Vor der Bearbeitung der Themenstellung erscheint es notwendig, im zweiten Kapitel einen kurzen Überblick über die Quellen und Zeugnisse zu geben, auf denen die wissenschaftlichen Erkenntnisse basieren.
Im dritten Kapitel wird deskriptiv erläutert, auf welche Weise die Proble mbereiche „Wasserversorgung“ und „Entsorgung“ in den mittelalterlichen Städten Mitteleuropas gelöst wurden. An dieser Stelle soll deutlich gemacht werden, dass Fragen der Wasserversorgung und Entsorgung in einem engen Zusammenhang standen. Es werden die technischen Einrichtungen, die politischen und organisatorischen Maßnahmen, das Konsumverhalten der Stadtbewohner sowie die Auswirkungen jener Aktivitäten ausführlich beschrieben. Eine Ausweitung der Thematik auf das mittelalterliche städtische Gesundheitswesen und die medizinischen Einrichtungen liegt zwar nahe, kann aus Platzgründen jedoch nicht erfolgen. Im vierten Kapitel folgt ein abschließendes Resümee. Die heutzutage verbreitete Auffassung vom schmutzstarrenden Mittelalter soll an dieser Stelle mit den herausgearbeiteten Ergebnissen verglichen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht werden.
2. Zur Quellenlage
Informationen zur Wasserversorgung und Entsorgung in der mittelalterlichen Stadt liefern sowohl schriftliche Quellen als auch archäologische Zeugnisse. Unter den Schriftstücken, die zur Aufhellung der behandelten Thematik beitragen, nehmen entsprechende Ratsbeschlüsse und Verordnungen, wie sie in den Satzungsbüchern vieler Städte zu finden sind, einen wesentlichen Teil ein. Darüber hinaus geben mittelalterliche Stadtpläne, Haushaltsrechnungen und Bauamtsakten wertvolle Auskünfte, auch Tatenberichte von städtischen Bedienstetenbeispielsweise die Aufzeichnungen des Nürnberger Stadtbaumeisters Endres Tucher aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts - sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Als nützliche Quellen dienen des weiteren die Fürstenspiegel des Aegidius Romanus und des Philipp von
1 Leyden aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert bzw. aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Hinzu kommen Nachrichten aus verschiedenen Stadtchroniken, Äußerungen in Reiseberichten sowie die Erkenntnisse aus bildlichen Darstellungen.
1 abgedruckt in: Aegidius Romanus: De regimine principum. Neudruck der Ausgabe Rom 1556. Frankfurt 1968; Molhuysen, P. C.: Philippus de Leyden. De cura reipublicae et sorte principatis. S’Gravenhage 1915.
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Die aus schriftlichen Überlieferungen gewonnenen Informationen werden weitgehend bestätigt, aber auch ergänzt durch die Vielzahl überkommener Bauten (Gebäude, Gräben, Kanäle, Brunnen, etc.) und archäologischer Zeugnisse (Gebrauchsgegenstände, Fundstücke aus Gruben und Kloaken, etc.). Diese Quellen geben Aufschlüsse beispielsweise über das Alter und die Weiterentwicklung bestimmter Objekte, über deren Konstruktion und die für den Bau benutzten Materialien, über Nutzungsweise, Häufigkeit und Verbreitung.
3. Wasserversorgung und Entsorgung in der mittelalterlichen Stadt Mitteleuropas
3.1 Die Wasserversorgung
Die früheste und einfachste Art der Versorgung war das Schöpfen des Wassers aus einem
