II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Widerstand zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland 2
2.1 Der Nationalsozialismus als totalitäres Regime 2
2.2 Widerstand als unausweichliche Folge des totalitären Staates 3
2.3 Die Schwierigkeiten von Widerstand im Nationalsozialismus 4
2.4 Die Möglichkeit von Widerstand und die Motivation der Widerstands- 5
k ämpfer
2.5 7
Der christlich motivierte Widerstand im Nationalsozialismus
3. 9
Dietrich Bonhoeffer und der gelebte Widerstand
3.1 9
Zum Leben Bonhoeffers
3.2 12
Vom Pazifismus zum politischen Widerstand
3.2.1 12
Die Arbeit für den Frieden
3.2.2 14
Der Weg in den Widerstand
3.3 16
Bonhoeffers Widerstand gegen den Nationalsozialismus
3.3.1 16
Die Verteidigung der Juden und die Kritik an der Kirche
3.3.2 18
Die aktive Beteiligung an politischen Verschwörungen
3.4 20
Verhaftung, Haftzeit und Tötung Bonhoeffers
4. 23
Bonhoeffers Ethik als theoretische Begründung des Widerstands
4.1 23
Bonhoeffers Rechenschaftsbericht „Nach zehn Jahren“ als Bindeglied zwischen
dem gelebten Widerstand und dessen theoretischer Begründung
Einf ührung in die Grundprobleme Bonhoeffers Ethik
4.2 28
Zur Struktur verantwortlichen Handelns
4.3 34
Zur Anwendung verantwortlichen Handelns - Christliches vs. gesellschaftlich -
4.4 39
politisches Engagement?
Die Rehabilitierung des natürlichen Lebens
4.5 43
Res ümee - Bonhoeffer als Aktivist und Theoretiker des Widerstandes
5. 48
Literaturverzeichnis
6. 50
1
1. Einleitung
„Es ist unendlich viel leichter, in Gehorsam gegen einen Befehl zu leiden
Es ist unendlich viel leichter, durch den Einsatz des leiblichen Lebens zu leiden
Widerstand zu leisten ist schwer. Schon in der Familie fügt man sich oft dem Willen der anderen, um damit unnötigen Stress zu vermeiden. Selbiges tut man nicht selten unter Freunden oder auf der Arbeit. Auch wenn es um politische Belange geht, beschwert man sich vielleicht, aber kämpft dann doch nicht gegen die demokratische Mehrheitsmeinung, sondern akzeptiert sie aus Bequemlichkeit. Diese Bequemlichkeit der Bürger ist nicht bloß ein Phänomen unserer Zeit. Auch die Zeit des Nationalsozialismus zeichnete sich durch eine gewisse Bequemlichkeit der Bürger aus. Natürlich kann man die uneingeschränkte Gefolgschaft der Deutschen gegenüber Hitler und seinem Regime nicht allein mit Bequemlichkeit erklären, denn haup tsächlich waren dafür wohl die Überzeugungskraft des Regimes sowie die tatsächlichen sozialen Verbesserungen verantwortlich. Auch die Angst vor den Terrormaßnahmen des Regimes trugen zum Gehorsam des Volkes bei. Dennoch hätte ohne die Bequemlichkeit der meisten Menschen viel Elend verhindert werden können. In dieser Arbeit soll es um einen Mensch gehen, den man keineswegs als bequem bezeichnen kann. Einen Mensch der schon früh das verbrecherische und menschenfeindliche System des Nationa lsozialismus durchschaute und zu jeder Zeit seines Lebens versuchte, dieses System zu bekämpfen. Die Kraft für diesen Kampf gab ihm sein unerschütterlicher Glaube an Gott. Er resignierte nie und bereute bis zu seiner Hinrichtung keine der Aktionen, die ihm letztendlich das Leben kosteten. Er gab sich nicht der Beque mlichkeit hin, sondern riskierte sein Leben für andere. Er hätte nicht kämpfen müssen. Er war Deutscher. Er hätte sich in der Arbeit als Pfarrer vor den Gefahren verkriechen können. Er hätte auswandern können. Er hätte fliehen können. Er hätte heiraten können. Er hätte Kinder haben können. Er hätte alt werden können. Doch er hätte wohl, wenn er jenes bequeme Leben geführt hätte, nicht glücklicher sein können, als er es mit seinem unbequemen Leben war.
