Die folgende Arbeit über den „Sophistes“ unternimmt den Versuch, diesen komplexen Dialog auch im Kontext der in ihm angesprochenen philosophischen Hintergründe zu behandeln. Das Ziel ist die Darstellung des im „Sophistes“ von Platon aufgezeigten Weges, die Sophistik endgültig zu überwinden. Jene ist fest mit den grundlegenden metaphysischen Konzepten und Problemen ihrer Zeit verquickt, nicht zuletzt wohl dies bescherte ihr die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit, die so oft im „Sophistes“ beschworen wird.
Kontexte des „Sophistes“:
Theaitetos und Parmenides
Wie im Dialog
Theaitetos
verabredet,
1
treffen sich zu Beginn des
Sophistes
Theaitetos, Sokrates und Theodoros wieder, um das aporetisch geendete Gespräch fortzusetzen. Der hier bekundete Bezug der beiden Dialoge aufeinander verweist auch auf eine thematische Kontinuität, so wurde beispielsweise bereits im
Theaitetos
die Möglichkeit des Irrtums diskutiert. Dort hieß es allerdings noch: „Also ist „Falsches meinen“ etwas anderes als Nichtseiendes meinen“
2
; aber gerade dies wird im
Sophistes
verbunden: „Denn, das Nichtseiende meinen oder aussagen, das ist es doch wohl, was den Irrtum im Denken und Reden ausmacht.“
3
Die Intention des
Theaitetos
war eine Bestimmung des „Wissens“
(ἐπιστήµη),
sowie, hiermit zusammenhängend, die Möglichkeit von wahrer und falscher Meinung herauszustellen. Dieser Fragekomplex taucht im
Sophistes
wieder auf, ist doch hier die Möglichkeit des Scheins, der falschen Meinung, die Bedingung für eine Definition des Sophisten: „Vom Sophisten aber behaupten wir doch, daß er eben in dieser Gegend [des Scheins, des Irrtums] seine Zuflucht gesucht habe und steif und fest geleugnet habe, daß es überhaupt Irrtum gebe.“
4
Das aporetische Ende des
Theaiteto“
hätte deshalb die Untersuchung über das Wesen des Sophisten vereitelt, für die Fragestellung des
Sophistes
war es somit existentiell nötig, über den
Theaitetos
hinauszugehen und zumindest jene Überlegungen nun zu einem positiven Schluß zu bringen, die für eine Definition des Sophisten unumgänglich sind.
1
Vgl. Platon, Theaitetos, 210d.
2 Ebd. 189b.
3 Platon, Sophistes 260c.
4 Ebd. 260d.
Chronologisch steht zwischen dem Theaitetos und dem Sophistes höchstwahrscheinlich
der Parmenides, auch thematisch kann dieser Dialog als Zwischenstück angesehen
werden. 5 Im Parmenides deutet sich bereits an, was im „Sophistes“ nachher zur Klärung
des Problems des „Nichtseienden“ führen wird: Die dialektische Verbindung der
Kategorien 6 „Verschiedenheit“, „Selbigkeit“, „Ruhe“, „Bewegung“ und „Sein“. 7
Die Philosophie Parmenides´, der Platon den gleichnamigen Dialog gewidmet hat,
blickt auf lange und intensive Rezeptionsgeschichte zurück, der berühmteste Interpret
aus neuerer Zeit ist wohl Martin Heidegger ist, bei dem der Begriff des „Sein“ wieder in
den Mittelpunkt rückt. 8 Auch für Platon und die Sophisten war Parmenides bereits eine
historische Figur, dessen Philosophie neu erschlossen und interpretiert werden mußte. 9
Im Sophistes ist es der „Fremde aus Elea“, der Heimat des Parmenides, der sich gegen
seinen „Vater“ wendet, weil dessen Dogma von der Unerforschlichkeit des
Nichtseienden der Klärung des sophistischen Wesens im Wege steht. 10 Während
allerdings die platonische Behandlung der Lehre des Parmenides durch die
Verhaltenheit der Kritik seitens des Fremden noch von einer gewissen Hochachtung
zeugt, ist im Gegenzug die Behandlung der Thematik durch den Sophisten Gorgias weit
weniger schmeichelhaft. In seiner Schrift „Über das Nichtseiende“ soll er versucht
haben, aus den Prämissen des Parmenides zu folgern, daß:
1) nichts ist,
2) wenn aber doch etwas wäre, es nicht erkannt werden könne,
3) selbst, wenn es erkannt werden könne, es dennoch nicht mitgeteilt werden
könne. 11
5
Vgl. Walter Bröcker: Platos Gespräche. 3. A. Frankfurt a. M. 1985, S. 387. Im folgenden zitiert als:
„Bröcker, Platos Gespräche.“.
