Vorwort
Die Diskussion, ob Musik in der Lage sei, menschliche Verhaltensweisen derart zu beeinflussen, daß der Mensch aufgrund der Rezeption von Musik zur Anwendung physischer Gewalt 1 neigt, oder aber die Musik zumindest die A usführung von Gewalttaten begünstigen könne, mag wahrscheinlich im abendländischen Raum schon solange bestehen, seit Musik sich zu einem prägenden kulturellen Bestandteil des Okzidents entwickelt hat, und geht analog einher mit Diskussionen um die Frage, o b und inwieweit Musik in genera konkrete Auswirkungen auf Psyche und Verhalten des Menschen haben kann. Das Vertrauen in die Wirkung von Musik auf den Menschen ist bei Platon so groß, daß er den Tönen nicht nur Gewalt über Sachen und menschliche Seelen, sondern darüber hinaus sogar über Verfassungen zumißt und der Musik sogar politische Umstürze zutraut. 2 In diesem Kontext ist Platon nur konsequent, wenn er der Musik auch die Fähigkeit zuspricht, zu Gewalttaten animieren zu können oder aber bei Gewalttaten eine unterstützende Rolle zu spielen. Die dorische Tonart ist es, welche er als gewaltsam und für tapfere Krieger geeignet bezeichnet. 3
Auch Aristoteles besitzt ein ähnlich großes Vertrauen in die Wirkung der Musik, spricht der Musik jedoch im Rahmen seiner Ethos-Lehre (Lehre von der Wirkung der Tonarten) andere Wirkungen als Platon zu: Vor dem Hintergrund, daß Musik vornehmlich keine zerstörerische Wirkung besitze, sondern zur Erziehung und Charakterbildung dienen kann und soll, besitze Musik unter anderem eine kathartische Funktion, da sie eine körper- und/oder seelenreinigende Fähigkeit aufweise, wobei der Effekt eher durch „Abreaktion“ als durch Läuterung erreicht wird. 4
Die Diskussion um die Wirkung von Musik und der Frage, ob denn Musik menschliche Gewalttaten auslösen oder aber zu Gewalttaten animieren könne, ist gegenwärtig immer noch aktuell. Vor dem Hintergrund einer steigenden Gewalt von Schülern an Schulen und eines Aufkommens neonazistischer, gewaltbereiter Jugendsubkulturen wird breit erörtert, inwieweit
1 Im Rahmen dieser Arbeit wird der Begriff „Gewalt“ generell im Sinne von menschlich ausgeübter physischer Gewalt verwendet werden.
2 vgl. Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen [Hg.]: Funkkolleg Musikgeschichte. Europäische Musik vom 12.-20.Jahrhundert. Studienbegleitbrief 11. Weinheim, Basel, Mainz 1988. S.30f.
3 vgl. Platon: Der Staat III. 399a-c. OA.: 374 v. Chr. (Günther Eigler [Hg.:]: Platon. Werke in 8 Bänden. Darmstadt 1971. Band 4. Bearbeitet von Dietrich Kurz, dt. Übersetzung von Friedrich Schleiermacher)
4 vgl. Dt. Institut für Fernstudien..., S.36f.
Als weitere Funktionen der Musik nennt Aristoteles die Entspannung und die Erholung von Anstrengungen, die geistige Unterhaltung und die Erziehung der Kinder.
die von Jugendlichen konsumierte Musik im Prozeß der Gewaltentstehung involviert ist oder sogar Auslöser für Gewalttaten sein kann. Hierbei ist es interessant, daß es zwar in der gegenwärtigen Diskussion dezidierte Meinungen gibt, welche eine Partizipation von Musik bei der Entstehung von Gewalt bejahen, 5 aber kaum wissenschaftlich fundierte Untersuchungen als Beleg oder zur Widerlegung dieser These. Ebensowenig wurde bislang der Versuch unternommen, Behauptungen zu dieser Fragestellung empirisch zu bestätigen oder zu entkräften. 6
Anliegen dieser Arbeit soll es sein, zunächst bestehende Erklärungsansätze zur Einflußnahme von Musik bei Akten der Gewalt durch Agressionsstimulation darzulegen und sie zu problematisieren, um dann schließlich den Versuch zu machen, einen neuen Erklärungsansatz zu formulieren, welchem die Grundannahme der Sprachlichkeit von Musik vorliegt. Dies bedeutet, daß Betrachtungen zu Auswirkungen des Musikkonsums auf die individuelle Gewaltbereitschaft Überlegungen zur generellen Wirkungsfähigkeit von Musik auf das menschliche Verhalten unter der Bedingung der Sprachähnlichkeit musikalischer Artefakte vorangestellt werden müssen. Deswegen soll zunächst solch grundlegenden Überlegungen, inwieweit Musik Aggressionen als Bedingung für ein gewalttätiges Verhalten auslösen oder aggressiv auf den Zuhörer wirken kann, Raum gegeben werden, auf deren Basis sich dann eine Aussage zur übergeordneten Frage, ob und auf welche Art und Weise denn Musik zur Gewaltanwendung stimulieren kann, treffen läßt.
