Evangelische Fachhochschule Berlin
Studiengang Pflegemanagement
Unternehmens- und Führungsethik im Kontext der Pflege
Die Umverteilung knapper Ressourcen –
eine unternehmensethische Entscheidung
von: Antje Lüth
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Ausgangssituation und Fragestellung 3
2.1. Situation der Pflege in Deutschland 3
2.2. Fallbeschreibung 5
2.3. Ethische Fragestellung 6
3. Methodik der ethischen Entscheidungsfindung 7
4. Informationssammlung 7
4.1. Praktisch relevante Informationen 7
4.1.1. Hintergrund 7
4.1.2. Gesetzliche und private Krankenkassen in Deutschland 8
4.1.3. Meinung und Sichtweise der Betroffenen im Sauerbruch-Krankenhaus 9
4.1.3.1. Sichtweise der Patienten im Sauerbruch-Krankenhaus 9
4.1.3.2. Sichtweise des Personals im Sauerbruch-Krankenhaus 10
4.1.3.3. Sichtweise der Krankenhausleitung als Vertreter der Institution 11
4.1.3.4. Soziales Umfeld 12
4.2. Grundlagen für die ethische Bewertung 12
4.2.1. Ethische Theorieansätze 12
4.2.2. Ethische Grundpositionen 12
4.2.2.1. Deontologie 12
4.2.2.2. Teleologie 13
4.2.2.3. Auswahl der ethischen Grundposition 14
4.2.3. Ethische Prinzipien 14
4.2.3.1. Die Fünf Prinzipien der Verantwortungsethik 14
4.2.3.2. Prinzip der Achtung vor dem Wert des Lebens 15
4.2.3.3. Prinzip des Guten und des Richtigen 15
4.2.3.4. Prinzip der Gerechtigkeit und Fairness 15
4.2.3.5. Prinzip der Wahrheit und Ehrlichkeit 16
4.2.3.6. Prinzip der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung 16
5. Darstellung der Handlungsalternativen und deren Bewertung 17
5.1. Handlungsalternativen 17
5.1.1. Einrichtung der geplanten Privatstation 17
5.1.2. Vermehrte Aufnahme von Privatpatienten ohne Einrichtung einer Privatstation 18
5.1.3. Keine Veränderung 19
5.1.4. Suche nach anderen Möglichkeiten bei der Finanzierung 20
6. Vergleichende ethische Bewertung der Handlungsalternativen, Entscheidung 20
7. Fazit 21
8. Literaturverzeichnis 23
1. Einleitung
Das Überleben von Krankenhäusern hängt heute in erster Linie von seiner Wirtschaftlichkeit ab. Es sind nicht wenige Häuser, die von Insolvenz bedroht sind. Das Sauerbruch- Krankenhaus, um das es in diesem Fall geht, kämpft seit 3 Jahren um sein Bestehen. Aus diesem Grunde wird nach Wegen gesucht, um die wirtschaftliche Situation des Hauses zu verbessern.
Im vorliegenden Fall entscheidet sich die Krankenhausleitung für die Einrichtung einer Privatstation mit Hotelcharakter, um durch die Behandlung von Privatpatienten deutlich höhere Einnahmen zu erzielen. Der Mehrbedarf an Personal soll durch eine Umverteilung des vorhandenen Personals gedeckt werden. Diese ökonomisch begründete Unternehmensentscheidung stößt bei dem Pflegepersonal auf Widerspruch. Nach deren Ansicht käme es somit zu einer offenen Zwei-Klassenbehandlung, die ethisch nicht zu rechtfertigen sei. Das Hauptproblem dabei, so argumentieren sie, sei neben der ungleichen Gewährung von Mehrleistungen, die damit verbundene Umverteilung von ohnehin schon sehr knappen Ressourcen zugunsten einer kleinen Gruppe. Somit würde es aus ökonomischen Gründen zu einer Ungleichbehandlung von Menschen kommen. Vom Unternehmen ist nun eine Lösung gefragt, die ökonomisch ebenso wie moralisch akzeptabel ist.