6 Ob nun die im Sophistes vorgestellten Kategorien Ideen im platonischen, also transzendenten Sinne
sind, oder doch „nur“ Kategorien im sprachlichen, ob die Idee des „Sein“ gleich der Spitze einer ontologischen Seinspyramide (Idee des Sein, Ideen, Dinge) über allem steht oder ob die Qualitäten der „klassischen“ Ideen sich im „Sophistes“ gravierend verändern, .ist schwer zu entscheiden. Die Meinungen der Sekundärliteratur sind in diesem Punkt durchaus geteilt. In dieser Arbeit werden sie als Ideen aufgefaßt, die allerdings in ihrer sprachlich/ dialektischen Artikulation Kategorien gleichen, wobei die Erkenntnis derer Verbindung untereinander Aufschluß gibt über die Natur des Seienden. 7 Vgl. Platon, Parmenides 142b-155e; vgl. Platon, Sophistes 258ef. Hinzu kommen im Parmenides noch
die Kategorien „Grenze“, „Gestalt“, „Ort“, „qualitative Gleichheit“, „qualitative Ungleichheit“, „quantitative Gleichheit“, „quantitative Ungleichheit“, „Berührung“, „Ältersein“, „Jüngersein“ und „Zeit“. Zur weiteren Spezifikation der Kategorien, sowie des Argumentationsganges im „Parmenides“ vgl. Bröcker, Platos Gespräche, S. 414-420.
8 Vgl. Martin Heidegger: Sein und Zeit. 17. durchgeseh. A. Tübingen 1993, S. 1. Es ist auch wohl kein
Zufall, daß der erste Satz aus „Sein und Zeit“ ein Platon-Zitat aus dem „Sophistes“ ist, in dem Platon die Notwendigkeit der Frage nach dem Seienden konstatiert.
9 Vgl. bspw. Platon, Sophistes, 236dff u. 244eff. 10 Vgl. ebd. 236dff. 11 Vgl. Pseudo-Aristoteles, De Melisso Xenophane Gorgia 979a10-980b26; vgl. Sextus Empiricus,
Adversus Mathematicos VII 65-87. Der Überlieferung durch den pseudo-aristotelischen Text wird heute allerdings der Vorrang eingeräumt. (Vgl. Bernard H. F. Taureck : Die Sophisten zur Einführung.
Hans-Joachim Newinger weist darauf hin, daß, obwohl Gorgias´ Schrift mit keinem Wort im Sophistes erwähnt wird, es trotzdem unwahrscheinlich ist, daß Platon dessen Schrift Über das Nichtseiende nicht gekannt habe. 12 Gorgias selbst ist auf jeden Fall ein häufiger Gast in den platonischen Dialogen, natürlich in dem nach ihm benannten, aber auch im Hippias maior, im Menon, im Symposion, im Phaidros, im Philebos und in der Apologie. Das Platon eben diese Schrift des Gorgias´ nicht gekannt haben soll, wird um so unwahrscheinlicher, desto mehr man sich vergegenwärtigt, in welchem thematischen Zusammenhang der Sophistes mit dieser Schrift im Grunde steht:
„Der beiden „Richtungen“ – Eleatismus und Sophistik - gemeinsamer Gegenstand der Diskussion ist das Verhältnis von Seiendem zu Nichtseiendem, von wahrer und falscher Rede. Wir kennen keine sophistische Schrift, in der mehr davon die Rede ist als in der ontologischen Schrift des Leontiners.“ 13
Die platonische Philosophie, insbesondere aber der Dialog Sophistes, ist ohne die Sophistik, den Eleatismus, aber auch ohne die ionische Naturphilosophie 14 , nicht denkbar. In Abgrenzung zu den vorherrschenden philosophischen Richtungen seiner Zeit setzt sich Platon mit den Theoremen seiner Vorgänger und Zeitgenossen auseinander und gliedert sie in seine eigene Philosophie ein. Dies geschieht teils durchaus auf konstruktivem Wege, so auch im Falle des Parmenides: die Absage an das absolute ontologische Nichtseiende bleibt erhalten 15 , in die Dialektik des Logos 16 und der Beziehung zwischen den Dingen 17 findet es jedoch Eingang. Die Kritik des Gorgias hingegen ist rein destruktiv, die Lehre des Parmenides wird ad absurdum geführt. Anhand einer kurzen Darstellung der Schrift Über das Nichtseiende, zusammen mit Erläuterungen der für den Sophistes bedeutsamen Stellen des Lehrgedichts des Parmenides, kann später der Übergang zur Problemstellung im Sophistes, insbesondere
Hamburg 1995, S. 85. Im folgenden zitiert als „Taureck, Die Sophisten“. Vgl. auch Walter Bröcker: Die Geschichte der Philosophie vor Sokrates. 2.A. Frankfurt a. M., 1986, S. 115. Im folgenden zitiert als „Bröcker, Philosophie vor Sokrates“. Die beiden Texte sind zu finden in: Gorgias von Leontinoi: Reden, Fragmente und Testimonien. Hrsg. und mit Übers. und Kommentar versehen von Thomas Buchheim. Hamburg, 1989, S. 41-54, bzw. S. 55-64. Im folgenden zitiert als „Gorgias, RFT“.
