvoir stehen. Der biographische Hintergrund soll
verdeutlichen, wie sich ihre kritische Position entwickelt hat und worauf sich ihr Anliegen in ihrer Gesellschaftskritik gründet. Die Ausführungen zu ihrer Biographie sollen ein besseres Verständnis für die wesentlichsten Aspekte ihrer Kritik ermöglichen, die im Anschluß erläutert und durch Walzers Betrachtungsweise ergänzt werden.
Doch zunächst müssen noch einige wesentlichen Punkte genannt werden, die Walzers Auswahl der
Gesellschaftskritiker bestimmt haben. Diese Punkte sind wesentlich, da sie den Blickwinkel bestimmen, mit dem die Person Simone de Beauvoir und ihre Kritik hier gesehen und erläutert wird. Walzers Gesellschaftskritiker sind „allesamt
Intellektuelle, Publizisten, politische Aktivisten, die scharf und erbittert über ihre eigene
Gesellschaft geschrieben haben“. 6) Gleichzeitig sind alle Protagonisten Linke; dieses Dilemma, wie Walzer es selbst bezeichnet, ergab sich daraus, weil er keine konservative Klageliteratur zitieren wollte. 7) Er h at Kritiker ausgewählt, „deren Arbeit durch Triumphe und Katastrophen unserer Zeit beeinflußt wurde: die zwei Weltkriege, den Kampf der Arbeiterklasse, nationale Befreiung, Feminismus,
6 ) ebenda, S.8.
7 ) vgl. Walzer, S.44.
- 5 - totalitäre Politik“. Sein Anliegen war, über
Gesellschaftskritiker z u schreiben und nicht über Philosophen der Kritik; eher über professionelle Kritiker als über politische Aktivisten. 8) Es ging ihm um Kritiker, deren Gesellschaftskritik den
„Hauptstrom“ betrifft. „Sie sind alle ´allgemeine Intellektuelle´. Sie haben alle etwas über die Gesellschaft insgesamt zu sagen und auch über das Projekt der Kritik selbst. Sie nehmen neue Probleme mit einer neuen Dringlichkeit auf.“ 9) Für Walzer ist entscheidend, daß die Gesellschaftskritik einerseits aus dem Standort der Verbundenheit, andererseits aus der „kritischen Distanz“ des
Kritikers erfolgt. Die Verbundenheit und der Abstand des Kritikers gegenüber der zu kritisierenden Gesellschaft zugleich sind die wesentlichsten
Voraussetzungen bzw. Bedingungen zu einer wirklichen Kritik, nach Walzers Ansicht. Nur solch eine Kritik ist wirksam und wird gehört. Dieser Aspekt wird in seinen Schlußfolgerungen am Ende seines Buches deutlich und verweist auf den
Untersuchungsschwerpunkt der Standortbestimmung des Kritikers. 10)
2. Problematisierung / Fragestellungen
Die Grundproblematik einer konstruktiven
Gesellschaftskritik und deren Erfolg scheint mit dem Standpunkt und dem Status des Kritikers eng verbunden zu sein.
Deshalb soll hier der Versuch gemacht werden, über den Weg der Biographie von Simone de Beauvoir, wie
8 ) ebenda, S.45.
9 ) ebenda, S.46. 10 ) vgl. Walzer, S.307-326.
- 6 - bereitserwähnt, Anhaltspunkte zu finden, die ihren kritischen Standort mitbestimmt haben könnten. Die biographischen Daten und Fakten sollen darüber
Aufschluß geben, inwieweit de Beauvoirs kritische Betrachtung zur Situation der Frauen in der Gesellschaft auf ihre persönliche Entwicklung zurückzuführen ist. Mit Hilfe der folgenden
Fragestellungen: wie sieht die Form und die Sprache ihrer Kritik aus, welche Autorität begründet ihre kritische Position, was sind die Maßstäbe und Motive ihrer Kritik - sollen die wesentlichen Punkte ihrer Gesellschaftskritik unter Einbeziehung der
Ausführungen von Walzer erörtert werden. Dabei werden die Fragestellungen nicht getrennt beantwortet,
sondern ihre Beantwortung fließt in die einzelnen Analyseschritte mit ein.
In den folgenden Untersuchungen soll versucht werden, ein umfassendes Bild der Person Simone de Beauvoir und ihrer Gesellschaftskritik zu ermitteln. Dabei sollen die wesentlichsten Aspekte aus ihrem Leben und ihrer Gesellschaftskritik aufgezeigt und ausgewertet werden.
Die folgende Analyse stützt sich dabei in erster Linie auf die Ausführungen von Christiane Zehl Romeros Darstellugnen
biographischer Sachverhalte11), Simone de Beauvoirs Darstellung einer Kritik gegen die U nfreiheit der Frauen12) und Michael Walzers Darstellung zu einer Gesellschaftskritik im zwanzigsten Jahrhundert13) .
11 ) Zehl Romero, Christiane: Simone de Beauvoir in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck bei Hamburg 1978.
12 ) De Beauvoir, Simone: Das Andere Geschlecht ... .
13 ) Walzer, Michael: Zweifel und Einmischung. Gesellschaftskritik im 20. Jahrhundert ... .
- 7 - II.Darstellung der Person Simone de Beauvoir und ihrer Gesellschaftskritik
1. Biographische Daten / Fakten
Simone de Beauvoir hat neben vielen anderen Romanen vier autobiographische Romane 14) geschrieben, in denen sie ausführlich ihre er- bzw. gelebten Erfahrungen und Situationen von der Kindheit bis ins hohe Alter beschreibt. Diese genauen Schilderungen ihres Lebens, die gleichzeitig auch einen geschichtlichen Abriß vieler Ereignisse unserer Zeit darstellen, wurden von Zehl Romero in ihrer Dokumentation über Simone de Beauvoir aufgegriffen. Schon in diesen Ausführungen von Simone de Beauvoir wird die Kritik an einer allein durch den Mann geprägten sozialen Ordnung und die Forderung nach einer vollständigen Emanzipation der Frau deutlich.
Im folgenden soll es nicht um einen chronologischen Abriß ihrer Lebensgeschichte gehen, sondern vielmehr um Darstellungen wesentlicher Prägungsmomente in Simone de Beauvoirs Leben, die ihre spätere kritische Position mitbestimmt haben. Dabei bin ich den Ausführungen von Christiane Zehl Romero gefolgt und habe versucht, die Punkte festzuhalten, die für die Thematik wichtig sind.
Kindheit
Simone de Beauvoir wurde am 9. Januar 1908 in Paris, Boulevard Montparnasse, geboren. Sie wuchs in einer gutsituierten und glücklichen Familie auf, umgeben von einer zahlreichen Verwandtschaft. Sie selbst
14 ) 1. „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ (1958), 2. „In den besten Jahren“ (1960), 3. „Der Lauf der Dinge „(1963), 4. „Alles in allem „(1972) .
- 8 - betontespäter, wie entscheidend das Gefühl von Sicherheit, Wärme und persönlicher Wichtigkeit war, das man ihr in der Kindheit vermittelt hatte. Nach dem Vermögen, den Beziehungen und dem allgemeinen Lebensstil gehörten die de Beauvoirs zur
französischen Bourgeoisie; zu derjenigen Klasse, die Simone als Erwachsene, als Intellektuelle später bekämpfte. Ihr Vater war Jurist und führte das Adelsprädikat „de“. Er fühlte sich eher der Aristokratie hingezogen als zum Bürgertum, obwohl er dessen Konventionen akzeptierte, aber den Fleiß und die Troc??kenheit verachtete.
Nach dem ersten Weltkrieg verloren die de Beauvoirs den Großteil ihres Vermögens (das in russischen Aktien angelegt war) und wurden so zu neuen Armen. Es war keine wirkliche Armut, doch lebte nun Simone seit ihrem elften Lebensjahr in beschränkteren Umständen ( bescheidenere Wohnung, kein Kinder- und Hausmädchen mehr; überall wurde gespart). Die Familie legte nun größeren Wert auf kulturelle Werte als auf Ausgaben, und so wurde die Hauptunterhaltung für Simone die Lektüre 15) . „Simone entwickelte jene leidenschaftliche Liebe für Bücher, für Ideen, für Kultur im allgemeinen, die ihr ganzes weiteres Leben
bestimmte.“ 16) Sie lernte, äußerem Ansehen, wenig Wichtigkeit beizumessen und entwickelte eine
verächtliche Ablehnung gegen Glanz, Üppigkeit und Konsum des wohlhabenden Bürgertums. Sie blieb verwurzelt mit dem besonderen bürgerlichen Milieu; so auch geographisch in den Vierteln, in denen sie
aufgewachsen ist (Montparnasse und St. German-des-Prés). Sie blieb zwanzig Jahre dort. Diese Viertel wurden im Laufe ihres späteren Lebens berühmt als
15 ) vgl. Zehl Romero, S.7-8.
16 ) ebenda, S.9.
- 9 - Künstler-und Intellektuellenviertel, aber sie waren Bürgertums. 17) auch weiterhin Viertel des Ihre
Verwurzelung erklärt sich aus ihren Kindheits- und Jugenderfahrungen. „Als Kind war sie zu Besuchen in den Bürgerhäusern, zur Andacht in den Kirchen, zum Spielen in den Parks. Sie ging hier zur Schule und auf die Universität. Als Studentin lernte sie die Cafés, Bars, Restaurants und Nachtlokale kennen.“ 18) Sie liebte das Stadtleben, seine Pflichten und Unterhaltungen. Sie beobachtete gern den Trubel, die Menschenmassen um sie herum; es faszinierte sie. Den Sommer verbrachten die de Beauvoirs auf dem Land. Sie liebte die Natur und die Freiheit, die sie hier hatte. Sie erkundete alles und hatte sehr viel Spaß daran, herumzuwandern. 19 ) „Der Rhythmus der Kindheit, das Hin-und-Her zwischen der festgefügten, klar überschaubaren Existenz in der vollkommenen vertrauten Großstadt und den Entdeckungs-, ja Eroberungsreisen in andere Welten, wurde zum bestimmenden Rhythmus ihres gesamten Daseins.“ 20 ) Sie und ihre zwei Jahre jüngere Schwestern Hélène erhielten eine streng katholische Erziehung, da ihre Mutter, eine Bankierstochter aus der Provinz im Kloster geformt worden und tief religiös war. Der Vater war ein Agnostiker. Er fand es richtig, daß die Mädchen seiner Frau folgten. 21) „Früh schon lernte Simone trennen zwischen dem seelischen Bereich, in dem Gott und ihre Mutter zu Hause waren, und dem geistigen, dem ihr wegen seiner Brillanz bewunderter Vater mit seinen weltlichen Interessen - Literatur
17 ) vgl. Zehl Romero, S.10.
18 ) ebenda, S.11.
19 ) vgl. Zehl Romero, S.11.
20 ) ebenda, S.13. 21 ) vgl. Zehl Romero, S.13.
Arbeit zitieren:
Kerstin Walter, 1996, Simone de Beauvoir - Entwicklung und Anliegen ihrer Gesellschaftskritik , München, GRIN Verlag GmbH
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