2. Ausgangssituation und Fragestellung
2.1. Situation der Pflege in Deutschland
Die demografische Entwicklung in Deutschland wird von steigender Lebenserwartung und sinkender Geburtenrate charakterisiert. Folge ist, dass die Zahl der Beitragszahler sinkt und gleichzeitig immer mehr alte, multimorbide Menschen versorgt werden müssen. Die Kosten steigen rasant an1. So lagen die Kosten im Jahr 2003 mit 250 Mrd. Euro etwa doppelt so hoch wie 19852. Um die Kosten einzugrenzen, wurden von der Regierung Sparmaßnahmen beschlossen. So wurde im Juni 2003 ein Sparpaket verabschiedet, dass 2004 zu einer Kostenentlastung von 10 Mrd. Euro führen soll3. Die Pflege als die größte Berufsgruppe im Krankenhaus (40%)4, ist besonders stark von Sparmaßnahmen betroffen5. Stellenabbau und Leistungsverdichtung durch die Erhöhung der Fallzahlen und verkürzte Liegezeiten prägen derzeit das Bild der Pflege. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes Wiesbaden gab es 1999 ca. 6400 Betten (=1,1%) weniger als im Jahr zuvor, gleichzeitig stieg die Zahl der Fälle stieg um 369000 (=2,3%). Die Verweildauer eines Patienten sank von durchschnittlich 10,7 Tagen (1998) auf 10,3 Tage (1999)6 und 9,8 Tage im Jahr 2001.7
Dem sich aus dem erhöhten Arbeitsaufkommen ergebenden Mehrbedarf an Pflegepersonal wurde nicht Rechnung getragen. Die Pflege konnte dies auch nicht argumentativ einfordern, da es kaum akzeptierte Berechnungsgrundlagen gibt. 1992 wurde die Pflegepersonalregelung (PPR) als Instrument für die Berechnung des Pflegepersonalbedarfs eingeführt. Sie löste, als Reaktion auf den damaligen Pflegenotstand, die 1969 erstellten Personal- Anhaltszahlen ab. Bis einschließlich 1995 konnten auf dieser Grundlage ca. 21000 neue Stellen geschaffen werden8. Daraus lässt sich schließen, dass dies mindestens 21000 Stellen waren, die zuvor fehlten. 1996 wurde die PPR aus Kostengründen wieder außer Kraft gesetzt. Es setzte, das ist statistisch belegt, sofort ein Personalabbau ein, der bis heute anhält. Im Sektor Krankenhaus wurden in den vergangenen 5 Jahren 5,2% der Stellen in der Pflege abgebaut. Die Zahl der Vollkräfte ist ungefähr so hoch wie vor der Einführung der PPR. 9 Ludger Risse, Mitglied des Pflegerates Nordrhein-Westfalen, sprach davon, dass durch die Leistungsverdichtung und gleichzeitige Abnahme der Stellen inzwischen wieder ein Pflegepersonal-Patienten-Verhältnis erreicht ist, das dem aus dem Jahr 1969 entspricht.10 Der Mangel an personellen Ressourcen ist durch Rationalisierung11 nicht mehr auszugleichen. Statt dessen kommt es, wenn auch versteckt, zur Rationierung12. Hierzu Ludger Risse vom Pflegerat NRW: „Organisationsreserven sind längst ausgeschöpft. Die Rationierung von Pflegeleistungen ist somit unausweichlich, wenngleich sie eher heimlich und versteckt stattfindet. Welche Klinik würde gern zugeben, dass sie im Grunde nur für etwa 80 - 85% der Patienten Personal vorhält und somit zumindest rechnerisch jeder fünfte Patient gar nicht mehr versorgt werden kann?“13
