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Inhalt
Deckblatt
Inhalt
I. Einleitung
II. Der Roman Schlafes Bruder von Robert
Schneider im Spiegel der Literaturkritik
1. Sprachgestus
2. Originalität und Authentizität
3. Spannung
4. Erzähltechnik
5. Genrezuordnung
6. Resümee
III. Literaturkritik als Werbemittel
1. Schlußbetrachtung
Bibliographie
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I. Einleitung
Der Schriftsteller Robert Schneider vollendete 1990 s einen Roman Schlafes Bruder und verschickte ihn an über zwanzig Verlage im deutschsprachigen Raum. Der junge Autor, der bis dahin nur für das Theater geschrieben hatte, erhielt dreiundzwanzig Absagen. Nur der Reclam Verlag Leipzig, der sich wegen der Wiedervereinigung in dieser Zeit in einer Umstrukturierungsphase befand, bekundete, obwohl er nicht primär Gegenwartsliteratur verlegte, sein grundsätzliches Interesse.
Nachdem 1992 eine vorsichtige Auflage von 4.000 Exemplaren herausgebracht worden war, wurde der Roman in kürzester Zeit mit mehr als 20 Auflagen und 700.000 verkauften Exemplaren zum Bestseller.
Die Entstehungsgeschichte von Schlafes Bruder ist deswegen so interessant, weil damit ein Debütroman eines fast vollkommen unbekannten Autors gewissermaßen über Nacht zu einem der meistverkauften deutschsprachigen Bücher der 90er Jahre avancierte, ein bahnbrechender Verkaufserfolg, der zu einem nicht unerheblichen Teil auch von seiner durchaus kontroversen und widersprüchlichen, jedoch ebenfalls sehr intensiven Besprechung in der deutschen Literaturkritik abhängig gewesen sein dürfte. „Schlafes Bruder wird, wie kein anderer Roman der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit der Geschichte seines Erfolgs verknüpft.“ 1 Diese vorliegende Arbeit stellt sich die Frage, wie der Roman in der Literaturkritik aufgenommen wurde und was die Gründe für seinen außerordentlichen Erfolg gewesen sein könnten. Anhand verschiedener Rezensionen und Materialien stellt diese Arbeit Zusammenhänge zwischen der Entstehungsgeschichte, den Rezensionen und dem Erfolg des Romans her und ordnet ihn in den Rahmen der literaturkritischen Betrachtung des vergangenen Jahrhunderts ein. War es der Roman selber, der die Begeisterung auslöste? Waren es die Rezensionen, die Leser zum Kauf bewegten? Waren es viele verschiedene
1 Rainer Moritz: Nichts Halbherziges. Schlafes Bruder: Das (Un-)Erklärliche eines Erfolges. In: Über Schlafes Bruder.
Materialien zu Robert Schneiders Roman. Hrsg. von Rainer Moritz. Leipzig: Reclam Verlag, 1996. S.12.
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Gründe oder einfach nur Zufall? Wieso lehnten über zwanzig Verlage das Buch ab, bevor Reclam letztendlich zusagte? 2
Auch soll herausgestellt werden, ob sich für die untypische Wirkungsgeschichte des Romans Parallelen in der Literaturgeschichte finden lassen, in denen ähnliche Rezeptionsmuster zu erkennen sind.
Es ist sehr auffällig, daß kaum für das Buch geworben wurde, und daß sowohl die großen Tages- als auch die Wochenzeitungen fast sofort meist positive Rezensionen veröffentlichten.
So war die Rezension von Herbert Ohrlinger in der Presse am 22.8.1992 nur der Auftakt einer wahren Rezensionsflut, in anderen namhaften Zeitungen folgten schnell weitere Besprechungen.
„Auf der Buchmesse im Oktober kursierte die Rede vom Geheimtip aus Leipzig, und bis Ende des Jahres beträgt die Gesamtauflage bereits 40.000 Stück.“ 3 Hier stellt sich schon die Frage, auf welchen Faktoren der ungemeine Erfolg beruht und ob es die zahlreichen positiven Rezensionen waren. Gerade dieses relativ d irekte und unvermittelte Erscheinen sehr positiv gestimmter Rezensionen (negative Rezensionen erschienen, bis auf jene von Thomas E. Schmidt: Das Genie, das keines wurde. In: Frankfurter Rundschau 10.10.1992, in kleinen und unbedeutenden Zeitungen und mit zeitlicher Verzögerung) kann als einer der hauptsächlichen Faktoren für den Erfolg des Romans identifiziert werden). 4
Nach Meinung von Rainer Moritz erhielt der Roman außerdem einen „Ost-Bonus“: Nach der Wende hatten alle ostdeutschen Verlage kapitale Schwierigkeiten und besondere Neuheiten wurden deshalb auch besonders unterstützt.
