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Hauptseminararbeit, 2003, 26 Seiten
Autor: Marlon Drees
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin
Tags: Zwischen, Kunst, Gott, Novalis, Hymnen, Nacht, Krankheit, Moderne
Jahr: 2003
Seiten: 26
Note: 1.0
Literaturverzeichnis: ~ 17 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-32183-9
ISBN (Buch): 978-3-638-65115-8
Dateigröße: 213 KB
Lektüre der Hymnen auf innere Brüche. Erster Teil ist eine kommentierende Interpretation entlang des Textes; der zweite führt systematische Überlegungen aus.
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Zusammenfassung / Abstract
Novalis ‚Hymnen an die Nacht’ ist ein subtiler, widersprüchlicher Text, der seinen Lesern seit zwei Jahrhunderten zahlreiche Fragen aufgibt: „Spricht aus dem Text eine tiefe Todessehnsucht oder nicht doch eher pragmatische Lebensbejahung?“ Oder: „Fügt sich die sechste Hymne in die Struktur der übrigen Hymnen ein oder muss sie als ein einzelnes Gedicht gelesen werden?“ Die Novalis-Forschung hat auf diese und andere Fragen viele Antworten gefunden, zumeist wurde aber diesem sehr komplexen Text eine Vorstellung des Autors Novalis untergeschoben und der Text auf eine weltanschauliche Position reduziert. Diese Interpretationen wirkten meist sehr schlüssig und fundiert, jedoch tauchten die Widersprüche des Textes wieder zwischen den verschiedenen Interpretationen auf. In meiner Arbeit hingegen möchte ich den Anspruch fahren lassen eine geschlossene Deutung zu erzielen. Widersprüchlichkeit wird als Signatur der Moderne verstanden und so wird versucht die Widersprüche des Textes nicht zu nivellieren, sondern zu akzentuieren. Novalis tastete sich in den ‚Hymnen an die Nacht’ sprachlich an die Probleme seiner Zeit heran und scheiterte schließlich sie zu erfassen, nicht aus Unvermögen, sondern im Gegenteil: als genauer Seismograph seiner war ihm die Eindeutigkeit früherer Zeiten nicht mehr möglich. Die Synthesen, die der Text also scheinbar immer wieder findet, dürfen also nicht als Wegsteine eines Pfades zu esoterischem Wissen gelesen werden, sondern als Prozess einer fortschreitenden Verunsicherung. Diese Brüche durchziehen alle Ebenen des Textes, von der Wahl der formalen Mittel, bis zu den inhaltlichen Erörterungen: Vom Verhältnis des Christentums zur Antike, von Religion zu Philosophie, von Lyrik und Prosa, Ich und Wir, Euphorie und Melancholie. Aus dieser Problemstellung ergibt sich, dass die Arbeit in zwei Teile fällt. Im vorbereitenden, ersten Teil lese ich die Hymnen horizontal und gebe eine textnahe Interpretation in chronologischer Reihenfolge; im zweiten Teil gehe ich vertikal durch den Text, um thematische Zusammenhänge zu behandeln.
Textauszug (computergeneriert)
Zwischen Kunst und Gott - Novalis Hymnen an die Nacht
von: Marlon Drees (geb. Weber)
11. Semester
Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort 3
II. Interpretation der sechs Hymnen 4
1. Lob des Tages, aber Begeisterung für die Nacht 4
2. Rausch und Ernüchterung 5
3. Das epiphanische Erlebnis 6
4. Leben auf der Grenze von Tag und Nacht 7
5. Antike und Christentum 8
6. Sehnsucht nach dem Tode 11
III. Thematischer Teil 13
1. Zur Struktur und Komposition der Hymnen 13
2. Die Metapher und die Autonomie der Sprache 16
3. Poetisches Christentum: Novalis Theologie 19
4. Die Sehnsucht nach dem Tod als Krankheit der Moderne? 22
IV. Schlußwort 25
V. Literaturverzeichnis 26
I. Vorwort
„Hypochondrie ist eine sehr merkwürdige Krankheit. Es
gibt eine kleine und eine erhabene Hypochondrie. Von
hier aus muß man in die Seele einzudringen suchen.“
Novalis1
Während meiner fortschreitenden Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur fiel mir auf, dass die meisten Interpreten dazu neigen die Hymnen auf eine weltanschauliche Position zu reduzieren, die der Vielschichtigkeit des Textes nicht gerecht wird. Betrachtet man gerade die innere Widersprüchlichkeit, ihre alogische Struktur als eine Signatur der Moderne, dann muss man feststellen, dass die Forschung in ihren Interpretationen diese Aspekte hermeneutisch nivelliert. Als Symptom dieses verfehlten Ansatzes zeigt sich, dass einzelne Probleme als Entweder-/Oder-Fragen formuliert werden, wie z.B. fügt sich die sechste Hymne in die Struktur der übrigen Hymnen ein oder muss sie als ein einzelnes Gedicht gelesen werden? Oder: Spricht aus dem Text eine tiefe Todessehnsucht oder nicht doch pragmatische Lebensbejahung? Demgegenüber will ich versuchen in meiner Lektüre die Widersprüche zu akzentuieren, um letztlich zu zeigen, dass Novalis sich in den Hymnen an die Nacht an die Probleme der Zeit herantastet, um im Ausreizen der Sprache festzustellen, dass gerade die Eindeutigkeit der Aufklärung nicht mehr möglich ist. Die Synthesen, die der Text scheinbar immer wieder findet, muss man also nicht als Wegsteine eines Pfades zu esoterischem Wissen lesen, sondern als Prozess einer fortschreitenden Unsicherheit. Diese Brüche durchziehen alle Ebenen des Textes, von der Wahl der formalen Mittel, bis zu den inhaltlichen Erörterungen: Vom Verhältnis des Christentums zur Antike, von Religion zu Philosophie, von Lyrik und Prosa, Ich und Wir, Euphorie und Melancholie. Das literarische Vehikel dieser Uneindeutigkeit ist die Metapher. Es wird in diesem Zusammenhang also wichtig sein zu untersuchen, in welcher Weise Novalis seine Metaphern verwendet, wodurch die Sprache schließlich eine Autonomie gegenüber dem Inhalt erreicht. Die Arbeit teilt sich in zwei Teile. Im vorbereitenden, ersten Teil lese ich die Hymnen horizontal und gebe eine textnahe Interpretation in chronologischer Reihenfolge; im zweiten Teil gehe ich vertikal durch den Text, um thematische Zusammenhänge zu behandeln. Ich beziehe mich ausschließlich auf den Text der Athenäeumsfassung, einerseits um die Arbeit nicht durch einen Vergleich der beiden Texte ausufern zu lassen, zum anderen bin ich der Meinung, dass die Fassung letzter Hand eine deutlich komplexere Struktur aufweist, die darauf schließen lässt, dass der Text einen adäquateren Ausdruck von Novalis philosophischpoetischen Positionen liefert. Noch ein Hinweis zur Zitierweise: Zitate aus den Hymnen sind wegen der unterschiedlichen Paginierung der verschiedenen Ausgaben nicht mit Seitenzahlen ausgewiesen, aber der besseren Übersichtlichkeit wegen kursiv gestellt.
II. Interpretation der sechs Hymnen
1. Lob des Tages, aber Begeisterung für die Nacht
Die erste Auffälligkeit des Gedichtzyklus setzt mit seinem Titel ein: Während in der lyrischen Tradition den dunkleren Themen die Form der Elegie vorbehalten war, verwendet Novalis die Hymne für sein Gedicht über die Nacht. Dieser Hymnus setzt aber doch traditionell ein mit einem Lob auf das Licht: Es wird als allgegenwärtige, schöpfende Kraft betitelt, das allen Geschöpfen Leben verleiht. Novalis zählt hier eine Reihe der Geschöpfe auf, von den anorganischen Steinen bis zum Menschen. „[…] - atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allem aber der herrliche Fremdling […]“. Mit der Bezeichnung „Fremdling“ für den Menschen knüpft Novalis an sein gleichnamiges Gedicht aus dem Jahre 1798 an, dessen Thema die Entfremdung des Menschen von der Welt ist2. Der Fremdling ist hier in eine neue Welt gesetzt, in der er sich nicht mehr zurechtfindet.3 Trotz Freunden, die er hier gefunden hat, ist seine Sehnsucht nach der Heimat immer noch Alles überragend. Der Tod und das Nachhausekommen fallen schließlich für ihn zusammen: „Bleibt dem Fremdlinge hold – spärliche Freuden sind/ Ihm hienieden gezählt – doch bei so freundlichen/ Menschen sieht er geduldig/ Nach dem großen Geburtstag hin.“ – Ein Motiv, das auch Eingang in die Hymnen an die Nacht gefunden hat. Die Erwähnung der Wandelbarkeit der Welt im ersten Absatz weist auf ihre Vergänglichkeit hin und bereitet so den Bruch vor, der sich schließlich im zweiten Absatz vollzieht. Gleich zu Beginn des Absatzes konstituiert sich das lyrische Ich, bleibt jedoch durch seine Unbestimmtheit, die sich hauptsächlich im Fehlen eines Namens zeigt, einerseits Projektionsfläche für den Rezipienten, andererseits aber auch fungibel-austauschbar. Es wendet sich hier in seiner Betrachtung der Nacht zu. Die Welt liegt jetzt weit weg und er ist von Trauer erfüllt über die Entfernung von seiner Vergangenheit: „- Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang.“
Indes scheint sich ein Wandel dieser Trauer im dritten Absatz anzukündigen: „Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, […]“. Novalis verwendet hier die Metapher einer Schwangerschaft, die im Pietismus die Bedeutung einer mystischen Neugeburt besaß, gleichsam als Initiation zu einer höheren, anderen Wirklichkeit.4 Im Fortgang enthüllt sich, im Kreuzreim versteckt, die Nacht als seine Mutter: „- ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt.“ Nach dieser Erscheinung hat sich seine Haltung zur Nacht gewandelt; nicht mehr Traurigkeit bestimmt ihr Verhältnis, sondern Bewunderung. Seine Furcht ist einem neuen Wissen gewichen: Die Nacht ist autonom geworden gegenüber der Herrschaft des Lichts, sie gewährt tiefere Einsichten und tiefere Befriedigungen. Schließlich gipfelt die Hymne in der Vereinigung des lyrischen Ichs mit der Nacht: „- zarte Geliebte – liebliche Sonne der Nacht,- nun wach ich – denn ich bin Dein und Mein – […] zehre mit Geisterglut meinen Leib, daß ich luftig mit dir inniger mich mische und dann ewig die Brautnacht währt.“
2. Rausch und Ernüchterung
[...]
1 Novalis Werke hrsg. von Gerhard Schulz, München 2001: Fragmente und Studien bis 1797, S. 321
2 Novalis Werke, S. 31 ff.
3 Uerlings deutet die Bezeichnung des Menschen als Fremdling positiver als Andeutung für eine über die Natur hinausgehende Bestimmung des Menschen. Vgl. Uerlings, S.130
4 vgl. Kommerell, S.180
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