3. Berufliche Behinderungen:
Sie verhindern eine Beschäftigung des Behinderten in der Berufs-und Arbeistwelt, die seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechen würde (z.B. Gehörlosigkeit).
4. Schulische Behinderungen:
Sie hemmen die Beziehung und Bildung des Behinderten und bilden die Veranlassung dafür, in besonderer Weise nach geeigneten Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen zu suchen (z. B. Lernbehinderung) (VdS:7) Im Hinblick der Heilpädagogik werden die behinderten Personen folgendermaßen aufgegliedert: Blinden, Gehörlosen, Geistigbehinderten, Körperbehinderten, Lernbehinderten, Schwerhörigen, Sehbehinderten, Sprechbehinderten, Verhaltensgestörten. (Bleidick 1977: 24) All diese Hilfe und Beförderungen für Behinderten entspringen natürlich aus dem gesellschaftlichen Bewußtsein. Es sei denn, sie ist und muß als soziale Aufgabe zu sein. Denn “die Würde des Menshen sei unantastbar, dann gilt das auch für Behinderte” (Rumpf: 58). Da aber die guten Hoffnungen und Wünsche der Gesunden für die Behinderte der Realität ausweichen, tritt die Literatur an deren Stelle ins Licht. Wenngleich die Literatur die Widerspiegelung des individuellen Wirklichkeits ist und das Individuum wiederum in die Gesellschaft entworfen ist, ist es kurzzuschließen, daß Literatur immer die Problematik der Gesellschaft mit dem Einzelnen behandelt, das Problem aber durch die Perspektive des Subjekts reflektiert. In unserem Fall heißt es, daß wenn Behinderten als Problematik in die Literatur eingedrungen sind, dann sind einige mit ihnen verwandte Probleme in der Gesellschaft zu besprechen.
An dieser Stelle möchte ich nun auf Akif Pirinçci übergehen, der ja auch in seinem Roman “Der Rumpf” dieses Problem einsieht, dessen Wurzeln vor Auge führt, jedem einzelnen Leser durch seine pluralistische Perspektive aufklärt. Doch zuerst möchte ich ihn bekanntmachen: Wer ist Akif Pirinçci, der in den letzten Jahren von den deutschen Literaturkritikern so oft über sich reden läßt und von ihnen als “einer von unseren Autoren” genannt wird? Worin liegt sein Erfolg?
Akif Prinçci wurde im Jahre 1959 in Istanbul geboren. 1969 zog er mit seiner Eltern nach Deutschland. Als typisches Gastarbeiter-Familienkind versuchte er sich in die neue Welt zu adaptieren, wobei er jedoch keine Schwierigkeiten bekam. Er wollte Schriftsteller werden, obwohl sein Vater klar und deutlich ausdrückte: “Damit kann man doch kein Geld verdienen”. Nach langen Depressionen, wegen Ablehnungen seiner Manuskripte von vielen
Verlagen, ist es ihm jedoch gelungen, schon mit zwanzig seinen ersten Roman zu veröffentlichen (“Tränen sind immer das Ende” 1981). Im Jahre 1989 folgte sein zweiter Roman “Felidae”, der über eine Million verkaufte und “eineinhalb Jahren auf der Taschenbuch-Bestsellerliste” stand. Im selben Jahr wurde sein Roman als bester Kriminalroman des Jahres mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Damit gewann er endlich sein so stark darauf ersehntes Lesepublikum und sein einziger Wunsch ‘Schriftsteller zu werden’ ging in Erfüllung. Sein dritter Roman “Der Rumpf”, anhand dessen wir vesuchen werden, wie Pirinçci die Behindertenproblematik umreißt, erschien 1992. Und letztlich 1994 erschien sein vierter Roman “Francis/Fedidae II”.
Nun möchte ich zum Hauptteil meines Referats kommen und zu darstellen versuchen, wie Pirinçci diese Problematik behandelt.
“Der Rumpf”: Dieser Roman enthält die kennzeichnenden Merkmale eines Entwicklungsromans. Denn der Held des Romans, ein Krüppel, muß, um sich selbst zu verwirklichen, vermittelterweise eine dreistufige Entwicklungsphase in seinem Leben durchstehen, bevor er seine eigentliche Identität gewinnt:
1. Das glückliche Leben im Kirchenhaus,
2. Entstehung des Konfliktes (er wird seiner Lage bewußt) und das Transportieren seiner
Wenigkeit in einem Rehabilitationszentrum. Dort entfaltet seine Persönlichkeit.
3. Der zweite Ortswechsel zu einem Behindertenheim und die Realisation seines idealen
Wunsches, welches perfekten Mord zu begehen war. Und als dessen Folge die Verwandlung in seiner Persönlichkeit zum Guten Menschen.
Andererseits sind diese gattungsspezifische Merkmale durch eine christlich-theologisch orientierten Perspertive zu interpretieren:
1. Das glückliche Leben im Paradies (Die Kindheit Rumpfs im Kirchhaus)
2. Sündenfall (Das Eintreten des Bewußtseins in dem Rumpf und die Annahme seiner
Existenz als Fluch Gottes). Entfaltung seiner Persönlichkeit um Wille des Dämonhaften und Verwirklichung des Mordaktes an den idealen Mensch (dies wiederum assoziert uns den Mord dem Gott bei Nietzsche)
3. Die Verwandlung zum Guten (Gnade und die Wiederaufnahme seiner Existenz in das
Paradies)
Natürlich ist diese Interpretation durch den Blickwinkel des anthropozentrischen Weltbildes her zu verstehen. Denn die Verwandlung zeigt uns ja, wie im Märchen der Fall ist, daß sie nicht außer dem menschlichen Wesen geschieht, sondern umgekehrt in dem Menschen. Nun gehen wir weiter ins Werk hinein und betrachten unseren Held Daniel:
Ein Kind wird mit einer Gliedmaßenfehlbildung geboren. Er ist sozusagen “die Abstraktion eines Menschen, nur Gehirn-und ein Geshlechtsorgan, mit dem er nichts anfangen kann.” (Supp 1992: 204) Seine Mutter setzt ihn in einer Regennacht vor einer Kirche aus. Der Krüppel wird vom Pfarrer der Kirche aufgenommen. Doch “als er aber das brüllende Gottesgeschöpf von seiner nassen Montur befreite, entfuhr ihm jäh ein Schrei des Schreckens. Voller Entsetzen wurde er gewahr, daß sein Chef bei der Genesis des neuen Gemeindemitglieds unvollständige Arbeit geleistet hatte. Jetzt erkannte er auch die wahren Motive, weshalb die Mutter den Bengel ausgesetzt hatte... Im bunten Teppich des Oberwebers gab es keinen Webfehler, durfte es keinen geben. Amen.” (Rumpf: 13). Der Findling erhielt die Bezeichnung “Der Rumpf”. Die erste Phase der Behinderungsproblematik ist die Geburt von Daniel, des Rumpfes. Denn gleich nach seiner Entbindung folgt die Enttäuschung der Mutter, die wohl um das Schöpfen eines Menschen glücklich sein sollte.
Das universale Prinzip der Aussetzung eines Kindes vor/in einer religiösen Insitution zeigt sich auch hier, denn diese Institutionen symbolisieren im allgemeinen das Haus Gottes und psychoanalytisch betrachtet, ist diese Aussetzung eine Art Rückgabe des Fehlprodukts an Gott. Also unser Rumpf kommt in eine Kirche, unter deren Aufgaben es auch steht, solche Sündenfälle (denn nur der Mensch ist daran Schuld) im Gnaden Gottes anzunehmen und sie zu heilen.
Der Pfarrer der Kirche namens Jupiter versorgt das Kind Daniel und damit geriet er in den Konflikt, ob das Kind einer staatlichen Einrichtung anvertraut werden oder ob er (selbst) es als Geschenk Gottes für seine Kinderlosigkeit annehmen sollte. Schließlich wird das Kind beim Pfarrer unterbracht, weil all die Fahndungen nach Mutter, die durch mehrere Behörden geleitet werden, erfolgslos bleiben. Er leistet seinem Rumpf überall gute Dienste. Er forscht über Elektronik. Feinmechanik und Orthopädie. Er baut sogar für seinen kleinen Rümpflein den fortgeschrittensten Spezialstuhl. Der Vater Jupiter wird mit der Zeit wie ein Vater für Daniel. Die neunzehnjährige Nonne, Maria, übernimmt dann die Pflege, als Daniel vier Jahre
Arbeit zitieren:
Dr. Mesut Gönç, 1999, 'Behindertenproblematik’ in dem Roman "Der Rumpf" von Akif Pirinçci, München, GRIN Verlag GmbH
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