Danksagung
Obgleich es allgemein als unüblich, sogar unnötig gilt in Diplomarbeiten Dankesworte auszusprechen - wer sollte sie schließlich lesen außer den Personen, die den Diplomanten dabei unterstützten und sich somit aus dem interessierten Kontakt heraus des Dankes versichert sein könnten - liegt mir persönlich daran, den Entstehungsbezügen dieser turbulenten und persönlichkeitsprägenden Studienphase eine ausdrücklichere Verbindlichkeit zu geben.
Der Dauer meines Studiums verpflichtet möchte ich an erster Stelle meinen Eltern danken für ihre Geduld und finanzielle Unterstützung. Ferner danke ich meiner Schwester für die Einzigartigkeit unserer Verbundenheit, die nur Geschwister zu empfinden vermögen. Nicht vergessen werden darf die arbeitsintensive Korrektur meines eigensinnigen Interpunktions- und Grammatikverständnisses. Im konkreten Kontext der Entstehung möchte ich ferner Günter Mey für die unermüdliche Betreuung dieser Arbeit im Rahmen der Projektwerkstatt danken. Er vermochte trotz widriger Umstände Rückhalt, menschliche Bezogenheit und Raum für intellektuellen Diskurs im maroden universitären System zu schaffen. Auch Manuela Krzymyk und Harald Berger verdienen als Mitglieder der PW Erwähnung, verbinden uns doch über fachliche Ziele hinaus gemeinsam durchlebte Dynamiken privater Natur.
Des weiteren verdient die Umgebung meiner studentischen Nebentätigkeit in der Abteilung Corporate Learning am Fraunhofer Institut für Software und Systemtechnik Erwähnung. Neben der finanziellen Absicherung war es die kollegiale, flexible und verständnisvolle Atmosphäre, die sich förderlich auf meinen Arbeitsprozess auswirkte. Stellvertretend danke ich meiner „Vorgesetzten“ Claudia Loroff; Sascha Kubath verdient gesonderten Dank, da er die Umsetzung der Onlineversion durch sein Fachwissen und Engagement erst ermöglichte.
Neben wenigen wahren Freunden bin ich dem Menschenkreis um Johannes Michels zu tiefstem Dank verbunden. Erfuhr ich doch dort unschätzbaren Halt und Verständnis auf dem Weg zur Erkenntnis letztendlicher Liebe und Dankbarkeit - auch für Corinna, die mich verließ als ich irrte in tiefster Sehnsucht.
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Inhalt
1. Einleitung 5
1.1. Aufbau der Arbeit 5
1.2. Persönlicher Zugang zum Phänomen 6
1.3. Entwicklung vorläufiger Forschungsfragen 7
1.4. Projektwerkstatt. 8
2. Gegenstandsfeld 10
2.1. Zur Schwierigkeit einer Sehnsuchtsdefinition 10
2.2. Zur Etymologie des Begriffes der Sehnsucht 13
2.2.1. Im Griechischen 13
2.2.2. Im Lateinischen. 13
2.2.3. Im Deutschen 14
2.2.4. Im Englischen 15
2.2.5. Im Romanischen 15
2.3. Sehnsucht in Philosophie und Religion 16
2.4. Sehnsucht in Literatur und Kunst 21
2.4.1. Die deutsche Sehnsucht 21
2.4.2. Die portugiesische Saudade 23
2.5. Sehnsucht in Mark(t) und Medien. 25
3. Theoretische Erkundungen 27
3.1. Allgemeiner Stand „Sehnsucht“ 27
3.1.1. Kulturanthropologischer Ansatz 27
3.1.2. Tiefenpsychologische Ansätze. 29
3.1.3. Emotionspsychologische Ansätze 32
3.1.4. Phänomenlogische Ansätze 37
3.1.5. Entwicklungspsychologische Ansätze 42
3.2. Allgemeiner Stand „Identität“ 47
3.2.1. Empirische Identitätstheorie. 48
3.2.2. Formaltheoretische Identitätstheorie 53
3.3. Zusammenführung 56
3.4. Präzisierung der Forschungsfrage. 57
4. Methodischer Zugang und Forschungsprozess. 59
4.1. Zum Selbstverständnis qualitativer Forschung 59
4.1.1. Über Forschungsprozessmodelle 62
2
4.1.2. Über prägende Grundannahmen 63
4.1.2.1. Offenheit und Reflexion 64
4.1.2.2. Kommunikation und Reflexivität. 65
4.1.2.3. Explikation. 65
4.1.3. Über Gütekriterien und Geltungsansprüche 66
4.2. Zur Durchführung dieser Studie. 68
4.2.1. Vorbereitung. 69
4.2.1.1. Zum Verlauf der Vorbereitungsphase 69
4.2.1.2. Zur Methodologie der Vorbereitungsphase 69
4.2.2. Erhebung 70
4.2.2.1. Zur Auswahl des Erhebungsverfahrens. 70
4.2.2.1.1. Zum Funktionsprinzip der Satzergänzung. 71
4.2.2.1.2. Theoretisch relevante Einflussfaktoren. 72
4.2.2.2. Zur Entstehung des Satzergänzungsverfahrens 73
4.2.2.2.1. Zur Instruktion 73
4.2.2.2.2. Zur Induktorenkonstruktion 74
4.2.2.2.3. Zur Online-Umsetzung 75
4.2.2.3. Zur Auswahl der Studienteilnehmer 76
4.2.2.4. Zur Methodologie der Erhebungsphase. 77
4.2.3. Auswertung 78
4.2.3.1. Zur Auswahl der Auswertungsmethoden. 78
4.2.3.1.1. Zur Globalauswertung 79
4.2.3.1.2. Zur Grounded Theory. 79
4.2.3.1.3. Zur computergestützten qualitativen Datenanalyse 81
4.2.3.2. Zum Verlauf der Auswertungsphase 82
4.2.3.2.1. Phase I: Konzeptionalisierung 83
4.2.3.2.2. Phase II: Kategorisierung 85
4.2.3.2.3. Phase III: Dimensionalisierung 87
4.2.3.2.4. Phase IV: Subkategoriale Verknüpfung 88
4.2.3.2.5. Phase V: Einbezug neuen Datenmaterials 88
4.2.3.2.6. Phase VI: Kernkategoriale Verdichtung 89
4.2.3.3. Zur Methodologie der Auswertungsphase 90
5. Ergebnisse 91
5.1. Beschreibung der vorläufigen Kategorien 91
5.1.1. Intensität 91
5.1.2. Befindlichkeit 93
5.1.3. Isolation. 95
5.1.4. Personale Kontrolle 96
5.1.5. Wirklichkeitsraum 97
5.1.6. Veränderung. 98
5.1.7. Grenzerfahrungen 101
3
5.1.8. Selbstverständnis 102
5.1.9. Bewältigungstechniken 105
5.2. Darstellung des roten Fadens 106
5.3. Ausbreitung der Kernkategorie 107
5.4. Einbezug der Identitätsdimension 111
5.5. Empirische Falldarstellung 113
5.6. Formaltheoretische Betrachtung 114
6. Diskussion 116
6.1. Rückbindung der Forschungsfragen 116
6.2. Fazit 120
6.3. Ausblick 121
7. Zusammenfassung. 123
8. Literaturverzeichnis. 124
9. Abbildungsverzeichnis 128
10. Anhang. 129
10.1. Screenshots der Online-Version. 129
10.2. Vorläufiges Leerstellengefüge der Sehnsucht. 137
10.3. Grunddimensionen und Induktorenpool 138
10.4. Kategorien mit zugehörigen Codefamilien 142
10.5. Deskriptive Stichprobencharakteristika. 146
10.6. Beispiele konkreter Sehnsuchtsgehalte 155
1. Einleitung
1 . 1 . A u f b a u d e r A r b e i t
Zum besseren Verständnis soll ein kurzer Wegweiser die Orientierung in dieser Studie erleichtern. Wie dem Inhaltsverzeichnis zu entnehmen ist, lässt sich die Arbeit grob in sechs Teilbereiche gliedern.
I. Im Hinblick auf die Transparenz des Forschungsstrebens wird in der Einleitung die Möglichkeit gegeben, Einblick in den autobiographischen Zugang zu nehmen. Ferner wird der Ausgangspunkt der Forschungsüberlegungen festgehalten, womit ein Vergleichsmaßstab für im Verlauf der Studie stattfindende Veränderungen und Differenzierungen der Fragestellungen geschaffen wird. Grundsätzliche Erwähnung verdient weiterhin das Konzept der Projektwerkstatt, in dessen Rahmen diese Arbeit entstanden ist.
II. Das Kapitel zum Gegenstandsfeld ist als eine Alternative zur klassisch-definitorischen Herangehensweise zu betrachten. Über verschiedenste Lebensbereiche in Kultur und Gesellschaft wird ein Bedeutungsraum der Sehnsucht aufgespannt, der dem Leser - orientiert an meinem subjektiven Verständniseinen Eindruck der Vielschichtigkeit des Phänomens vermittelt. III. Der Theorieteil zeichnet Beiträge verschiedener psychologischer Richtungen zum Sehnsuchtsverständnis nach und führt grundlegend in das Thema der Identität ein. Die vorgestellten Ansätze werden jeweils nach ihrem möglichen Erklärungsgehalt in Bezug auf das Phänomen Sehnsucht beleuchtet. Eine abschließende Zusammenführung verknüpft die ausgelegten theoretischen Stränge und mündet in der Formulierung der Forschungsfragen.
IV. Der Methodenteil erscheint wie in den meisten Arbeiten zu Unrecht an hinterer Stelle. Methodologisch ausgereifte Überlegungen zum Forschungsverständnis sowie zum Studiendesign mit zugehöriger Vorbereitung, Erhebung und Auswertung wären bei jeder Folgearbeit an den Anfang des Forschungsprozesses zu stellen. Selbstkritische Auseinandersetzungen zu Vorgehen und Methode erfolgen im Anschluss an jede Forschungsphase.
V. Die Ergebnisdarstellung beinhaltet sowohl kategoriale Zwischenergebnisse, als auch abschließende Theorieskizzen zum Sehnsuchtserleben und dem begleitenden Selbstverständnis. An Hand eines empirischen Beispiels erfolgt die Erläuterung der entwickelten Sehnsuchtstheorie in der Praxis. VI. In der abschließenden Diskussion werden Antworten auf die zu Beginn aufge-worfenen Forschungsfragen resümiert, sowie der funktionale Beitrag des Phänomens Sehnsucht im Prozess der Kohärenzherstellung beleuchtet. VII. Die Zusammenfassung komprimiert Forschungsanspruch, Annäherung und Durchführung dieser Studie, um letztlich den Beitrag der Untersuchungsergebnisse zum Verständnis der Identitätsrelevanz von Sehnsucht darzulegen. VIII. Der Anhang enthält Datenmaterial, das zur Veranschaulichung des Forschungs-vorgehens beiträgt, in seiner Ausführlichkeit aber den Rahmen der Darstellung sprengen würde.
