Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 5
2. Geschichte und Merkmale des Utopischen Romans 11
2.1 Methodik und Sekundärliteratur 11
2.2 Schöpfung und Bedeutungswandel des Begriffs „utopisch 12
2.3 Vom Utopiebegriff zur Utopischen Literatur 14
2.3.1 Das Normative Verständnis von den Merkmalen Utopischer Literatur 14
2.3.2 Das erweiterte Verständnis 16
2.4 Die Geschichte der Utopischen Literatur 17
2.4.1 „Utopische Literatur der Antike 17
2.4.2 Die ersten Utopien der Moderne 19
2.4.3 Mond , Planeten- und Zeitutopien 21
2.4.4 Sozialkritische Utopien des 19. Jahrhunderts 22
2.4.5 Vom ersten Fortschrittspessimismus zur negativen Utopie 23
2.5 Zum Begriff der negativen Utopie 25
2.6 Zusammenfassung und Ergebnisse 26
3. Herbert George Wells: The Time Machine 28
3.1 Leben und Werk 28
3.2 Kritik und zeitgenössischer Kontext 31
3.3 Struktur 32
3.4 Erzählsituation 33
3.4.1 Rahmenhandlung 33
3.4.2 Binnenhandlung 33
3.5 Zeit 34
3.6 Charakterisierung 35
3.7 Setting 36
3.7.1 Rahmenhandlung 36
3.7.2 Binnenhandlung 37
3.8 Gesellschaftsstruktur des Jahres 801702 38
3.8.1 Eloy 38
3.8.2 Morlocks 40
3
3.9 Historische Ursachen der Entwicklung 41
3.10 Repression? 43
4. Aldous Huxley: Brave New World 44
4.1 Leben und Werk 44
4.2 Kritik und zeitgenössischer Kontext 47
4.3 Struktur 48
4.4 Erzählsituation 48
4.5 Zeit 49
4.6 Charaktere 49
4.7 Geschichte und Selbstrechtfertigung des Systems 51
4.8 Die Gesellschaftsstruktur der Brave New World 52
4.9 Formen der gesellschaftlichen Repression 53
4.9.1 Biochemische Manipulation der Embryos 53
4.9.2 Psychologische Manipulation der Kleinkinder 54
4.9.3 Familie und Sexualität 55
4.9.4 Religion 55
4.9.5 Freizeitgestaltung und Medienkonsum 56
4.9.6 Drogenvergabe 56
5. George Orwell: Nineteen Eighty-four 58
5.1 Leben und Werk 58
5.2 Kritik und zeitgenössischer Kontext 60
5.3 Strukturanalyse 61
5.4 Erzählsituation und Charakterisierung 62
5.5 Ort und Zeit der Handlung 62
5.6 Geschichte des Systems 64
5.7 Die Gesellschaftsstruktur Ozeaniens 65
5.7.1 Big Brother 65
5.7.2 Die Innere Partei 65
5.7.3 Die Äußere Partei 66
5.7.4 Die Proles 67
5.8 Formen der gesellschaftlichen Repression 68
5.8.1 Institutionen im System Ozeaniens 68
4
5.8.2 Vorschriften und Verbote 69
5.8.3 Familienpolitik 70
5.8.4 Einschränkung der Bewegungsfreiheit 71
5.8.5 Strafen 72
5.8.6 Überwachung 73
5.8.7 Manipulation 74
6.Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale 77
6.1 Leben und Werk 77
6.2 Kritik und zeitgenössischer Kontext 78
6.3 Struktur, Ort und Zeit 79
6.4 Erzählsituation und Vermittlung 80
6.5 Die Protagonistin 80
6.6 Geschichte und Selbstrechtfertigung des Systems 81
6.7 Gesellschaftsstruktur Gileads 83
6.8 Formen der Repression 85
6.8.1 Verbote und Strafen 85
6.8.2 Kontrolle 87
6.8.3 Manipulation 88
6.8.3.1 Umerziehung im Red Center 89
6.8.3.2 Aggressionslenkung in den Salvagings 90
7. Ergebnisse und Schluss 92
7.1 Kontrastive Analyse 92
7.2 Formen der Repression 93
7.3 Bewertung aus heutiger Sicht 94
7.4 Diskussion der Sekundärliteratur 95
Literaturverzeichnis 97
1. Einleitung
Die Möglichkeit, Informationen auch indirekt, über ein System kodifizierter Symbole zu verbreiten, befähigt uns Menschen - im Gegensatz zu allen anderen uns bekannten Lebewesen - nicht nur, unser Wissen einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die bei weitem größer sein kann, als sie durch mündliche Kommunikation zu erreichen wäre. Die Fähigkeit, indivuelle oder kollektive Erfahrungen an seine Nachkommen weiterzugeben, ist eine der Grundlagen der kulturellen Entwicklung des Menschen. Ohne überliefertem Wissen, auf dem unsere gesamte Zivilisation errichtet ist, und das als Basis für unsere heutigen Erkenntnisse dient, müsste es von jeder folgenden
Generation, über den mühsamen Weg von Versuch und Irrtum, erst wieder neu erarbeitet werden. Daraus ergibt sich die herausragende Stellung, die der Literatur innerhalb des Kanons der menschlichen kulturellen Leistungen zukommt.
Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern war im Laufe der menschlichen Kulturgeschichte bestimmt oftmals eine ganz besondere Motivation für den Schreibenden, Literatur zu schaffen. Mit ihrer Hilfe ist ein Mensch in der Lage, einen Teil seiner Gedankenwelt über seinen Tod hinaus zu erhalten. Nicht nur die Summe seiner Erfahrungen, sondern auch seine daraus gewonnenen Schlussfolgerungen und Ansichten kann er durch sie an kommende Generationen weitergeben und hoffen, mit ihnen das Denken seiner Nachfahren zu beeinflussen. Geht man davon aus, daß menschliches Handeln das Ergebniss der Summe menschlicher Bewußtseinprozesse ist, so ist ein Individuum, zumindest mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit, in der Lage, über Literatur auf
6
zukünftige individuelle oder gesellschaftliche
Entscheidungen und Entwicklungen Einfluß zu nehmen. Beispiele für diese im ersten Moment etwas gewagt scheinende Behauptung gibt es zuhauf: Wie würde wohl unsere Geschichte aussehen, hätte es die Bibel, den Koran, die Thesen Martin Luthers nicht gegeben? Auch ohne unser Grundgesetz, das von den Erfahrungen der Kriegsgeneration geprägt ist, wäre unsere
Lebenswirklichkeit heute in Deutschland sicher anders. Aber auch problematische religiöse, ideologische und kulturelle Differenzen sind nicht zuletzt auf die überlieferten Ansichten unserer Vorfahren und deren Interpretation begründet. Diese tradierten Erfahrungen und Meinungen waren (und sind) natürlich immer subjektiv und müssen nicht der objektiven Wirklichkeit entsprechen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit
gesellschaftsprägender Literatur kann daher ein wichtiges Hilfsmittel sein, nicht nur um unsere heutige Zeit besser zu verstehen, sondern auch um mögliche künftige Tendenzen zu erkennen.
Eine besondere Relevanz haben in diesem Kontext natürlich diejenigen Werke, in denen eben diese möglichen Entwicklungswege und -ziele der menschlichen Gesellschaft für die Zukunft in Romanform thematisiert werden, insbesondere, wenn jene grundlegend anders sind als heute. Gerade die Literatur, in der eine paradiesische Zukunft ohne individuelles oder kollektives Leid - wie beispielsweise Hunger, Armut, Krieg und Unrechtdargestellt wird, übt eine große Anziehungskraft auf viele Menschen aus, eben weil die meisten Menschen solche Nöte selbst erfähren mussten oder sich vor ihnen fürchten. In diesem Versprechen liegt der Erfolgt der utopischen Literatur.
7
Bei der Verwirklichung der literarisch prophezeiten Utopien, so muß man leider feststellen, sind die Menschen dann oftmals schnell bereit gewesen, dies auf Kosten anders Denkender zu tun, man denke nur an Inquisition und Jihad. Auch der diktatorischen Praxis vieler Ostblockstaaten lag der Gedanke zu grunde, ein kommunistisches Paradies ließe sich nur dann verwirklichen, wenn man mit Hilfe von Überwachung und Repression sicherstellen könne, daß kein innerer oder äußerer Feind die Entwicklung zu stören vermöge. Karl Marx hatte mit seinem Historischen Materialismus die Utopie einer gleichberechtigten, klassenlosen Gesellschaft ohne idividuellem Eigentum als Ziel der menschlichen Entwicklung geschaffen, auf der diese Systeme ideologisch fundierten, und durch ihre die sie ihre rep ressiven Methoden rechtfertigten.
