Inhaltsverzeichnis:
Einleitung 01
1. Wandalbert von Prüm Leben und Werk inmitten
karolingischer Renovatio 04
2. Wandalberts Umfeld: Charakteristika der Abtei Prüm
und ihre Bedeutung im Karolingerreich 08
3. De mensium doudecim nominibus: Wandalberts Kalendergedicht
und seine Interpretation im Hinblick auf die Wertung der Handarbeit
zur Zeit der Karolinger 10
3.1 Überlieferung und Gattungseinordnung 10
3.2 Labor placet Aussagen und Wertungen zu Arbeit
in Wandalberts Gedicht 11
4. Parallelen zu Wandalbert: Weitere Zeitgenössische
Arbeitsbilder in Dichtung und Illustration 17
Schlussbetrachtung 19
Literaturverzeichnis 22
Anhang 25
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Einleitung
„Von der zwölf Monate Namen, den Sternbildern,
Dem Wetter und der Arbeit im Jahreslauf [...] Was der Erde verleiht der Monde beständiger Wandel, Welche Geschäfte er bringt und was an Besitz er gestaltet;
Will ich gebührender Art in Kürze dir, Leser, berichten.“ Diese ersten Zeilen eines von Wandalbert von Prüm verfassten Kalendergedichtes 1 machen direkt deutlich, welche Schwerpunkte der karolingische Dichter in diesem 848 von ihm selbst herausgegebenen Werk setzt. Das Thema „Arbeit“ steht mit an vorders- ter Stelle. Was das Jahr an „Geschäften“ bringt, will Wandalbert hier (unter anderem) schildern.
Das mittelalterliche Verständnis des Begriffes „Arbeit“, seine Wertung durch die Zeitgenossen, erschließt sich nur mühsam aus den herkömmlichen Quellen. Das gilt auch für die Zeit der Karolinger. Die Historiographen schweigen zu diesem Thema weitgehend. Zwischen den Schilderungen der fränkischen Politik, den Taten Karls des Großen und den Konflikten seiner Nachfahren, ist für die Beobachtung des Alltäglichen kaum Platz. Rückschlüsse für die Mentalitätsgeschichte sind schwierig. Es erscheint daher durchaus legitim, ein Gedicht wie das Wandalberts heranzuziehen, um mehr über die Wertvorstellungen der karolingischen Lebenswelt zu erfahren. Natürlich birgt eine literarische Quelle gewisse Risiken, auch wenn Platons Aussage vom lügenden Dichter 2 in diesem Zusammenhang etwas überspitzt erscheint. In einer Fragestellung, die nach allgemeinen Werten der Vergangenheit fragt, ist die zeitgenössische Literatur aber mög- licherweise aufschlussreicher als die Historiographie, „denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“ 3 Daher soll im Folgenden Wandalberts Gedicht „Von der zwölf Monate Namen“ auf seine Aussagen über die Wertung der Arbeit in karolingischer Zeit hin untersucht werden.
1 De mensium duodecim nominibus signis culturis aerisque qualitatibus. In: Monumenta Germaniae Historica. Poetae Latini II. Weimar, 1884, S. 604-616. Ich verwende in dieser Arbeit die deutsche Ü- bersetzung nach: Schlagberger, Franz X.: Wandalbert von Prüm. Das Kalendergedicht. Bilder des Eife- ler Landlebens vor 1150 Jahren. Prüm, 1992, S. 21-52, hier S. 21. Schlagberger selbst fußt auf der ers- ten deutschen Version der Wandalbertschen Verse, die Paul Herzsohn bereits Ende des 19. Jahrhun- derts verfasst hat und die erstmals von Karl Theodor von Inama-Sternegg zur Veröffentlichung ge- bracht wurde. Vgl.: Von Inama-Sternegg, Karl Theodor: Rheinisches Landleben im 9. Jahrhundert. Wandalberts Gedicht über die 12 Monate. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst 1 (1882), S. 277-290. Herzsohns Version findet sich darüber hinaus weiter publiziert bei: Kentenich, G.: Rheinisches Landleben im 9. Jahrhundert. In: Rheinische Heimatblätter 2/1924, S. 107-119; sowie bei Önnerfors, Alf: Von Heiligen und Jahreszeiten. Die literarische Leistung Wandalberts von Prüm. Ols- berg, 1976. Schlagbergers Textvariante hat einige Fehlübersetzungen korrigiert und die bei Herzsohn nicht erfassten Ausführungen zu Monatsnamen und Sternzeichen hinzugefügt. Ansonsten sind beide deutschen Textfassungen weitgehend identisch.
