1. Einleitung
Eine der wichtigsten Kulturtechniken, die Kinder erlernen müssen, ist die Sprache in Schrift und Wort. Die Schule ist dafür verantwortlich, dies beizubringen und zu festigen. Einige Kinder haben jedoch große Schwierigkeiten diese Kulturtechnik zu erlernen. Der Hintergrund dafür liegt oft in einer Leserechtschreibschwäche begründet. Seit vielen Jahren beschäftigt man sich mit den Symptomen, Ursachen und Fördermaßnahmen von Leserechtschreibschwäche, und doch kommt man immer wieder zu neuen Erkenntnissen und die Forschungsarbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen.
Zu diesen Kindern kommt außerdem eine große Schülergruppe, die ebenso große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben aufweist. Im Unterschied zu der Gruppe von leserechtschreibschwachen Schülern haben diese Kinder auch Schwierigkeiten in anderen Bereichen und besuchen häufig die Schule für Lernbehinderte. Auch diese Schüler müssen mit zusätzlichen Angeboten im Deutschunterricht unterstützt und gefördert werden.
Eine Möglichkeit der Förderung dieser Schülergruppen stellt das Konzept des Kieler Leseaufbaus von Dr. Lisa Dummer-Smoch und Renate Hackethal dar, das den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet. Ursprünglich wurde der Kieler Leselernaufbau für Leselernversager konzipiert. Heute wird er jedoch auch immer mehr für den Erstleseunterricht eingesetzt.
Meine Arbeit beginnt mit den o.g. Schülergruppen, die Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb aufweisen. Dabei gebe ich eine kurze Definition von Leserechtschreibschwäche, bzw. Legasthenie, sowie eine Auflistung möglicher Symptome. Anschließend werden weitere Ursachen von
Leserechtschreibschwierigkeiten aufgeführt und erläutert. In einem nächsten Teil werden zunächst allgemeine Hinweise für die Förderung dieser Kinder gegeben. Anschließend wird das Konzept des Kieler Leseaufbaus näher betrachtet und erläutert. Auf diese Fördermöglichkeiten folgt eine Schlussbetrachtung des Themas.
2
2. Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb
2.1 Leserechtschreibschwäche - Legasthenie
2.1.1 Definition
Der Begriff „Legasthenie“ als Synonym für Leseschwäche wurde erstmals von Paul Ranschburg (1916) eingeführt. „Als Leseschwäche bezeichnete Ranschburg eine nachhaltige Rückständigkeit höheren Grades in der geistigen Entwicklung des Kindes, sich äußernd in der Unfähigkeit, im Alter von 6-8 Jahren oder auch noch darüber hinaus, sich eine derart genügende Geläufigkeit des mechanischen Lesens anzueignen, welche die Vorbedingungen eines erträglichen Verständnisses des Gelesenen wäre.“ 1
Die Bedeutung dieses Begriffs hat sich seitdem stark gewandelt. Heute bezeichnet die Legasthenie eine „umschriebene Störung im Erlernen der Schriftsprache, die nicht durch eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklungs-, Milieu-oder Unterrichtsbedingungen erklärt werden kann. Vielmehr ist die Legasthenie das Ergebnis von Teilleistungsschwächen der Wahrnehmung, Motorik und/oder der sensorischen Integration, bei denen es sich um anlagebedingte und/oder durch äußere schädigende Einwirkungen entstandene Entwicklungsstörungen von Teilfunktionen des zentralen Nervensystems handelt.“ 2
Statt „Legasthenie“ wird heute häufig der Begriff der „Leserechtschreibschwäche (LRS)“ verwendet. Die begriffliche Unterscheidung erfolgt aus „sehr verschiedenen Perspektiven und unterschiedlichem Interesse“ 3 . Da beim Begriff „Leserechtschreibschwäche“ keine direkte Verbindung zur Medizin besteht und Legasthenie medizinisch nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, wird er v.a. im schulischen Bereich und der Pädagogik verwendet. 4 Umgangssprachlich wird mit „Legasthenie“ häufig eine besonders schwere Form der Leserechtschreibschwäche bezeichnet.
1 http://www.bildungsservice.at/schulpsychologie/beilage-begriff.htm
2 http://www.iflw.de/wissen/was_ist_legasthenie.htm
3 http://leb.bildung-rp.de/info/themen/gs/lrs/lrs_index.htm
4 vgl. Hofmann, B.: Lese- Rechtschreibschwäche - Legasthenie; S. 11
3
2.1.2 Symptome
Rechtschreibprobleme sind gekennzeichnet durch einen/ mehrere dieser Punkte:
• Hohe Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten
• Probleme beim Niederschreiben von Gehörtem
• Verwechslung der Buchstabenfolgen
• Verwechslung ähnlicher Wörter und Buchstaben
• Schwierigkeiten beim Abschreiben von Texten
• Grammatik- und Interpunktionsfehler
• Ersetzen von Wörtern durch ein semantisch ähnliches Wort
• Unleserliche Schrift 5
Und Leseprobleme sind gekennzeichnet durch einen/ mehrere der folgenden Punkte:
• Auslassen, Ersetzen oder Hinzufügen von Wörtern, Buchstaben oder Silben
• Buchstaben können kaum zu Wörtern zusammengezogen werden
• Wörter im Text werden oft aus dem Sinnzusammenhang erraten
• Geringe Lesegeschwindigkeit
• Ersetzen von Wörtern oder Wortteilen durch ein semantisch ähnliches Wort
• Verlieren der Zeile im Text
• Mangelndes Leseverständnis 6
Die aufgeführten Probleme sind jedoch in jedem Leselernprozess zu erkennen und weisen deshalb nicht zwangsläufig auf eine Leserechtschreibschwäche hin. Bei einer „normalen“ Entwicklung sind sie bei jedem Lese- und Schreibanfänger mehr oder weniger zu erkennen. Nach einiger Zeit verlieren sich aber diese Fehler, sie sind also ein Entwicklungsschritt. Bei Kindern, die eine Leserechtschreibschwäche aufweisen sind diese Fehler jedoch nicht vorübergehend, sondern von Dauer.
