1. Einleitung
Diese Arbeit befaßt sich mit der Metapherntheorie, die LAKOFF und JOHNSON 1980 in ihrem Werk Metaphors We Live By vorgetragen haben. Da die vorliegende Arbeit im Rahmen eines romanistischen Proseminars entstanden ist, wird dieses Werk hier in der französischen Übersetzung Les Métaphores dans la Vie Quotidienne von MICHEL DE FORNEL und JEAN-JACQUES LECLERCE besprochen. 1 Dadurch wird es möglich, die Problematik an Beispielen aus der französischen Sprache zu erörtern. Die von LAKOFF und JOHNSON benutzte Schreibweise wird im Rahmen dieser Arbeit beibehalten, das heißt zum Beispiel, daß die Konzeptmetaphern in Großbuchstaben angegeben werden. Die Einzelbeispiele werden durchnumeriert und die Stellen, die im Kontext zu dem jeweils beschriebenen Phänomen stehen, werden durch Kursivschrift hervorgehoben. In Teil 1 dieser Arbeit werden zudem der Übersicht halber die zentrale Begriffe gefettet.
Ziel dieser Arbeit ist eine kritische Diskussion der Theorie LAKOFFs und JOHNSONs. Zu diesem Zweck wird zunächst in allgemeiner Form ein Überblick über die Hauptpositionen in der Metaphernforschung gegeben werden u nd wo in diesem Rahmen die hier besprochene Arbeit von LAKOFF und JOHNSON einzuordnen ist. Im zweiten Teil dieser Arbeit wird das Werk dieser beiden Autoren dargestellt. Aufgrund der durch den Umfang der Arbeit gebotenen Kürze wird in diesem Teil allerdings nur die Theorie der Alltagsmetaphern im engeren Sinne dargestellt werden. Auf die aus dieser Theorie resultierenden Konsequenzen für die Geisteswissenschaften, insbesondere die Diskussionen um den Wahrheitsbegriff, um Objektivismus und Subjektivismus und um linguistischen Universalismus und Relativismus kann an dieser Stelle naturgemäß nicht im Detail eingegangen werden. 2
1 LAKOFF, GEORGE/JOHNSON, MARK 1985: Les métaphores dans la vie quotidienne. Trad. par MICHEL DE
FORNEL et JEAN-JACQUES LECLERCE, Paris [engl. Orig.: G.L./M.J. 1980: Metaphors we live by,
Chicago/London]
2 mit dieser Diskussion befassen sich u.a. QUINE, W.V. 1984: « Relativis m and Absolutism», The Monist
67:293-96; RORTY, R. 1991: Objectivity, relativism and truth, Cambridge u.a.; GELLNER, E. 1982:
«Relativism and Universals», in: M. HOLLIS/S. LUKES (Hrsg.), Rationality and Relativism, Oxford:181-
200; MANDELBAUM, M. 1979: «Subjective, objective, and conceptual relativisms», The Monist 62:401-
28
2
2. Verschiedene Positionen in der Metaphernforschung
Die Metaphernforschung läßt sich zunächst in zwei Hauptströmungen unterteilen. Auf der einen Seite steht die Substitutionstheorie, auf der anderen Seite die Interaktionstheorie. Beide sollen nun in Kürze dargestellt werden.
2.1 Die Substitutionstheorie
Die Substitutionstheorie geht auf die antike griechischen Philosophie zurück. ARISTOTELES sah in der Metapher die Übertragung eines Wortes, das zu einer anderen lexikalischen Stelle gehört, in einen anderen Bereich. Eine Metapher ist demnach ein Stilmittel einer poetischen Sprache, nicht aber der Alltagssprache. 3 Aufgrund der erneuten, verstärkten Rezeption der altgriechischen Philosophen und der großen Autorität des ARISTOTELES, beeinflußte diese Position die rationalistische Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts maßgeblich. Die Metapher wurde außerhalb der Sprache der Poesie als inadäquater Sprachgebrauch gewertet, da sie, wie JOHN LOCKE darlegte, falsche Ideen einschmuggle und die Urteilskraft verführe. 4 Der Substitutionstheorie folgend, wird eine „eigentliches“ Wort durch ein anderes substituiert. Die Etikettentheorie, eine der verschiedenen Ausprägungen der Substitutionstheorie, veranschaulicht dieses Prinzip. Ebenso wie eine Flasche ein Etikett hat, hat jedes Objekt der außersprachlichen Realität eine innersprachliche Benennung, die ihm gewissermaßen anhaftet. 5 Eine Metapher ist danach der Austausch eines Etiketts gegen ein anderes. 6
Eine weitere Spielart der Substitutionstheorie ist die Vergleichstheorie. Danach handelt es sich bei einer Metapher um einen Vergleich bei dem lediglich der Vergleichspartikel, im Deutschen also das wie, durch Ellipse verschwand. Ein Vergleich findet auf der Grundlage einer den Wortbedeutungen immanenten Ähnlichkeit statt. Diese Bedeutung war nach dieser Theorie also auch schon da, bevor die Metapher formuliert wurde. Diese Theorie wird deshalb der Substitutionstheorie zugerechnet, weil sie davon ausgeht, daß die Metapher durch einen Vergleich mit wie gleichwertig ersetzt werden kann. 7 Folgt man der Vergleichstheorie, so ist die Metapher ein rein sprachliches Phänomen, das keinerlei Entsprechung im Geist hat.