„Frank Schirrmacher (mit einem kurzen Hinweis) und Thomas Rietzschel (mit einer ausführlichen Rezension) machten in der Frankfurter Allgemeinen, Erich Hackl in der Zeit, Martin Doerry im Spiegel, Beatrice von Matt in der Neuen Zürcher Zeitung und Herrmann Wallmann in der
2 Mirjam Schaub gibt in ihrem Essay Robert Schneider und das Verschwinden der Literaturkritik folgende Gründe an:
„Hochtrabend finden die Lektoren den apostolischen Duktus, übertrieben den Ton, maßlos und unheimlich den Reigen aus
Metamorphosen, verblasen das historische Sujet.“ Wie die Literaturkritik diesen Vorwürfen gegenübersteht wird sich
zeigen.
3 Rainer Moritz: Nichts Halbherziges, S. 12.
4 z.B. Franz Loquai: Ein literarischer Komet? In: Die Furche 13.5.1993.
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Süddeutschen Zeitung auf den Roman aufmerksam, und am 19. November 1992 widerfuhr Schlafes Bruder die größte Segnung, die einem Werk heutzutage zuteil werden kann: Der Einzug ins Literarische Quartett.“ 5
Die Diskussion im Literarischen Quartett verlief kontrovers, Iris Radisch attackierte schon zwei Wochen zuvor in der Zeit das „unrealistische Erzählen“ 6 des Romans, was aber seinem bahnbrechenden Erfolg keinen Abbruch tat. Es folgen Literaturpreise in Italien und Frankreich, eine Ballettinszenierung des Pfalztheaters Kaiserslautern, die aufwendige Verfilmung Joseph Vilsmaiers und die Uraufführung einer Oper von Herbert Willi 1996 in Zürich. Nach der Verfilmung durch J. Vilsmaier verkaufte der Verlag bis Ende 1994 100.000 Taschenbuch-Exemplare und der Roman wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.
„Von einer aufwendigen Verkaufskampagne des Verlags begleitet, eroberte das Buch in der zweiten Jahreshälfte Kaufhäuser und Bahnhofsbuchhandlungen, vom hintersten Allgäu bis in den letzten Winkel Ostfrieslands. Im letzten Quartal `95 wurden - die deutsche Filmpremiere war Anfang Oktober - durchschnittlich 90.000 Exemplare pro Monat abgesetzt.“ 7
Resümierend in bezug auf Verkaufszahlen sind zunächst die 600.000 bis Ende 1995 verkauften Taschenbuch-Exemplare in vierzehn Auflagen zu nennen. Die Hardcoverausgabe wurde ungefähr 100.000 mal in acht Auflagen verkauft; die Liebhaberausgabe im Schuber weitere 10.000 mal.
II. Der Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider im Spiegel der Literaturkritik.
5 Rainer Moritz: Nichts Halbherziges, S.13.
6 Iris Radisch: Schlafes Brüder. Pamphlet wider die Natürlichkeit oder Warum die deutsche Literatur so brav ist. In: Die
Zeit 6.11.1992.
