Inhaltsverzeichnis
I Allgemeine und theoretische Überlegungen zur Utopie und zur Robinsonade 3
1. Utopie 3
a) Erste Begriffsdefinitionen 3
b) Häufig auftretende übergreifende Merkmale 4
c) Systeme zur Kategorisierung von Utopien und Strukturen einzelner Formen 5
d) Inhaltliche und thematische Elemente 7
2. Robinsonade 8
a) Erste Begriffsdefinitionen 8
b) Inhaltliche und formale Merkmale 8
c) Sonderfälle 9
II Potentiale und philosophische Aspekte utopischen Denkens 10
a) Utopie und ihr Verhältnis zur Realität 10
b) Ansätze zur Utopie-Kritik 10
III Historischer Überblick über die Entwicklung der literarischen Gattungen Utopie
und Robinsonade 12
1. Utopie 12
2. Robinsonade 14
3. Satire auf utopisches Denken 15
Literaturverzeichnis................................................................................................................17
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I. Allgemeine und theoretische Überlegungen zur Utopie und zur Robinsonade 1
1. Utopie
a) Erste Begriffsdefinitionen
Bevor ich die Ergebnisse und Überlegungen meiner Beschäftigung mit der literarischen Tradi- tion der Utopie und der Robinsonade, wie sie sich für Ludvig Holberg darstellte, darlege, will ich mir zu Einführung die beiden Begriffe an sich jeweils genauer anschauen. Denn obwohl man sie, zumindest den Begriff ‚Utopie’, im Alltag ab und zu zwar gebraucht, kann man sich oft wohl nicht wirklich etwas Konkretes darunter vorstellen. Eine grundsätzliche Klärung kann somit vorab bestimmt nicht schaden.
Der Begriff ‚Utopie’ lässt sich etymologisch folgendermaßen herleiten: Das Wort hat im Alt- griechischen in dieser Form nicht existiert, lässt sich aber aus den Wörtern ‚où’ (=nicht) und ‚topós’ (=Ort) zusammensetzen 2 und bedeutet dann wohl soviel wie ‚Nichtland’ oder ‚Ni r- gendland’. Wir haben es hier jedoch, wie Wolfgang Biesterfeld es beschreibt, mit einer „hu- manistischen Neubildung“ 3 zu tun, das heißt der Titel von Thomas Morus Werk Utopia, der namengebend für die literarische Gattung war, ist eine Wortneuschöpfung, die hier das erste Mal auftritt. Auch wenn der Begriff mittlerweile natürlich allgemeiner verwendet wird, so hat er doch einen literarischen Ursprung.
Um einen ersten Bedeutungshorizont des Wortes zu eröffnen, möchte ich nun einige Definiti- onen gegenüberstellen. Im dtv-Lexikon ist folgende Grunddefinition zu finden: „Schilderung eines erdachten (erhofften oder befürchteten) Gesellschaftszustandes als Leitbild oder Korrek- tur bestehender Verhältnisse“. 4 Ein Fremdwörterbuch sieht darin ein „Wunschbild einer menschlichen Gesellschaftsordnung, die nicht zu verwirklichen ist, weil es keine reale Grund- lage besitzt; übertragen für Schwärmerei, Hirngespinst“. 5 Diese Definition erinnert mich an den Alltagsgebrauch des Wortes, wo mit ‚utopisch’ meistens eben ein solches ‚Hirngespinst’ bezeichnet wird. Karl Acham spricht dagegen von einem „phantasiemäßig konzipierten Zu- stand als positives oder negatives Ziel, auf den sich die gesellschaftliche Entwicklung idealiter oder faktisch hinbewegt“. 6 Für mich persönlich habe ich folgende Grunddefinition gebildet: eine fiktionale ‚Gegen-Welt’ zur realen Welt.
Als literaturwissenschaftlicher Begriff bezeichnet ‚Utopie’ natürlich eine literarische Gattung. Dies sind meistens ‚Staatsromane’, die, oft im Zusammenhang mit Reisebeschreibungen, von einem ‚fremden’ Staat berichten. Diese Gegenwelten sind, wie Acham bemerkt, meist mä r- chenhaft verschlüsselt. 7 Doch obwohl hier die Utopie „durch das Erzählen von Geschichten“ 8 1 Diese Überlegungen beziehen sich weitgehend auf die Literaturgeschichte vor Ludvig Holbergs Niels Klim von 1741.
2 Vgl. Acham, Karl: Utopie und Gesellschaft. In: Utopie. Gesellschaftsformen, Künstlerträume. Hg.v. Götz Po- chat und Brigitte Wagner. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, 1996, S. 9. (Künftig zitiert: Acham: Utopie und Gesells chaft.) 3 Biesterfeld, Wolfgang: Die literarische Utopie. Stuttgart: Metzler, 1982, S. 1.