2 „Alle Dicher [...] ahmen Bilder der Tüchtigkeit nach[...]. Mit der Wahrheit aber haben sie nichts zu tun“. Siehe Platon: Der Staat. Über das Gerechte. Übersetzt und erläutert von Ottto Appelt. Hamburg, 1961, S. 393.
3 Aristoteles: Poetik. Hg. von Fuhrmann, Manfred, bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994 (1982), S. 29.
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Die Literatur zu dieser Problematik ist recht übersichtlich. Auch wenn seit Jacques le Goff die Mentalitätsgeschichte einen Aufschwung genommen hat und er selbst das Problem Arbeit immer wieder deutlich thematisiert, 4 sind die Auseinandersetzungen mit „De mensium duodecim“ 5 spärlich. Auch sind sie entweder rein literaturwissenschaftli- chen Interesses oder begreifen die Aussagen Wandalberts unreflektiert als historische Realitäten. 6 Dass ein Großteil der Literatur darüber hinaus älteren Datums ist, bringt weitere Probleme mit sich. 7 Die Auseinandersetzung mit Wandalberts Kalendergedicht, dem „kulturhistorisch bedeutsamste[n]“ 8 Teil seiner Dichtung, erscheint daher durchaus sinnvoll und aktuell.
Ausgangspunkt dieser Arbeit ist ein Referat, dass ich im Rahmen eines Hauptsemi- nars, welches Begriff und Wertung der Handarbeit im Mittelalter zum Thema hatte, an der Universität zu Köln erstellte. Dieses Referat soll hier nun ausgearbeitet werden. Geht man davon aus, dass die vorkarolingische Einstellung zur (Hand-)Arbeit durch eine „Haltung der Geringschätzung“ 9 oder gar „Verachtung“ 10 geprägt war, die Arbeit „als Fluch“ 11 und für die Sünden der Menschheit von Gott verhängte Buße verstand, 12 soll nun anhand der Aussagen Wandalberts untersucht werden, ob sich diese Mentalität mit den Karolingern weiter tradiert oder ob es möglicherweise zu einer Neubewertung kommt. Kann das Gedichts Wandalberts vielleicht Indikator für einen Mentalitätswan- del sein?
Es ist daher zu fragen, welche Aussagen Wandalbert über die Arbeit macht. Das heißt: welche Art von Arbeit schildert der Dichter und wie wertet er sie möglicherwei-
4 Siehe beispielweise seine Ausführungen in: Le Goff, Jacques (Hrsg.): Der Mensch des Mittelalters. Frankfurt am Main/New York, 1989, S. 11f.; Le Goff, Jacques: Für ein anderes Mittelalter. Zeit, Arbeit und Kultur im Europa des 5.-15. Jahrhunderts. Frankfurt am Main/Berlin/Wien, 1984; oder seine zahl- reichen Arbeiten für die einschlägigen Nachschlagewerke, u.a. die TRE (s. Anmerkung 9). Dass Le Goff hierbei allerdings zur Wiederholung neigt, lässt sich nicht verkennen.