2 Doch in Gebieten, wo solche natürlichen Vorkommen nicht in offenen Gewässer.
unmittelbar erreichbarer Nähe lagen, mußte der Mensch gewisse Kunstgriffe anwenden, um sich mit dem lebenswicht igen Gut zu versorgen. Gerade in den Städten, wo eine Vielzahl von Menschen innerhalb der Mauern auf engstem Raum lebte, war eine ausreichende Wasserversorgung von existentieller Bedeutung. Die Menge des aufgefangenen Regenwassers konnte den Bedarf der Einwohner weder umfassend noch langfristig decken. Das Anzapfen der Grundwasservorkommen leistete dann Abhilfe, durch die Errichtung von
3 Brunnen konnte die städtische Wasserversorgung weitgehend gesichert werden. Die häusliche Wasserversorgung war in der Regel Privatsache. Viele Häuser besaßen im Garten bzw. Hinterhof einen Ziehbrunnen, also eine mit Brunnenseil und Gefäß ausgestattete Wasserstelle. Die ältesten Brunnenanlagen, die man bei archäologischen Untersuchungen in Lübeck auf der Rückseite damaliger Wohnhäuser freilegte, stammen aus dem 12. Jahrhundert. Die mehrere Meter tiefen Brunnen waren mit hölzernen Wänden versehen oder - vor allem ab
2 vgl.: Grewe 1986, S. 277; Küster 1998, S. 314.
3 vgl.: Grewe 1986, S. 277 ff.; Isenmann 1988, S. 57.
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4 Für den Bau, die Wartung und Reparatur dem Spätmittelalter - mit Backsteinen abgedichtet.
5 eines Brunnens fielen hohe Kosten an, welche die Benutzer selbst aufbringen mußten. Brunnenbauten an öffentlichen Plätzen sind, wie Dirlmeier es ausdrückt, so alt wie die Städte
6 Sie dienten der städtischen Gemeinschaft primär zur Wasserversorgung, aber auch als selbst.
7 Darüber hinaus fiel einigen öffentlichen Brunnen eine zusätzliche Löschwasserreservoir.
Funktion zu: entsprechend dem wachsenden Bedürfnis nach städtischer Repräsentation wurden Brunnen in exponierter Lage zu Prachtbauten umgerüstet und mit Marmor, Edelmetallen, Bildnissen und Reliefs reichlich verziert. Als solch ein Prestigeobjekt fungierte beispielsweise der Schöne Brunnen in Nürnberg, der im 15. Jahrhundert teilweise in Gold gefasst und mit zahlreichen Motiven und Figuren ausgeschmückt wurde. Dieser Prachtbau
8 war ein laufender Brunnen, d. h. er wurde permanent von einer Wasserleitung gespeist. Die Wasserversorgung mit Hilfe von Rohrleitungen wurde in zahlreichen Städten im 14. und
15. Jahrhundert eingeführt. Auf diese Weise konnte man auf Fluß- oder Quellwasser aus entfernteren Gebieten zurückgreifen. In Klöstern ist der Gebrauch von Wasserleitungen schon in früher Zeit belegt. So wird beispielsweise für die Zeit um 600 eine Bleileitung im Baptisterium von St. Julien in Viviers genannt. Im 10. Jahrhundert wird von Wasserleitungen 9 Im Vergleich zu den in den Klöstern von St. Gallen und Weißenburg im Elsaß berichtet. Klöstern fand die Infrastruktur in den mitteleuropäischen Städte erst sehr viel später Verwendung. In Freiburg ist eine Wasserleitung für das Jahr 1317 nachgewiesen, in Nürnberg setzen die Nachrichten über Trinkwasserleitungen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein. In Bern wurde die erste Wasserleitung 1393 installiert, 1420 folgte eine zweite. Für das
15. Jahrhundert lassen sich schließlich in vielen Städten Rohrleitungen belegen, darunter in 10 Grewe begründet die relativ späte Etablierung von Ulm, Zürich und Regensburg.
Wasserleitungen in Städten einerseits mit der aufwendigen Konstruktion, andererseits mit der Anfälligkeit und Verletzbarkeit dieser Infrastruktur im Falle einer feindlichen Belagerung. Erst der wachsende Bedarf aufgrund des fortschreitenden Ansteigens der Einwohnerzahl wie
4 vgl.: Kühnel 1984, S. 49.
5 vgl.: Dirlmeier 1981, S. 132.
6 vgl.: ebd., S. 131.
7 vgl.: Isenmann 1988, S. 57; Kühnel 1984, S. 51 ff.
8 vgl.: Engel 1993, S. 99; Isenmann 1988, S. 58; Althoff/Goetz/Schubert 1998, S. 301.
9 vgl.: Grewe 1986, S. 283.
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Karsten Kramer, 2004, Wasserversorgung und Entsorgung in der mittelalterlichen Stadt Mitteleuropas, München, GRIN Verlag GmbH
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