Wenn also die literarische Darstellung idealer Zustände oftmals das Gegenteil vom Erhofften bewirkt hat, könnte dieser Zusammenhang dann auch auf Werke übertragen werden, die stattdessen eine extrem negative Zukunft beschreiben? Können oder konnten solche Werke eine so hohe Wirksamkeit bezüglich ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz entfalten wie ihre positiven Pendanten? Mit diesen Fragen nähern wir uns der Aufgabenstellung, die dieser Arbeit zu Grunde liegt. Gesellschaftliche Repression ist schon praktisches Ergebnis literarischer Utopie gewesen, in der eine repressionsfreie Zukunft dargestellt wurde, und meist ein zentrales Motiv in der „negativen Utopie", der Dystopie. Deshalb steht die Auseinandersetzung mit ihren Formen im Mittelpunkt dieser Arbeit. Um die Begriffe „Utopie" und „Dystopie" klar definieren und exakt verwenden zu können, sollen sie zunächst im ersten Kapitel auf Geschichte, Bedeutung und Interpretation hin untersucht und die unterschiedlichen
8
Auffassungen diskutiert werden. Die bedeutensten Autoren und Werke dieser Form der Literatur, in ihrem historischen Kontext, die anschließend kurz angesprochen werden, dienen nicht nur als Beispiele, an ihnen können auch schon grundlegende Merkmale der Gattung erarbeitet werden. Die Ergebnisse werden dann im zweiten Teil dieser Arbeit aufgegriffen und mit ihrer Hilfe vier Romane, die als typische Vertreter der Dystopie gesellschaftliche Repression als ein zentrales Motiv beinhalten, analysiert: H.G. Wells The Time Machine, Aldous Huxleys Brave New World, George Orwells Nineteen Eighty-four und Margaret Atwoods The Handmaid's Tale. Vier Hauptgründe sind für diese Auswahl verantwortlich:
- Alle vier Werke wurden in Englisch verfasst. Bedenkt man die Bedeutung, die diese Sprache als quasi - lingua franca für die internationale Kommunikation, gerade im Zeitalter der Massenmedien, hat, englischsprachige Literatur also viel mehr Menschen erreicht als beipielsweise koreanische, gewinnt gerade dieser Aspekt enorme Bedeutung für das Verständnis des Zusammenhangs von Literatur und Gesellschaftsentwicklung.
- Die Romane lassen sich gut miteinander vergleichen, was Grundbedingung für aussagekräftige Ergebnisse ist. Die Muttersprache aller vier Authoren ist (oder war) Englisch, und als Weiße waren sie nicht mit dem Problem rassischer Diskriminierung - was Einfluß auf den Inhalt der Werke haben könnte - konfrontiert.
- Als reizvollen Kontrast zu den drei erstgenannten Werken, die als klassisches Dreigestirn der negativen Utopien längst zur Weltliteratur zählen, ist Atwoods preisgekrönter Roman nicht nur aktuelleren Datums, als einziger ist er auch aus dem Blickwinkel einer Frau geschrieben, könnte deshalb die Frage nach dem
9
Verhältniss der Geschlechter zueinander (ebenfalls ein wichtiges Motiv in den Dystopien) anders gewichten , als es in den Klassikern der Fall ist.
- Die vier Romane decken in etwa die letzten einhundert Jahre ab, wir sind also eher in der Lage die
Gedankenwelt des Schreibenden nachzuvollziehen, als es etwa bei einem Schriftsteller der Antike der Fall wäre. Mögliche Auswirkungen der Werke - auf die Gesellschaft oder zumindest andere Werke - bleiben in diesem Zeitrahmen untersuchbar. Durch die Bekanntheit der Werke wäre auch eine Bezugnahme innerhalb dieser vier denkbar.