6
1 . 2 . P e r s ö n l i c h e r Z u g a n g z u m P h ä n o m e n
Im Rahmen eines Seminars über „Existentielle Lebenserfahrungen“ an der TU Berlin bei Heiner Legewie (SoSe 2002) beschäftigte sich meine Arbeitsgruppe mit dem Thema Heimat. Bei der Vorbereitung stieß ich auf ein Essay von Bernhard Schlink (2000; Heimat als Utopie), dessen Resümee „...Erinnerungen und Sehnsüchte machen Orte zur Heimat.“(S.32) weniger klärte als viel mehr neue Fragen aufwarf. Was sind Sehnsüchte? Welche psychologischen Erklärungsansätze gibt es? Auf diese Frage war selbst nach eingehender Recherche keine Antwort zu finden. In diesem Moment erwachte in mir eine wissenschaftliche Neugier auf das Phänomen.
Zum anderen besteht intro- oder retrospektiv betrachtet ein persönlicher Zugang zu dem Thema Sehnsucht. Bereits während meiner Teenagerzeit verspürte ich in bestimmten Stimmungslagen ein diffuses Gefühl der Unvollständigkeit, dessen Erfüllung im Unbekannten oder im vom „Jetzt“ als vages, alternatives Anderes erahnte, liegen müsse. Selbstverständlich war ich nicht permanent davon getrieben, Ablenkung brachten die wohl jedem bekannten Notwendigkeiten, Vergnügungen und Verstrickungen des Alltags. Doch in manch’, möcht’ sagen luziden Augenblicken verspürte ich deutlich einen Drang, dessen Umsetzung sich im Verlauf meiner Erfahrungen an verschiedenste Objekte heftete. Mit Sicherheit würde diese neutrale Objektdeklarierung bei der ein oder anderen Lebensabschnittspartnerin Proteste her-vorrufen, dennoch waren und sind es tiefgreifende Liebesgefühle, die sich besonders in Situationen räumlicher Trennung über ein schmerzhaftes Vermissen der Geliebten in profunder 1 romantischer Lyrik sublimieren 2 . War es in anfänglichem jugendlichen Leichtsinn die Erforschung des Unbewussten mittels bewusstseinsverändernder Substanzen, eröffnete dann die Subkultur psychedelischer Elektromusik einen endlos scheinenden Raum zur Suche nach dem göttlich-mystisch Unbekannten. Noch heute vermögen mich bestimmte Klangpassagen in ergreifende Sehnsuchtgefühle zu stürzen. Eine seit langem geplante und oft von Fernwehgefühlen begleitete Weltreise verlagerte die Suche nach dem „Etwas“ in die Fremde. Heimweh und die Erkenntnis, das „Etwas“ niemals in der Fremde finden zu werden, ließen das Fernweh nach meiner Rückkehr auf ein erträgliches Maße versiechen. Doch obgleich nun in der Lage, die Ergriffenheit besser zu regulieren, sehne ich mich beim Betrachten von Photos oder Reiseberichten immer noch nach Erfahrungen in der Ferne. Und erst in letzter Zeit bemerke ich, wie langsam immer mehr in fernerer Zukunft liegende Lebensentwürfe von dem Ersehnen gespeist werden.
Jener persönlich erfahrene, retrospektiv teilweise irritierende Wandel, sowie das wissenschaftlich-konzeptionelle Vakuum bezüglich der funktionalen Aspekte des Phänomens „Sehnsucht“ im Rahmen der individuellen Entwicklung bestärkten mich in meiner Themenauswahl.
1 Tiefgründig, tief liegend
2 Abwehrleistung die nach Freud psycho-sexuelle Energie (Libido) in differenzierte soziale und kulturelle Leis- tungen umwandelt und hierdurch neutralisiert. (vgl. Dorsch, 1994)
1 . 3 . E n t w i c k l u n g v o r l ä u f i g e r F o r s c h u n g s f r a g e n
Obgleich „Sehnsucht“ ein wohl jedem bekanntes Anmutungserlebnis darstellt, fristet es als psychologisches Konstrukt in empirischer Forschung und Theoriebildung ein Schattendasein. Bestehende Erklärungsansätze bleiben entweder den empirischen Nachweis gänzlich schuldig oder schränken im Zuge des experimentellen Paradigmas die Vielschichtigkeit des Phänomens durch eindimensionale Operationalisierungsversuche ein (vgl. Kap. 3.1.).
Um sich dem Phänomen dennoch annähern zu können, wäre also zunächst eine Umschreibung des Bedeutungsraumes erforderlich. Besonderes Interesse gilt hierbei einer Ausarbeitung der affektiven sowie inhaltlich-kognitiven Vorstellungen, die vom Subjekt mit Sehnsucht assoziiert werden. Meiner Ansicht nach liegt die Besonderheit von Sehnsüchten gerade in den vielschichtigen Dichotomien und paradoxen Widersprüchlichkeit des Phänomens begründet. Dieser Begebenheit wurde bislang lediglich in philosophischen (Bloch, 1978) bzw. kulturpsychologischen (Boesch, 1998) Essays Rechnung getragen. Ein empirischer Zugang im deutschsprachigen Raum blieb bislang aus.
Die nachfolgenden Aufzählungen sollen im Rahmen einer Erkundung des Gegens-tandsfeldes erste interessierende Fragestellungen umreißen. Die Dimensionen sind hierbei als erste Orientierung im Zuge der theoretischen Durchdringung des Phänomens anzusehen; ihre Vorläufigkeit wird sich in der Auseinandersetzung mit dem empirischen Material herausstellen.
Gefühl:
Welche Gefühlskomponenten vereinigt überhaupt das Phänomen Sehnsucht? Existiert eine Antipode in unserer Vorstellung (nach Grün, 2003: Zynismus)? Zeigt sich nicht bereits hier eine bivalente Besetzung des Gegenstandes? Lässt sich der „bittersüße“ Geschmack (Ravicz, 1998) über eine Vermischung von Basisemotionen (Holm, 1999) erklären? Sind Hoffnung (Bloch, 1978) und Bedauern (Boesch, 1998) Grundelemente dieses herzergreifenden Spannungsfeldes?
Ziel / Inhalt:
Wonach strebt Sehnsucht? (nach Erfüllung, Glück, vollkommener Harmonie oder Sinn?) Ist dieses Ziel zu erreichen? Oder stellt das Ersehnte nicht viel mehr ein Symbol dar? Zeigt sich hier nach Boesch (1998) nicht bereits ein Paradoxon bezüglich der wehmütigen Einsicht, dass Sehnsüchte unerfüllt bleiben müssen, da ewiges Glück im Innern bereits Überdruss und Unzufriedenheit birgt?
Zeitdimension:
Zu welchen Zeitpunkten und in welchen Situationen entsteht eine derartige Ergriffenheit? Auf welche Orte des Zeitkontinuums referieren die Sehnsuchtsinhalte und welches Verhältnis besteht zum Gegenwärtigen? Lassen sich Sehnsüchte an Hand ihres zeitlichen Bezuges kategorisieren? Welche Bedeutung hat die Zeitdimension in diesem Zusammenhang? Sind Sehnsüchte konstant oder ist eine Veränderung über die Lebenszeit hinweg beobachtbar (Intensität, Qualität)?
8
Funktion/Dynamik:
Wenn von Regression, Stagnation und Passivität die Rede ist müssen auch entwicklungsfördernde Anteile wie Antriebskraft, Zukunftsorientierung und Lebensentwürfe mit berücksichtigt werden? Können Hoffnung, Wünsche und Träume ohne Befürchtungen existieren? Wie real sind Sehnsuchtsinhalte einzustufen? Bereiten sie als ein möglicher idealtypischer Verlauf der persönlichen Zukunft auf die Ergreifung konkreter Umsetzungsalternativen vor? Drängen Sie zur Umsetzung oder bilden sie als abgeschlossene Vorstellung eine Möglichkeit zur Realitätsflucht, da die Gegenwart einem Wesentliches vorzuenthalten scheint oder gar unerträglich ist? Sind sie Ausdruck einer Suche oder die Flucht vor etwas? Wo liegt das Ausmaß der Erträglichkeit von Sehnsüchten und was geschieht, wenn diese Grenze überschritten wird? Was kann über die Funktion bzw. die Ursache dieser Erlebnisqualität gesagt werden? Welches Verhältnis haben Sehnsüchte zu individuellen Entwicklung?
In diesem Zusammenhang stattfindende Veränderungen innerhalb des Individuums lassen sich meiner Auffassung nach am ehesten unter entwicklungspsychologischen Blickwinkel nachzeichnen. Hierbei stellt der Verlauf von Sehnsuchtserlebnissen nur eine triviale Auswahlbegründung dar, viel mehr interessieren Auswirkungen auf die identitätsrelevante Kernfrage „Wer bin ich?“. Im Zuge alltäglicher und lebenslanger Konstruktionsleistungen fließen mehr oder minder bewusste Antworten auf diese Frage in unsere Identitätsvorstellungen ein. Als sensibles Konstrukt für Organisations- sowie Interpretationsprozesse persönlicher Erfahrung wäre daraufhin zu überprüfen, ob bedeutsame Sehnsüchte konstituierenden Einfluss besitzen. Eine differenziertere Entwicklung der identitätsbezogenen Fragestellung wird im Anschluss an die theoretische Einführung (Kap.3.3.) erfolgen.
1 . 4 . P r o j e k t w e r k s t a t t
Die Entstehung dieser sowie zwei weiterer Diplomarbeiten von Manuela Krzymyk („Identität und Narrationen im Familienkontext“) und Harald Berger („Selbstmodell im Wandel - Neuer Naturalismus und Subjektkonstruktion“) fand in einer gemeinsamen Projektwerkstatt für qualitatives Arbeiten unter der Leitung von Dr. Günter Mey an der TU Berlin statt.
Das Konzept wurde aus den im Verlauf von Einzelbetreuungen qualitativer Diplomarbeiten gesammelter Erfahrungen von Katja Mruck und Günter Mey entwickelt. Ziel ist es, neben einer arbeitstechnischen Erleichterung der Betreuung, erkenntnis-theoretische Überlegungen in die qualitative Forschungspraxis mit einfließen zu lassen. Besonders dem „unerfahrenen“ Forscher soll im Rahmen der PW 3 die Möglichkeit einer intersubjektiven Validierung seiner Interpretationen und Deutungen angeboten werden. Wenn auch der Forschersubjektivität nicht mit einer Verschiebung von individuellen zu kollektiven Sichtweisen zu entkommen ist, veranschaulicht das Konzept der PW dennoch „..., in welcher Weise qualitative Deutungsarbeit in Gruppen organisiert und vollzogen werden kann.“(S.287) Psychologisches Arbeiten er-
3 PW: im Folgenden als Abkürzung für Projektwerkstatt verwendet.
folgt in diesem Rahmen jedoch nicht nur auf der konkreten Sachebene. Eine weitere, viel subtilere Ebene betrifft unbewusste gruppendynamische Inszenierungen, welche sowohl persönlich-biographische als auch themenbezogene Prozesse wiederspiegeln können. Die supervisorische Aufarbeitung dieser Konstellationen kann neben einem gegenstandsbezogenen Erkenntniszuwachs ebenso eine aufbauend unterstützende Funktion für die Teilnehmer bieten. Für eine detaillierte Beschreibung der Arbeitsphasen sei auf den Beitrag von Mruck und Mey (1997) verwiesen. Persönlich profitierte ich inhaltlich besonders in der Anfangsphase sowie im Zuge der Vorbereitung der Erhebung von den erweiterten Interpretationsmöglichkeiten in der Auswertungsgruppe. Das kritische Hinterfragen selbstverständlich getroffener Aussagen oder Annahmen ließen mich mehr und mehr von der Illusion objektiver Wissenschaft Abschied nehmen und die Subjektivität des eigenen Forschungsstrebens im gleichen Maße in den Mittelpunkt der Studie rücken. Da zum Ende der Arbeitsphase die Spezifität der Themen sowie die individuelle Arbeitsauslastung zunahm, übernahmen die Treffen eher soziopsychologisch unterstützende und stabili- sierende Funktion, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen war.
10
Als Einleitung in eine zusammenfassende Darstellung verschiedener psychologischer Erklärungsansätze zum Thema Sehnsucht verweist Li Ravicz (1998) in seiner Dissertation auf die Parabel der Blinden und des Elefanten:
„Ein indischer Fürst ließ einmal einen Elefanten in einen dunklen Raum bringen. Eine Gruppe seiner hervorragendsten Wissenschaftler untersuchten den Elefanten. Einer betastete das Bein und sagte, dieses Wesen sei wie ein Baum. Ein anderer betastete das Ohr und sagte, dieses Wesen sei wie ein großes Blatt einer Lotusblüte. Ein anderer beschäftigte sich mit dem Schwanz des Elefanten und kam zu dem Schluss, der Elefant habe das Wesen eines Aales. Diesem widersprach der Erforscher des Rückens, dem der Elefant das Wesen eines Walfisches zu haben schien. Über soviel Dummheit und Ignoranz konnte der Erforscher des Rüssels nur lachen. Für ihn war klar, dass der Elefant einer Schlange gleich sei. Voller Trauer über die Geistesgestörtheit seiner Kollegen wandte sich der Philosoph des Stoßzahnes ab, hatte er doch erkannt, dass der glatte elfenbeinige Charakter dieses Wesens war. Als dann der Narr mit der Laterne auftauchte, war die Diskussion komischerweise noch längst nicht beendet. Einzelne Diskutanten forderten ihn auf, sich doch bitte seiner dummen positivistischen Argumente zu enthalten und das Licht wieder auszuknipsen.“ 4
Dieses Gleichnis kann als belustigende Mahnung jeglicher Forschungsbemühungen oder -definitionen mit Allgemeingültigkeitsanspruch betrachtet werden. Birgt doch bereits die Wahl der Betrachtungsebene sowie der zugehörigen Methode eine Beschränkung der Ergebnisreichweite in sich. Anders als im Gleichnis des Elefantens fehlt uns die erleuchtende Kraft einer Laterne, womit die ontologische Gesamtgestalt der Sehnsucht verborgen bleibt. Ravicz (1998) deutet sogar an, dass es sich möglicher Weise um einen Polymorphismus 5 handelt, dessen Erscheinungsbild sich in kontinuierlichem Wandel zu befinden scheint. Selbst ein auf die verwendete Denkform sowie die zugehörige Methode beschränkter Zuschnitt - wie Laucken (1989) es vorschlägt - böte keinen wirklichen Ausweg aus diesem Dilemma. Für die vorliegende Arbeit, die auf dem phänomenologischen Zugang der Lebenswelt gründet, müsste eine Sehnsuchtsdefinition zweifelsfrei auf der Analyseebene angesiedelt sein „..., die wir meinen, wenn wir davon reden, dass wir uns freuen, dass wir traurig sind, dass wir uns verliebt haben u. dgl..“ (Laucken 1989, S.104). Als weiteres wissenschaftstheoretisches Problem kommt ferner die von Breuer als „epistemologische Katastrophe“ bezeichnete Tatsache der Untrennbarkeit von Beobachtung und Beobachter, von Interpretation und Interpret (vgl. Mey & Mruck, 1997) auch unter Bedingungen des experimentellen Forschungsparadigmas 6 hinzu. Dem qualitativen Selbstverständnis folgend, gilt es die gegenstandsformende Subjektivität des Forschenden - in diesem Falle meiner Person - in aller Deutlichkeit mit in den Forschungsprozess ein zu beziehen. Das erkenntnistheoretische Ideal der Objektivität - der „Quasi-Neutralität“ des Forschers (Mey 2000) - kann eine illusionäre
4 Annettes Philosophenstübchen (2002); http://www.thur.de/philo/hegel/elefant.htm
5 Vielgestaltigkeit oder Verschiedengestaltigkeit
6 Eine nach neuestem naturwissenschaftlichen Verständnis wiederlegte Annahme über die Gewinnung objektiver Forschungsdaten im Rahmen von streng kontrollierten Experimentalbedingungen.
Eliminierung oder gar Negation von „Störvariablen“ niemals hinreichend erfüllen. Vielmehr bietet erst eine „reflektierte Subjektivität“ (Legewie 1987) die Möglichkeit, unbewusste Interaktionen zwischen Forscher und Gegenstand sowie die dadurch bedingten Veränderungen offen und gewinnbringend in die Theoriebildung mit einfließen zu lassen.
Unter Berücksichtigung dieser Argumente erscheint mir eine allgemeingültige Sehnsuchtsdefinition für unhaltbar oder präziser gesagt als - die Vorstellungswelt des „Wissenschaffenden“ - nicht erschöpfend abbildend. Die Verwendung einer vorläufigen Arbeitsdefinition löst die Problematik meiner Meinung nach nur ansatzweise. Zwar ermöglicht sie die viel beschworene „grundlegende Offenheit“ qualitativer Forschung, doch ziert sie sich weiterhin vor der Offenlegung persönlicher Vorannahmen und impliziter Grundverständnisse. Die im Folgenden dargestellten, im Verlauf der Literaturrecherche gefundenen Definitionen stellen somit nur einen ersten Einblick in mein „subjektives“ - obgleich von „Anderen“ formuliertes -Sehnsuchtsverständnis dar.
Vogt (1993) beleuchtet in einer definitorischen Annäherung zunächst die einer phänomenalen Trauer zu Grunde liegende „Abwesenheit des Ersehnten“, die sich auch als „Fernweh der Seele“ bezeichnen lässt.
„Sehnsucht ist ein hoher Grad eines heftigen und oft schmerzlichen Verlangens nach etwas, besonders wenn man keine Hoffnung hat, das Verlangte zu erlangen, oder wenn die Erlangung noch ungewiss, noch entfernt ist.“ Grimm 1905, S.157 in a.a.O., S.19
Bei genauerer Betrachtung dieser eigentümlich ziehenden Kraft fällt auf, dass sie höhere Ich-Leistungen wie Erinnerungs- und Antizipationsvermögen voraussetzt. „In der Palette menschlicher Gefühle ist Sehnsucht eines der differenziertesten. Um Sehnsucht empfinden zu können, bedarf es eines gewissen Reifegrades.[Ich- Leistungen,Affektdifferenzierungen etc; Anmerkung J.H.] Kleine Kinder [ebenso wie Tiere; Anmerkung J.H.] können beispielsweise Bedürfnisse empfinden und Wünsche äußern, kennen aber m. E. noch keine Sehnsucht.“ (Vogt 1993, S.20). Für Vogt verkörpert Sehnsucht eine „Quelle des Innovativen“ und besitzt somit auch eine ausschlaggebende anthropologische Bedeutung.
„Die Sehnsucht setzt ein Entbehren von besonderer Stärke voraus, eine Not, die nach Abhilfe ruft, zugleich aber einen diese Not als Schmerz empfindenden besonderen Rang des Daseins, der seine Erfüllung, seine Gestalt noch nicht gefunden hat, eine Kraft, die, eben der Sehnsucht fähig, sich Ziele besonderer Art setzt, deren Wirklichwerden sie fordert.“
Hofmeister 1955, S.549 in a.a.O., S.20
12
Andere Autoren nehmen in ihren Arbeitsdefinitionen explizit einen zeitlichen Bezugsrahmen mit auf. So verifizieren Scheibe et al. (2003) quantitativ eine „ontogenetische Dreizeitigkeit 7 “ als einen von sechs konstituierenden Aspekten der Sehnsucht. Die verwendete geistesweltliche 8 Sehnsuchtsdefinition verdeutlicht jedoch die zu Anfang beschriebene Gültigkeitsproblematik. Diese Definition bezieht sich nicht auf den phänomenalen Wesenskern der Sehnsucht, viel mehr scheinen mir kognitivistische Korrelate zukünftiger Lebensentwürfe im Vordergrund zu stehen.
„Sehnsucht ist eine sich über längere Zeit erstreckende mentale Repräsentation und Expression von wünschenswerten, idealisierten und alternativen Lebenssituationen und Lebenswegen.“ Scheibe et al. 2003
Weniger teleologisch, dafür jedoch dieser Arbeit entsprechend phänomenologisch orientiert betont Palain (1993) in seiner Arbeitsdefinition von „longing“ mehr den subjektiven Erlebnischarakter in enger Verbindung zur zeitlichen Ausdehnung.
„...[A] persistent, unceasing desire, which occurs over an indefinite length of distance, and has elements of fervent, earnestness and prolongation.” Palain 1993, S.40
Wie hoffentlich deutlich geworden ist, bestehen selbst auf einheitlicher Betrachtungsebene unterschiedliche Definitionsschwerpunkte. Die Möglichkeit einer eklektizistischen Aneinanderreihung würde nicht nur das Kriterium der Sparsamkeit einer Definition verletzen, es böte ferner auch keine Garantie dafür, individuelle Sehnsuchtsverständnisse treffend oder gar erschöpfend zu erfassen. Um dem Leser dennoch einen Eindruck von der Vielfältigkeit möglicher Sehnsuchtsnuancen - sowie meiner eigenen Vorstellungen - zu vermitteln, sollen in diesem Kapitel verschiedenste Blickwinkel aus Kunst und Kultur, aus Wissenschaft und Alltag angeführt werden, mit denen ich im Verlauf der Recherchearbeiten sowie während meines Studiums in Berührung gekommen bin. Alternativ zur klassischen Gegenstandsdefinition wird somit ein subjektives Gegenstandsfeld der Sehnsucht aufgespannt, welches in seiner Offenheit dazu einladen soll persönliche Sehnsuchtserfahrungen darin wieder zu finden bzw. den eigenen Verständnishorizont zu erweitern. Erst unter Rückbezug auf seine eigenen Deutungsschemata lässt sich das Persönliche auch in fremden Kategorien identifizieren und dem Leser wird die Möglichkeit des phänomenalen Verstehens bzw. Anteilhabens eröffnet. Diese Absicht vor Augen gehalten, sollen die Inhalte der nachfolgenden Kapitel nicht mit Anspruch auf Vollständigkeit in der Darstellungen betrachtet werden. Viel mehr stellen sie eine Auswahl möglicher Berührungspunkte mit dem Sehnsuchtsphänomen dar, deren klare Abgrenzung mir im kontinuierlichen Wandel des Lebensstroms nur all zu oft Schwierigkeiten bereitet.
7 „Sehnsucht erstreckt sich zeitlich über persönliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sehnsuchtsvorstellungen und Bilder beschäftigen sich mit positiven Erfahrungen aus der Vergangenheit, die man gern wiedererleben möchte; es wird eine Diskrepanz bzw. ein Mangel des Ersehnten in der Gegenwart erlebt und es finden sich positive Fantasien über die Zukunft“ (pers. Mitteilung Scheibe vom 18.02.2004).
8 Die intelligible Verstandeswelt, deren Einheiten verweisungsanalytisch aufeinander beziehen. Die semantischen Zusammenhänge sind lediglich kognitiv, nicht sinnlich erfahrbar, z.B.: Mathematik , Informatik etc. (vgl. S.41).
Kritiker mögen behaupten, dass diese Vorgehensweise entgegen der angestrebten Annäherung viel mehr einer inflationären Bedeutungsvernebelung des Sehnsuchtsbegriffes Vorschub leistet. Als solches belege die folgende Gegenstandsfeldbeschreibung nur ein weiteres mal die Tendenz einer lyrisch-poetischen Glorifizierung, einer inadäquaten Bewertung eines „Willens zum Leiden 9 “ mit überhöhtem gesellschaftlich-kulturellem Ansehen. Womöglich ließe sich Sehnsucht durch viel profanere, niederstufige, bereits hinreichend erforschte psychologische Konzepte (z.B. Wünschen, Zielen oder Motivationen) erschöpfend erklären. Dieser Gedankengang verdient Erwähnung, würde jedoch eine ausufernde synonymbegriffliche Abgrenzungsarbeit nach sich ziehen und den Schwerpunkt dieser Arbeit verlagern. Diese Untersuchung widmet sich explizit den empirisch Ausdehnungen des Sehnsuchtskomplexes innerhalb der subjektiv-phänomenalen Welten.
2.2. Z u r E t y m o l o g i e d e s B e g r i f f e s d e r S e h n s u c h t
Als erste Annäherung an den Sehnsuchtsbegriff bietet sich einleitend ein Überblick über die Herkunft und Grundbedeutung des Wortes an. Hierbei bleibt die Darstellung nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, vielmehr soll über einen detaillierten Bezug auf benachbarte Sprachkulturen der breiten Bedeutungsspanne des Begriffes Rechnung getragen werden.
2.2.1. Im Griechischen
Nach Grün (2003) wurzelt das deutsche Wort Sehnsucht im griechischen epithymia was Verlangen bedeutet. Thymós langläufig als Gefühl oder Emotion übersetzt heißt jedoch ursprünglich Luft, im Sinne vom Bewegten und Bewegenden, es kann somit als ein Sinnbild für die Lebenskraft betrachtet werden. Im Laufe der Zeit erfuhr diese kraftvolle Vitalität des Menschen in Philosophie und vor allem auch in Bibelübersetzungen eine Bedeutungsverschiebung hin zu einer negativen Konnotation - dem Begehren des Fleisches, welches dem Geiste widerspricht.
2.2.2. Im Lateinischen
Im lateinischen desiderium ist außer einem dringenden Wunsch (vgl. Danzer, 1998) ebenfalls ein kraftvolles Verlangen oder Begehren enthalten. Grün (2003) erweitert mit seinem Verweis auf den enthaltenen Wortstamm sidus=Gestirn den me-taphorischen Bedeutungsraum. „Sterne kann man nur sehen. Aber man kann sie nicht greifen“ (a.a.O., S.12). Dieses brennende Verlangen erfährt im weiteren Verlauf der Sprachentwicklung ebenfalls eine Veränderung. Desiderium carnis als fleischliches, lustvolles Verlangen vernachlässigt Strebungen, die über unsere Alltagswelt hinaus reichen. Nach Grün war es Thomas von Aquin (1225-74) der diesen Aspekt in seiner Lehre vom desiderium naturale, der menschlichen Sehnsucht nach der Gottesschau wieder aufgriff. Hierzu an späterer Stelle jedoch Ausführlicheres.
9 Für diese Formulierung sowie den kritischen Austausch bedanke ich mich bei H. Berger.
14
2.2.3. Im Deutschen
In der deutschen Sprache scheint das Wort Sehnsucht aus „sehnen“ und „Sucht“ zusammen gesetzt zu sein. Obgleich Boesch (1998) anmerkt, dass vom Sinn her „...Sehnen wohl eher mit Suchen als mit Sucht [zu] verbinden [sei]: Man sucht eben das zu finden, das zu erreichen, wonach man sich sehnt.“(S.14), verweisen die Sprachwurzeln in eine andere Richtung.
Der Begriff „Sucht“ soll an dieser Stelle lediglich in seiner linguistischen, nicht etwa psychopathologischen Dimension umrissen werden. In diesem Sinne finden sich die Ursprünge im Althochdeutschen und Gotischen „siech“, was krank bedeutet (Zoja, 1986). Interessant sind in diesem Zusammenhang das englische „addict“ bzw. dessen lateinische Wurzeln „addictus“, das „jemandem als Sklaven übergeben werden“ bedeutet - ein Ausgeliefert sein. Hiermit verbundene negative Assoziationen belasteten nach Grün (2003) das Wort „Sehnsucht“ im letzten Jahrhundert. Vergleichbar mit stoffgebundenen Süchten symbolisiert es für den Menschen eine Hingabe an etwas Unerfüllbares oder Trügerisches, eine Flucht vor den Anforderungen des wirklichen Lebens.
In einer detaillierten Herleitung unter Einbezug zahlreicher literarischer Beispiele zeichnet Vogt (1993) die Genese des Verbs „sehnen“ im deutschen Sprachraum nach. Hierbei vernachlässigt er jedoch die kraftlos, unlustige Bedeutung des Mittelhochdeutschen „senen“ (Duden Fremdwörterbuch, 2003). Er stellt viel mehr die Nähe zu einem aus dem 16. Jahrhundert stammenden starken Liebesverlangen oder Begehren in den Vordergrund. In der Zeit der deutschen Klassik kann „sehnen“ auch wieder ein unbestimmtes Verlangen oder gar unpersönliches Gefühl ausdrücken. Gegenwärtig wird es lediglich rückbezüglich verwendet und ist auf bestimmte Orte, Personen oder Zustände bezogen. Als sinnverwandte Wörter können streben, verlangen, wünschen, dürsten, schmachten, lechzen, fiebern, girren und begehren angesehen werden (vgl. Knaurs Lexikon der sinnverwandten Wörter, 1984). „Sehnsucht“ als mittelhochdeutsches Wort bedeutete nach Trübner (1955) in Vogt (1993) schmerzliches Liebesverlangen, ähnlich wie „senesiech“ als liebeskrank zu übersetzen ist. „Offenbar schwindet mit der Zeit die Vorstellung des Krankhaften, „Sehnsucht“ wird zum Verbalsubstantiv zu „sehnen“ und im Sinne eines starken, unbefriedigten Verlangens, das oft unbestimmt ist, gebraucht.“ (Vogt 1999, S.10). Analog zu den Ausführungen über das Verb „sehnen“ wird es heutzutage jedoch ebenfalls bezogen verwendet. Über die Substantivierungen der oben erwähnten Sinnverwandtschaften hinaus umschreiben Drang, Wunsch, Lust, Bedürfnis, Fernweh, Heimweh, Nostalgie und jüngst Ostalgie den weitreichenden Bedeutungsraum des Begriffs Sehnsucht (vgl. Lexikon der sinnverwandten Wörter, 1984). Verständlicher Weise lassen sich lediglich partiell gültige Übersetzungen in anderen Sprachen finden.
2.2.4. Im Englischen
Nach Hofmeister (1955) in Vogt (1999) lassen sich über die lateinischen Verben „mareo“ und „langueo“ (=welk, schwach, matt sein) weitere gemeinsame Wurzeln nachweisen. Das althochdeutsche „sine“ ist demnach bedeutungsgleich mit dem englischen Wortstamm „languish“ = „1. ermatten, schwach werden; 2. dahinsiechen; sich sehnen (for nach)“ (Pons Kompaktwörterbuch 1995). Interessanter Weise wird in englischsprachigen Forschungsarbeiten das Phänomen Sehnsucht jedoch eher mit dem Substantiv „longing“ umschrieben (Palaian 1993, Ravicz 1998, Holm 1999/2000). Ähnliche, fast synonyme Bedeutung hat der Begriff „yearning” (Kemper 1987, Ravicz 1998); „pining“, „hankering“, „nostalgia“ (Vogt 1999) sowie „desire“, „wish“ oder „want“ umschreiben den weiteren Konnotationsraum. Manche Autoren vermeiden sogar Übersetzungsversuche und greifen in ihren Ausführungen auf das deutsche Fremdwort zurück. „We are defined not by what we are or what we do, but by our Sehnsucht:”(Hillman 1979, S.56 in Ravicz 1998).
2.2.5. Im Romanischen
Selbstverständlich finden sich auch hier Wurzeln im lateinischen „langueo“, anders als im englischen zeigen sich im französischen Alltagssprachgebrauch jedoch Gemeinsamkeiten mit der mittelhochdeutschen Bedeutung des Wortes „senen“. „Lan- geur =Mattigkeit, Schmachten, Niedergeschlagenheit, Wehmut, unbestimmte Sehnsucht; se languir de = kümmerlich dahin leben, schmachten, fig. Stocken; ~après qch.= ungeduldig auf etwas warten; ~de qc. = sich nach jmd. Sehnen“ (Langenscheidts Taschenwörterbuch 1995). Die von Danzer (1998) angeführte Übersetzung „désir ardent“ referenziert, vergleichbar mit dem italienischen „desiderio ardente“ (vgl. Vogt 1999), eher auf ein starkes Verlangen oder einen brennenden Wunsch.
Besondere Beachtung verdient die portugiesische Kultivierung des Phänomens Sehnsucht - „saudade“. Die lateinischen Sprachwurzeln reichen auf das bereits beschriebene desiderium sowie auf solitudo = Verlassenheit, Isolation, Einsamkeit 10 zurück (persönliche Mitteilung Prof. H. Thorau, 30.01.04). Anders als in den bislang erwähnten Übersetzungen von Sehnsucht scheint hier ein Bedeutungsraum eröffnet zu werden, der das Phänomenverständnis um ein Vielfaches erweitert. Zwar wird der Begriff langläufig lediglich rückbezogen verwendet, dennoch ist „saudade“ mehr als ein Verschmelzen verschiedenster Sehnsuchts- oder Heimwehgefühle; es vereinigt sowohl nationale als auch individuelle Geschichte, es ist Dichtung und Gesang (Fado), es ist die innere Seele Portugals. Auch hierzu an späterer Stelle eine ausführlichere Abhandlung (Kap. 2.3.).
10 http://latin.realdictionary.com/English/desert-isolationloneliness-solitude.asp
16
Eine aus der griechischen Antike stammende Erklärung für die Entstehung des Sehnsuchtsdrangs findet sich in Platons Gastmahl (1950). Agathon, ebenso wie seine Kameraden 11 noch gezeichnet von einem exzessiven, vortägigen Opferfest, lädt in sein Haus, um in wohlhabender und gelehrter Runde dem Gott Eros Lobesreden zu widmen. Als Erläuterung dieser himmlische Verbundenheit beschreibt Aristophanes die Entstehung des Eros vor Menschen Gedenken:
Ursprünglich gab es einmal drei Menschengeschlechter auf Erden. Das Geschlecht der Männer, welches der Sonne entsprang; das Frauengeschlecht, das der Erde entstammte sowie die Zwitter, die dem Mond verbunden waren. Sie alle hatten eine walzenförmige Gastalt mit vier Armen, vier Beinen, vier Ohren an nur einem Kopf sowie zwei entgegenliegende Gesichter und Genitalien. Es waren Menschenwesen mit gewaltiger Kraft und von hohem Geiste, die eines Tages voller Übermut versuchten den Himmel zu ersteigen, um die Götter heraus zu fordern. Den Frevel strafend vernichtete Zeus sie jedoch nicht wie seinerzeit die Giganten, sondern ersonn eine ausgereiftere Bestrafung. Er zerteilte sie der Mitte längs und verdrehte ihre Hälse, auf das der Anblick ihrer Wunden ihnen zur Mahnung stehen sollte. Apollon hieß er dann ihre Wunden schließen; dieser zog die Haut vom Rücken her über die Brust zusammen und verknotete die Enden am Bauche ins Körperinnere. „Nachdem nun das menschliche Wesen zerspalten war, taten sich die Hälften, jede voll Sehnsucht nach der anderen, zusammen, umarmten sich, schlangen sich in einander, aus Begierde in eins zu wachsen, und starben so vor Hunger oder sonst vor Unbehülflichkeit, ...“ (Schulthesz Sohn 1950, S.42). Zeus aber überkam Mitleid und er setzte die Schamglieder vom Hinterteil bauchwärts, auf das sich die Menschen nun nicht mehr wie Grillen, durch Besamung der Erde vermehren sollten. Durch die Zusammenkunft von Mann und Frau, dem ursprünglich zwittrigem Wesen, entstand nun neues Leben.