12 Vgl. Hans Joachim Newinger: Untersuchungen zu Gorgias´ Schrift über das Nichtseiende. Berlin/ New York 1973, S. 188.
13 Ebd. S. 187.
14 Vgl. Aristoteles, Metaphysik 987b 4ff. Schon Aristoteles weist auf die Bedeutung der Lehre des Heraklit für Platon hin. Nach Aristoteles folgte Platon dem Ansatz des Heraklit, daß die sinnlichen Dinge in beständigem Flusse begriffen wären und er deswegen folgerte, daß sich Definitionen eben nicht auf sinnliche Gegenstände richten könnten: „Diese Begriffe also nannte er Ideen des Seienden, das Sinnliche aber sei neben diesen und werde nach ihnen benannt;“ (Aristoteles, Metaphysik 987b 8f.) 15 Vgl. Platon, Sophistes 237b; vgl. ebd. 257b. Platon beleuchtet die Stellung des Nichtseins an der letztgenannten Stelle aus der Perspektive des Seins als anderes Seiendes, nicht jedoch als Gegensatz zum Sein, was ja auch an der zuerst genannten Stelle als unmöglich klassifiziert wurde.
16 Ebd. 260c. „Dialektik des Logos“ meint hier: Die Lehre von der Gemeinschaft und Verschiedenheit der Begriffe, wie sie sich im Urteil der Sprache und des Denkens, was bei Platon dasselbe ist(ebd. 263e), 17 Ebd. 259a.
der platonischen Position zum Nichtseienden, geschaffen werden. Zuallererst sollen jedoch die philosophischen Grundlagen der Sophistik dargestellt werden, da eben in Abgrenzung von diesen nicht zuletzt auch die Intention des Sophistes besser verständlich wird.
Gerade weil Platon die Sophistik so heftig bekämpft hat, ist durch seine Dialoge mannigfaches Gedankengut der Sophisten überliefert worden. Nicht nur waren sie, wie für die Dialoge Gorgias oder „Hippias“, Namensgeber, sondern auch philosophischer Gegenpart und, laut Platon, sogar Gegenpart der Philosophie. Die Sophisten galten als Sinnbild und Vertreter einer „Philosophie“, die als Ziel nicht die Wahrheit, sondern den materiellen Reichtum, den Schein und die Überzeugung um jeden Preis propagiert, darum auch mit Scheinwissen auskommt, weil der Schein der Wahrheit gewahrt bleibt - eben als Philosophie getarnte Sophistik
18
, wenngleich eine solche Unterscheidung erst mit und seit Platon derart abwertend getroffen wird. Der vorplatonische Begriff der Sophistik
19
war eher positiv besetzt, er bezeichnete Männer mit besonderen Kenntnissen, die sie auf die eine oder andere Weise zu nutzen wußten und die sie auch mitzuteilen bereit waren. Insbesondere ist hier die Vermittlung der Rhetorik zu nennen, da eben jene den griechischen Bürgern half, ihre Interessen in der attischen Demokratie vor der Volksversammlung zu vertreten. Weil die Sophisten aber darüber hinaus für ihren Unterricht Geld nahmen, kam es wohl sehr rasch zu dem Bild des geldfixierten Redekünstlers, der nur rein pragmatisch auf den Erfolg sieht, ohne sich um moralische Grundlagen oder auch nur die logische Konsistenz eines Vortrags zu kümmern. Besonders kennzeichnend ist für die sophistische Philosophie vor allem eine andere Akzentuierung
20
der drei Begriffe Logos
(λόγος),
Physis
(φύσις)und
Nomos
(νόµος):
- Logos: Heraklit begreift den Logos als eine Art Weltvernunft, die allgemeine Gültigkeit besitzt: „Obgleich aber das Weltgesetz (λόγος) allem gemeinsam
18
Zu den genannten Merkmalen der Sophistik vgl. Platon, Sophistes 231d ; vgl. ebd. 268d ; vgl. auch: Platon, Gorgias 452d-453a.