5 Ich verwende im weitern Verlauf der Arbeit diesen Kurztitel.
6 Allen voran Melchior und Kentenich. Siehe: Melchior, Ludwig: Beiträge zu Kulturgeschichte der Rheinlande im 8. und 9. Jahrhundert. Darmstadt (Diss.), 1904. Melchior nimmt die Schilderungen Wandalberts wortwörtlich für Realität. Dieses unreflektierte Vorgehen zeigt sich auch in anderen Pas- sagen seiner Dissertation, in denen er beispielweise Schilderungen der Annales Fuldenses zu Heuschre- ckeneinfällen, die doch allzu sehr biblischen Plagen nachempfunden scheinen, übernimmt. Siehe Mel- chior, Kulturgeschichte, S. 27f.
7 So lassen sich bei Kentenich deutschtümelnde Phrasen und eine bemühte Vereinnahmung des „alte[] germanische Freude“ schildernden Wandalberts in Abgrenzung zu Frankreich nicht verhehlen. Die zeitgenössischen Umstände Kentenichs (Besetzung des Rheinlandes!) machen dies zwar nachvollzieh- bar, aber historiologisch nicht entschuldbar. Schlagbergers Begeisterung im Sinne einer Einigung des Dreiländer-Ecks, und seine pseudo-europäische Idealisierung Wandalberts und Prüms erscheint mir auf der anderen Seite aber auch problematisch und den Umständen des 9. Jahrhunderts nicht gerecht wer- dend.
8 Stiene, Heinz Erich: Wandalbert von Prüm. In: Bischoff, Bernhard: Die deutsche Literatur des Mittel- alters. Verfasserlexikon, Sp. 704-710, hier Sp. 707.
9 Le Goff, Jacques: Arbeit (Mittelalter). In: Theologisches Realenzyklopädie, Bd. III. Berlin/New York, 1978, S. 613-669.
10 Wessel, K.: Arbeit. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. I. München, 1980, Sp. 870-888. Hier Sp. 871. 11 Le Goff: Mensch des Mittelalters, S. 11.
12 Siehe Genesis 3, 17-19: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln läßt er dir wachsen, und die Pflanzen des Fel- des mußt du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Die Bibel. Einheitsüber- setzung der Heiligen Schrift. Altes und Neues Testament. Stuttgart, 1988, S. 8.
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se? Dabei ist stets das Problem der Quellenart zu beachten. Diese Hausarbeit wird daher auch versuchen, darzustellen, welche Schilderungen Wandalberts zeitgenössisch sind, den eigenen Beobachtungen des karolingischen Autors entspringen, und welche unter Umständen literarische Zitate sind, Topoi oder gar Kopien antiker Vorbilder. Vor dieser im Zentrum der Arbeit stehenden, zum Großteil Werk imanenten Ausei- nandersetzung mit „De mensium duodecim“, bei der literaturwissenschaftliche Aspekte nur am Rande thematisiert werden sollen, ist daher ein Blick auf den Dichter selbst und seine Lebenswelt unumgänglich. Zunächst soll folglich Wandalbert als historische Per- son thematisiert werden. Woher kommt dieser Dichter? Was wissen wir über sein Leben und sein Werk? Und vor allem: Welche Bildung hat er erhalten, die möglicherweise sein literarisches Schaffen beeinflusst hat? Darüber hinaus ist nach seinem Umfeld zu fragen. Was ist Kennzeichen der Epoche, in der Wandalbert lebt – politisch, ökono- misch, gesellschaftlich und kulturell?
Unabdingbar ist aber auch ein Blick auf die nähere Umgebung des Dichters. Wie stellte sich die Abtei Prüm, in der Wandalbert während seiner schriftstellerischen Tätig- keit lebte 13 , für den Zeitgenossen dar? Welche Relevanz und Funktion hatte sie im Ge- füge des Karolingerreichs? Für das Verständnis des Gedichtes sind diese Fragen essen- tiell. Sie können einen Hinweis darauf geben, ob Wandalbert seine Beobachtungen zur Arbeit dem wirtschaftlichen Alltag der klösterlichen Grundherrschaft Prüms entnom- men hat.