„Von da an ist nun die Liebe ein Naturtrieb der Menschen gegeneinander; ein Drang nach Verbindung in das alte Wesen, ein Streben, aus zwei eins zu machen, und den ganzen Menschen herzustellen.“ (a.a.O.. S.43)
Diese Vorstellung des Eros entspricht im Grunde dem psychoanalytischen Verständnis über regressive Wünsche nach dem intrauterinen 12 Urzustand. In einer differenzierteren Betrachtung arbeitet Schellenbaum (1988) jedoch auch progressive Entwicklungsanteile heraus, die in der Fähigkeit des Eros gründen, das Ich mit dem Du zu verbinden (vgl. Kap. 3.2.2.). Auch Lichtenauer (2003) betont in seinem Vorwort die Verbindung von Liebe und Sehnsucht. Eros, dem die Bedürftigkeit der Menschen bewusst ist, hält die Sehnsucht nach der Liebe wach. „...im Eros lebt die Lust auf ein
11 Nicht zufällig sind in dieser Runde keine Frauen anwesend, findet doch der weitläufig bekannte Ausdruck der „platonischen Liebe“ hier seinen Ursprung. Schon im ersten Vortrag fokussiert Phaidros den Wirkungskreis des Eros auf die edle Gefühlsverbundenheit von Liebhaber und Liebling. Sobald nämlich ein Jüngling eine gewisse geistige Reife erlangt und aus eigener Natur, frei von materiellen Hintergedanken zur Knabenliebe sich entschieden auf einen erfahrenen Liebhaber trifft, der viel mehr die Seele begehrt als des jungen Leibes Vergänglichkeit entsteht die edelste Form der Liebe - die Männerliebe.
12 Innerhalb der Gebärmutter
Glück, das nie aufhört: >Alle Lust will Ewigkeit.< (Lichtenauer 2003, S.8). Sokrates (um 469-399 v.Chr.) hingegen leitet die Dynamik des Eros aus der Trennung des Menschen von der Welt der Ideen und Ideale ab. Das Sehnen ist somit auf das Schöne, Gute und Wahrhaftige ausgerichtet. Danzer (1998) fasst die Vorstellung des Gottes Eros als „... die Sehnsucht des Menschen nach Aufhebung seiner körperlichen, seelischen und geistigen Getrenntheit von anderen Menschen und vom Weltganzen...“ (a.a.O., S.193) treffend zusammen.
Ein vollkommen anderer Aspekt klingt in der Weltanschauungsphilosophie Friedrich Nietzsches (1844-1900) an. In seinem 1883/84 entstandenem Werk lässt er Zarathustra wortgewaltig eine Vision der zukünftigen Menschheit verkünden. Als Metapher findet „der Pfeil der Sehnsucht“ häufig Verwendung, der den unbrechbaren und schöpferischen Glauben an die bevorstehende Geburt des Übermenschen 13 symbolisiert.
„Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat zu schwirren! Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“ Nietzsche 1994, S.102
Die Erfüllung Zarathustras Sehnsucht scheint nicht in dieser Welt zu liegen, sondern in den ungenutzten Potentialen des menschlichen Wesens. Er sehnt sich danach die „...Seele eines Menschen der Zukunft >singen< zu hören“ (Danzer 1998, S.194). Unablässig appelliert er, der eigenen Größe, dem Mut und dem Willen im gegenwärtigen Leben Glauben zu schenken.
„Seht ich lehre euch den Übermensch! Der Übermensch ist der Sinn der Erde.[...] Ich schwöre euch meine Brüder, bleibt der Erde treu glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“ Nietzsche 1994, S.97
Fast resigniert betrachtet er die vorherrschenden Zustände und ist sich sicher, dass erst die bevorstehende Transformation der Menschheit in eine neue selbstbestimmte und -verantwortliche Existenz, diesen Drang zu stillen vermag.
„Ach, wohin soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue ich aus nach Vater- und Mutterländern.“
13 „Dieser Mensch ist kraftvoll und stark, unbelastet von der Idee der Sünde, frei und ungebunden, fähig zum Ja wie zum Nein, zur großen Liebe wie zur großen Verachtung. Er lebt ohne Herren und Götter über sich, er ist sein eigenes Schicksal und schafft sich fruchtbar und reich immer neu“ (Danzer 1998, S.194).
18
Eine explizite Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit der Sehnsucht unternimmt Ernst Bloch (1959) im ersten Band seiner Trilogie Das Prinzip Hoffnung. Ausgangspunkt für seine Überlegungen bildet die Frage nach dem verborgenen Antrieb des Lebens.
„Daß man lebt, ist nicht zu empfinden. Das Daß, das uns als lebendig setzt, kommt selber nicht hervor. Es liegt tief unten, dort, wo wir anfangen, leibhaft zu sein. [...] Keiner hat sich diesen Zustand ausgesucht, er ist mit uns, seit wir sind und indem wir sind.[...] Aber all dies empfindet sich nicht, es muß erst aus sich herausgehen. Dann spürt es sich als >Drang<, als ganz vagen und unbestimmten. Vom Daß des Drängens kommt kein Lebender los, so müde er auch davon geworden sein mag. Dieser Durst meldet sich stets und nennt sich nicht.“ Bloch 1959, Band1, S.49
Nach Bloch äußert sich dieses Drängen zunächst als Streben, wird dieses gefühlt, so handelt es sich um das Sehnen (der Sehnsucht). Diese mag noch vage und unkonkret sein, stellt aber ein nach außen gerichtetes Wirken der Lebendigkeit dar. Hier ergibt sich ein erster Scheideweg. Fluktuiert das Sehnen leer schweifend, verbohrt, ist es nicht stillbar und als (Sehn-)Sucht nach der Sehnsucht einer Krankheit gleich. Findet das Sehnen auf der Suche jedoch ein Ziel, leiten sich hieraus Triebe, Bedürfnisse, Vorstellungen, Begierden, Leidenschaften, Wünsche, Verlangen oder Wollen ab. Dem Menschen eigen ist nun die Tendenz, diese Regungen inhaltlich mit einem „besseren utopischen Etwas 14 “ zu füllen (vgl. Kap. 3.1.1.). An späterer Stelle prägt er den Begriff des „Erwartungsaffektes“, der sich durch ein implizites Erfüllungskorrelat auszeichnet. Hoffnung beinhaltet demnach als höchstes Gut eine Vorstellung von zukünftiger, noch nicht da gewesener Seligkeit. Das „Prinzip Hoffnung“ symbolisiert die kontinuierliche Annäherung an eine positive - weil bessere - Utopie in und durch die Inhalte unserer Sehnsüchte. Für Bloch bildet demnach das Sehnen den Motor individueller als auch soziokultureller Entwicklung. Danzer (1998) verweist in diesem Zusammenhang auf die Umkehrung des Freudschen Triebmodells (vgl. Kap. 3.2.2.). Sehnsucht ist bei Bloch nicht mehr Resultat einer versagten Triebregung, sondern Primat für Phänomene wie dem des Triebes.
In religiösen Glaubenssystemen oder kontemplativen Lehren finden sich weniger Erklärungsansätze für die Beschaffenheit der Sehnsucht, viel mehr beschreiben sie verschiedene Vorstellungsmöglichkeiten des Ersehntens. Im Christentum und Islam findet sich der Glaube an ein paradiesisches Leben nach dem Tod. Die heiligen Schriften versprechen - eine bibel- bzw. korantreue Lebensführung vorausgesetztsowohl Erlösung von, als auch Belohnung für das irdische Leben durch eine allumfassende und ewige göttliche Liebe und Fürsorge.
„...und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid und Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;[...] Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“
14 Das Goethesche „neue Bessre“ als anstrebsame Werte und Ideale.(vgl. Danzer 1998 & Kap.2.4.1.)
Ein vergleichbarer Ausgangsgedanke findet sich auch in fernöstliche Glaubenstraditionen (Buddhismus, Hinduismus), deren Reinkarnationsgedanke einen fortwährenden Kreislauf des Lebens 15 postuliert. Menschliches Leben wird als nicht endendes Wechselspiel von Leid und Wohlergehen betrachtet. „Es ist eben wie mit den zwei Seiten einer Münze: Zusammen genommen ergeben Inspiration (oder Wohlergehen) und Belastung (oder Leid) eine umfassende Beschreibung des menschlichen Zustands“ (Chödrön 1998, S.35). Jedoch weisen die Lehren des Buddhas den Weg und geben Methoden an die Hand, das karmische 16 Leiden zu überwinden und Erlösung im Nirvana 17 bzw. im Moksha des Hinduismus zu finden. Hierbei obliegt die Entscheidung über Himmel und Fegefeuer jedoch keiner richtenden Göttlichkeit, sondern wird durch das Karma des eigenen Handelns, Denkens und Fühlens in den vergangenen Inkarnationen 18 bestimmt.
Erste Vorahnungen dieses vollkommenen Zustandes klingen in mystischtranszendierenden Erlebnisberichten an, welchen sowohl in kontemplativen Gebeten, in schamanistischen Ritualen als auch in Situationen von Grenzerfahrungen 19 begegnet werden kann (vgl. Doore 1989). Gemeinsam ist ihnen ein Gefühl der Befreiung verbunden mit erhebenden Einsichten über die Zusammenhänge der Welt. Mag die diesseitige Erfüllung im christlichen Glauben in Erfahrungen der Gnade und Liebe Gottes liegen (vgl. Rohr & Ebert 1989), beschreibt der Zen-Buddhismus ein zeitloses „So-Sein“ - die Sat Chit Ananda 20 - in der man eines Wesens Schönheit in der Endlosigkeit des Augenblicks erfährt. „...[Ein] Phänomen, das wir im Zen >unmittelbar wissen< nennen. Es bedeutet, den Verstand anzuhalten, die >Welt anzuhalten<“ (Doore 1989, S.286). Andere Bezeichnungen für diesen Bewusstseinszu-stand sind „erste Wirklichkeit“, „direkte Erfahrung“ oder wie Gertrude Stein es in existentialistischer Prosa ausdrückte: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ (Huxley 1981, S.23). Der Buddhismus zielt generell auf die Überwindung der uns umgebenden illusionären Erscheinungen - zu denen auch die Vorstellung eines festen und permanenten Ichs gehören - ab. Mittels verschiedener Praktiken lassen sich die Grenzen des Bewusstseins bzw. der Ich-Instanz erkennen und transzendieren. Erst hierdurch wird es möglich, sich vom alltäglichen Gefühl der Getrenntheit und Entfremdung zu befreien. Diese sich durch Achtsamkeit 21 einstellende Gelassenheit gegenüber den Höhen und Tiefen des Lebens kann als erfüllende Erleuchtung oder höchstes Wohlbefinden beschrieben werden (vgl. Schwartz 1996, S.367). Die budd-
15 Samsara oderdas Rad des Lebens als die gesamte „Kette des Seins“ beinhaltet Erfahrungen der Welt der Erscheinungen, welche durch den Kreislauf von Geburt und Tod geprägt sind. (vgl. Nietschke 1995)
16 Karma ist das universelle Gesetz der Vergeltung. Als ethisches Prinzip von Ursache und Wirkung setzt es sich für jedes Individuum im Verlauf der Seelenwanderung von einem Leben ins nächste fort.(vgl. a.a.O., 1995)
17 Nirvana (wörtlich: Verlöschen der Flamme) als Befreiung von der samsarischen Existenz. (vgl. a.a.O., 1995)
18 Geburt als Wiedereintritt in den Kreislauf des Lebens, die entgegen des christlichen Verständnisses nicht an eine menschliche Existenz gebunden ist sondern auch niedere Stufen beinhalten (Tiere, unbelebte Materie) kann.
19 Hierunter sind „critical life events“ (Konfrontationen mit Tod, Geburt, Krankheit etc.), Erfahrungen in Zusammenhang mit extremen körperlichen Leistungen (Marathon, Fallschirmspringen, Fasten etc.) aber auch die Anwendung von bewusstseinsverändernder Substanzen (z.B. das schwächer wirkende THC, LSD, Meskalin, Scopolamin, MDMA etc.) oder Techniken (Kundalini-Atemmeditationen, holotropes Atmen) zu verstehen.
20 Die beseligende Schau oder Seins-Gewahrseins-Seligkeit (vgl. Huxley 1981, S.16).
21 Auch Zeugenbewusstsein oder Innerer Beobachter genannt. Es gewährt Einblick in die Wirkungsweise des Geistes, des chaotischen Stroms aus Gedanken, Gefühlen und Sinneswahrnehmungen (vgl. Schwartz, 1996).
20
histische „Shambala“ Tradition prägt als eine etwas andere Vorstellung, die des erwachten Herzens - Bodhicitta. Hiernach wird der „Weg des Kriegers“ durch einen himmlischen Drachen geleitet, der über ein Band mit Widerhaken in unserem Herzen verankert ist. Erfüllung erfordert den Mut, selbst den Schmerz des Lebens offen und dankbar anzunehmen, sich vom göttlichem im eigenen Herzen furchtlos leiten zu lassen (vgl. Trungpa Rinpoche 1984).
„Such awakened heart comes from being willing to face your state of mind. That may seem like a great demand, but it is necessary. You should examine yourself and ask how many times you have tried to connect with your heart, fully and truly. How often have you turned away, because you feared you might discover something terrible about yourself? How often have you been willing to look at your face in the mirror, without being embarrassed? How many times have you tried to shield yourself by reading the newspaper, watching television, or just spacing out? That is the sixty-four-thousand-dollar question: how much have you connected with yourself at all in your whole life?“ Chögyam Trungpa Rinpoche 1984, S.44
Im Sehnsuchtszusammenhang erwähnenswert erscheint die buddhistische Einschätzung des Erwartungsaffektes der Hoffnung (vgl. Bloch 1959). Da das eigentlich Ersehnte im Leben die Vermeidung von Leid ist, gilt es Verstrickungen, Anhaftungen und Begehrungen zu erkennen und durch deren Bewusstwerdung auf zu lösen. Entgegen der Bloch’schen Auffassung können aber eben auch utopische Hoffnungengenauer das konkrete Erfüllungskorrelat (siehe obige Ausführung) - Widerstände erzeugen, die uns vom Energiefluss des Lebens und somit der Einheit aller Dinge trennen.
„Ich spreche davon sich nicht zu wehren, nicht zu klammern, sich nicht von Hoffnung oder Angst einfangen zu lassen, im Guten wie im Schlechten, ich spreche davon, sich voll und ganz dem Leben hinzugeben.“ Chödrön 1998, S.61
Sich dem Leben hinzugeben bedeutet in diesem Zusammenhang, zu erkennen, dass die Gefühle des jeweiligen Augenblicks genau die sind, die wir brauchen. Jeder Moment hält Erfahrungen bereit, die es gilt als das anzunehmen, was sie nun einmal sind. Indem wir realisieren, dass alles was wir zu brauchen meinen bereits in uns vorhanden ist, gelangt eine lebendige Zufriedenheit in uns und unser Leben (vgl. Chödrön 1998).
2.4.1. Die deutsche Sehnsucht
Durch die im Zuge der Romantik 22 aufkommende Betonung der nach innen gerichteten Gefühlsschau wird das Sehnsuchtsgefühl auch im deutschen Sprachraum zum Gegenstand von Dichtung und Malerei. Nach Danzer (1998) steht das von Novalis 23 geformte Zeitgeistmotto „Nach innen führt der Weg“ für eine bereits in der Antike bekannte Idee, nach der Mikrokosmos (Psyche) und Makrokosmos (Natur und Weltall) einander entsprechen. Den künstlerisch-intellektuellen Bestrebungen dieser Zeit, welche sich tieferliegende Erkenntnisse über die Beschaffenheit der menschlichen Seele und somit der Welt erhofften, blieben hierdurch zweierlei Annäherungsmöglichkeiten. Der Makrokosmos spiegelt sich in zahlreichen unverfälschten Natur- und Landschaftsmalereien 24 wieder, die „als >nicht enden wollender Raum< dem Auge des Betrachters durchaus die Möglichkeit des >Hinein-Steigens< und des >Sichdarin-Verlierens< bieten.“ (Danzer in Fuchs 1998, S.185). Hierbei tritt eine Sehnsucht nach dem ursprünglich-harmonischen Welteinverständnis zu Tage (vgl. Kohlschmidt in Vogt 1993). Im inneren Mikrokosmos des Betrachters entsteht ein Sehnen nach der Wahrhaftigkeit initialisierenden Kraft der Sehnsucht. Auch in der Dichtung werden diffuse Möglichkeiten des Glückes angedeutet, die gegenwärtige Entbehrungen vergessen machen und die Vorstellung des Lesers in dunkle, geheimnisvolle Fernen ziehen.
„Denn voll Erwartung liegt
Das Land, und, als in heißen Tagen Herabgesenkt, umschattet heut Ihr Sehnenden! Uns ahnungsvoll ein Himmel. Voll ist er von Verheissungen, und scheint Mir drohend auch, doch will ich bei ihm bleiben.“ Friedrich Hölderlin 1770-1843
Nach Vogt (1993) erschufen Novalis - mit seinem Traummotiv der „blauen Blume“ -und E.T.A. Hoffmann - durch seine Märchendichtung - eine antirationalistische Strömung der Poesie. Über die Vorstellung eines vergangenen (Mittelalter) und zukünftig erstrebenswerten „goldenen Zeitalters“ für das Menschengeschlecht wollte Novalis „die Welt in Poesie überführen und die Poesie Welt werden lassen“ (a.a.O., S.14). Diese Wunschträume können bei versagter Erfüllung jedoch extrem schmerzvolle Züge annehmen, wie Goethe in folgendem Lied aus Wilhelm Meisters Lehrjahre (1796) durch Mignon ausdrücken lässt.
„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, Seh’ ich ans Firmament Nach jeder Seite.
22 Geistige Strömung Anfang des 19 Jh.; Abkehr vom Rationalismus und von den Idealen der klassischen Kunst; Unendlichkeitsdrang, Betonung des Gefühls, des Volkstümlichen, Nationalen (vgl. Knauers Lexikon, 1965).
23 Mit bürgerlichem Namen Friedrich von Hardenberg (1772-1801).
24 Beispiele hierfür sind Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Philipp Otto Runge o. Johann Christian Dahl.
22
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite. Es schwindelt mir, es brennt Mein Eingeweide. Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß, was ich leide!“ Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)
Besonders in den späteren Werken Goethes findet sich jedoch ein abgeklärtdesillusioniertes Sehnsuchtsverständnis, das - befreit von schwächlicher Sentimentalität und selbstmitleidigem Weltschmerz - lediglich Raum für ein Sehnen nach Höherem eingesteht (vgl. Vogt 1993, Danzer 1998).
„Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die echte Sehnsucht muß stets produktiv sein, ein neues Bessres schaffen.“ Goethe im Gespräch mit Kanzler Müller (1823) zit. nach Danzer 1998, S.186 Der immer wieder anklingende Schmerz einer ohnmächtigen Auswegs- oder Einflusslosigkeit lässt sich auch mit realen historischen Ereignissen in Bezug setzen. Beispielsweise haben Leid und Vertreibung durch Krieg und politische Verfolgung viele Menschen ungewollt ihrer Wurzeln entrissen. Auf der Flucht oder im fremden Exil ist es nun die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat - dem Heimweh -, die von der Seele Besitz ergreift. Mit die bekanntesten Gedichte hierüber stammen von Heinrich Heine, der 1831 nach Paris emigrieren musste und dort unter anderen „Deutschland - ein Wintermärchen“ erschuf.
„Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber, Der Wind riß von den Bäumen das Laub, Da reist ich nach Deutschland hinüber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen In meiner Brust, ich glaube sogar Die Augen begunnen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute; Ich meinte nicht anders, als ob das Herz Recht angenehm verblute. ...“ Heinrich Heine (1797-1856)
Abschließend soll noch einmal betont werden, dass Zeitgeist und Literatur der Romantik auf das Engste mit der Sehnsuchtsempfindung verwoben waren. Nach Vogt (1993) lässt sich dies in geringerem Maße für die nachfolgende Epoche des Realismus sagen. Auch das 20. Jahrhundert bietet zahlreiche Romane und Gedichte die Sehnsucht zum Thema haben. In seiner magisch-spirituellen Sprache erschafft Rilke zum Jahrhundertwechsel eine einzigartige Lyrik, deren gewaltige und sehnsüchtige Gefühlsschwingungen von tiefem Glauben und Weisheit über die Zusammenhänge der Welt getragen werden. Im Buch vom Mönchischen Leben heißt es:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“ Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Ein weiteres Beispiel für die literarische Einbindung des Sehnsuchtsphänomens sowie der damit verbunden erscheinenden Hoffnung, liefert der österreichische Arzt und expressionistische Dichter Gottfried Benn.
„Göttlich sind die Liebenden,
die Spötter alles Verzweifeln, Sehnsucht, und wer hofft.“ Gottfried Benn (1886-1956)
Neben der „deformierenden“ Satzgestaltung bedient sich Benn in diesem Beispiel dem Sehnsuchtsgefühl um den „inneren Ausdruck“ seiner Prosa zu steigern.
Den Abschluss soll eine Gedicht von Hermann Hesse bilden, in dem die Sehnsucht explizit gar keine Erwähnung findet, ihr Timbre jedoch unverkennbar anklingt.
„Solange du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein, Und wäre alles Liebste dein.
Solange du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist, Weißt du noch nicht, was Friede ist.
Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst, Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,
Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.“ Hermann Hesse (1877-1962)
Vergleichbar mit den im Späteren geschilderten Gedanken von Boesch (1998, sowie Kap.3.2.1.) symbolisiert die Sehnsucht hier als Suche nach Glück, den ergreifenddynamischen Antrieb menschlichen Seelenlebens.