Diese vorwiegend implizite Rationierung „... bezieht sich auf die Vorenthaltung oder Nichtdurchführung von notwendigen Maßnahmen aufgrund eines Mangels an zeitlichen, personellen und/ oder fachlichen Ressourcen...“, bei der „... eine offizielle Regelung fehlt, die behandelnde Person muss selbst entscheiden.“ 14 Folge für das Personal ist Erschöpfung, Burn-out-Syndrom und eine hohe Krankheitsrate. Aus dem jüngsten Gesundheitsreport der DAK geht hervor, dass Menschen, die im Krankenhaus oder in Pflegeeinrichtungen arbeiten, davon besonders häufig betroffen sind15. In Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und der DAK wurde eine Studie erstellt zu den Arbeitsbelastungen und ihren Auswirkungen auf Befindlichkeit und Arbeitsunfähigkeiten der Beschäftigten in der Pflege. Hier wurde eine Zunahme der psychosomatischen und psychiatrischen Erkrankungen bei Pflegepersonal gegenüber anderen Versicherten ermittelt16. Die Folgen für die Patienten sind, dass ihren Bedürfnissen nicht in ausreichendem Maße nachgekommen werden kann. In einer amerikanischen Studie, die ca. 6 Mio. Patienten umfasste, wurde eine signifikante Abhängigkeit der Komplikationsrate von der Ausstattung im Pflegedienst nachgewiesen. Als Hauptursache wurde die häufig nicht rechtzeitige Erkennung bzw. Behandlung von Komplikationen genannt.
2.2. Fallbeschreibung
[...]
1 der Grundgedanke des Solidarprinzips der Krankenversicherung beruht auf der Annahme, dass Einnahmen und Ausgaben die Balance halten
2 Bericht TH Karlsruhe in: www.phmon.de
3 vgl. . Baratta M., Der Fischer Weltalmanach S. 293
4 vgl. Müller M.L. Pflegemanagement in der Offensive in: Krankenhaus Umschau 9/2001 S 726
5 vgl. Vahlpahl B., Veränderungen der Rahmenbedingungen für die Pflege in: BALK INFO Jan 2002
6 vgl. Werner Schell 3.12.2000 in: http://www.gesetzeskunde.de/Rechtsalmanach/ Krankenhausrecht/statistik99.htm
7vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland in http://www.destatis.de 7.7.2004
8 vgl. Peretzki-Leid U., Pflegenotstand- und kein Ende in Sicht? In: Die Schwester Der Pfleger. 42.Jahrgang 2/03, S.155
9 vgl. Perspektiven 2/2002information des deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in: http://www,dip -home.de/perspektiven/perspektiven2-02.pdf
10 vgl. Pressemeldung Pflegerat NRW 12.3.2003 in: http://www.aekno.de/htmljava/b/buendnismeldung.aspid=18 7.7.2004
11 Rationalisierung: Einsatz der Mittel wird optimiert wird, die Leistungsqualität bleibt jedoch gleich. Notwendige medizinische und pflegerische Maßnahmen sind nicht betroffen. Vg l. Implizite Rationierung in der Pflege- Eine Realität? In: http://www.oegkv.at/4-1/kon04/don/schubert.pdf 7.7.2004
12 Rationierung: etablierte, als wirksam erwiesene pflegerische Leistungen/ Maßnahmen werden verweigert/ vorenthalten werden. Vgl. Implizite Rationierung in der Pflege- Eine Realität? In: ebda.7.7.2004
13 vgl. Pressemeldung Pflegerat NRW 12.3.2003 in: http://www.aekno.de/htmljava/b/buendnismeldung.aspid=18 7.7.2004
14 vgl. Implizite Rationierung in der Pflege- Eine Realität? In: http://www.oegkv.at/4-1/kon04/don/schubert.pdf 7.7.2004
15 Pflege &Management April 2003 S.22
16 Die Schwester Der Pfleger 42. Jahrg. 2/03
Arbeit zitieren:
Antje Lüth, 2004, Die Umverteilung knapper Ressourcen - eine unternehmensethische Entscheidung, München, GRIN Verlag GmbH
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