19 Schon die eigentliche Wortbedeutung weist darauf hin: sophia: Weisheit, Sophist: Weisheitslehrer; im Englischen immer noch positiv konnotiert: sophisticated: weltgewandt, kultiviert, geistreich, intellektuell. 20 Die Begriffsgeschichte des Wortes „λόγος“ (von „λέγειν“, sammeln, lesen)) bis zu seiner ersten überlieferten philosophischen Verwendung ist schon zugleich auch ein Verweis auf die mit ihm verbundenen philosophischen Vorstellungen: „Sammlung“/ „Einheit“ → „Rede“/ „Sache“/ „Wort“/ „das Erzählte“/ „die Erzählung“. (Vgl. Taureck, Die Sophisten, S. 25ff.)
ist. 21 Denn obgleich alles nach diesem Gesetz (λόγος) geschieht, [...].“ 22 Der Logos der Sophisten ist vielmehr die „Meinung“, von der es naturgemäß mehrere geben kann. So soll Protagoras gesagt haben, „daß es zwei entgegengesetzte Aussagen (λόγοι) über jegliche Sache gebe.“ 23 In diesem Sinne kann dann auch Gorgias im gleichnamigen platonischen Dialog behaupten, daß es das größte menschliche Gut sei, die Fähigkeit zu haben, mittels Worten (τοῖς λόγοις) über andere zu herrschen. 24 Somit ist der Logos keine metaphysische Entität mehr, er wird Meinung, verliert seine Einheit, verliert seine die Gegensätze verbindende Kraft. Dennoch aber bleibt die Komponente von Macht im Logos erhalten, nur daß sie nun von Menschen gelehrt und angewandt werden kann. In Ergänzung hierzu ist auch der „homo- mensura-Satz“ des Protagoras zu nennen, da er wiederum den Mensch in den Mittelpunkt rückt, das Sein als relationale Beziehung zwischen Mensch und Umwelt beschreibt, er also weder dem Logos des Heraklit, noch den Ideen im Sinne Platons Raum läßt. Im Sophistes ist der Logos die Rede, in die das Nichtsein Eingang findet 25 , und eben jene Rede ist es, die die Sophisten für ihre Zwecke zu beherrschen vermögen und deren Dialektik in Bezug auf Meinung und Aussage zum Verständnis und zur Entlarvung der Sophistik beherrscht werden muß. 26
- Physis und Nomos: Erneut kann Heraklit als Zeuge für die Bedeutung der Worte Physis und Nomos vor der Zeit der Sophistik dienen: „Die Natur (φύσις) liebt es, sich zu verbergen.“ 27 „Denn alle menschlichen Gesetze (νόµοι) ziehen ihre Nahrung aus dem einen göttlichen.“ 28 Die Sophisten nun verwenden den Begriff der Physis im Sinne eines Gesetzes der Natur im Gegensatz zum Nomos, dem vom Mensch geschaffenen Gesetz. Der Konventionalität der menschlichen Gesetze wird das (natürliche) Recht des Stärkeren entgegengehalten, so läßt
21
Zitiert nach: Die Vorsokratiker. Hrsg. und mit Übers. und Kommentar versehen von Wilhelm Capelle.
4. A. Stuttgart, 1954, S. 136 (Fr. 32). Im folgenden zitiert als „Capelle, VST“.
22 Ebd. 136 (Fr. 31).
23 Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. 3. erweiterte A. Übers. und kommentiert von Otto Apelt. Hrsg. von Klaus Reich. Hamburg, 1990, Bd. 2, XI, 8, S. 185/ 186. Im folgenden zitiert als Laertius, LMbP“.
24 Vgl. Platon, Gorgias, 452d-e.
25 Vgl. Platon, Sophistes, 260c.
26 Ebd. 261c.
27 Zitiert nach: Capelle, VST, S. 152 (Fr. 98).
28 Ebd. S. 136 (Fr. 33).
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Christian Glasmeyer, 2000, Platons Sophistes - zur Überwindung der Sophistik und ihrer metaphysischen Implikationen, München, GRIN Verlag GmbH
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