7 Rainer Moritz: Nichts Halbherziges, S.15.
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Anhand der Aspekte, die Rezensenten in ihren Kritiken liefern, wird zunächst herausgearbeitet, welches die Fixpunkte sind, die von der Kritik in bezug auf diesen Roman herausgestellt werden. Durch eine Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Kriterien der Rezensionen wird deutlich gemacht, welche die Gründe für den Erfolg von Schlafes Bruder sein könnten. Da diese Gründe sehr vielschichtig sind, wird es nicht möglich sein, im Detail zu sagen, wie viel welcher Aspekt zum Erfolg beigetragen hat. Dunkelziffern und unerklärliche Verkaufserfolge ebenso wie unerklärliche Mißerfolge sind im Literaturbetrieb unvermeidbar. 8
Bei der Analyse der verschiedenen Kritiken wird schnell deutlich, daß sich die Kriterien in vielen Punkten gleichen und sich überschneiden und nur in wenigen Fällen gänzlich andere Aspekte hervorgebracht werden. Sehr auffällig ist aber dennoch, daß die verschiedenen Kritiker oftmals die gleichen Aspekte angesprochen haben, die deswegen nacheinander aufgegriffen werden, um der Fragestellung dieser Arbeit gerecht zu werden. Während der quantitativen und qualitativen Untersuchung zur Festlegung der für den Erfolg bedeutendsten Aspekte sind folgende Punkte als besonders wichtig hervorgetreten und werden im Folgenden einzeln näher betrachtet: Sprachgestus, Originalität, Spannung, Erzähltechnik, Parallelen des Romans in der Gegenwartsliteratur und Genreeinordnung.
Der Untersuchungszeitraum liegt zwischen August 1992 und September 1995. Die Rezensionen folgender Autoren sind in die Analyse einbezogen worden (chronologisch nach Erscheinungsdatum geordnet): Herbert Ohrlinger, Thomas Rietzschel, Herrmann Wallmann, Erich Hackl, Thomas E. Schmidt, Beatrice von Matt, Iris Radisch, Martin Doerry, Christian Seiler, Julia Schröder, Herbert Winkels, Sieglinde Geisel, Volker Wieckhorst und Franz Loquai. Zu den Rezensionen ist zunächst zu sagen, daß sie, im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Aufsätzen, generell recht kurz sind und meist zur Hälfte aus einer Inhaltsangabe des Romans und der Nacherzählung der
Schlüsselgeschehnisse des Romans bestehen. Begründete Werturteile tauchen seltener auf.
8 Vgl. auch Jörg Drews: Über den Einfluss von Buchkritiken in Zeitungen auf den Verkauf belletristischer Titel in den
achtziger Jahren. In: Literaturkritik - Anspruch und Wirklichkeit. Hrsg. von Wilfried Barner. Stuttgart: Metzler, 1990. S.
460-473.
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1. Sprachgestus
Der spezifische Sprachgestus des Romans scheint in beinahe allen Fällen eine besondere Wirkung auf den Leser auszuüben. Dieser Sprachduktus kann als einer der wichtigsten Aspekte genannt werden, den man mit dem Erfolg in Verbindung bringen kann. Von fünfzehn Rezensionen wird er in der Hälfte davon ausdrücklich angesprochen und ansatzweise untersucht. Um die Meinungen der Rezensenten vorzustellen, wird zunächst versucht, ein Bild der Sprache zu entwerfen, über die geurteilt wurde. Der Roman ist zeitlich im 19. Jahrhundert angesiedelt, weswegen Robert Schneider den Sprachduktus des Romans den sprachlichen Verhältnissen der damaligen Zeit auf erstaunliche Weise angepasst hat. Der Dialekt der Einwohner von Eschberg ist dennoch nicht authentisch, er ist eine Kreation des Autors. Schneider vermengt hier die Sprache mit Begriffen der damaligen Zeit genauso wie mit modernen Wortschöpfungen.
Er selber sagt, das historische Bild wird „in einer Sprache beschrieben, die eine musikalische Struktur besitzt, die eine fast schwärmerische Sprache ist, manchmal sogar ins Pathos kippt.“ 9
Allerdings meint Schneider hier eher Sprache im Sinne des Erzählstils als dialektale Eigenschaften.
Diese Mischung aus alten und neuen Nuancen der Sprache ist eines der auffälligsten Momente des Romans und wird deswegen auch von den meisten Rezensenten angesprochen, wobei sie in der Kritik durchaus sehr kontrovers beurteilt worden ist.
Diese virtuose Sprache ist in jedem Fall, neben der phantastischen Geschichte, ein anziehendes Moment in Schlafes Bruder, wobei sie gerade deswegen von manchem als Anstoß zur negativen Kritik genommen wurde. So scheint Beatrice von Matt in ihrer Rezension Föhnstürme und Klangwetter in der Neuen Zürcher Zeitung vom 20.10.1992 dem anmutenden Gestus der Romansprache sehr zwiespältig gegenüber zu stehen. Empfindet sie auf der
Arbeit zitieren:
Christiane Bethke, 2001, Erfolg als Artefakt? Der Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider im Spiegel der Literaturkritik, München, GRIN Verlag GmbH
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