3 vgl. KURZ, GERHARD 3 1993: Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen:8
4 vgl. FRIELING, GUDRUN 1996: Untersuchungen zur Theorie der Metapher: Das Metaphern - Verstehen
als sprachlich - kognitiver Verarbeitungsprozesse, Osnabrück:24
5 laut SAUSSURE ist diese Zuweisung eine arbiträre, vgl. auch das Organmodell von BÜHLER
6 vgl. KURZ 1993:11
7 vgl. FRIELING 1996:27
3
Auch das Konzept des indirekten Sprechakts ist letztlich der Substitutionstheorie zuzuordnen. Demnach vollzieht der Sprecher durch Gebrauch einer Metapher einen indirekten Sprechakt, anstelle eines ebenfalls möglichen direkten Sprechaktes. 8 Dieses Konzept unterstellt also einen von der Äußerung unabhängigen Inhalt, der direkt oder auch indirekt ausgedrückt werden kann.
Als letzte, der Substitutionstheorie immer noch in gewisser Weise verpflichteten Theorie ist die Anomalietheorie zu nennen, die auch unter dem Namen der Abweichungstheorie oder der Kontroversionstheorie bekannt ist. Dieser Theorie folgend findet immer dann ein Rückgriff auf eine zweite Ebene der Wortbedeutung durch Konnotation statt, wenn eine Äußerung wörtlich inkonsistent ist. Das bedeutet, daß eine Metapher eine semantische Anomalie darstellt, die durch einen Kategorienfehler entsteht, also der Zuordnung eines Wortes zu einem anderen Wort aus einer ganz anderen Kategorie. 9
Alle vorgestellten Ausprägungen der Substitutionstheorie basieren auf der Vorstellung, daß eine Metapher durch einen wörtlich gebrauchten Ausdruck ersetzt werden kann, der das eigentliche, richtige Wort für das Bezeichnete darstellt. Genau darin besteht auch die Schwäche dieser Theorien, denn das topologische Konzept eines eigentlichen, wörtlich richtigen Wortes ist in der modernen Linguistik nicht zu halten. Ein Wort hat eben keine ursprüngliche, eigentliche Bedeutung, sondern die Bedeutung ist spezifisch in die jeweilige kommunikative Situation eingebunden. 10 Es lassen sich aber noch weitere Einwände gegen die oben genannten Theorien machen.
Die Vergleichstheorie arbeitet mit einem völlig ungeklärten Ähnlichkeitsbegriff. Sie kann also nicht erklären, auf welcher Grundlage eine Ähnlichkeit besteht und unter welche n Bedingungen dann eine Metapher dazu kreiert wird. Ein einfaches Beispiel zeigt diese Schwäche deutlich auf.
Argumentiert man formallogisch korrekt, so ist ein Ähnlichkeitsverhältnis in der Regel symmetrisch. Das heißt beispielsweise, daß die Ähnlichkeit von A mit B identisch ist mit der Ähnlichkeit von B mit A. Ein solches Symmetrieverhältnis existiert aber bei Metaphern nicht, wie das folgende Beispiel zeigt:
(1) Die Frau ist ein Eisberg.
(2) Der Eisberg ist eine Frau. 11
8 vgl. KURZ 1993:15
9 vgl. FRIELING 1996:29
10 vgl. KURZ 1993:11ff
11 FRIELING 1996:28f
4
Die These, daß diese beide Sätze semantisch identisch sind, ist offensichtlich nicht haltbar.
Das Konzept des indirekten Sprechaktes unterstellt eine Form-Inhalt- Trennung beim Sprechakt. Demnach wird etwas gesagt, gemeint wird aber etwas anderes. Dieses Konzept wird aber in den Geisteswissenschaften schon seit geraumer Zeit kritisiert. Es ist wohl kaum so, daß ein Sprecher etwas sagt und etwas anderes meint. Ein Sprecher meint ganz genau das was er sagt, aber er meint es eben auf eine indirekte Art und Weise. 12
Auch die Anomalietheorie läßt sich kritisieren. Einerseits ist auch hier der zentrale Begriff Konnotation nicht weiter geklärt, so daß sich keinerlei Kriterien aufstellen lassen, um die zweite Ebene der Bedeutung zu charakterisieren. Problematisch wird andererseits vor allem aber auch die Erklärung von Metaphern, die keine semantische Anomalie beinhalten:
(3) Kein Mensch ist eine Insel. 13
Durch die Negation kommt es hier eben zu keiner Inkonsistenz. Es dürfte sich also eigentlich um keine Metapher handeln, sondern um eine wörtliche Aussage. Dennoch ist jedem Sprecher intuitiv der metaphorische Gehalt dieser Äußerung klar verständlich.
2.2 Die Interaktionstheorie
Ein ganz anderer Ansatz findet sich in der Interaktionstheorie. Diese Theorie steht für einen Paradigmenwechsel in der M etaphernforschung, 14 die dadurch einem grundsätzlichen Umbruch in der Linguistik folgt, der durch die Entdeckung der Pragmatik gekennzeichnet ist.
Demzufolge wird das Phänomen der Metapher in der Interaktionstheorie zum ersten Mal von der rein sprachlichen Ebene losgelöst gesehen 15 und vor allem unter einem konzeptuellen Ansatz betrachtet. Sprache ist letztlich nie kontextfrei, was bedeutet, daß auch der Sinn einer Äußerung immer nur kontextgebunden sein kann. Die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks ist also nicht nur durch die Analyse desselben zu erschließen, sondern nur durch eine Untersuchung der Interaktion in der konkreten
12 vgl. KURZ 1993:15
13 FRIELING 1996:29
14 vgl. FRIELING 1996:32
5
Arbeit zitieren:
Ulrich Jacobs, 1999, Prototypentheorie und Metaphern: Die Alltagsmetaphern in der Theorie von LAKOFF und JOHNSON, München, GRIN Verlag GmbH
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