Durch das andauernde schulische Versagen kann es zu emotionalen Symptomen kommen. Schulangst ist eine der häufigsten Folgen einer nicht erkannten Leserechtschreibschwäche. Diese kann sich körperlichen Symptomen auch in
5 Vgl. http://www.kjp.uni-marburg.de/kjp/legast/leg/wasist.htm
6 Vgl. http://www.kjp.uni-marburg.de/kjp/legast/leg/wasist.htm
4
Bauchschmerzen oder Einnässen äußern. 7 Zudem haben leserechtschreibschwache Kinder häufig ein negatives Selbstbild. Verhaltensauffälligkeiten wie Konzentrationsmangel, Merkstörungen, mangelnde Ausdauer, Ablenkbarkeit oder Hyperaktivität können eine psychologische Beratung erforderlich machen. Außerdem und wie bei allen Ursachen von Schulangst und Schulunlust schwänzen die Kinder/ Jugendlichen häufig.
2.2 Andere Ursachen von Leserechtschreibschwierigkeiten
Außer der Gruppe von Legasthenikern existiert eine weitere große Gruppe von Schülern, die bei dem Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen versagen. Diese Kinder zeigen ähnliche Symptome schneiden jedoch in Intelligenztests deutlich schlechter ab. Sie weisen auch keine Diskrepanzen zwischen besseren Schulleistungen und der zu schwachen Rechtschreibung auf. Diese Schüler leiden nicht an einer Leserechtschreibschwäche, sondern daran, dass im Anfangsunterricht auf leistungsschwächere Kinder wenig Rücksicht genommen wurde. 8 Aus entsprechenden Untersuchungen von Psychologen ist bekannt, dass es sich bei dieser Gruppe meist um sozial benachteiligte Kinder handelt, deren Eltern ihnen wenig Sprachanregungen und kaum Leseinteresse vermitteln konnten. 9
Neben diesen beiden genannten Schülergruppen gibt es auch noch Kinder mit Leserechtschreibschwierigkeiten, bei denen die Ursachen körperliche sind. Um solche bei einem leseechtschreibschwachen Kind auszuschließen, sollten verschiedene Tests durchgeführt werden. Körperliche Ursachen könnten z.B. Hörprobleme, Schwierigkeiten mit der Feinmotorik oder Sehschwierigkeiten sein.
7 vgl. http://www.kjp.uni-marburg.de/kjp/legast/leg/wasist.htm
8 vgl. http://www.duden.de/index2.html?schule/legasthenie/legas1_gruppen.html
9 vgl. http://www.duden.de/index2.html?schule/legasthenie/legas1_gruppen.html
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3. Allgemeine Förderung
Der Erfolg der Einflussnahme auf den Verlauf einer Leserechtschreibschwäche hängt ab vom frühzeitigen Erkennen der umschriebenen Schwierigkeiten und der zugrunde liegenden Schwächen und von einer rechtzeitigen Hilfe durch fachgerechte, individuelle Behandlung.
Da es kein einheitliches Erscheinungsbild der Leserechtschreibschwäche gibt, muss eine Therapie maßgeschneidert sein. Die eingesetzten Methoden richten sich nach den individuelle Lernvoraussetzungen des Schülers. In der Diagnostik wird zunächst der Förderbedarf festgestellt. Die nachfolgende Therapie setzt bei den Stärken des Schülers an. Das schafft Vertrauen in die eigene Kompetenz - eine Grundvoraussetzung für eine effektive Förderung. 10
Für den Unterricht, der einigen Schwierigkeiten schon vorbeugt ist es v. a. wichtig unterschiedliche Voraussetzungen für die Aneignung von Schriftsprache zu berücksichtigen. Die Bedeutung und die Auswirkungen von Teilleistungsschwächen können dadurch z. T. wesentlich gemildert werden. Es ist notwendig, dass der Unterricht im Lesen und Schreiben den Kindern Zeit zur individuellen Aneignung lässt, nach dem Grundsatz schrittweiser Einführung schwieriger Probleme verfährt und dabei vor allem die Mitteilungsfunktion der Schriftsprache betont. Berücksichtigung der besonderen Lernschwierigkeiten des Kindes bedeutet vor allem Entlastung von unangemessenen Forderungen, von Misserfolgserlebnissen und von negativen Selbst- und Fremdbewertungen. Dazu muss insbesondere der Stellenwert der Mängel beim Lesen und Schreiben zurechtgerückt werden. Die nicht messbaren Eigenschaften des Kindes, seine kreativen und sozialen Fähigkeiten sowie seine besseren Fertigkeiten müssen beachtet, ihm und seiner Umgebung verdeutlicht und anerkannt werden. 11
Infolge dessen ist es nötig, den Erstleseunterricht sprachanregend zu gestalten, auf langsamer lernende Kinder im Unterricht verstärkt einzugehen und eine Förderung der Leseschwachen im Sinne vertieften Deutschunterrichts durch zusätzliches Lese- 10 vgl.http://www.iflw.de/wissen/was_ist_legasthenie.htm
11 vgl. http://paedpsych.jk.uni-
linz.ac.at/internet/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/Legasthenie2.html
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Arbeit zitieren:
Judith Hallas, 2004, Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb und Möglichkeiten der Förderung durch das Konzept des Kieler Leseaufbaus, München, GRIN Verlag GmbH
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