2.4.2. Die portugiesische Saudade
Eine in historischer und gesellschaftlicher Dimension den Bedeutungshorizont des deutschen Sehnsuchtsbegriffs überragende Empfindung stellt die portugiesische Saudade dar. Nach Braz Teixeira (1989) lassen sich Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Sehnsuchtsbegriff nachweisen, wobei Nostalgie, Hoffnung, Agonie und Tristesse als einkreisende Analogien mit angeführt werden. Symbolisiert die Saudade in ihren keltischen Ursprüngen in Galicien und Nordportugal noch eine über- schwängliche Liebe zu allem was Liebe verdient (vgl. Lourenco, 2001), nimmt sie im
24
weiteren Verlauf all die Empfindungen auf, die untrennbar mit der nationalen Geschichte Portugals verbunden sind. Jenem kleinen Königreich, dass durch den Beibehalt des katholischen Glaubens sowie der geographischen Randlage auf der iberischen Halbinsel vom Rest Europas isoliert schien, blieb im 16. Jahrhundert als einzige Expansionsmöglichkeit der Weg über die endlosen Weiten der Meere. Die abenteuerlichen Entdeckungsreisen Indiens, Malaysiens, Chinas oder Japans führten Portugal aus der Unbedeutsamkeit eines kleinen europäischen Landes hin zu einem Gestalter der Weltgeschichte. Die Mythologisierung dieser ruhmreichen imperialen Größe lebt nach Lourenco (2001) bis heute auf einer „Insel der Saudade“ fort.
„Mit der Saudade gewinnen wir nicht nur die Vergangenheit als verlorenes oder vom Verlust bedrohtes Paradies zurück; wir erfinden sie auch.“ Lourenco 2001, S.23
Neben diesen historisch-nationalistischen Anteilen finden sich zahlreiche Erlebnisqualitäten die ein „über die Welt verstreut sein“ mit sich bringen.
„..., dass diese Nostalgie ohne wirkliches Ziel, dieses bloße Sehnen nach der Sehnsucht zu einem Seefahrervolk gehört, dass durch die Fluten des Meeres und der Zeit von sich selbst getrennt worden war. Wahrscheinlich hat unser ruheloses Schicksal aus dieser leidvollen Zwiespältigkeit unseres Wesens eine so traurige und quälende Bürde gemacht und der Erinnerung an das verlassene Zuhause diesen honigsüßen und tränenbitteren Geschmack verliehen, an den das Wort Saudade alle Portugiesen denken lässt.“ Lourenco 2001, S.20
Obgleich die Saudade über die verschiedenen Kulturepochen hinweg veränderte Nuancierungen erfährt, gelingt nach Lourencos Ansicht dem barocken Dichter Luis de Camoes eine Beschreibung des Verlangens nach einem „Glück außerhalb der Welt“ mit bislang unübertroffener Präzision.
„Die Saudade ist eine zarte Leidenschaft der Seele, so subtil, dass wir sie nur auf zwiespältige Art empfinden können, wodurch Traurigkeit und Freude miteinander verschmelzen. Sie ist ein Übel, das man liebt, und ein Gut, an dem man leidet. Wir wollen über sie sagen, dass sie ein zarter Rauch des Liebesfeuers ist und dass sie wie wohlriechendes Holz einen leichten und weißen Duft verströmt; so ist denn die bescheidene und lautere Saudade der Beweis einer empfindsamen, keuschen und reinen Liebe. Sie braucht keine lange Abwesenheit, die kleinste Trennung genügt, damit sie sich offenbart. Das beweist, dass sie zu den natürlichen Verlangen nach Vereinigung gehört, das alle liebenswerten und gleichartigen Wesen und Dingen in sich tragen, und das von dem Mangel herkommt, der sich aus der Trennung dieser Wesen und Dinge ergibt. Sie ist den vernunftbegabten Wesen eigentümlich und dem zu verdanken, was es in uns an Erhabenstem gibt; und sie ist ein rechtmäßiger Beweisgrund für die Unsterblichkeit unseres Geistes der stummen Hinweise wegen, die sie uns innerlich ständig zuflüstert; denn es besteht etwas außerhalb von uns selbst, das besser ist als wir und mit dem wir uns vereinigen wollen. Und das ist die höchste menschliche Saudade, eine gebieterische Erinnerung an das, was wir nie gesehen, ja nicht einmal gehört haben, ein lebhaftes Verlangen nach dem, was in der Folge der Zeiten am weitesten von uns entfernt und am ungewissesten ist. Das alles erscheint in der Form der Saudade, an der wir, ohne sie zu kennen, auf menschliche und göttliche Weise leiden.“ Camoes in Lourenco 2001, S.44 ff.
Den theologischen Aspekt in jüdisch-christlicher Denktradition greift auch Braz Tei- xeira (1989) auf, wenn er von der „divina saudade“ spricht. Der göttlichen Saudade
als reale oder symbolische Rückkehr ins Paradies, in der die Zeit annulliert oder transzendiert wird, ohne dass die Unsterblichkeit den Verlust der persönlichen Individualität bedeutet (vgl. hierzu Kap. 3.2.2.). Die vielfältigen Gefühlsnuancen zwischen Erinnerung und Hoffnung sind nicht rational, sondern lediglich mit dem Sinn des Herzens zu erfahren (vgl. Braz Teixeira, 1989). Diese Empfänglichkeit gegenüber Vergangenem und Vergehendem scheint Teil der portugiesischen Identität zu sein. Nicht zuletzt hierüber lässt sich der kultisch anmutende Status von Dichtern wie Fernando Pessoa erklären, einem kleinen Büroangestellten, der eben diese wehmütig-vertraute Geborgenheit in beeindruckende neuzeitliche Prosa kleidet. Über eine Atmosphäre der subtilen Zwiespältigkeit - der Saudade - findet er einen direkten Zugang in die Herzen der Portugiesen und wird hierdurch selber zum Symbol einer gesamten Nation. Im Tabakladen 25 schreibt er:
„Ich bin nichts.
Ich werde nie etwas sein. Ich kann nicht einmal etwas sein wollen. Abgesehen davon, trage ich in mir alle Träume der Welt.“ Pessoa 1987, S.149
Die Saudade lebt jedoch nicht nur in der Literatur. Musikalisch spiegelt der „Fado“ dieses einzigartige Gefühl aus dem Inneren der portugiesischen Seele wieder. Interpreten wie die Grande Dame des Fado - Amália Rodrigues - sind weit über Portugal hinaus bekannt. Fado ist Fado - eine alte Tradition, jedoch keineswegs antiquiert, er erzählt ebenfalls von der Sehnsucht nach verlorener Liebe, unverstandener Seele oder vom Schicksal des Lebens 26 . Die Faszination des Gesanges liegt auch hier in der Atmosphäre der Saudade, jenem Empfinden, welches nicht erklärt, lediglich gefühlt werden kann 27 .
2 . 5 . S e h n s u c h t i n M a r k ( t ) u n d M e d i e n 28
Abschließend soll die Aufmerksamkeit in aller Kürze auf den medialen Bereich von Film, Funk, Fernsehen und Printmedien gelenkt werden. In den westlichen Industriegesellschaften besitzen Massenmedien größten Einfluss auf die Ausbildung gegenwärtiger Sehnsuchtsvorstellungen. Werbung, die im Zuge der Trendforschung auf die zielgruppenrelevante „Sehnsuchtswerte“ zugeschnitten wird, erschafft hochinfektiöse neuzeitliche Mythen (vgl. Horx & Wippermann 1995). Als entartete Konsequenz einer konsum- und bedürfnisorientierten Marktwirtschaft wird Glück scheinbar käuflich. Zigarettenmarken versprechen Freiheit, Bausparverträge für Eigenheime ermöglichen Selbstverwirklichung und Diamanten symbolisieren die unvergängliche Liebe. „Sehnsucht macht der Kauflust Dampf und vernebelt Kopf und Herz.“ (Lichtenauer 2003, S.7). Neben verführerischen Reklamen bildet die Dauerberieselung durch Kino und Fernsehen „künstliche Paradiese“, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen (vgl. Vogt 1993). Beziehungsmythen werden
25 Deutsch nach: Fernando Pessoa/ Álvaro de Campos, Poesias/ Dichtungen, Zürich 1987
26 Vgl. „Fado, die portugiesische Seele“;
www.atl-turismolisboa.pt/publications/stepbystep/inverno2000/_private/stepbystep_dts/art_4_dts.htm
27 Vgl. „Fado, der Gesang Lisboas“; www.atl-turismolisboa.pt/guide/fado/o_fado_de.html
28 Dieses kleine Wortspielchen sei in Erinnerung an vergangene „D-Mark“ Zeiten erlaubt.
26
zum Ersehnten „..., das uns vormacht, daß >richtige Liebe< immer ein Sich-Verzehren in aller höchster Intensität zu sein hat. Die Wetterfahne des Zeitgeist steht auf Sturm, und was heute nicht einen >echt starken Kick< der Gefühle verschafft, geht bedeutungslos in einem knallbunten Meer von Reizen unter“ (Brandl 1999, S.93). Peter Schellenbaum (1988) präzisiert in diesem Zusammenhang Glaubenssätze 29 glücklicher Paare, die seit Jahrzehnten in der kommerziellen Film- und Werbeindustrie geformt werden. Sie repräsentieren sehnsüchtige Vorstellungen von romantischen Idealbildern „..., die eine menschliche Beziehung auf ein fatales Scheitern hin vorprogrammieren“ (Schellenbaum 1988, S.25). Diese Form der ausbeutenden Fehlleitung menschlicher Sehnsüchte lässt sich auch in anderen Lebensbereichen nachzeichnen. Auch die Tourismusindustrie befriedigt und schürt (Sehn-) Süchte nach Erlebnis und Abenteuer in der Fremde.
„Hatten Sie auch schon einmal den Wunsch weit weg zu reisen, andere Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen, die Natur intensiv zu erleben, sich selbst in der Distanz zu gewohnten Lebensumständen anders wahrzunehmen, sich in der Ferne nah zu sein? Manchmal bedarf es des Abstands zu dem Vertrauten, dem Erlebnis des anderen, neuen, zunächst Fremden, um wieder zu dem zu finden, was einem selbst wichtig ist. Eine Reise nach Asien berührt, bietet nicht nur Einblicke, sondern Erfahrungen...“ Neue Wege Katalog 2003, S.86
In der Größenordnung von Völkerwanderungen werden die letzten Möglichkeiten der Grenzüberschreitung und der extraordinären Identitätsstiftung zum Schnäppchenpreis angeboten, ohne dass der mühevolle Weg wirklicher Selbsterfahrung begangen werden müsste (vgl. Danzer 1998). Vogt (1993) bezichtigt die „Glücksindustrie“ sogar uns in unserer realen Schaffenskraft zu lähmen, sie raube uns den Mut zur Utopie und betrüge uns letztlich um das schöpferisch-kreative Potential unserer „eigenen“ Sehnsüchte.