Von einem einzigen Werk auf die gesamte Mentalität einer Zeit zu schließen, wäre allerdings wenig sinnvoll. Ein solches Vorgehen lässt kaum erste Verallgemeinerungen zu, die für Aussagen über karolingisches Arbeitsethos erstrebenswert wären. Mögli- cherweise handelt es sich ja bei Wandalberts Gedicht um eine Einzelerscheinung. Daher soll nach der Auseinandersetzung mit der primären Quelle in einem kleineren Teil die- ser Arbeit anhand von Sekundärliteratur ein Blick auf weitere Quellen des 9. Jahrhun- derts – schriftlicher und illustratorischer Art - geworfen werden. Möglicherweise wei- sen sie Parallelen zu Wandalberts Werk auf.
Im Schlussteil soll schließlich oben angeführte Fragestellung einer Beantwortung zugeführt werden, um letztendlich anhand Wandalberts von Prüm eine Aussage darüber zu machen, ob es mit den Karolingern zu einem Wandel im Arbeitsbegriff kommt oder nicht.
13 Ob das Monatsgedicht allerdings in Prüm entstanden ist, wird in der Literatur unterschiedlich beant- wortet. Schlagberger ist sich „sicher“, Melchior geht hingegen von Köln als Produktionsort aus. Vgl.: Schlagberger, Franz Xaver: Prüm. Lotharingiens Klosterzentrum im 9. Jahrhundert. Prüm, 1997, S. 80; und Melchior: Kulturgeschichte, S. 7.
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1. Wandalbert von Prüm: Leben und Werk inmitten karolingischer Renovatio.
Die Information zum Leben und Werk des neben Regino wohl bedeutendsten Prümer Autors des 9. Jahrhunderts sind spärlich. Was wir über Wandalbert wissen, wissen wir ausschließlich von ihm selbst. In seinem Hauptwerk, einem 1919 Verse umfassendem Martyrologium 14 , in dessen poetischem Kranz sich eben auch das Monatsgedicht befin- det, macht er in der Conclusio die einzige Aussage zu seinem Alter:
„Trinis ecce decennis,
Vitam ego miser, Quintus et insuper, Aevi currulis orbis adest atque meatibus“ 15
35 Jahre war Wandalbert somit bei der Herausgabe seines Werkes. Er ist also im Jahr
813 geboren, auch wenn bei solchen Selbstaussagen aufgrund der „Tendenz [...], runde Zahlen zu nennen“ natürlich „gewisse Vorsicht geboten“ 16 ist. Wandalbert wurde ver- mutlich in Westfranken 17 geboren, wo er wohl im Umkreis der Bildungszentren Ferri- ères und Sens seine Ausbildung erfuhr. Darauf lassen seine Kontakte zu Florus von Ly- on ebenso schließen wie die Tatsache, dass seine Berufung nach Prüm durch den aus Ferrières stammenden Prümer Abt Markward, seinen Freund und Förderer, erfolgte. 18 Es ist somit davon auszugehen, dass Wandalbert in diesen geistlich-kulturellen Zentren der Zeit umfassend nach den Idealen der karolingischen Bildungsreform 19 erzogen wur- de. Auch sein literarisches Werk lässt darauf schließen: Sowohl in seiner Prosa als auch in seiner Poesie zeigt er durch „beachtliche historische Kenntnisse sowie [...] literari- sche und stilistische Vielseitigkeit [...] die charakteristischen Züge des karolingischen Bildungsdranges.“ 20 Er erscheint als „formal gewandter, auf der Höhe der karolingi- schen Bildungsreform stehender Autor.“ 21 Diese Bildungsreform war zur Wandalberts Lebzeiten auf ihrem Höhepunkt. Die in den 780er Jahren von Karl dem Großen begonnenen Bemühungen im Sinne der „errata
14 Als Martyrologien gelten zunächst kalendarische Verzeichnisse mit den Daten der Märtyrer zum Gedenken und der Funktion als christlicher Festkalender oder Kalendarium. Als „historische Martyro- logien“ mit Abriss der Lebensgeschichte der Heiligen erhielten sie zunehmend hagiographischen Cha- rakter. Vgl. die einschlägigen Artikel von Dubois, J. im Lexikon des Mittelalters, Bd.?, Sp. 357-360; und Saxer, Victor im Lexikon für Theologie und Kirche, Sp. 1445-1447. Wandalbert geht über beides aber noch hinaus und schildert mit scharfer Beobachtungsgabe und „Hang zur realistischen Darstel- lung“ Umwelt und Mitmenschen. Siehe Önnerfors: Jahreszeiten, S.21.