Um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, wird bei allen vier Werken die gleiche Methodik angewendet, die nun kurz beschrieben wird. Um die Romane wirklich verstehen und analysieren zu können, wird, vor der eigentlichen Analyse der Texte kurz das Leben des jeweiligen Autors beleuchten. Dabei sind sowohl der persönliche Kontext des Schreibenden, etwa Bildung, gesellschaftliche Stellung, politische Ansichten oder persönliche Motivationen, als auch das historisch-politische und kulturelle Umfeld sowie die Bewertung des Werkes durch die Literaturkritik von Bedeutung. In der anschließenden Textanalyse werden dann zuerst die Struktur des Romans, Ort und Zeit der Handlung und die Erzählperspektive vorgestellt. Anhand der dargestellten Charaktere und ihrer Position innerhalb des beschriebenen Gesellschaftssystems wird dieses dann bezüglich seiner besonderen Eigenheiten diskutiert. Dabei geht es, pointiert formuliert, um die folgende Frage: Wer unterdrückt wen, wie, und warum? Täter und Opfer (sofern eine klare Unterscheidung möglich ist) sollen charakterisiert werden, insbesondere ihrer Einstellung gegenüber dem System ist
10
hier von Interesse. Formen und Mittel der Repression, wie Manipulation, Überwachung, Verbote und Strafen, aber auch deren Ursachen und Auswirkungen, sowie
Rechtfertigung durch die „Unterdrücker" sollen dabei untersucht werden.
Im letzten Abschnitt dieser Arbeit werden die einzelnen Ergebnisse dann zusammengefasst und miteinander verglichen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den Hintergründen und Formen der dargestellten repressiven Systeme sollen herausgestellt und besprochen werden. Inwieweit die Autoren miteinander übereinstimmen, sich aufeinander beziehen, ihre Prophezeiungen sich bewahrheiten könnten oder bereits haben, ist ebenso Teil dieses Kapitels wie die Frage, in welchem Ausmaß ihre Werke nun das Denken und Handeln der Lesenden tatsächlich beeinflußt haben könnten. Die formale Gestaltung dieser Magisterarbeit richtet sich nach dem vom Institut für Englische
Literaturwissenschaften herausgegebenen Merkblatt zur Erstellung schriftlicher Hausarbeiten 1 .
11
2. Geschichte und Merkmale des Utopischen / Dystopischen Romans
2.1 Methodik und Sekundärliteratur
In diesem Kapitel werden die grundlegenden Fragen, die sich im Zusammenhang mit einer Arbeit über die Gattung der utopische Literatur stellen, erörtert, da ein Verständnis der Charakteristika der negativen Utopie ohne Vorkenntnisse über die literarische Utopie insgesamt, sowohl in ihrer Geschichte, als auch in ihren Inhalten, nicht möglich ist. Für die einleitende Klärung des Utopiebegriffes waren vor allem Hiltrud Gnügs Erläuterungen in der Einführung Der Utopische Roman und die Aufsätze „Die Geschichte des Utopiebegriffes" von Hans Ulrich Seeber und „Für einen erweiterten Utopiebegriff" von Klaus L. Berghahn aus ihrer Aufsatzsammlung Literarische Utopien von Morus bis zur Gegenwart wegen ihres hohen Informationsgehaltsspeziell was die unterschiedlichen Auffassungen über den Begriff der utopischen Literatur betrifft - geeignet. Für die Geschichte der utopischen Literatur und ihres zeitgenössischen Kontextes fanden die Einträge in den Besprechungen zu Huxleys Brave New World von Reiner Poppe und Christoph Bode aus zwei Gründen die meiste Beachtung. Zum einen beleuchteten sie die Werke und ihren Hintergrund zwar knapp, aber immer präzise und verständlich. Zum anderen enthalten sie wichtige Informationen, die andere, ausführlichere Beschreibungen nicht enthalten. Auch in diesem Teil kam wieder Hiltrud Gnügs Werk zur Anwendung, genauso wie Eintragungen aus Kindlers Neuem Lieraturlexikon, daß vor allem bei der utopischen Literatur der Antike hilfreich war.