(Künftig zitiert: Biesterfeld: Die literarische Utopie.) 4 dtv-Lexikon. Mannheim/München: Brockhaus/dtv, 1992, Band 19, S. 73. (Künftig zitiert: dtv-Lexikon.) 5 Fremdwörterbuch. Leipzig: VEB, 1966, S. 744. (Künftig zitiert: Fremdwörterbuch.) 6 Acham: Utopie und Gesellschaft, S. 9.
7 Vgl. ebd., S. 14.
8 Müller, Götz: Gegenwelten. Die Utopie in der deutschen Literatur. Stuttgart: Metzler, 1989, S. 9. (Künftig zitiert: Müller: Gegenwelten.)
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konstruiert wird, ist es wichtig, einen Unterschied zur ‚phantastischen Literatur ’ zu sehen, da hier keine wirklichen Gegenbilder entworfen werden. 9
An diesen vielfältigen, unterschiedlichen Grunddefinitionen deutet sich schon die Komplexi- tät und Widersprüchlichkeit des Themas an.
b) Häufig auftretende, übergreifende Merkmale
Grundsätzlich sind literarische Utopien „intentionale Texte“. 10 Sie stellen zwar nicht zwangs- läufig umfassende politisch-gesellschaftliche Programme dar, doch entstehen aus einem ‚An- trieb’, der über die bloße Unterhaltung hinausgeht. Die intendierte Kritik am Ist-Zustand er- schließt sich jedoch oft nur indirekt aus dem Vergleich von dargestellter ‚Gegen-Welt’ und der Realität.
Daher sind sie immer auch auf die momentane reale Situation bezogen. Wolfgang Braungart formuliert dies, meiner Meinung nach, sehr treffend: Die Utopien „kommen über die Realität nur hinaus, indem sie ihr verhaftet bleiben“. 11 Er beschreibt die Konstruktionstechnik von Utopien an gleicher Stelle als ‚Verändern’ eines empirisch und historisch erfassbaren Zustan- des durch bestimmte Mittel wie transzendieren, distanzieren, idealisieren, ironisieren oder hypostasieren.
Natürlich sind die Texte auch immer stark vom persönlichen Umfeld des Autors und seinem Empfinden der Welt geprägt. Götz Pochat erwähnt in seinem Vorwort zu dem von ihm he- rausgegebenem Band Utopie. Gesellschaftsformen, Künstlerträume, dass Utopien somit in gewisser Weise auch als Wunschvorstellungen eines Einzelnen gesehen werden können, de- ren Zweck die „Befreiung seines Ichs aus der Enge der eigenen Existenz und Umwelt“ ist. 12 Doch setzen sich die Texte immer mit dem Verhältnis von Individuum und sozialer Gemein- schaft auseinander. 13 Oft stellen sie gigantische Sozialprogramme vor, sind also keine persön- lichen Träumereien der Autoren.
In der Literatur wird die Verwirklichung der utopischen Visionen möglich. Hier wird „der Konjunktiv irrealis als eigentlicher Modus der Utopie“ 14 in den Indikativ verwandelt. Die Idee muss, wie Götz Müller betont, historisch oder empirisch nicht real sein, existiert aber an sich im Gedanken als reale Wahrheit. 15 Man kann in diesem Zusammenhang auch einen ‚Spielcharakter’ der Utopie sehen. In einem in sich geschlossenen Universum als geschlossenes Spielsystem werden Grundbedingungen festgelegt, deren Folgen dann ‚durchgespielt’ werden. 16 Die zwei wichtigsten inhaltlichen Motive von Utopien sind wohl folgende:
1. Abschirmung/Separation: Der Raum der Utopie ist meistens zur zeitlichen Realität der
realen Welt oder zumindest zur geographischen Realität des zivilisierten Europas ab- gegrenzt.
2. Reise: Der Weg zur Utopie wird meistens als Reise beschrieben. Dieses Motiv steht
oft auch für ‚Realitätsflucht’, für den „zeitversetzenden Traum“. 17 Müller erwähnt die 9 Vgl. Biesterfeld: Die literarische Utopie, S. 8.
10 Braungart, Wolfgang: Die Kunst der Utopie. Vom Späthumanismus zur frühen Aufklärung. Stuttgart: Metzler, 1989, S. 10. (Künftig zitiert: Braungart: Die Kunst der Utopie.) 11 Ebd., S. 10.