15 Zitiert nach: Schlagberger: Wandalbert, S .7.
16 Önnerfors: Jahreszeiten, S. 5.
17 Hierfür gibt es keine Belege. In einem Brief an den Kölner Kleriker Otrich, der ihn zur Abfassung des Martyrologium veranlasst hatte, erwähnt er jedoch, aus Gegenden weit „von dem Rheinland [...] entfernt“ zu stammen. Siehe Melchior: Kulturgeschichte, S. 6f.
18 Siehe Stiene: Wandalbert; Önnerförs: Jahreszeiten, S. 5; Schlagberger: Wandalbert, S. 75; und Mel- chior: Kulturgeschichte, S. 7.
19 Ich bevorzuge diesen Begriff an Stelle der meiner Meinung nach falsche Akzente setzenden Rede von der „Karolingischen Renaissance“. Vgl. hierzu die sehr einleuchtende Argumentation bei Flecken- stein, Josef: Die Bildungsreform Karls des Großen als Verwirklichung der norma rectitudinis. Bigge- Ruhr, 1953, S. 7.
20 Önnerfors: Jahreszeiten, S. 4.
21 Stiene, Heinz Erich: Wandalbert. In: Lexikon des Mittelalter, Bd. VIII. München 1997, Sp. 2009.
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corrigere, superflua abscindere, recta cohortare“ 22 trugen nun an den Klosterschulen des fränkischen Reiches unter der Herrschaft des Karlssohnes Ludwig des Frommen ihre Früchte. 23 Auch wenn diese Förderung von Bildung und Studien mit Sicherheit „kein Selbstzweck“ 24 war und aus rein humanistischem Interesse entstand, sondern vielmehr aus kirchenpolitischen Erwägungen, 25 ermöglichte erst sie in ihrem „Dringen auf ein- wandfreie Lateinkenntnisse“ 26 die erneute Auseinandersetzung mit antiken Texten. Dass Wandalbert die nun wiederentdeckten paganen und frühchristlichen Klassiker wie Vergil, Ovid, Cicero, Horaz, Prudentius oder Boethius bekannt waren, liegt nahe. An diesen Vorbildern muss der Franke unter anderem geschult worden sein und ihr Einfluss auf sein Werk ist nicht zu verkennen. Er steht als „example of the eastward trend of learning after the death of Charles the Great“ 27 „mitten in dieser Kulturtradition“ 28 , die antike Dichtkunst rezipierte und weiter überlieferte. In der Bewertung seines Monatsge- dichtes darf diese Tatsache nicht übersehen werden.
Für die Entwicklung von Wandalbert ist aber nicht allein die Bildungspolitik seiner Zeit relevant. Sein Leben fällt nicht nur in die Hochphase der karolingischen Erneue- rung, sondern vielmehr in das „Kernstück der fränkisch-karolingischen Geschichte“ 29 , in dem sich die wesentlichen Züge des abendländischen Mittelalters ausgeprägt haben. Die Regierung Ludwigs des Frommen war gekennzeichnet durch die Bemühungen um das Festhalten an der Reichseinheit. Ein Ideal, das die Ordinatio Imperii von 817 fest- hielt, das sich aber letztendlich nicht durchsetzen konnte. Die von Ludwig beabsichtigte Renovatio regni Francorum blieb im politischen Bereich stecken und scheiterte schließ- lich in den langjährigen Erbfolgekriegen an den gesellschaftlichen Realitäten der Zeit. Die Verträge von Verdun (843) besiegelten nach Ludwigs Tod 840 die Teilung des fränkischen Reichs unter seine Söhne.