12
2.2 Die Schöpfung und der Bedeutungswandel des Begriffs „utopisch"
Was bedeutet eigentlich das Wort „utopisch"? Bekanntlich kann das Adjektiv - sowohl im Deutschen als auch im Englischen - zwei grundsätzlich verschiedene Bedeutungen haben: Zum einen „unmöglich, nicht realisierbar", zum anderen „wünschenswert, ideal, paradiesisch". Die Begriffsgeschichte des Wortes hängt mit der Geschichte des Utopischen Romans zusammen. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil eine Klärung des Begriffs für eine Arbeit über Utopische Literatur selbstredend unumgänglich ist, soll seine Geschichte im Folgenden kurz nachgezeichnet werden. Die Wortschöpfung utopia geht auf den englischen Politiker und Juristen Thomas More (in manchen Quellen auch Thomas Morus genannt 2 ) und dessen Roman „De optimo rei publicae statu sive de nova insula Utopia“ (erschienen 1516) zurück. Der Begriff setzt sich aus dem Wortstamm topos (griechisch für Ort) und dem Präfix ou zusammen, das eigentlich als „nicht“ übersetzt werden müsste, zusammen - Utopia ist also, wörtlich übersetzt, ein Nicht - Ort 3 . Da man im Englischen das ou aber wie eu (das griechische Präfix für „gut“) ausspricht, ergibt sich noch eine zweite mögliche Bedeutung des Begriffs Utopia: Gut -Ort. 4 Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, das diese Form der Wortbildung eigentlich im Griechischen nicht korrekt ist. Seeber 5 vermutet, das More dem Kenner des
13
Griechischen damit schon einen Hinweis auf den fiktiven Charakter seiner Konstruktion geben möchte. Nach der Übersetzung des Werkes durch Ralphe Robynson im Jahre 1551 dringt das Wort in die englische Sprache ein und bezeichnet zuerst - wie im Roman - einen Ort, in dem ideale soziale Institutionen für vollkommene soziopolitische Zustände sorgen, was an einem Beleg aus dem Jahre 1642 deutlich wird: „That new Utopia of Religion and Government into which they endeavour to transform this Kingdom“ 6 . Der Begriff des Utopischen war also im damaligen Sprachgebrauch noch keine Bezeichnung einer literarischen Gattung. Im Siebzehnten und Achtzehnten Jahrhundert setzte sich dann allmählich die negative Konnotation des Begriffes im Sprachverständnis der Menschen durch, das Adjektiv „utopisch“ bezeichnete immer mehr eine als unrealisierbar erachtete Schimäre, wie an folgendem Beleg aus dem Jahre 1646 deutlich wird: „that’s but a Utopian consideration, a possibility which never comes into Act“ 7 . Dieser Gedanke der Unrealisierbarkeit der Utopie, also des idealen
Sozialwesens, aus dem sich die dann die Gleichsetzung der Begriffe utopisch / unmöglich entwickelte, und die bis heute fortdauert, verstärtkte sich seit dem späten 19. Jahrhundert 8 . Grund dafür war einerseits der fiktive Charakter der Literatur, andererseits die Kritik von marxistischer Seite, etwa von Friedrich Engels, der in seinem Werk Die Entwicklung des Socialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1883) den Sozialutopien ihren „nicht realisierbaren Charakter" 9 .
14
2.3 Vom Utopiebegriff zur Utopischen Literatur
Hiltrud Gnüg 10 weist darauf hin, daß durch die Lösung des Utopiebegriffs von seiner ursprünglichen Konnotationdem Prototyp des Utopischen Romans, die Utopia des Thomas More, auf die ich später noch eingehen werdeeine einheitliche Definition des Utopiebegriffes unmöglich macht. Klammert man die - häufiger mit dem Adjektiv „utopisch" als mit dem Nomen Utopie assoziierte -Bedeutung „unmöglich, absurd, niemals realisierbar“ für eine Inhaltscharakterisierung einmal aus und beschränkt sich für eine Annäherung an eine Definition der utopischen Literatur auf die Bedeutungen „(noch) nicht existent“ (aber nicht absurd, sondern im Bereich des Erreichbaren), so steht man trotzdem vor der Frage, wie streng die weiteren Charakteristika sein sollen, die über die Zuordnung eines Werkes zur Gattung der utopischen Literatur entscheidet. Über diese Frage besteht auch in der Literaturwissenschaft Uneinigkeit, es lassen sich hierbei zwei Hauptströmungen ausmachen, die ich hier kurz beschreiben und diskutieren möchte:
2.3.1 Das normative Verständnis von den Merkmalen utopischer Literatur
Eine enge Auslegung des Begriffs „utopische Literatur“ sieht diesen als eigene Literarische Gattung mit spezifischen Merkmalen, deren Prototyp Thomas Mores Utopia ist. So findet sich beispielsweise im Sachwörterbuch der Literatur folgende Definition: 11
15
[...] nach dem Titel von Th. MORUS’ → Staatsroman Utopia (1516) gebildete Bz. Für e. nur in gedankl. Konstruktion in e. imaginierten, räumlich oder zeitlich entfernten Welterreichbaren, praktisch nicht zu
verwirklichenden Idealzustand von Menschheit, Staat und Gesellschaft [...]
