Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung Was ist der Mensch 1
2. Machiavelli: Der Mensch als Sklave seiner Triebe und endlosen Bedürfnisse 2
2.1 Die ambizione und die Möglichkeit der Bändigung 3
2.2 Machiavelli und das pessimistische Menschenbild 7
2.3 Die Anwendung der Anthropologie auf die Staatslehre 9
2.4 Wie kann man Menschen politisch erziehen 10
3. Die Ursprünge Machiavellis Theorie Abgrenzung von der Anthropologie A 11
ristoteles
3.1 Der Ausgangspunkt inhaltliche und methodische Überlegungen 14
3.2 Was macht den Mensch als ein politisches Lebewesen laut Aristoteles aus 15
3.3 Die beste Staatsform und der Zweck des Staates 17
3.4 Der Mensch als vernunftbegabtes Lebewesen das keine staatlichen Gesetze 19
braucht
3.5 Was macht eigentlich das gute Leben nach Aristoteles aus 21
4. Resümee: Machiavellis Anthropologie als eine neuzeitlich empirische Antwort 24
auf Aristoteles Aussagen über den Menschen
5. Literaturverzeichnis 26
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1. Einleitung – Was ist der Mensch?
Die Frage nach dem Wesen des Menschen ist wohl die bedeutsamste Frage der Geisteswis- senschaften. Nicht ohne Grund bezeichnet Kant diese Frage als die grundlegendste in der Phi- losophie – der Mutter aller Geisteswissenschaften. Denn die Frage nach dem Mensch umfasst laut Kant zugleich die Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, Moral und Gott. Will man das geheimnisvolle Wesen des Menschen erforschen, muss man wohl oder übel auf metaphysischen Pfaden wandern, um es irgendwann, wenn auch nur bruc h- stückweise, entdecken zu können. Ein guter Pfad, um den Mensch wenigstens ansatzweise zu begreifen, ist jene Strecke, die zw ischen der Anthropologie Aristoteles’ und der Machiavellis liegt. Sie führt vorbei an den tiefen Tälern der menschlichen Abgründe über die flache Strecke des notwendigen Zusammenlebens der Menschen bis hinauf in die schwindelerregenden Hö- hen des Reichs der Vernunft. Man wird dabei das Gefühl haben, dass der Weg nach unten, zu den Abgründen, viel leichter und ve rtrauter ist, als der Weg nach oben. Jedoch wird man für den beschwerlichen Aufstieg mit einer phantastischen Aussicht auf die scheinbar unbegrenz- ten Möglichkeiten des Menschen belohnt.
Das Begehen jener Strecke soll im Zentrum dieser Arbeit stehen, wobei hier aber die Strecke nicht nur einmal oder zweimal, sondern immer wieder abgelaufen werden wird, um neue As- pekte mit einbeziehen und letztendlich eine Aussage über die tatsächliche Länge der Strecke machen zu können. In die ser Arbeit werden zunächst die Täler beleuchtet und danach beginnt der langsame Aufstieg, der aber immer wieder mit einem Blick nach unten vonstatten gehen wird und wahrscheinlich auch sehr oft von einer Rast irgendwo dazwischen bestimmt sein wird. Während ich diesen Weg gegangen bin, empfand ich ihn nicht als leicht. Die Wande- rung war teilweise so schwierig, dass ich manchmal gar keinen Unterschied mehr zwischen Berg und Tal erkennen konnte. Dennoch denke ich, dass ich den Großteil des Weges absol- viert habe und auch wenn ich nicht das goldene Wanderabzeichen dafür bekommen werde, so weiß ich jetzt dennoch etwas mehr über mögliche Deutungen des menschlichen Wesens als vor dieser Wanderung.
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Zurück zur nüchternen Sachlichkeit: In dieser Arbeit geht es um einen Vergleich der Anthro- pologie Machiavellis mit der des Aristoteles’, wobei im Speziellen überprüft werden soll, inwieweit sich Machiavellis Anthropologie tatsächlich von der Aristotelischen abgrenzt, wie dies von Machiavelli wohl beabsichtigt wurde. Zunächst sollen dabei Machiavellis anthropo- logische Annahmen dargelegt werden, um sie im Anschluss daran mit den Aristotelischen Grundaussagen über den Menschen vergleichen zu können.
2. Machiavelli: Der Mensch als Sklave seiner Triebe und endlosen Bedürf nisse
Machiavelli geht ganz klar davon aus, dass der Mensch von seinen Trieben und Bedürfnissen bestimmt wird und nicht von seiner Vernunft. Damit stützt sich sein Verständnis vom Men- schen besonders auf die natürlichen bzw. physischen Grundlagen seiner Existenz, die er nicht verleugnen kann und die ihm die vollkommene Freiheit verweigern. Der Mensch ist ein, auf natürliche Bedürfnisse ausgerichtetes, Lebewesen und kein rein geistiges und sich vollkom- men selbstbestimmendes Wesen. Auch die Natur verliert bei Machiavelli ihre sinnhafte Be- deutung. Das teleologische Weltbild der Antike, wo alles auf ein Ziel hin ausgerichtet war, kann seiner Meinung nach keine Geltung beanspruchen. Für ihn ist die Natur ohne Sinn und ohne Vernunft, d.h. man kann eine gemeinschaftliche Ordnung unter Menschen nicht im Ein- vernehmen mit ihr, sondern nur ihr entgegengesetzt etablieren.
Die Bedürfnisse der Menschen sind laut Machiavelli unendlich und können daher nie vollends befriedigt werden, denn hat man ein Bedürfnis befriedigt, verlangt schon das nächste nach baldiger Befriedigung. Der Mensch kann also nie zur Ruhe kommen, da ihn seine grenzenlose Begierde immer weiter treibt und das bereits Gewonnene zunichte macht. Genau dieses Mo- ment des grenzenlosen Begehrens unterscheidet die menschliche Bedürfnisnatur von der des Tieres. Problematisch wird dieses Begehren dadurch, dass die Güter zur Bedürfnisbefriedi- gung knapp sind, was unvermeidbar zum Kampf zwischen den Menschen um diese Güter führt. Dieser Kampf wiederum verändert die gesamte menschliche Gesellschaft derart, dass sie sich nur noch um selbigen dreht und dadurch das Verhältnis zwischen den Menschen per- manent angespannt ist. Jeder hat unstillbare Bedürfnisse und kämpft daher mit seinen Mit- menschen um deren Befriedigung, wobei man jegliche Ruhe verliert und letztendlich mit al- lem unzufrieden ist und nie wirklich glücklich werden kann. Geht man davon aus, dass der Mensch vorwiegend durch sein grenzenloses Begehren bestimmt ist, wird klar, dass Konzep- te, wie bspw., die in der griechischen Antike entwickelten, Selbstgenügsamkeit, Leiden-
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schaftslosigkeit und Gelassenheit, keinen Platz finden können. Die Begierde der Menschen zielt letztendlich auf die „appetativ – possessive Einverleibung der Welt“ 1 , die nicht durch Objekte befriedigt werden kann, sondern sich ins Unermessliche steigert. Es geht dem Mensch nicht darum, das höchste Gut erreichen zu wollen sondern darum, die meisten Güter besitzen zu wollen, die einst qualitative Zielbestimmung des menschlichen Lebens muss bei Machiavelli einer quantitativen Zielbestimmung weichen. Dieses hier beschriebene Begehren der Menschen wird bei Machiavelli ambizione genannt, was laut Kersting so viel, wie Ehrgeiz bedeutet. Dieser Ehrgeiz ist jedoch ein sehr dehnbarer Begriff, der sich auf die verschiedens- ten Dinge erstrecken kann, jedoch immer mit derselben Dringlichkeit und Heftigkeit auftritt. Um ihn aber im Kontext von Machiavellis politischer Anthropologie verstehen zu können, sollte man ihn als Eigennutz und Selbstinteresse verstehen, wobei jedoch bei Machiavelli die ökonomische Rationalität ausgeklammert werden muss, denn er gesteht den Menschen keine instrumentelle Vernunft zu, um nutzenmaximierend kalkulieren zu können. 2 Die ambizione ist in Machiavellis Theorie zunächst also negativ gefärbt. Sie ist die Ursache dafür, dass die Menschen unvorsichtig und teilweise sogar gewalttätig handeln. Die ambizione kann sogar dann den Mensch beherrschen, wenn dieser gut veranlagt und gut erzogen ist. 3 Da der Mensch nicht selbst über seine ambizione Herr werden kann, muss notwendigerweise eine Beschrän- kung von außen erfolgen. Dabei gibt es bei Machiavelli nur das Mittel der Sanktion und der politischen Erziehung. 4 Die genaueren Zusammenhänge sollen nun näher erläutert werden.
2.1 Die ambizione und die Möglichkeit der Bändigung
Am deutlichsten charakterisiert Machiavelli die zügellose ambizione in seiner Dichtung „Dell’ Ambizione“, worin er beschreibt, dass eine menschenfeindliche, böse himmlische Macht, ambizione und avarizia auf die Erde schickte, um den glücklich lebenden Menschen ihren Frieden zu nehmen und den Krieg bzw. das Böse zu bringen. Wie bereits erwähnt, ist unter ambizione das unendliche Streben der Menschen nach der Befriedigung ihrer Triebe zu verstehen 5 – oder eben wie Kersting vorschlägt, der Ehrgeiz. 6
1 Kersting, Wolfgang, Niccolo Machiavelli, München 1988, S.37.
2 vgl. ebd., S.30 – 38.
3 vgl. Dreier, Volker, Eine alternative Methode zur rationalen Rekonstruktion (klassischer) politischer Theorien. Niccolo Machiavellis Modelle politischen Handelns und Verhaltens in seinem Il Principe im Kontext der moder- nen Wissenschaftstheorie, Tübingen 2002, S. 196.
4 vgl. Kersting, Wolfgang, Niccolo Machiavelli, München 1988, S.38.
5 vgl. Buck, August, Machiavelli, Darmstadt 1985, S. 39f.
6 vgl. Kersting, Wolfgang, Niccolo Machiavelli, München 1988, S.37.
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„Zwei Furien, Ambizione und Avarizia, wurden von einer den Menschen feindlich gesinnten Macht in die Welt entsandt. Sie ziehen nackt und voller Liebreiz umher, sodass manches Men- schen Auge nur das Schöne in ihnen sieht. In ihrem Gefolge befinden sich aber Neid, Faul- heit, Hass, Grausamkeit, Hochmut und Trug. Deshalb nehmen sie dem Lande seinen Frieden. Wenn es sie nicht gäbe, so wäre der Staat glücklich. Aber als Zeichen ihrer Unersättlichkeit tragen sie in der Hand eine Urne, die keine Boden hat. Und ihre Stärke erkennt man daran, dass sie vier Gesichter und acht Arme hat“ 7 [...] „Eine jede von ihnen hat vier Gesichter und acht Hände, daher können sie dich fassen und halten, wohin du dich wendest. Mit ihnen kommen der Neid, der Müßiggang und der Hass, mit ihrem Pesthauch die Welt erfüllend, bei ihnen sind der Stolz, die Grausamkeit, die Hinter- list. Sie verjagen in ferne Winkel die Eintracht, und sie tragen eine bodenlose Urne, um zu zeigen ihre unersättliche Gier. Von ihnen wurde das ruhige und das süße Leben, von dem die Hütte Adams voll war, zugleich mit Menschenliebe und Frieden vertrieben. [...]“ 8 Im Gefolge von ambizione und avarizia kamen also auch noch Neid, Trägheit und Hass auf die Welt, welche die Menschen grausam, hochmütig und undankbar machten. 9 Des weiteren ruft die ambizione das Streben der Menschen nach Macht sowie nach Würde und Besitz he r- vor, welches auf Kosten anderer ausgelebt wird. Darüber hinaus ist die ambizione wohl sogar so stark, dass sie selbst den Selbsterhaltungstrieb des Menschen außer Kraft setzen kann. Als Beispiel fügt Machiavelli an, dass der Mensch wie ein Raubvogel sei, den seine Gier, ein Op- fer zu finden, derart ve rblendet, dass er nicht sieht, wenn ein größerer Vogel über ihm kreist und ihn töten möchte. Die ambizione ist demnach so stark, dass sie den Menschen alles um sich he rum, jegliche Folgen des Handelns, vergessen lässt. Genau durch diese Stärke ist die Gefahr der ambizione für den Staat begründet. Denn sobald es einen Freiraum für sie gibt, vergessen die Menschen alle Gesetze und allen Respekt vor dem Fürsten und gefährden somit die gemeinschaftliche Ordnung. Machiavelli will mit dieser Dichtung demnach darauf hin- weisen, dass durch die ambizione das friedliche Zusammenleben der Menschen ständig ge- fährdet ist und darüber hinaus möchte er wohl auch zeigen, dass den Menschen keine Schuld daran zukommt, dass sie mit dieser ambizione ausgestattet worden sind. 10 Auch wenn der Inhalt recht einleuchtend und verständlich erscheinen mag, empfindet man die mythisch an- mutende Darstellungsweise eventuell doch etwas merkwürdig. Auch wenn durch die Form der Darstellung der Eindruck entstehen mag, dass Machiavelli hier dem biblischen Sündenfall
7 Huovinen, Lauri, Machiavellis Bild vom Menschen, Helsinki 1951, S.54.
8 Kersting, Wolfgang, Niccolo Machiavelli, München 1988, S.40.
9 vgl. Buck, August, Machiavelli, Darmstadt 1985, S. 39f.
10 vgl. Huovinen, Lauri, Machiavellis Bild vom Menschen, Helsinki 1951, S.52ff.
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entsprechend argumentiert, ist dies falsch. Dem Mensch kommt, im Gegensatz zur christli- chen Interpretation, keine Schuld daran zu, dass ihm das Böse gesendet worden ist. In der Machiavelli – Interpretation besteht mittlerweile weitgehend Einigkeit darüber, dass Machia- velli sich lediglich der Form aber keineswegs des Inhalts des biblischen Sündenfalls bedien- te. 11 Wie dies genau interpretiert wird, soll nun anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden. Gerhard Ritter sieht eindeutige Parallelitäten zwischen dem Menschenbild Machiavellis und dem des Christentums. Denn, so Ritter, entfernt sich Machiavelli von dem Vernunftmenschen der Antike, wie ihn auch Aristoteles beschrieb und bezieht sich auf den `natürlichen Men- schen` 12 wie er auch im Christentum beschrieben wird – einem Menschen, der von blinder Leidenschaft statt von angeborener Tugend und Vernunft bestimmt wird. Damit bricht Ma- chiavelli mit dem antiken Glauben an die Vernunft. Für ihn ist der Mensch als Einzelner maß- los und bereit Böses zu tun und als Mitglied einer Masse unvernünftig, feige und leicht zu betrügen. Goffredo Quaddri meint, dass Machiavelli mit seiner Darstellung des Menschen als Sklave der ambizione vom Christentum beeinflusst worden war, denn durch das gesamte Mit- telalter hindurch dominierte die christliche Lehre vom bösen Menschen, der Böses will. Eu- geinio Massa hingegen ordnet Machiavellis Menschenverständnis weniger christlichen Wur- zeln zu, sondern schreibt es allein seinen antihumanistischen Ambitionen zu. Machiavelli wollte sich gegen die humanistischen Überlieferungen wenden und wollte zeigen, dass der Mensch kein Herrscher über die Natur ist und bei weitem nicht in die Nähe Gottes rücken kann. Doch auch Massa stellt Parallelen zwischen der Anthropologie Machiavellis und der christlichen Anthropologie fest. Laut ihm habe Machiavelli sein Menschenbild weitgehend vom theologischen Denken seiner Zeit, besonders von Egidio von Viterbo, übernommen. Daraus resultierend lassen sich auch Parallelen im Menschenbild Machiavellis und Luthers feststellen. Beide behaupten, der Mensch sei nur durch Zwang in der Lage, Gutes zu tun. La ut diesen Analysen gibt es wohl eine Beeinflussung Machiavellis von der christlichen Theologie seiner Zeit. Jedoch darf man bei all diesen Parallelen nicht außer Acht lassen, dass es ihm in erster Linie darum ging, seiner Staatstheorie ein Fundament zu geben. Zudem ist Machiavelli, was die Rolle der Religion bzw. der Bedeutung ihrer Wertvorstellungen für die Politik be- trifft, ganz und gar nicht religiös eingestellt. Er enthebt vielmehr die Politik von jeglicher Mo- ral und damit natürlich auch von der christlichen Moral. Dass Machiavelli also mit Hilfe sei- nes, der christlichen Theorie durchaus ähnlichem Menschenbild, auch einen christlichen Staat konzipieren wollte darf man also keineswegs annehmen. Huovinen bringt klar zum Ausdruck dass für Machiavelli die Bedeutung des Christentums praktisch erloschen sei, denn seine
11 vgl. Buck, August, Machiavelli, Darmstadt 1985, S. 39f.
12 Huovinen, Lauri, Machiavellis Bild vom Menschen, Helsinki 1951, S.12.
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Sindia Schuster, 2004, Machiavellis anthropologische Annahmen als Abgrenzung von Aristoteles' Aussagen über den Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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