Das zweite wichtige Ziel der kaiserlichen Politik wurde aber durchaus erreicht: Unter dem Drängen des Reformers Benedikt von Aniane widmete sich Ludwig „der From- me“ 30 erfolgreich der Kirchenpolitik. Herausragendes Beispiel hierfür ist die Aachener
22 Admonitio generalis von 789. Zitiert nach: Von See, Klaus: Neues Handbuch der Literaturwissen- schaft, Bd 6, Europäisches Frühmittelalter. Wiesbaden 1985, S. 22.
23 Mit dem Auftreten solcher Geistesgrößen wie Florus von Lyon, Lupus von Ferrières, Nithard, Gott- schalk, Sedulius und Johannes Scottus, Paulus Diaconus, Einhard, Alkuin, Hrabanus und Walahfrid
Strabo kann von einem geistigen Stagnieren unter der Regierung des zweiten Karolingerkaisers wie es
teilweise in der Forschung vertreten wurde, kaum die Rede sein. Siehe Boshof, Egon: Ludwig der
Fromme. Darmstadt, 1996, S. 255 – 270.
24 Schieffer, Rudolf: Die Karolinger. Zweite, durchgesehen und ergänzte Auflage, Stutt- gart/Berlin/Köln, 1997, S. 98.
25 Siehe Fleckenstein: Bildungsreform, S.8.
26 Von See: Frühmittelalter, S. 22.
27 Raby, F. J. E.: A History of Christian-Latin Poetry from the Beginnings to the Close of the Middle Ages. Oxford, 1953, S. 178.
28 Önnerfors: Jahreszeiten, S. 8.
29 Schieffer, Theodor: Die Krise des karolingischen Imperiums. In: Engel, Josef und Klinkenberg, Hans Martin (Hrsg.): Aus Mittelalter und Neuzeit. Gerhard Kallen zum 70. Geburtstag. Bonn, 1957, S. 2. Für
die Gegenstimmen vgl. beispielhaft Schlesinger, Walter: Die Auflösung des Karlsreiches. In: Beumann,
H. (Hrsg.): Karl der Große. Bd. 1. Ort?, Jahr?, S. 792-857.
30 Zur Bewertung dieses Beinamens siehe Schieffer, Rudolf: Ludwig ’der Fromme’. Zur Entstehung eines karolingischen Herrscherbeinamens. In: Frühmittelalterliche Studien 16 (1982), S. 58-73. Schief-
fer widerlegt hier die These von der Zeitgenossenschaft des Beinamens als individualisierende Kenn-
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Synode das Jahres 816. Das schwelende Problem der Unterscheidung geistlichen Le- bens in Kanoniker- und Mönchsgemeinschaften wurde hier geklärt und die Regel des heiligen Benedikts entgültig als für alle Mönchs-Klöster verbindlich durchgesetzt. 31 Sie wurde somit sozusagen „monastische[s] Grundgesetz“ 32 und blieb dies bis zum Auf- kommen der spätmittelalterlichen Bettelorden auch. Die Epoche Wandalberts wurde aufgrund der reichskirchlichen Bemühungen somit ganz wesentlich von den benedikti- nischen Klöstern geprägt. Ihre Bedeutung war nicht nur in kirchlicher und kultureller Hinsicht immens, sondern auch in sozialer und wirtschaftlicher. Die Hausklöster der karolingischen Herrscher – wie St. Denis, Fulda oder eben auch Prüm - wurden von diesen ganz gezielt mit umfangreichen Schenkungen bedacht. Auf diese Weise wurden aus anfänglich kleinen Rodungsklöstern nicht nur machtpolitische Vorposten des frän- kischen Reiches, sondern ausgedehnte Wirtschaftsbetriebe, deren Zweck eben nicht nur die religiöse Fürbitte für ihre Gönner oder die Schulung der fränkischen Elite in den Klosterschulen war. Als grundherrschaftlich organisierte „landwirtschaftliche Muster- farmen“ 33 verfolgten sie vielmehr zunehmend ökonomische Ziele.