29 Z.B.: „Das glückliche Paar bekennt sich bis zum Tode zum ersten Ja der Liebe“ (Schellenbaum 1986, S.25).
3. Theoretische Erkundungen
3 . 1 . A l l g e m e i n e r S t a n d „ S e h n s u c h t “
3.1.1. Kulturanthropologischer Ansatz
Zu den ersten Erklärungsansätzen im Rahmen der Suche nach möglichen Funktionen des Phänomens Sehnsucht gehörte eine Arbeit von Ernst Eduard Boesch. Als „...Brückenbauer zwischen naturwissenschaftlichem und geisteswissenschaftlichem Denken in der Psychologie“ 30 gelingt ihm ein umfassender, literarisch anspruchsvoller und gefühlsbetonter Einstieg in den ökologisch-kulturellen Bedeutungsraum des Phänomens. Hierbei beschränkt er seine Betrachtungen jedoch auf lebensphilosophische Darstellungen. Verbindungen zu psychologischen Konzepten werden lediglich angedeutet, empirische Befunde bedauerlicher Weise nicht einmal erwähnt. Seiner handlungstheoretisch angelegten Kulturpsychologie folgend, stieß er auf sogenannte „nutzlose“ Handlungen (z.B. Blumen pflücken oder Muscheln sammeln) „..., deren Zweck wesentlich darin besteht, uns und vielleicht auch andere «glücklich» zu machen.“ (Boesch 1998, S.9). Sehnsucht als eine theoretisch vorstellbare „Grundform des Handlungsantriebs“ vermag, im Gegensatz zu den Motivationstheorien des Behaviorismus oder des analytischen Triebprimates, derartige nutzlose Handlungen ebenso zu erklären, wie normale - da zielgerichtete Handlungen. Das Ziel dieser Antriebsvorstellung - der Ursprung der Dynamik der Sehnsuchtbezeichnet Boesch als „optimale Syntonie“. Ein hypothetischer Zustand des Glücks, der auf der Aufhebung der alltäglichen Diskrepanz zwischen Innen- und Außenwelt beruht. Oder wie er es in poetischer Form ausdrückt: „...ein Zustand in dem die Sehnsüchte nach dem «Nicht mehr» als auch nach dem «Noch nicht» keine Gewalt mehr über uns haben“ (a.a.O., S.41).
Er betont jedoch gleichzeitig die paradoxe, sich selbst verstärkende Beschaffenheit dieser „ephemeren 31 Glückserfahrung“. Das Streben nach Syntonie symbolisiert mehr die ausgleichende Kraft im alltäglich-chaotischen Spiel der Entwicklung, als die reale Erreichbarkeit eines Zustandes. Jedes mehr oder weniger kurze Aufblitzen dieser flüchtigen Erfahrung hinterlässt den Wunsch nach dem Nichtendenden. Jedes Bedauern, jedes Entfernen vom Erfüllten zieht uns zurück und bindet unser Sehnen. Wobei sich nach Boesch im umgekehrten Falle Erfüllung nur zu bald in Gewohnheit und Glück sogar in Überdruss zu verwandeln drohen. „Ein «Dauerglück» kann nur darin bestehen, dass man die «Syntonie» immer wieder neu erstellt“ (a.a.O., S.19). Bezüglich der Funktion von Sehnsucht trifft Boesch klare Aussagen. Er bezeichnet „das Sich-Sehnenkönnen [als][...] ein «funktionales Potential», also ein allgemeines, zielunabhängiges Handlungsvermögen, so wie Wahrnehmen oder Erinnern, Träumen oder sich Freuen“ (Boesch 1998, S.23) und verleiht ihm hiermit eigenständigen Wert. Dabei kommt jedoch auch wieder der janusköpfige Charakter des
30 Jahresbericht für das Studienjahr 1991/92 der University of Bern http://www.psy.unibe.ch/ukp/langpapers/pap1990-93/1992_boesch_laudatio.htm
31 Nur kurze Zeit bestehend, flüchtig, rasch vorübergehend (vgl. Duden 1997).
28
Phänomens zum Vorschein. Einerseits spiegeln sich schöpferisch-lebensgestaltende Eigenschaften im Rahmen der Selbstentwicklung wieder. „Es eröffnet die Zukunft, genauer, die Dimension des Werdens.[...] Sehnsucht zu verspüren, beglückt, weil sie uns [in Antizipation unseres Werdens; Anmerkung J.H.] vollständiger macht -und es bedrückt, weil sie uns unsere Unvollständigkeit vergegenwärtigt“ (a.a.O., S.23). Auf der anderen Seite birgt es destruktive Anteil in der Art, dass das Ersehnte, idealisierte Andere uns unsere umgebende Wirklichkeit verblassen, wenn nicht sogar abwerten lässt. Die Erkenntnis über die Unzulänglichkeiten des Realen im Hinblick auf die Verwirklichung unserer Sehnsüchte, gefährdet existentiell die Bewertung unseres Selbst. „Sehnsüchte sind mehr als nur Zielorientierung; sie definieren uns als Person“ (a.a.O., S.20). Sieht man die Kluft zwischen persönlichen Möglichkeiten (Handlungspotential) und Ersehntem (Handlungszielen) als unüberbrückbar an, nährt die hieraus resultierende Verzweiflung pathologische Sehnsuchtsformen. Der unglücklich Liebende, der (Gottes-) Suchende oder der gierig Süchtige sind Grundformen, Depression oder Suizid mögliche Konsequenzen dieser Unerträglichkeit. Auf die zu Grunde liegende Psychodynamik dieser Überwindungsversuche wird im folgenden Kapitel 3.1.2. genauer eingegangen. Wurde in den letzten beiden Abschnitten Ziel und Funktion der Sehnsucht versucht zu umschreiben, soll nun die qualitative Beschaffenheit des Phänomens genauer betrachtet werden. Boesch beschreibt die innewohnende, affektive Ambivalenz als „Wehmut des Glücks“, die „...aus der dunklen Einsicht [erwächst], dass Sehnsüchte unerfüllt bleiben müssen“ (a.a.O., S.21). Als Erklärung dieser genuinen Versagung der Sehnsucht führt er zweierlei Arten des Verzichts an: Zum einen verlangt ein Leben in Einklang und Harmonie mit der Außenwelt, schon aus Rücksicht auf seine Mitmenschen, nach einschränkenden moralischen Maßen. Zum anderen muss aber auch die bedauernde innere Einsicht der Begrenztheit unseres eigenen Handlungspotentials akzeptiert werden, wobei diese Bescheidung nicht auf der Metaebene der Sehnsuchtziele ansetzten darf. Die real beschiedene und hierdurch greifbar erscheinende Erfüllung verlöre ihre Bedeutung und gleichzeitig hierdurch das Leben seinen Reiz. Boesch sieht das „Verzichtenkönnen“ mehr als eine grundlegende Tugend der Lebensreife und Weisheit an.
„Der Einsicht nämlich, daß die äußeren Ziele unserer Sehnsucht bestenfalls nur Bedingungen sind für die eigentliche, nämlich innere Erfüllung. Denn das Außen mag den Einklang zwischen Ich und Welt zwar erleichtern, begünstigen, doch geschaffen wird es aus dem Innen. Auch diese innere Erfüllung, indessen, bleibt ungewiß; auch sie kann nur angestrebt werden. All die vielen Lehren, die uns Weisheit versprechen, durch Glauben, Meditation, Studium, Askese, senden uns auf eine mühsame Reise, auf der uns Zweifel und Mißerfolg nur allzu leicht anfechten. Und dem Glücklichen, der sich erfüllt glaubt, kann es sogar unversehens geschehen, daß er sich nach den Sehnsüchten seiner Jugend sehnt.“ Boesch 1998, S.22
3.1.2. Tiefenpsychologische Ansätze
Dieses Kapitel soll einen Einblick in die wohl ältesten psychoanalytischen Erklärungsansätze (Freud, Adler, Jung) für das Phänomen Sehnsucht geben. In Anlehnung an das vorangestellte Kapitel liegt der Fokus auf dem Erklärungsgehalt bezüglich der Dynamik sowie dem angestrebten Ziel der Sehnsucht. Auf methodenkritischer Betrachtungsebene gelten die generellen Einwände der Immunisierung 32 psychoanalytischer Bezugsysteme sowie der Beschränkung auf selektive Einzelfalluntersuchungen 33 . Den Abschluss bilden Verweise auf Sichtweisen anderer psychologischer Strömungen sowie Empfehlungen zu weiterführender Literatur, deren Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Sigmund Freuds Verständnis von Sehnsucht kann auf zwei unterschiedlichen Beschreibungsebenen dargestellt werden. In einem ersten Schritt wird die Dynamik des Phänomens durch sein Instanzenmodell aus ES, ICH und ÜberICH beschrieben. Im zweiten Abschnitt erfolgt eine Darstellung an Hand seines revidierten Triebmodells - dessen Motor der Thanothos 34 bildet.
Eine interessante Sichtweise auf die Sehnsuchtsdynamik eröffnet das Freudsche Instanzenmodell des Lust- bzw. Realitätsprinzips. Erdheim (1989 zit. nach Vogt 1999) geht davon aus „..., dass das Sehnen seine Energie und Spannkraft aus dem Es ableitet, die Sehnsucht ihre Quelle somit dort hat“ (a.a.O., S.34). Im Akt des Sehnens gelingt eine Ausrichtung chaotisch-zielloser ES-Energien auf äußere (Wunsch-) Objekte. Die Sehnsuchterfüllung verbindet sich nach Vogt (1999) auch hier mit der Wiederherstellung einer lustvollen Erfahrung. Grundvoraussetzung hierfür sind höher organisierte ICH-Leistungen wie das Erinnerungsvermögen oder die Zeithorizontvorstellungen; aber auch Abwehrmechanismen wie Idealisierung, Projektion und Abspaltung wirken in den dynamischen Prozessen des Sehnsuchtsphänomens.
Als „...the human desire to return to the original ground of being“ (S.55) beschreibt Ravicz (1999) den selbstdestruktiv-masochistisch erscheinenden Charakter des Freudschen Todestriebes. Dieser Wunsch nach dem entfernt erinnerten Ur- oder Ausgangszustand lässt sich als ein Streben nach Wiederherstellen von Ganzheitlichkeit beschreiben. Das Wesen dieses Triebes kommt meiner Ansicht nach auch in der von Freud zum besseren Verständnis der Sehnsuchtserfahrung gewählten Erzählung des Aristophanes über das zwittrige Urwesen Mensch zum Vorschein (vgl. Kap.2.3.). „Nachdem nun das menschliche Wesen zerspalten war, taten sich die Hälften zusammen, umarmten sich, schlangen sich in einander, aus Begierde in eins zu wachsen, uns starben so vor Hunger oder sonst vor Unbehülflichkeit, weil sie, eines ohne das andere, nichts tun wollten“ (Platon 1959, S.42). Als Erscheinungsform interpretiert Freud Sehnsucht als regressiv-defizitäre Folgeerscheinung einer Versagung, die
32 Der Immunisierungsvorwurf betrifft die Unangreifbarkeit der Deutungen des Analytikers bzw. dessen Vorstellungen über das psychische System. Sämtliche Einwände und Gegenargumente sind demnach als Abwehrversuche des Unbewussten anzusehen und ihnen wird somit der berechtigende Gehalt abgesprochen.
33 Durch die beliebig erscheinende subjektiv festgelegte Fallauswahl wird eine Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse angezweifelt. Weitere Ausführungen hierzu folgen im Methodenteil (Kap.4).
34 Der Tod in der griechischen Mythologie, von Freud als Antriebprinzip des Psychischen postuliert.
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Jens Hüttner, 2004, Spuren der Sehnsucht - Erkundungen eines vernachlässigten Phänomens in der Identitätsforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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