1 Gremmels, Christian, u.a. (Hg.), Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen
aus der Haft, in: Bethge, Eberhard, u.a. (Hg.), Dietrich Bonhoeffer Werke. Band 8, Gütersloh 1998, S. 35.
2
In dieser Arbeit soll es um Dietrich Bonhoeffer und seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gehen. Bonhoeffer war einer von vielen Widerstandskämpfern im Nationalsozialismus, die ihr eigenes Leben hinter Idealen wie Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit zurückstellten. Es soll dabei zunächst Grundlegendes zum Widerstand während des Nationalsozialismus gezeigt werden. Im Anschluss daran soll der gelebte Widerstand Bonhoeffers dargelegt werden, um auf den Hauptteil der Arbeit - der theoretischen Begründung des Widerstands in Bonhoeffers „Ethik“ - vorzubereiten.
2. Der Widerstand zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland
2.1 Der Nationalsozialismus als totalitäres Regime
Um die Problematik des Widerstand im Nationalsozialismus angemessen darzustellen, ist es sinnvoll, zunächst die Grundprinzipien des nationalsozialistischen politischen Systems darzustellen. Der nationalsozialistische Staat ist ein totalitäres Regime, d.h. ein Regime, das einen vollständigen Zugriff auf alle Bereiche des Lebens seiner Bürger anstrebt. Im folgenden soll dieser Typus des politischen Systems näher dargestellt werden. Ein totalitärer Staat zeichnet sich vornehmlich durch folgende fünf Punkte aus:
1. Der Rechtsstaat wird zum Polizeistaat. Die Herrschaft des Rechts, welche die Staatsgewalt reglementieren soll, wird abgeschafft. Es gibt damit keine Rechtssicherheit für die Bürger vor der staatlichen Gewalt.
2. Die Macht des Staates ist undifferenziert, konzentriert sich somit an einer Stelle und ist daher keinen Schranken unterworfen.
3. Es gibt lediglich eine monopolistische Staatspartei, die allein das Recht hat, an “politischen“ 2 Prozessen teilnehmen zu dürfen und die darüber hinaus die Verbindung zur Gesellschaft herstellen soll. Diese Verbindung zur Gesellschaft besteht vorwiegend darin, dass die Partei die gesellschaftlichen Prozesse umfassend kontrollieren soll, so dass in der Gesellschaft keine, für das System gefährlich werdende, Gegenkräfte wachsen können. Die Trennung von Staat und Gesellschaft soll damit aufgehoben
2 Es ist fraglich ob man in totalitären Regimes überhaupt noch von “politisch“ sprechen kann, da doch der Ur-
sprung des Wortes “politisch“ auf die, von allen Bürgern getragene, gemeinsame Gestaltung des Gemeinwesens
hinweist, die es in einem totalitären Regime so gar nicht geben kann.
3
werden und einer Gleichschaltung weichen. Gesellschaftliche Gruppen wie bspw. Parteien, Verbände oder Kirchen sollen den staatlichen Interessen untergeordnet werden. 4. Durch die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft verschwinden die traditionellen sozialen Strukturen, wodurch der Einzelne auch aus seinen (vor dem System gewachsenen) sozialen Bindungen, wie bspw. die zu einer Konfession oder zu einer Arbeiterkultur, herausgelöst werden soll. Die Bindewirkung sozialer Einheiten wird als Systembedrohung wahrgenommen und soll daher zerstört werden.
5. Massenorganisationen sollen die, von den traditionellen Bindungen losgelösten, Ind ividuen auffangen und sie zugleich im Sinne des Staates neu sozialisieren. Generell lässt sich demnach festhalten, dass der totalitäre Staat den Anspruch hat, auf alle Bereiche des menschlichen Lebens zugreifen zu können. Damit gibt es im totalitären Staat keine institutionell gesicherte Freiheit für das Individuum. Der Staat macht dabei auch nicht vor den metaphysischen Vorstellungen seiner Bürger Halt, sondern fordert vielmehr von i hnen, die staatlich angebotene Ideologie zu verinnerlichen. Damit zelebrieren totalitäre Staaten so etwas wie eine eigene Staatsreligion, die sie natürlich nicht als Religion bezeichnen - aber dennoch auf sakrale Formen zurückgreifen, um damit einen übergeschichtlichen und überstaatlichen Herrschaftsanspruch begründen zu können und damit den Staat von jeglichen vo rstaatlichen moralischen Werten entbinden zu können. Aufgrund dieses totalen Herrschaftsanspruchs wird das Leisten von Widerstand wesentlich erschwert. Innerhalb des Systems ist Widerstand nicht möglich, denn sobald man die Voraussetzungen anerkennt, muss man auch die Mittel - also die unbeschränkte Herrschaftsausübung - anerkennen. Widerstand erscheint damit also nur dann sinnvoll, wenn er sich gegen die gesamte Ordnung wendet, d.h. von ganz neuen Orientierungen ausgeht. 3 Auch im Nationalsozialismus waren die Widerstandsbewegungen auf die Beseitigung der gesamten Ordnung angelegt. Die Möglichkeiten zur Durchführung wurden jedoch aufgrund der totalen Herrschaft enorm eingeschränkt.
2.2 Widerstand als unausweichliche Folge des totalitären Staates
Wie bereits vorhergehend dargelegt wurde, ist ein Ziel des totalitären Regimes die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft. Die Etablierung totalitärer Herrschaft erfolgt dabei in zwei Schritten: 1. die politische Veränderung und 2. die soziale Veränderung. An dieser Stelle soll der zweite Schritt, die soziale Veränderung näher beleuchtet werden. Die soziale Verän-
3 vgl.Steinbach, Peter, Widerstand im Widerstreit: der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinne-
rung der Deutschen; ausgewählte Studien, 2., wesentlich erw. Auflage, Paderborn, München, Wien, Zürich 2001,
S. X - XII.
4
derung ist notwendig, da der Staat nicht nur über den Anspruch auf politische, sondern auch auf gesellschaftliche Herrschaft verfügen möchte. Die Gesellschaft soll eine homogene, staatstreue Masse sein. Um dies zu erreichen, werden bestimmte Gruppen, die dem Staat gefährlich werden könnten, als Feinde oder Gegner der gemeinsamen Ordnung bezeichnet. Der Kampf gegen diese sog. Gegner oder deren Ausgrenzung aus der Gesellschaft soll dabei der Legitimation der staatlichen Herrschaft dienen. Doch diese Gegnererzeugung ruft bei den “Gegnern“ Missmut gegenüber dem Staat hervor. Diese, als Gegner bezeichnete Gruppe, wird dann tatsächlich zu Gegnern des Staates. Es entsteht dadurch eine Gegengruppierung zum Staat, die sich zwar nicht artikulieren kann, aber dennoch für den Staat gefährlich werden kann, da sie ihn nicht mitträgt. Des weiteren sind nicht alle Menschen für eine Gleichscha ltung empfänglich. Auch wenn die Mehrheit der Menschen sich wohl recht gern gleichschalten lässt, da dies ihrer Neigung nachkommt, mit ihrer Meinung im Einklang mit der Mehrheit zu sein, zumal die Ziele oft auch tatsächlich für eine breite Masse konsensfähig erscheinen, gibt es eben auch Menschen, die sich nicht dem Sog, der vo m Staat bestimmten, Mehrheitsme inung hingeben, sondern auf dem Prinzip ihrer Selbstbestimmung beharren. Der totalitäre Staat lässt aber nur das zu, was seiner Ideologie entspricht. Widersprüchliches wird als staatsgefährdend betrachtet und muss daher bekämpft werden. Es gibt im totalitären Staat daher keinen Platz für andere Meinungen. Die Bevormundung des Menschen durch den Staat ist nicht für jedermann akzeptabel. Daher entstehen Widersprüche zwischen dem Denken des Einze lnen und den Vorgaben des Staates, die ein nicht unerhebliches Widerstandspotential hervorrufen, wenn kein Raum angeboten wird, in dem sie diskutiert werden können. 4
2.3 Die Schwierigkeiten von Widerstand im Nationalsozialismus
Eine Untersuchung über den Widerstand zur Zeit des deutsche n Nationalsozialismus von 1933 - 1945 zeigt eines ganz deutlich: Es gab vehementen Widerstand gegen das System, aber meist nur von einzelnen Personen bzw. kleinen Gruppen. Großflächig organisierte Wi-derstandsbewegungen gab es nicht. Das lag natürlich vor allem daran, dass die nationalsozialistische Propaganda für die Bürger wohl derart überzeugend war, dass sie sich ihr bedenkenlos anschlossen und so keine Veranlassung verspürten, gegen dieses System zu kämpfen. Hinzu kommt, dass die soziale Situation der Menschen sich durchaus verbesserte. Für die Kriegsvorbereitungen Hitlers waren Arbeitskräfte notwendig, wodurch das große Problem der
4 vgl. Steinbach, Peter, Widerstand im Widerstreit: der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinne-
rung der Deutschen; ausgewählte Studien, 2., wesentlich erw. Auflage, Paderborn, München, Wien, Zürich 2001,
S. XV - XVIII.
5
Arbeitslosigkeit gelöst werden konnte und das Volkseinkommen anstieg. Der Großteil der Menschen war daher mit der Politik Hitlers durchaus zufrieden, denn sie prophezeite Aufschwung. Damit stand die Mehrheit der Menschen tatsächlich hinter Hitler und seiner Ideologie. Derjenige Teil der Bevölkerung, der sich nicht die nationalsozialistische Ideologie einve rleiben wollte, hatte praktisch auch kaum eine Chance, gegen das totalitäre System zu kämpfen. Das Ziel des nationalsozialistischen Staates war die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft, d.h. es durfte in der Gesellschaft keine Gegenkräfte zum Staat geben. Da die Umsetzung dieses Ziels recht schwierig ist und auf friedliche Art und Weise auch gar nicht erreicht werden kann, wurde der Terror erfolgreich als Waffe gegen Regimegegner eingesetzt. Gesellschaftliche Kräfte, die sich gegen die Ideologie des Staates auflehnten, wurden mit Hilfe des Terrors ausgeschaltet. Diese Terrorherrschaft während des Nationalsozialismus erschwerte die Bildung größerer Widerstandsgruppen ungemein. Die Akteure des Widerstands waren daher auch nur kleine Gruppen oder Einzelpersonen, wie bspw. Johann Georg Elser, der völlig allein und isoliert sein Attentat auf Hitler vorbereitete und ausführte. Jedoch konnte ihn dieser Alleingang auch nicht vor der Verhaftung durch die Nationalsozialisten bewahren. Auch wenn der Attentatversuch Elsers ein krasses Beispiel ist (denn Widerstand muss nicht gleich in Form des “Tyrannenmordes“ sein), zeigt es die Schwierigkeiten von Widerstand in einem totalitären Regime. Zum einen lässt die totale Überwachung keinen Raum für Ausei-nandersetzungen mit Gleichgesinnten und zum anderen werden alle systemkritischen Bestrebungen zugleich mit Terrormaßnahmen bekämpft. Daher ist es keineswegs verwunderlich, dass die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus mehr oder weniger eine Geschichte von “Einzelkämpfern“ ist. 5
2.4 Die Möglichkeit von Widerstand und die Motivation der Widerstandskämpfer
Es stellt sich nun die Frage, warum es überhaupt zum Widerstand gegen einen totalitären Staat kam. Denn folgt man den konstituierenden Prinzipien des totalitären Staates müsste die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft eigentlich jeden Bürger zum staatstreuen Bürgern umerziehen können, der den Staat eher verteidigen als angreifen würde. Dennoch gab es auch im Nationalsozialismus Menschen, die sich nicht vom Staat vereinnahmen ließen. Doch warum waren diese Menschen nicht empfänglich für die staatliche Ideologie? Laut Franz Neumann liegt die Ursache dafür in den sozialen Bindungen der Menschen. Die Menschen fühlen
5 vgl. Graml, Hermann, Einleitung, in: Graml, Hermann (Hg.), Widerstand im Dritten Reich. Probleme, Ereig-
nisse, Gestalten, in: Pehle, Walter H. (Hg.), Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Buchreihe, Frankfurt am
Main 1994, S. 7f.
6
sich zu den Gemeinschaften zugehörig, die sie als “natürlich“ empfinden. Eine solche Gemeinschaft ist bspw. die kirchliche Gemeinschaft oder die Gemeinschaft von Arbeitern. Versucht der Staat, den Einzelnen von der Bindung zu solchen Gemeinschaften loszulösen und ihm stattdessen eine Bindung zu einer der staatlich gebildeten Massenorganisationen zu ve rschaffen, funktioniert das nicht. Das Spezifische der gesellschaftlichen Bindungen ist gerade das Herausbilden einer eigenen Kultur, die eben nicht der Kultur des Staates entspricht. Die traditionell gewachsenen und als natürlich empfundenen Bindungen der Menschen kann der Staat nicht auflösen. Der Versuch, sie aufzulösen führt vielmehr nicht selten zum Gege nteil, nä mlich dazu, dass sich diese Bindungen manifestieren und versuchen, sich gegen den totalen Herrschaftsanspruch des Staates zu behaupten. Aus diesen gesellschaftlichen Bindungen, die schon vor der Vereinnahmung durch das totalitäre Regime bestanden, lässt sich „die Bereitschaft, die Kraft und auch die Konsequenz des Widerstandes“ 6 in totalitären Regimes im Allgemeinen und im Nationalsozialismus im Besonderen erklären. 7 Dennoch muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass die traditionellen gesellschaftlichen Bindungen die Menschen zwar zum Widerstand animierten, aber dennoch nicht so stark waren, um großflächig Wider-standsbewegungen initiieren zu können. Widerstandskämpfer waren Einzelkämpfer. Es waren Menschen, die sich gegen die gleichgeschaltete Gesellschaft wandten und sich allein auf ihre eigene Kraft, ihr Durchhaltevermögen und ihr individuelles Gewissen verlassen h aben. 8 Nachdem damit die Möglichkeit von Widerstand im Nationalsozialismus geklärt ist, soll im folgenden näher auf die Ziele der Widerstandskämpfer eingegangen werden. Das große Ziel aller Kämpfer ist klar - sie wollen den totalitären Staat, der keine Achtung vor dem Individuum hat, stürzen. Generell lässt sich die grundlegende Motivation in vier Punkten darstellen: 1.) die Betonung der Würde des Menschen, 2.) Bereitschaft, Mitmenschlichkeit auch im Namen derer zu praktizieren, die selbst nic ht in der Lage sind, auf die gegebene Situation zu reagieren, 3.) Willen zur Verteidigung der Ordnungsprinzipien des freiheitlich - demokratischen Verfassungsstaates und 4.) Wiederbewusstmachung der, durch die Diktatur verdrängten, Wertvorstellungen der Menschen, um damit nach dem Ende des Systems einen kulturellen Neuaufbau betreiben zu können. 9 Die über diese Ziele hinausgehenden Motive hingegen
6 Steinbach, Peter, Widerstand im Widerstreit: der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung
der Deutschen; ausgewählte Studien, 2., wesentlich erw. Auflage, Paderborn, München, Wien, Zürich 2001, S.
XII.
7 vgl. ebd., S. XIf.
8 vgl. ebd., S. XX.
9 vgl. ebd., S. IX.
7
variierten zwischen sozialistisch - kommunistischen, konservativen und christlichen. 10 Obwohl die Tragweite der “linken“ und “rechten“ Opposition sehr groß war - man denke dabei nur an die Geschwister Scholl oder Stauffenberg - wird diese Arbeit lediglich die Wirkung der christlichen Motivation am Beispiel Dietrich Bonhoeffers für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus untersuchen.
2.5 Der christlich motivierte Widerstand im Nationalsozialismus
Der christlich motivierte Widerstand hängt eng mit der Veränderung innerhalb der evangelischen Kirche während des Nationalsozialismus zusammen. Schon ab 1932 bildete sich inne rhalb der evangelischen Kirche eine Strömung “evangelischer Nationalsozialisten“ heraus, die ihre Glaubenslehre der staatlichen Ideologie anglichen und den Gehorsam gegenüber den Nationalsozialisten als Gottes Willen interpretierten. Sie gründeten eine evangelische Nationa lkirche, wodurch es zur tatsächlichen Gleichschaltung von Kirche und Staat kam. Bei den Kirchenwahlen im Juni 1933 erreichten diese “Deutschen Christen“ fast überall die Mehrheit und konnten sich damit immer mehr Machtpositionen sichern. Jedoch wuchs durch diese Machtkonzentration der Widerstand gegen jene kirchliche Partei. Die sog. Bekennende Kirche kristallisierte sich als Gegenbewegung heraus. Sie zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sie sich statt auf die Staatsideologie auf die Bibel und die Bekenntnisse der Reformationszeit stützte. Diese “Bekennende Kirche“ wurde von großen Teilen des Volkes getragen und konnte sich damit im Mai 1934 eine neue Vertretung der Deutschen Evangelischen Kirche scha ffen. Die “Deutschen Christen“ wurden nun auch nicht mehr vom nationalsozialistischen Regime unterstützt und verloren daher enorm an Bedeutung. Der Staat entschloss sich, seine Ideologie nicht mehr von innen in die Kirchen zu indoktrinieren, sondern die Kirchen einfach ganz auszuschalten. Die Vernichtung des Christlichen wurde zum neuen Ziel der staatlichen Maßnahmen. Damit wurden sowohl die evangelische als auch die katholische Ki rche zu Staatsgegnern und Gläubige wurden zunehmend staatlich verfolgt. Der Kampf gegen die Kirchen erfo lgte durch propagandistische Verleumdungen, Scheinprozesse gegen Geistliche und Klöster, Enteignung von Kirchengut und Einschränkungen in der theologischen Ausbildung. Dies zwang die Kirchen zum rigorosen Kampf um ihre Existenz. Dieser Selbstbehauptungskampf der Kirche gegen die vom Staat geschürte Propaganda ist eine Seite des christlich motivierten Widerstands während des Nationalsozialismus. Die andere und wohl auch beeindru-
10 vgl.Graml, Hermann, Einleitung, in: Graml, Hermann (Hg.), Widerstand im Dritten Reich. Probleme, Ereig-
nisse, Gestalten, in: Pehle, Walter H. (Hg.), Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Buchreihe, Frankfurt am
Main 1994, S. 11f.
8
ckendere Seite des christlichen Widerstands ist jene der Kämpfer, die sich aufgrund ihrer christlichen Überzeugungen gegen das Regime und für Verfolgte einsetzten. Diese Menschen haben ihre Überzeugungen nicht nur im Privaten gelebt, sondern sind damit in die Öffentlichkeit gegangen und haben sich gegen das Regime aufgelehnt. Diese Menschen „wendeten sich gegen biologische Weltanschauung und Vergötzung des eigenen Volkes, sie sprachen deutlich aus, dass der Eid einen Anspruch Gottes an den Menschen in sich birgt und deshalb nicht einseitig zum unbedingten Gehorsam gegenüber einem Menschen verpflichten kann, sie protestierten gegen die Willkür der Gestapo, die Greuel der Konzentrationslager und die Misshandlung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten, sie erhoben entschiedenen Einspruch gegen die Tötung von Kranken“ 11 . Der Schutz von Kranken vor der Euthanasie war ein Hauptanliegen dieser Menschen und so verhinderten viele Leiter christlicher Krankenanstalten die Herausgabe von Kranken. Viele Pfarrer wandten sich öffentlich gegen das Regime, indem sie in ihren Predigten bewusst Anklage übten und zum Protest animieren wollten. Sie erinnerten an christliche Werte und forderten dazu auf, diese zu verteidigen. Viele dieser Pfarrer wurden in Konzentrationslager interniert und nicht wenige von ihnen zum Tode verurteilt. Generell konnte festgestellt werden, dass sich viele Christen ihrer Verantwortung zur Intervention in das unmenschliche Geschehen bewusst waren und diese auch in Taten umgesetzt haben. Es ist an dieser Stelle nun noch die Frage zu klären, inwieweit der Glaube an Gott bzw. die Frömmigkeit Ursache für Widerstandsbewegungen war. Von Klemperer legt zunächst dar, dass die meisten Widerstandkämpfer zunächst aufgrund der weltlichen Ereignisse motiviert waren und erst im Laufe ihres Kampfes eine, oftmals sehr tiefe, christliche Frömmigkeit erlangt haben. Laut dem amerikanischen Philosophen und Psychologen William James kann man dabei zwischen zwei Formen der Frömmigkeit unterscheiden. Die eine Form der Frömmigkeit bezeichnet James als jene Frömmigkeit, die durch Tradition vermittelt wird und einer “trägen Gewohnheit“ 12 gleicht. Die andere Form der Frömmigkeit beschreibt er als Frömmigkeit, die einem „akuten Fieber“ 13 ähnelt. Von Klemperer hingegen stellt fest, dass es zu kurz greift, die Frömmigkeit der Widerstandskämpfer ausschließlich auf diese beiden Formen zu reduzieren. Denn weder die überlieferte Frömmigkeit konnte aufgrund der völlig veränderten gesellschaftlichen Situation als Grundlage dienen, noch sei von den Widerstandskämpfern eine plötzliche religiöse Bekehrung bekannt. Von Klemperer ergänzt daher die Formen der
11 Leber, Annedore, Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933 - 1945, hrsg.
in Zusammenarbeit mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher, Berlin, Frankfurt / Main 1954, S. 169.
12 von Klemperer, Klaus, Glaube, Religion, Kirche und der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus,
in: Graml, Hermann (Hg.), Widerstand im Dritten Reich. Probleme, Ereignisse, Gestalten, in: Pehle, Walter H.
(Hg.), Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Buchreihe, Frankfurt am Main 1994, S. 143.
13 ebd., S. 143.
9
Frömmigkeit durch eine weitere Form, die Frömmigkeit des Leidens und Mitleidens, die vor allem auf die Abartigkeiten des Systems zurückzuführen ist. Dabei kann man generell sagen, dass die Menschen unter dem kranken System des Nationalsozialismus derartig litten, dass es sie in den Glauben trieb. Durch Not, Schmerz und Gewalt dieser Zeit blieb den Menschen oft nur noch der Rückzug in den Glauben und die Hoffnung auf Gott. Eine weitere Form, die von Klemperer als Ergänzung anführt ist eine Frömmigkeit, die als Antwort auf die Rationalisierung der Welt entsteht. Der moderne Mensch wird zwangsweise von allen metaphysischen Annahmen befreit und befindet sich in einer rein rationalen Welt. Die Menschen sehnen sich allerdings nach metaphysischen Gewissheiten und so suchen sie nach neuen metaphysischen Gewissheiten und gelangen zu einer neuen Form der Frömmigkeit - zur gnostischen Frömmigkeit, die mit einer Orientierung an fernöstlichen Überzeugungen und dem Ziel, die bürge rliche Ordnung zu überwinden verbunden war. Ganz gleich welche Form der Frömmigkeit dem einzelnen Widerstandskämpfer zugeschrieben werden kann, ein Ziel war allen Wider-standskämpfer gemeinsam - sie stellten ihre Werte denen des Staates gegenüber und kämp ften für einen menschlichen Staat. Die Motive der Widerstandskämpfer rührten aber nicht nur auf der Hoffnung auf Erfolg, sondern auch aus dem Bewusstsein, einen Bußgang für das Va-terland tun zu müssen, das Schande auf sich geladen hat. 14
3. Dietrich Bonhoeffer und de r gelebte Widerstand
3.1 Zum Leben Bonhoeffers
Am 04. Februar 1906 wurde Dietrich Bonhoeffer in Breslau als sechstes von acht Kindern geboren. Sein Vater war ein hoch angesehener Professor für Psychiatrie und Neurologie. Er bekam einen Lehrstuhl in Berlin angeboten und so zog er mit seiner Familie in eine Villa nach Berlin - Grunewald. Seine Mutter stammte aus einer Adelsfamilie und legte als eine der ersten Frauen ein Lehrerinnen - Examen ab, so dass sie ihre Kinder in deren ersten Schuljahren selbst unterrichten konnte. Die Erziehung im Hause Bonhoeffer wird zwar als streng, aber dennoch auch als liebevoll beschrieben. Zucht spielte zwar in der Familie eine große Rolle, wurde aber nicht der Lust entgegengesetzt. Bonhoeffer lernte, dass man trotz Zucht auch Lust empfinden kann, nämlich dann, wenn man die Zucht als „die Ausrichtung des Lebens auf ein größeres Ziel“ betrachtet. Neben der “züchtigen“ und der religiösen (aber nicht kirchlichen)
14 vgl. von Klemperer, Klaus, Glaube, Religion, Kirche und der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozia-
lismus, in: Graml, Hermann (Hg.), Widerstand im Dritten Reich. Probleme, Ereignisse, Gestalten, in: Pehle,
Walter H. (Hg.), Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Buchreihe, Frankfurt am Main 1994, S. 142 - 150.
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Sindia Schuster, 2004, Dietrich Bonhoeffer. Der aktive Widerstand und dessen theoretische Begründung, München, GRIN Verlag GmbH
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