Fasst man den Begriff „utopische Literatur“ sehr eng, schließt man wichtige Werke, die für das Verständnis der utopischen Literatur wichtig sind, von vornherein aus. Fordert man beispielsweise, utopische Literatur müsse immer auf eine mögliche, künftige Entwicklung gerichtet sein, so wären Ovids Metamorphosen als Beschreibung des „goldenen Zeitalters“ als Teil der Geschichte, von vornherein von der Betrachtung ausgeschlossen. Viele darin enthaltene Gedanken sind aber Basis für das in vielen späteren Werken als grundlegend für eine ideale Gesellschaft erkannte Menschenbild, und sollten daher nicht unberücksichtigt bleiben.
Auch Platons Politeia, das als Vorbild und Inspiration für Thomas Mores Utopia gilt, und deshalb für das Verständnis des utopischen Romans unverzichtbar ist, bliebe unberücksichtigt, wenn man beispielsweise die Romanform als gattungsprägendes Merkmal utopischer Literatur sähe, da es als philosophischer Dialog verfasst wurde und den idealen Staat „nur im Modus des Sollens“ darstellt und deshalb „nicht der Forderung einer „literarischen Fiktion [entspricht]“ 12 .
16
2.3.2 Das erweiterte Verständnis
Die offene Auslegung des Begriffs „utopische Literatur“ reicht von der Forderung, dieser Gattung nicht nicht ausschließlich Prosatexte zuzuordnen, bis hin zur verallgemeinernden Behauptung „Literatur ist Utopie“, für die sich folgendes Beispiel findet:
Literatur ist Utopie in dem gewiß sehr weiten Verstande, daß sie nicht identisch mit der Realität ist, die uns als Natur und Gesellschaft gegenübertritt. Sie ist Utopie in dem sehr viel präziseren Sinn, daß ihre Beziehung zu dieser Realität wie die der Erfüllung zum Mangel ist. 13
Als wichtigste Befürworter dieser Aufweitung des Utopiebegriffes gelten Ernst Bloch und Karl Mannheim. Bloch kritisierte in seinem Werk Prinzip Hoffnung die Einschränkung des Utopiebegriffs auf Romane, die in „Thomas Morus-Weise“ 14 verfasst wurden mit folgendem Vergleich: „Das wäre, als wollte man die Elektrizität auf den Bernstein reduzieren, von dem sie ihren griechischen Namen hat und an dem sie zuerst bemerkt worden ist“ 15 . Karl Mannheim sieht in seinem Buch Utopie und Ideologie das „utopische Bewußtsein“ als Grundlage der Utopie, „das sich mit dem umgebenden `Sein´ nicht in Deckung befindet.“ 16 Utopie fängt also bereits dort an, wo die Wirklichkeit nicht den Vorstellungen des Individuums entspricht.
