Justus-Liebig-Universität Gießen
Vorlesung: Einführung in die Allgemeine Erziehungswissenschaft
1. Semester
Die Reformpädagogik in der Weimarer Zeit
von: Judith Düringer
Inhalt
1. Kennzeichen der Weimarer Zeit 3
1.1. Politische Merkmale der Epoche 3
1.2. Soziale und ökonomische Merkmale der Epoche 3
1.3. Geistesgeschichtlich – kulturelle Merkmale der Epoche 4
2. Die Rolle von Kindern und Jugendlichen in sozialen Formationen von Familie 4
3. Bildungs- und Erziehungsinstitutionen 6
3.1. Schule 6
3.2. Kindergarten 7
3.3. Konfessionelle Erziehung 7
4. Pädagogische Grundideen der Epoche 8
4.1. Reformpädagogische Bewegungen 9
4.1.1 Die Kunsterziehungsbewegung 9
4.1.2 Die Arbeitsschulbewegung 10
4.1.3 Die Landerziehungsheimbewegung 10
4.1.4 Die Jugendbewegung 11
5. Maria Montessori 12
5.1. Biographie 12
5.2. Grundideen der Montessori Pädagogik 13
6. Literatur 15
1. Kennzeichen der Weimarer Zeit
1.1. Politische Merkmale der Epoche
Die politische Situation der Weimarer Zeit ist in Deutschland wesentlich geprägt durch das Bemühen, nach Ende der Monarchie und verlorenem Weltkrieg einen demokratischen und parlamentarischen Neuanfang zu finden. Allein die Tatsache, dass das Parlament nach Weimar ausweichen muss, um den politischen Unruhen und Wirrnissen in Berlin zu entgehen, macht die Gefährdung des neuen politischen Systems deutlich. Zwischen links- und rechtsextremen Strömungen versucht eine Vielzahl von Parteien und Gruppen, politisch Einfluss zu nehmen und an der Macht teilzuhaben. In der Arbeiterschicht findet eine starke Identifizierung mit dem politischen System der Republik statt. Obwohl lediglich durch die Wahlen Einfluss auf die politischen Entwicklungen genommen werden kann, drückt sich eine positive „Staatsgesinnung“ in der politisch organisierten Arbeiterschaft aus. Durch die in der Verfassung repräsentierten Freiheitsrechte werden Chancen gesehen, „von der formalen zur sozialen Demokratie fortzuschreiten“1.
1.2. Soziale und ökonomische Merkmale der Epoche
Die sozialen und ökonomischen Spannungen zu Beginn der 20er Jahre resultieren zunächst aus den Folgen der hohen Reparationszahlungen, die der Versailler Vertrag Deutschland auferlegt hat. Die katastrophale Inflation der Jahre 1922 und 1923 und zunehmende soziale Polarisierung in Verlierer und Gewinner dieser Entwicklung sind die Folge. Bereits vor dem Krieg setzt in vielen Bereichen der Wirtschaft eine Monopolisierung ein, die durch die Kriegswirtschaftspolitik vorangetrieben wird und sich nach dem Krieg weiter verstärkt. Hinzu kommt eine Umstrukturierung der Wirtschaft von der Schwerindustrie (Kohle, Eisen, Stahl) zur chemischen und Elektroindustrie. Trotz dieser positiven Entwicklung wird eine produktive Kapitalentwicklung in Deutschland verhindert, da zum einen ausländisches Kapital den Markt beherrscht und zum anderen die hohen Reparationsforderungen die Gewinne abziehen. Dies führt zu Schwierigkeiten, vor allem, da in den ersten Nachkriegsjahren ein Mangel an Energie und Rohstoffen herrscht. Da es sehr viel Arbeitslosigkeit gibt, ist die einzelne Arbeitskraft recht billig, so dass man vermehrt zu Hand- und Manufakturarbeit tendiert.
1.3. Geistesgeschichtlich – kulturelle Merkmale der Epoche
Die kulturelle Situation der Weimarer Zeit versteht sich als Aufbruch aus der geistigen Enge und gesellschaftlichen Beschränkung der wilhelminischen Zeit. Expressionismus in der Kunst, das Bauhaus mit seinen linkssozialen Intentionen in der Architektur, die Entwicklung der Filmindustrie in Berlin, Musik, Varieté, Kabarett und Kleinkunst in der zweiten Hälfte der 20er Jahre: Alle diese Stationen markieren einen experimentellen Aufbruch in eine neue Zeit. Insgesamt wird deutlich: Die Weimarer Zeit stellt politisch, sozial, wirtschaftlich und geistesgeschichtlich einen Neubeginn mit vielen kreativen Ansätzen, nach der Zeit der Stagnation und des Niedergangs des Kaiserreiches, dar.
2. Die Rolle von Kindern und Jugendlichen in sozialen Formationen von Familie
Die Familie gehört zusammen mit dem unmittelbaren Wohngebiet zum primären Sozialisationsfeld von Kindern und Jugendlichen. Der Bereich Schule fällt in das sekundäre Sozialisationsfeld. Die Bevölkerung besteht zum überwiegenden Teil aus Arbeiterfamilien. Diese breite Bevölkerungsschicht ist im Zuge der industriellen Entwicklung entstanden. Aus Handwerkern wurden Fabrikarbeiter, billige Arbeitskräfte, die Tätigkeiten unter ihrer Qualifikation ausführen müssen. Betrachtet man die Arbeiterfamilie nach 1918, so ist deren ökonomische Lage durch Enge, Hunger, Sorgen und Existenznot gekennzeichnet. Meist leben 5 und mehr Familienmitgliedern in winzigen Ein- bis Zweizimmerwohnungen mit wenig Luft und Licht. Dieses proletarische Familienumfeld muss als äußerst ungeeigneter Erziehungsboden angesehen werden. Geld bestimmt die Rangordnung und den Lebensrhythmus der Familie und dies lernt das Kind von Geburt an. Es bekommt durch seine Eltern vorgelebt, dass der Vater als „Verdiener“ am meisten zählt (er bekommt bei Tisch das beste und größte Stück). Die häusliche Arbeit der Mutter zählt weitaus weniger. Durch gutes Hauswirtschaften (Sparsamkeit) kann sie sich Respekt verschaffen. Die Kinder stehen in der Rangordnung ganz unten. Sie müssen bereits in jungen Jahren durch hartes und langes Arbeiten zum Lebensunterhalt beitragen. Damit ist u. a. auch die in den meisten Fällen recht hohe Kinderzahl in den Arbeiterfamilien zu erklären. In proletarischen Familien mit vielen Kindern ist eine strenge Hierarchie vorgegeben. Das Alter zwischen 9 und 14 Jahren ist das „Ausbeutungsalter“. Die Jüngeren werden meist von den älteren Geschwistern betreut, vor allem in den Familien, in denen beide Elternteile arbeiten. Dies führt häufig zu Unterdrückungen. Die Älteren, und hier vor allem die Jungen, versuchen häusliche Arbeit zu vermeiden. Wenn sie in die Lehre kommen bürden sie diese den jüngeren Geschwistern auf. Immer wieder kommt es so zur Unterdrückung des/der nächst Jüngeren, und meist wird die Unterdrückung noch heftiger, als der/die Betreffende sie erlebt hat, ausgeführt.
[...]
1 Brandecker, Ferdinand: „Notizen zur Sozialisation des Arbeiterkindes in der Weimarer Republik“, in: Sozialisation und Bildungswesen in der Weimarer Republik. Stuttgart 1976, S. 39-54, S. 45.
Arbeit zitieren:
Judith Düringer, 2002, Die Reformpädagogik in der Weimarer Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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