12 Pochat, Götz: Vorwort. In: Utopie. Gesellschaftsformen, Künstlerträume. Hg.v. Götz Pochat und Brigitte Wagner. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, 1996, S. 7. (Künftig zitiert: Pochat: Vorwort.) 13 Vgl. ebd., S. 7.
14 Müller: Gegenwelten, S. 1.
15 Vgl. ebd., S. 1.
16 Vgl. Glaser, Horst Albert: Utopische Inseln. Beiträge zu ihrer Geschichte und Theorie. Frankfurt am Main: Lang, 1996, S. 15. (Künftig zitiert: Glaser: Utopische Inseln.) 17 Müller: Gegenwelten, S. 10.
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3. paradoxe Konstruktion dieses Motivs: Die Reise ist notwendig, um zur Utopie zur ge- langen, aber die ‚Utopier’ selbst dürfen oder können nicht reisen. 18 In formaler Hinsicht lässt sich zur Einführung grob sagen, dass sich im Text in den meisten Fällen statische Beschreibungen des utopischen Systems und Handlungspassagen die Balance halten.
Wie man sieht, kann sich die Utopie aus einem unerschöpflichen Schatz an Inhalten und For- men bedienen; sie greift „in alle Erfahrungsbereiche des Menschen ein“. 19
c) Systeme zur Kategorisierung von Utopien und Strukturen einzelner Formen
Das komplexe Gebiet der Utopien wird in der unterschiedlichen Sekundärliteratur nach ve r- schiedenen Hauptkriterien in verschiedene Formen von Utopien eingeteilt. Die Frage, was eigentlich als Utopie gilt, scheint ziemlich schwierig zu beantworten. Natürlich gibt es hier Überschneidungen, doch als ‚kleinster gemeinsamer Nenner’ lässt sich wohl nur die Eigen- schaft nennen, dass in Utopien die Realität betrachtet wird und davon ausgehend ein irreales Bild einer eigenen Welt entwickelt wird. Doch nun zu den Kategorisierungsformen im einzel- nen:
Kategorisierung nach Beschaffenheit des Ziels:
Diese Grundkategorisierung ist unter anderem in der schon erwähnten Definition 20 bei Karl Acham zu finden. Hier wird zwischen positivem oder negativem Zustand als Ziel unterschie- den. Der positive Zustand ist von Hoffnung und von Befreiung von momentanem Leid be- stimmt, der negative von Bedrohung durch Leid und von Zukunftspessimismus. Für diese zweite Kategorie werden auch die Begriffe „Gegen-Utopie“ oder „Anti-Utopie“ verwendet. 21 Somit müssten ja auch apokalyptische Schreckensvisionen zu den Utopien gezählt werden.
Kategorisierung nach dem Verhältnis zur historischen Realität:
Diese Unterteilung tritt explizit bei Klaus P. Hansen auf und wird in der übrigen Sekundärlite- ratur meist nur unterschwellig erwähnt. 22 Die Zeitutopie ist eine Zukunftsvision, die den An- spruch hat, als logische Folge aus dem Lauf der Geschichte hervorzugehen. Die Raumutopie hingegen besitzt eine eigene Realität an einem fernen Ort außerhalb der Zeit. Die Gegenwelt befindet sich hier im geschichtslosen Raum.
Kategorisierung nach der zeitlichen Blickrichtung:
Die Utopie kann sich nicht nur nach vorne in die Zukunft wenden, sie kann sich auch ‚rück- wärts’ wenden. Acham benutzt dafür die Begriffe „prospektiv“ und „retrospektiv“, sieht je- doch auch noch eine „Mischform“ zwischen diesen beiden Kategorien. 23 Die prospektive Uto- pie orientiert sich erwartungsvoll in die Zukunft. Ihre inhaltliche Realisierung vollzieht sich im allgemeinen in den Fortschrittskonzeptionen, die Acham nochmals unterteilt in volunta- ristische, in denen der Fortschritt als Aufgabe gesehen wird, die der Mensch aus sich selbst 18 Vgl. ebd., S. 12ff.
19 Pochat: Vorwort, S. 7.
20 Siehe Fußnote 6, S. 1.
21 Biesterfeld: Die literarische Utopie, S. 9.
22 Vgl. Hansen, Klaus P.: Paradoxien der rückwärtsgewandten Utopie. In: Utopie. Gesellschaftsformen, Künst- lerträume. Hg.v. Götz Pochat und Brigitte Wagner. Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, 1996, S. 25. (Künftig zitiert: Hansen: Paradoxien der rückwärtsgewandten Utopie.) 23 Vgl. Acham: Utopie und Gesellschaft, S. 15.
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Arbeit zitieren:
Andreas Gründel, 2001, Tradtitionen utopischer Staatsentwürfe und Robinsonaden, München, GRIN Verlag GmbH
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