Für dieses erweiterte, flexiblere Literaturverständnis plädieren heute die meisten Literaturwissenschaftler 17, eben
17
weil es eine Betrachtung vieler wichtiger und interessanter Werke, die nicht erzählende Prosa fiktiven Charakters sind, nicht ausschließt. Problematisch hierbei ist, das bei einer zu offene Auslegung des Begriffs „utopische Literatur“ dieser an Präzision verliert und nicht mehr exakt genug ist, um wissenschaftlich verwendet werden zu können. Eine Ausweitung des Begriffes auf sämtliche Literatur, die einen nicht wirklichkeitsbeschreibenden, ideellen Charakter hat, würde nämlich bedeuten, daß er beispielsweise, wie Arthur O. Lewis feststellt, die „Verfassung der Vereinigten Staaten, das Manifest der Weathermen oder die Kommentarspalten der New York Times“ beinhalten müßte. 18
2.4 Die Geschichte der utopischen Literatur
2.4.1 „Utopische Literatur“ der Antike
Bewußt wurde der Terminus „Utopische Literatur“ in der Überschrift dieses Unterkapitels in Anführungszeichen gesetzt, schließlich wurde das Attribut „utopisch“ erst grob zweitausend Jahre nach den im Folgenden kurz vorgestellten Werke geprägt. Für ein genaues Verständnis utopischer oder anti-utopischer Literatur dürfen diese trotzdem nicht unbeachtet bleiben: Viele Merkmale, die unser heutiges Utopieverständnis prägen, finden sich schon in den Schriften jener Zeit. Dazu zählen, neben der hier unberücksichtigt bleibenden, uns wohlbekannten
Darstellung des Paradieses in der christlichen Mythologie („Garten Eden“), vor allem zwei Werke, die immer wieder die Phantasie späterer Autoren utopischer Romane beflügelten und deshalb in fast jeder von mir verwendeten Sekundärliteratur zur Sprache kommen: Platons Politeia
18
und Ovids Metamorphosen. Eine kurze
Auseinandersetzung mit diesen beiden Klassikern sollte deshalb bereits einige spezifische Charakteristika utopischer Literatur zu Tage fördern. Platons zehnbänder, philosophischer Dialog (entstanden zwischen 387 und 367 v. Chr.) 19 beschäftigt sich mit der Frage, wie ein idealer, gerechter Staat beschaffen sein müßte. Vermutet man nun (nach unserem heutigen Verständnis) liberale und fortschrittliche Ideen in seinem Werk, sieht man sich getäuscht: Allenfalls die Gleichberechtigung von Mann und Frau mag Plato verwirklicht wissen. Alle anderen Ideen, die ihm erstrebenswert scheinen, schrecken einen Leser unserer Tage eher ab: Die Einteilung der Bevölkerung in drei Kasten (Herrscher, Wächter und Arbeiter), Das Verbot der freien Partnerwahl zugunsten eines manipulierten Lossystems, um (wie in der Viehzucht) bessere Nachkommen zu produzieren, die Abschaffung der Familie, die Trennung der Kinder von den Eltern und ihre Ausbildung in Heimen 20 . Viele dieser Aspekte eines „optimalen" Staats finden sich, zwei Jahrtausende später, in den Anti-Utopien wieder.
Ovids Metamorphoseon Libri, entstanden zwischen 1 v. Chr. und 10 n. Chr. 21 gehört zu den meistgelesenen Werken der Antike 22 . Motive der griechischen und italischen Mythologie stehen im Mittelpunkt dieses Sagengedichtes, in dem Ovid die Geschichte der Welt, vom ursprünglichen Chaos bis hin zur imperialen Ordnung des Kaisers Augustus in einer quasi - historischen Abfolge ineinander nachzeichnet. 23 verwebter Geschichten Zwei
19
Besonderheiten seines Werkes scheinen mir besonders erwähnenswert zu sein: Zum einen fehlt ihm ein zentraler Protagonist, stattdessen wird eine Vielzahl
unterschiedlichster Charaktere vorgestellt, zum anderen stehen eben diese Menschen - nicht die Götter - im Mittelpunkt der Handlung. Von besonderem Interesse ist der zweite Teil der Metamorphosen, den Ovid „Die vier Weltalter“ nannte und in dem er die Entwicklung - oder besser gesagt: die moralische Degeneration - der Menschheit nach der Schöpfung nachzeichnet. Als erstes, so dichtet er, hätten die Menschen im goldenen Zeitalter gelebt, dessen Beschreibung bereits viele Ideen enthält, auf die wir im weiteren Verlauf (etwa bei The Time Machine) wieder stoßen werden: Es gab kein Staatswesen - und damit weder Gesetz noch Justiz, keine Kriege, weil andere Völker noch unbekannt waren, und keine anstrengende Feldarbeit oder Hunger, da die Natur ohne menschliches Zutun diese üppig versorgt.
2.4.2 Die ersten Utopien der Moderne
Zwischen den besprochenen antiken Entwürfen einer idealen Gesellschaftsordnung und dem Erscheinen des ersten utopischen Romans der Moderne, Morus Utopia (1516), liegt eine beträchtliche Zeitspanne. Er wichtigste Grund dafür ist das von der christlichen Kirche vertretene Dogma, ein Paradies auf Erden sei nicht erreichbar, was mit der angeborenen Schlechtigkeit und Sündenhaftigkeit der Menschen (Erbsünde) begründet wurde. Stattdessen wurde auf das Reich Gottes, das erst nach dem Tode, und nur nach einem Leben im Einklang mit den Geboten Gottes (d.h. der Kirche), zu erreichen wäre, verwiesen 24 .
20
Aus diesem Grund markiert das Erscheinen der Utopia nicht nur die Wiederentdeckung bzw Neudefinition einer literarischen Form, sondern auch eine Veränderung im Selbstverständnis der Menschen. Morus Reisebericht über eine ferne Insel, auf der eine gerechte Gesellschaft die Rechte des Einzelnen garantiert, ist jedoch nicht nur eine Kritik an jener, den Menschen als unfähig zum irdischen Glück herabwürdigenden und damit entmündigenden, kirchlichen Lehrmeinung zu sehen. Vielmehr beinhaltet sein Werk, durch den Kontrast der Gesellschaft mit der Großbritanniens, eine indirekte Kritik an den damals herrschenden Bedingungen.
Tomasso Campanellas Sonnenstaat (Civitas Solis, 1613) beschreibt zwar auch eine ideale Gesellschaft an einem entfernten Ort, jedoch unterschieden sich seine Vorstellungen von denen Morus' in einigen Punkten. So entwirft er in seinem Staatsroman „ein zentralistisches Ordnungssystem, in dem das Lebgen der Bürger bis ins kleinste Detail reglementiert wird [...]: Selbst der optimale Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs wird vom Arzt und Astrologen bestimmt" 25 . Die von ihm beschriebene Gesellschaft kommt jedoch ohne Sklaverei aus und stützt sich auf die Erkenntnisse der noch jungen Naturwissenschaften 26 . Dieser Beitrag der Wissenschaft zur Emanzipation des Menschen ist in Francis Bacons Nova Atlantis (1627) so vollkommen realisiert, daß man „hier zu Recht von einer technisch-naturwissenschaftlichen Utopie spricht" 27 .
Arbeit zitieren:
Andreas Hennings, 2004, Die Auseinandersetzung mit Formen gesellschaftlicher Repression in negativen Utopien von Wells bis Atwood, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
The depiction of utopia and dystopia in modern feminist literature by ...
Seminararbeit, 24 Seiten
Kafka "Die Verwandlung" - Eine gesellschaftskritische Erzähl...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 28 Seiten
Sünde und Erlösung in den "Confessiones" des Heiligen August...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Hausarbeit, 26 Seiten
Elemente des Film Noir in David Lynchs "Mulholland Drive"
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit, 28 Seiten
Die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Essay, 6 Seiten
Alterität und Identität in Rom
Die „deutsche Insel“ Villa Mas...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit, 44 Seiten
Kino des Gehirns. Evolutionsdiskurs und Semiotik in Stanley Kubricks &...
Amerikanistik - Kultur und Landeskunde
Hauptseminararbeit, 27 Seiten
Die Macht der Technik am Beispiel des Films 2001: Odyssee im Weltraum
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Seminararbeit, 17 Seiten
Die notwendigen Veränderungen der Angebotsgestaltung auf dem Musikmark...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Diplomarbeit, 163 Seiten
Elemente des Film Noir in den Filmen "Blue Velvet" und "...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Magisterarbeit, 160 Seiten
Sprachwissenschaftliche Analyse von Bild, Schrift und Sprache in Print...
Magisterarbeit, 125 Seiten
Brave New World - Welchen Beitrag leisten Utopien für die Frage nach d...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Seminararbeit, 24 Seiten
"Dialektik der Aufklärung" - Die Theorie und ihre Umsetzung ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Andreas Hennings hat den Text Die Auseinandersetzung mit Formen gesellschaftlicher Repression in negativen Utopien von Wells bis Atwood veröffentlicht
Andreas Hennings hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare