Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Migration 5
2.1 Problemfeld Arbeitsmigration 5
2.2 Stationen der Arbeitsmigration nach Deutschland 6
3. Politische Reaktionen 7
3.1 Von der Arbeitsmarktpolitik zur Ausländerpolitik 7
3.2 Vom Gastarbeiter’ zum Einwanderer’? 9
3.3 Recht und Politik 11
4. Gesellschaftliche Reaktion: Fremdenfeindlichkeit? 12
4.1 Wirtschaftskrise - Wirtschaftswachstum: Ablehnung in jeder Lage 12
4.2 Konflikte in der Nachwendezeit 13
4.3 Deutschland, das Nicht-Einwanderungsland 14
5. Fazit 17
6. Literaturverzeichnis 19
3
1. Einleitung
In diesem Jahr gibt es den seit 18 Jahren ersten deutschen Gewinner des Golden Bären der Berlinale zu feiern: Mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ siege „das deutsche Kino, das Deutschland seit fast 20 Jahren als das Einwanderungsland abbildet, das es nicht sein will“ über „die deutschen Träume von einer Leitkultur“ 1 , schwärmt das Feuilleton. Es ist „kein Film für Multikulti-Etiketten“ 2 und auch sonst scheint es Schwierigkeiten mit den Begrifflichkeiten zu geben. Der Regisseur wehrt sich auf einer Pressekonferenz vehement gegen die abwertend konnotierte Bezeichnung ‚Gastarbeiter’, wird in gewissen Medien vorübergehend als „Erfolgsdeutsche[r] adoptiert“, während man die Hauptdarstellerin entweder als „rassige deutsche Film-Diva“ feiert oder als ehemalige „Porno-Darstellerin“ denunziert. 3
Die Geschichte der Arbeitsmigration begann im Nachkriegsdeutschland vor fast 50 Jahren und doch sind, nicht nur in den Medien, aber dort besonders deutlich, der Umgang mit dem Thema Migration allgemein und insbesondere mit den Folgen der Arbeitsmigration bis heute problematisch geblieben. Schon die Begriffe „Gastarbeiter“, „Fremdarbeiter“ oder „Wanderarbeiter“, „Saisonarbeiter“ sind auf dem Gebiet der Arbeitsmigration oftmals Verlegenheitsbezeichnungen für Menschen, die mit unterschiedlichsten Absichten und Aussichten nach Deutschland gekommen und oft längst zu ‚Einwanderern’ geworden sind. Im folgenden soll es darum gehen, die Entwicklungen und Folgen der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik auf zwei Ebenen zu beleuchten. Auf der geschichtlichen Ebene zeigt sich, dass die ursprüngliche Anwerbungspolitik von Gastarbeitern, die in erster Linie nach ökonomischen Gesichtspunkten gestaltet wurde, in der Folgezeit auch gesellschaftliche und soziale Entwicklungen mit sich brachte, die wiederum, oft umstrittene, politische Reaktionen hervorriefen. Auf der gesellschaftlichen Ebene wird gelegentlich ein direkter Zusammenhang zwischen (Arbeits-)Migratio n von Minderheiten und Fremdenfeindlichkeit als Reaktion der ‚einheimischen’ Bevölkerung unterstellt. Nicht nur im Alltagsverständnis scheinen wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit oft eng zusammen gedacht zu werden. Die These, dass „die ökonomische Notwendigkeit [...] nach wie vor [als] ein Durchlass - oder ein Filter - zwischen Xenophobie und Kosmopolitismus“ 4 zu sehen ist, gilt es dabei mit zu bedenken.
1 Die ZEIT, 19.Februar 2004, S. 49.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Kristeva, 1990, S. 63.
4
2. Migration
In der Soziologie bezeichnet der Begriff ‚Migration’ (aus dem Lateinischen ‚migrare’/ ’migratio’ für wandern, wegziehen, Wanderung 5 ) ein Phänomen, das es wahrscheinlich zu allen Zeiten gegeben hat: „Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum [...], die einen dauerhaften Wohnortwechsel [...] bedingen“ 6 , der sich mindestens zwischen zwei politischen Gemeinden des selben Landes (Binnenmigration), oft zwischen verschiedenen Nationalstaaten (Internationale Migration) vollzieht. Dieser Bewegungsvorgang kann, von den einzelnen Migranten, ungewollt oder bewusst geplant, aus verschiedensten Beweggründen, mit unterschiedlichsten Motiven einsetzen und im Aufnahmeland verschiedene Entwicklungen nach sich ziehen. Diskriminierungserfahrungen, Integrationsversuche, spätere Rückkehr sind plakative Etikette für einige der ganz unterschiedlichen Aspekte in den Lebensläufen von Migranten.
2.1 Problemfeld Arbeitsmigration
Ein Faktor, der ausschlaggebend sein kann für Migration, ist die Arbeit. Dabei stehen sich sozusagen zwei Interessens vertreter gegenüber: Aus der Perspektive eines (potentiellen) Arbeitsmigranten aus betrachte, sind verschiedene Faktoren denkbar, die den Ausschlag zu einer „grenzüberschreitenden Arbeitswanderung“ 7 geben können. Dazu gehören Lohnhöhe und Beschäftigungscha ncen im Aufnahmeland, aber auch, auf einer individuelleren Ebene, Überlegungen zur Risikodiversifizierung des Familien- oder Haushaltseinkommens, oder das Gefühl, innerhalb der sozialen Gruppe, der man im Heimatland angehört, benachteiligt zu sein und damit der Wunsch durch Migration in dieser Gruppe einen besseren Stand zu erreichen. 8 Es können also, sehr allgemein gefasst, bei der individuellen Entscheidungsfindung ökonomische Kosten-Nutzen-Überlegungen, sowie „Macht-Prestige-Verhältnisse“ 9 eine Rolle spielen.
Aus einer überindividuellen Perspektive betrachtet, zeigen sich Migrationsbewegungen immer auch eingebunden in einen größeren Zusammenhang von nationalökonomischen Interessen
5 Vgl. Han, 2000, S. 7.
6 Ebd.
7 Pries, 2001, S. 13.
8 Vgl. ebd.
9 Ebd.
5
der betroffenen Staaten. Individuelle Entscheidungen zur Migration werden demzufolge auch auf der Grundlage bestehender wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer Rahmenbedingungen („transnationale Praktiken“ 10 ) getroffen, die von den jeweiligen Staaten zur Ermöglichung solcher Wanderbewegungen geschaffen werden. Deutlich wird diese Überlegung mit Blick auf die konkrete Nachfrage nach Arbeitsmigranten im Nachkriegsdeutschland.
2.2 Stationen der Arbeitsmigration nach Deutschland
Deutschland war von Wanderbewegungen getroffen, lange bevor ausländische Arbeitnehmer systematisch und in größerer Zahl angeworben wurden. Beispielsweise verließen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Menschen Deutschland vor allem in Richtung Vereinigte Staaten in der Hoffnung auf Arbeit und Wohlstand. Gleichzeitig arbeiteten „Fachkräfte aus Italien vorwiegend im Straßenbau sowie bei der Errichtung der Verkehrsverbindungen“ 11 . Die Blüte des Bergbaus sowie die zunehmende Industrialisierung zogen zudem ausländische Arbeitskräfte, besonders aus Polen, gerade ins Ruhrgebiet. 12 Auch die dunkle Geschichte der Zwangsarbeit während der Zeit des 3.Reichs gehören zum Phänomen der Migration im 20. Jahrhundert.
1950 lebten 9,4 Mill. Menschen (ca. 18 % der Bevölkerung) in der BRD, die vor dem 2. Weltkrieg ihren Wohnsitz außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik hatten. 13 Bis 1961 kamen 13,34 Mill. sog. ‚Heimatvertriebene’ und ‚Zugewanderte’ aus der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR und Ost-Berlin. 14 Dennoch herrschte zunächst in der Landwirtschaft, später auch im Baugewerbe schon 1952 Arbeitskräftemange l, dem bis zum Ende der ersten Hälfte der 50er Jahre eine relativ hohe Arbeitslosigkeit (jährliche Quote: 9,5% 15 ) gegenüberstand. Bei der ersten Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften in dieser Zeit handelte es sich um „nur kurzfristige[] und relativ unorganisierte[] Anwerbungen“ 16 , die dazu führten, dass beispielsweise ab dem Sommer 1952 Saisonarbeiter aus Italien in der süddeutschen Land- und Forstwirtschaft tätig wurden.
10 Pries, 2001, S. 22.
11 Cruz, 1984, S. 83.
12 Vgl. ebd.
13 Vgl. Heckmann, 1981, S. 149.
14 Ebd.
15 Ebd. S. 150.
16 Ebd. S. 149.
6
In Folge des beginnenden Wirtschaftswachstums und der Gründung der Bundeswehr (1955), die „dem Arbeitsmarkt mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte entzog“ 17 , sowie die Schließung der innerdeutschen Grenze (1961) stieg die Zahl der offenen Stellen mehr und mehr. Hinzu kamen Entwicklungen, wie die Abwanderung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft, aber später auch Faktoren wie „der Rückgang der Geburtenziffer, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Tatsache [...], dass ein immer größerer Bevölkerungsanteil eine immer längere Zeit der Ausbildung und beruflichen Fortentwicklung widmet [und dadurch] Fähigkeiten erworben [werden], die es ermöglichen, auf die Ausübung bestimmter ‚niederer’ Tätigkeiten nicht mehr angewiesen zu sein“ 18 . In dieser sich formierenden Gemengelage von Arbeitsmarktsituation und gesellschaftlichen Entwicklungen wurde im Oktober 1961 der erste Anwerbevertrag, der schon seit 1955 mit Italien bestand, verlängert und in Istanbul die „Deutsche Verbindungsstelle, eine Außenstelle des Arbeitsamtes“ 19 eingerichtet. Damit begann die eigentliche Periode der sog. ‚Gastarbeiterbeschäftigung’. 1962 wurden die bereits 1960 geschlossenen Vereinbarungen mit Griechenland und Spanien überarbeitet. Weitere Verträge wurden geschlossen mit Marokko (1963), mit Tunesien (1965) und mit Jugoslawien (1968). Die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer in der Bundesrepublik stieg so zwischen 1961 und 1971 von 507 419, was einer Ausländerquote von 2,5 % entsprach, auf 2 168 766 (10%) 20 . Deutschland war in dieser Zeit nicht das einzige Aufnahmeland in Europa; auch die Beneluxstaaten und Frankreich warben um ausländische Arbeitkräfte. Insgesamt waren bis 1974 34 Anwerbeabkommen auf europäischer Ebene zu verzeichnen.
3. Politische Reaktionen
3.1 Von der Arbeitsmarktpolitik zur Ausländerpolitik
Zu Beginn der Arbeitsmigration wirkte der „ pull-Faktor“ 21 , die arbeitsmarktpolitischen Erfordernis, weit stärker als „push-Faktoren“ 22 in den Herkunftsländern. Es ging der Politik und vor allem den Unternehmen dabei nicht ausschließlich um einen Ausgleich des Arbeitskräftemangels, der in den 50er Jahren trotz hoher Arbeitslosigkeit bestand, sondern im
17 Heckmann, 1981, S. 150.
18 Cruz, 1984, S. 90.
19 Domit, 2000, S. 9.
20 Quelle: Bundesanstalt für Arbeit (1978a, 14), zitiert nach Heckmann, 1981, S. 151.
21 Treibel, 1990, S. 42.
22 Ebd.
7
Arbeit zitieren:
Sandra Schmidt, 2004, Arbeitsmigration und Fremdenfeindlichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Definition und Bedeutung von Mythen
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Betrachtung der Sprachentwicklung in den Neuen Medien am Beispiel der ...
Seminararbeit, 25 Seiten
Digitale Spaltung in Deutschland - Übergangsphänomen oder Bedrohung
Soziologie - Wissen und Information
Seminararbeit, 23 Seiten
Feste und Feiern in der Schule und Übergangsriten am Beispiel der Abit...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Reformation - Das protestantische Prinzip
Ein kurzer Überblick
Philosophie - Philosophie der Neuzeit (ca. 1350 - 1600)
Referat (Ausarbeitung), 15 Seiten
Integrationshemmende Ausländerpolitik?
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 24 Seiten
E-Mail, Chat und SMS - sprachliche Strukturen in neuen Kommunikationsf...
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Kulturkonzepte und Globalisierung - Eine Weltordnung in Form einer glo...
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Hausarbeit, 32 Seiten
Zur Kontroverse um die Darstellung des Holocaust im Film - am Beispiel...
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Zwischenprüfungsarbeit, 26 Seiten
Werbewirkungsmessung - Überblick über die theoretischen Grundlagen und...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Seminararbeit, 31 Seiten
Gibt es einen spezifisch ostdeutschen Rechtsextremismus?
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 29 Seiten
Printmedien Online - Weblogs: Revolution oder Evolution?
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Hausarbeit, 23 Seiten
Vergleich der Hamburgischen Staatsoper mit ausgewählten Opern- und The...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Selbstdarstellung durch Konsum in der Frühen Neuzeit
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 18 Seiten
Der Begriff des Mythos bei Cassirer
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Digital Divide - Die Frage nach der Wissenskluft im digitalen Zeitalte...
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Hausarbeit, 21 Seiten
Sandra Schmidt's Text Arbeitsmigration und Fremdenfeindlichkeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sandra Schmidt hat den Text Arbeitsmigration und Fremdenfeindlichkeit veröffentlicht
Sandra Schmidt hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare