Universität Karlsruhe (TH)
Institut für allgemeine Pädagogik
Seminar: Problemgeschichte Pädagogik
WS 2003/2004
Kant: Über Pädagogik
Problemgeschichtliche Analyse der Vorlesung
über Pädagogik von 1777
von
Joachim Klenk
Pädagogik/Soziologie/Geschichte, MA, Sem. 10
Inhaltsangabe
1 Einleitung 1
2 Theoretische Probleme der Pädagogik 2
2.1 Anthropologische Prämissen 2
2.2 Wissenschaftstheoretischer Aspekt 4
3 Der Erziehungsbegriff oder der Charakter 5
3.1 Sinn und Zweck der Erziehung 5
3.2 Formen der Erziehung oder eine „Chronologie der Erziehung“ 6
3.2.1 Wartung / Versorgung/ Disziplinierung 7
3.2.2 Kultivierung / Zivilisierung 7
3.2.3 Moralisierung 8
3.3 Gegenstände der Erziehung oder „Dualismus der Erziehung“ 9
3.3.1 Physische Erziehung 9
3.3.2 Praktische Erziehung 10
3.4 Prinzipien der Erziehung 12
4 Der Bildungsbegriff oder die Gemütskräfte als „Bausteine“ der Charakterbildung 14
4.1 Die allgemeine Kultur der Gemütskräfte 14
4.2 Besondere Kultur der Gemütskräfte 15
4.3 Prinzipien der Kultur der Gemütskräfte 16
5 Freiheitsantinomie und das Problem der Normativität 18
6 Zusammenfassung und Fazit 19
7 Literatur 22
1 Einleitung
Bei der Einschätzung von Rolle und Bedeutung Immanuel Kants in Geschichte, vor allem aber auch Gegenwart der Pädagogik, ergibt sich zunächst ein sehr widersprüchliches Bild.
Auf der einen Seite hört man Stimmen, die die Gruppe der pädagogischen Denker, die sich heute intensiv mit Kant auseinandersetzen, als einen „verlorenen Haufen“ 1 einschätzen und deren Appelle zur „Moralisierung“ der Erziehung für nicht mehr zeitgemäß halten. Aber da sind auch Stimmen, die gleichsam von einem „konjunkturellen Aufschwung der Moral“ in der Gegenwart sprechen. Sie glauben, dass eine „ethische Wendung in der Pädagogik“ ausmachbar ist, die sich nur im “positivistischen Gewand der Werterziehung“ verberge. 2
Und da ist noch der in aller Munde geführte Begriff vom „mündigen Bürger“, den wir dem „pädagogischen Jahrhundert der Aufklärung“3 und Immanuel Kant im Besonderen verdanken, und der, spätestens seit den - eines blinden Konservatismusses durchaus unverdächtigen - 68-ziger Jahren, gleichsam als „kleinster gemeinsamer Nenner“ demokratischer Erziehungs- und Bildungsziele etabliert ist.4
„Sapere aude! Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“5 So fordert Immanuel Kant die Menschen auf, aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herauszutreten und ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Dieses „Programm“ hat auch Anziehungskraft in Zeiten, in denen man ein „anything goes“6 nicht mehr unbedingt auf die „Vervollkommnung der Menschheit“ bezieht, nicht verloren.
Dies scheinen Gründe genug, im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit Kants explizit pädagogische Aussagen einmal genauer zu betrachten und sie vor dem Hintergrund seiner Philosophie nachzuzeichnen.7 Die erkenntnisleitende Fragestellung wird die nach der Aktualität kantianischer Positionen im heutigen pädagogischen „Geschäft“ und Diskurs sein.
Dabei wird versucht, Kant auf der Ebene seines „radikalen Grundlegungsdenkens“8 zu begegnen, d. h. prinzipielle pädagogische Problemlagen und deren prinzipielle Lösungsansätze zu beschreiben und weniger auf konkret methodisches „Alltagsgeschäft“ einzugehen.
2 Theoretische Probleme der Pädagogik
2.1 Anthropologische Prämissen
Wer pädagogisch handelt, hat ein (mehr oder weniger bewusstes) „Menschenbild“. Man kann sogar sagen, „Pädagogik in Praxis und Theorie beruht auf einer impliziten Anthropologie“9. Geradezu als Paradebeispiel dafür sollen im Folgenden Verknüpfungspunkte zwischen Anthropologie und Pädagogik im Denken Kants nachgezeichnet werden.
Dass diese Verknüpfung legitim und geradezu notwendig ist, steht für Kant außer Frage, denn „hinter der Edukation steckt das große Geheimnis der Vollkommenheit der menschlichen Natur“10.
Danach ist der Mensch „das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss“11, da es keine „fremde Vernunft“, d. h. keinen Instinkt besitzt, um sich einen „Plan seines Verhaltens“ zu schaffen.
[....]
1 Zitat: Wolfgang Fischer: Immanuel Kant I, aus: Wolfgang Fischer/ Dieter- Jürgen Löwisch: Philosophen als Pädagogen. Darmstadt, 1998, S. 125.
2 Vgl.: Lutz Koch: Kants ethische Didaktik. Würzburg, 2003, S. 9.
3 Zitat: Herbert Gudjons: Pädagogisches Grundwissen. Regensburg, 2001, S. 82.
4 Vgl.: Wolfgang Fischer: Immanuel Kant I, aus: Wolfgang Fischer/ Dieter- Jürgen Löwisch: Philosophen als Pädagogen. Darmstadt, 1998, S. 126.
5 Zitat: Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? (1784), aus: Karl- Heinz Günther/ Helmut König (Hg.): Pädagogisches Gedankengut bei Kant , Fichte, Schelling, Hegel, Feuerbach. Berlin, 1984, S. 124.
6 Dieser Begriff wurde von Paul Feyerabend im Rahmen der Wissenschaftstheorie geprägt und ist zum Schlagwort zur Beschreibung der Postmoderne allgemein, für deren Offen- aber auch Beliebigkeit, geworden.
7 Eine detaillierte Vorstellung der Philosophie Immanel Kants wurde im Rahmen des gehaltenen Referats von einem Kommilitonen übernommen.
8 Zitat: Wolfgang Fischer: Immanuel Kant I, aus: Wolfgang Fischer/ Dieter- Jürgen Löwisch: Philosophen als Pädagogen. Darmstadt, 1998, S. 127.
9 Zitat: Herbert Gudjons: Pädagogisches Grundwissen. Regensburg, 2001, S. 175.
10 Zitat: Immanuel Kant: Über Pädagogik (1803), aus: Karl- Heinz Günther/ Helmut König (Hg.): Pädagogisches Gedankengut bei Kant , Fichte, Schelling, Hegel, Feuerbach. Berlin, 1984, S. 147.
Arbeit zitieren:
Joachim Klenk, 2004, Immanuel Kant: Über Pädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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