In solch einem Umfeld bewegte sich auch Wandalbert. Wenig ist bekannt über sein Wirken vor der Prümer Zeit. „Viel bewandert und herumgekommen“ 34 sei er. „Fern der Heimat und den häuslichen Umständen, nicht gerade im Exil, aber doch schon seit lan- gem nicht im Vertrauten seine Zeit verbringend“, schrieb er 848 im Martyrologium. 35 Das erste Zeugnis dieses Dichters ist die 839 verfasste Vita des heiligen Goar. 36 Abt Markward hatte ihn mit der Überarbeitung einer älteren Vita über Goar beauftragt und Wandalbert löste diese hagiographische Aufgabe „in jeder Hinsicht vorbildlich“. 37 Spä- testens Ende der 30er Jahre war er also in Prüm tätig. Frühere Zeugnisse sind nicht ü- berliefert, die Verfassung weltlicher Dichtung ist aber höchst wahrscheinlich. 38 Es ist auch schwer zu sagen, womit Wandalbert in den Jahren zwischen 839 und 848, dem
zeichnung. Zur tatsächlichen Frömmigkeit Ludwigs mache das „zum Vorrat traditioneller Prädikate“ gehörende Epitheton keine Aussage. Auch Boshof spricht sich gegen das „Klischee des frömmelnden [...] Kaisers“ aus. Siehe Boshof: Ludwig, S. 256.
31 Inwieweit die anianischen Reformen allerdings tatsächlich in den Klostern umgesetzt wurden, ist schwer zu beurteilen. Widerstand gab es nachweislich. Vgl. Felten, Franz J.: Die Bedeutung der Bene- diktiner im frühmittelalterlichen Rheinland. Reflexionen, Anmerkungen und Fragen. In: Rheinische Vierteljahresblätter 56 (1992), S. 21-58.
32 Semmler, Josef: Ludwig der Fromme (814-840). In: Beumann, Helmut (Hrsg.): Kaisergestalten des Mittelalters. München, 1984, . 28-49. Hier S. 33.
33 Schmitz, Philibert: Geschichte des Benediktinerordens. Bd 1. Ausbreitung und Verfassungsgeschich- te des Ordens von seiner Gründung bis zum 12. Jahrhundert. Zürich, 1947. S. 93. Schmitz, selbst Bene- diktiner, steht dieser Entwicklung kritisch gegenüber. Die Ideale Benedikts von Aniane seien durch diese Verweltlichung der Klöster zunehmend in den Hintergrund getreten.
34 Schlagberger: Wandalbert, S. 4.
35 Zitiert nach ebenda.
36 Vita et Miraculi sancti Goaris. In: Monumenta Germaniae Historica. Scriptorium XV. Hannover, 1887. S. 361 – 378. Die Schrift diente u.a. zur (erfolgreichen) Verteidigung der Ansprüche Prüms auf die Goarszelle am Rhein gegen das Bistum Trier..
37 Önnerfors: Jahreszeiten, S. 11. Markwards Bemühungen stehen beispielhaft für das Aufleben des nun „fast uferlosen hagiographischen Bereich[s]“. Die Vita St. Goars gilt hier als herausragend. Siehe Von See: Frühmittealter, S. 171.
38 Siehe Wandalberts eigene Aussagen in der Propositio seine Martyrologiums. Analysiert bei Schlag- berger: Wandalbert, S. 7.
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Daniel Koschera, 2003, 'De mensium duodecim nominibus - Von der zwölf Monate Namen'. Das Kalendergedicht Wandalberts von Prüm und seine Aussagen über die Wertung der Handarbeit in karolingischer Zeit., München, GRIN Verlag GmbH
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