5 vgl. hierfür exemplarisch: Musik und Unterricht, Heft 36, 7.Jg.. Seelze 1996 (Themenschwerpunkt des Heftes: Musik und Gewalt); sowie Neitzert, Lutz: Rechte Musik und Fascho-Rock. http://home.rhein-zeitung.de/~dneitzer/homepage3/htm. Neuwied, o.J.
6 vgl. z.B. die Einschätzung von Palumbo, Frank: Testimony of the American Academy of Pediatrics on the Social Impact of Music Violence before the Senate Subcommittee on Oversight of Government Management, Restructuring, and the District of Columbia. http://www.senate.gov/~brownback/music/palumbo.html. [Kansas] 1997.
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Können durch Musikrezeption Gewalttaten animiert werden ?
Gegenw ärtige Diskussionen und Erklärungsansätze 2
2. Parallelen zwischen Musik und Sprache. Musik als Metapher 8
3. Emotionen und Aggressionen als Metaphern in der Musik und ihre
Wahrnehmung 18
4. Literaturverzeichnis 22
1. Können durch Musikrezeption Gewalttaten animiert werden ?
Gegenwärtige Diskussionen und Erklärungsansätze
In einem Brief vom 13. Februar 1997 an Senator Joseph Lieberman, Washington DC, schreiben Richard und Christine Kuntz:
Dear Senator Lieberman.
As part our families normal daily behaviour on the morning of December 12 th , 1996, my wife started our son´s shower and went to wake him. But our son was not sleeping at bed, he was dead, he had killed himself. He has left us and is never coming back.
Dear sir, my son was listening to Marylin Manson´s „Antichrist Superstar“ on the stereo when he died, [...] with the rough draft of a 10 th grade English class paper about this artist, that his teacher had returned to him that day for final revisions, on the stand next to his body. The lyrics (enclosed) of „The Reflecting God“, on that CD, read as an unequivocally direct inducement to take one’s own life. [...] We are all certainly free to make our own decisions regarding the value of content, but if you were to ask me, I´d say that the lyrics of this song, contributed directly to my son´s death. [...] Sir, this music, because it glorifies inhumane intolerance and hate, and promotes suicide, contradicts all of the community values that people of good will, regardless of faith, ideology, economic or social position, share. Simply put, this music hurts us as a people. Our children are quietly being destroyed (dying), by this man´s music, by ones and twos in scattered isolation throughout our nation today. [...] 7
Der geschilderte Selbstmord des 15jährigen Richard Kuntz, welchen er während des Hörens eines Titels von Marylin Manson begangen haben soll, löste in der USA eine Debatte über die Rolle der von Jugendlichen konsumierten Musik aus, inwieweit sie G ewalttaten begünstige oder verursache. 8 Für die Eltern des Jugendlichen und auch für eine breite Öffentlichkeit in Amerika ergibt sich in diesem Fall ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Selbstmordtat und der konsumierten Musik, da der nihilistische T ext des gehörten Marylin-Manson-Titels den Selbstmord verherrliche und Richard Kuntz beim Hören dieses Songs Selbstmord verübte; ergo muß seine Entscheidung zum Selbstmord durch die konsumierte Musik ausgelöst worden sein. Eine populäre Meinung scheint es demnach zu sein, daß Musik direkt das menschliche Verhalten beeinflußt und somit auch Gewalttaten verursachen kann. Die Annahme, daß Musikkonsum Gewalttaten auslösen kann, wird auch zugrunde gelegt, wenn die Entstehung von Gewalt und Krawallen während u nd nach Rockkonzerten erklärt und eine Ursache für die Genese dieser Gewalt gefunden werden soll. 9 Es sei noch ein Beispiel erwähnt, welches die gängige Meinung belegt, daß Musik eine
7 Kuntz, Raymond; Kuntz, Christine: Brief vom 31.2.1997 an Senator Joseph Lieberman. http://www.senate.gov/~brownback/music/kuntz.html. [Kansas] 1997.
8 Einen Einblick in die stattgefundene Diskussion gibt das am 6.11.1997 stattgefundene Informational Hearing on „Music Violence: How does it Affect our Children ?“, welches im WWW wiedergegeben wird: Brownback, Sam [Hg.]: Music Violence. http://www.senate.gov/brownback/music.html. [Kansas] 1997.
9 vgl. Neitzert, ebd.;
sowie Taborek, Stefan: Heavy Metal und Rap: Welche Auswirkungen sind bekannt ?. http://www.sachsen-info.de/stab/t5/st_5_345.html.
verhaltensmodulierende, zur Gewaltanwendung führende Wirkung besitzt: Im New Yorker Central Park überfielen im Jahre 1989 sechs Jugendliche eine Joggerin und vergewaltigten sie, während aus einem Ghettoblaster Rapmusik ertönte. Die sich aus diesem Vorfall entwickelnde Diskussion wurde auf der Basis der Unterstellung, daß die M usik mit ihren gewaltverherrlichenden Texten aus dem Ghettoblaster tatauslösend gewesen sei, geführt. 10 Ein interessanter Aspekt bei den gegenwärtigen Diskussionen ist die Tatsache, daß die gewaltfördende Wirkung und damit das potentielle Gefährdungspotential, welches von der Musik ausgehen soll, nicht in der Musik an sich, sondern in den Texten gesehen wird. 11 Andererseits wird jedoch in diesem Zusammenhang kein wirkungstheoretischer Diskurs von Sprache allein geführt, sondern die Sprache als Teil von Musik betrachtet, was bedeutet, daß der Musik entweder eine autonome, vom Text unabhängige Möglichkeit zur Beeinflussung von Zuhörern oder aber zumindest eine die Wirkung eines Textes unterstützende und/oder verstärkende Funktion indirekt unterstellt wird. Der Grund für die Fokussierung der Diskussionen auf die Texte der Musik mag vor allem in dem Problem begründet liegen, in der Musik objektive Merkmale herauszufinden, welche eine eindeutige Identifizierung bestimmter musikalischer Strukturen als aggressions- und damit potentiell gewaltfördernd ermöglichen, da die Musik im Gegensatz zur Sprache keine konkret-begriffliche Bedeutungen anbieten kann, welche eine weitgehend sichere Deutung einer semantischen Struktur als gewaltflankierend oder aber zur Gewaltanwendung animierend ermöglichen würden. Im Gegensatz zur Sprache, welche auch über eine rein kognitive Ebene Gewalt auslösen kann, wenn z.B. explizit zur Gewaltanwendung aufgefordert wird, ergibt sich für die Musik, so sie denn zur Gewaltanwendung animieren soll, vorrangig nur die Möglichkeit einer Stimulation von Emotionen, wobei die Aggression eine von mehreren möglichen Ausprägungen von Emotionen ist. Musik hat demnach lediglich eventuell die Möglichkeit, Aggressionen beim Rezipienten auszulösen, welche dann eventuell in Gewalttaten umgesetzt werden können, aber nicht zwangsweise müssen; die Musik besitzt allerdings nicht die Fähigkeit, ohne Zuhilfenahme eines verständlichen Textes als ein direkter Trigger von Gewalt zu fungieren. Dieser Fragestellung, inwieweit und unter welchen Bedingungen Musik
aggressionsstimulierend wirken kann oder aber zumindest als aggressiv empfunden wird, soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.
10 Der Vorfall ist ansatzweise, allerdings leider ohne konkret auf die Diskussion um die Musik einzugehen, dokumentiert in: Didion, Joan: Überfall im Central Park. Eine Reportage. (Dt. Übersetzung von Eike Schönfeld). München 1991.
11 Die bereits erwähnte Debatte in der USA um den Selbstmord von Richard Kuntz bezog sich in ihrer Kritik nur auf die Texte Marylin Mansons, nicht aber um den Musikstil (vgl. Brownback, ebd.). Auch Lutz Neitzert sieht sich in seiner Abhandlung über Fascho-Rock weniger als im Musikstil als in den rechtsradikalen Texten der Musik, vor allem weil er von einem bewußten Konsum dieser Texte ausgeht (vgl. Neitzert, ebd.).
Arbeit zitieren:
Dietmar Korthals, 1999, Aggression als musikalische Metapher und ihre Wahrnehmung - Ein alternativer Ansatz zur Erklärung der Entstehung von Aggressionen durch Musik, München, GRIN Verlag GmbH
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Mediation - ein Konzept zur konstruktiven Konfliktlösung
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Dietmar Korthals's Text Aggression als musikalische Metapher und ihre Wahrnehmung - Ein alternativer Ansatz zur Erklärung der Entstehung von Aggressionen durch Musik ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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