Historische Entwicklungstendenzen der DDR am Beispiel von
Bed ürfnis und Konsum
Die „Goldenen“ 60er Jahre
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Definitionen 3
2.1 Konsum 3
2.2 Konsumgesellschaft 4
2.3 Bedürfnis 5
3. Die DDR auf dem Weg in die Konsumgesellschaft 5
3.1 Der Übergang von der Bedarfsdeckung zur Bedürfnisbefriedigung 6
3.2 Der Konsumalltag: Schlüsselrolle für Stabilität und Zerfall der DDR? 7
3.3 Die Kunst des „Selbermachens“ 11
4. Aufarbeitung der Fakten anhand zweier Beispiele 12
4.1 Wohnen in der DDR S.12
4.1.1 War Wohnen eher Staats- als Privatangelegenheit? 12
4.1.2 Eine Wohnung besitzen oberste Priorität ? 15
4.1.3 Die „P2“, die perfekte Wohnung? 16
4.2 Tourismus 20
4.2.1 Der Tourismus nimmt seine Anfänge 20
4.2.2 Camping, eine echte Alternative? 21
5. Fazit 22
6. Literaturverzeichnis 24
1
1. Einleitung
Das Konsumverhalten der Menschen eines Landes spiegelt deren Befinden und Entwicklung in dem von ihnen bewohnten System in überaus deutlicher Weise wieder.
Konsum ist in der Konsumgesellschaft nicht nur wirtschaftliche Antriebskraft, sondern sowohl Ursache als auch Ergebnis von Wertewandel und gesellschaftlicher Entwicklung. 1
Nun war die DDR aber keine Marktwirtschaft und es herrschte keine Konsumwirtschaft, sondern das System der Planwirtschaft. Aus diesem Grund stellen wir uns im Rahmen des Seminars „Herrschaft und Alltag in der DDR“ die Frage, inwiefern Bedürfnis und Konsum historische Entwicklungstendenzen beeinflussten? Dabei wollen wir besonders auf die Rolle der Regierung und deren mögliche Manipulation der Lebensumstände der Menschen in der DDR eingehen.
Bei unseren Ausarbeitungen stützen wir uns speziell auf Ina Merkel. Die 1957 im Oderbruch in der damaligen DDR geborene Professorin habilitierte 1999 auf dem Gebiet der Konsumgeschichte der DDR. Besondere Bedeutung hatte für uns, dass sie in der DDR aufgewachsen ist und somit eigene Erfahrungen einbringen kann. Wir sind selbst in der DDR groß geworden und haben dadurch ein besonderes Interesse an diesem Thema, da wir herausfinden wollen, ob das sich hartnäckig haltende Gerücht der Mangelwirtschaft und Manipulation durch den Staat in der DDR wirklich gerechtfertigt ist. Wir haben unsere Ausarbeitung in zwei Bereiche gegliedert, die sich aus einer wissenschaftlichen Analyse und der Untersuchung der Konsumverhältnisse anhand zweier Beispiele zusammensetzen.
1 Vgl., Rosenkranz, D., Schneider, N.F., Konsum. Soziologische, ökonomische und psychologische
Perspektiven, Opladen 2000, S. 7.
2
2. Definitionen
2.1 Konsum
Das Wort Konsum stammt ursprünglich aus dem italienischen (consumo) und bedeutet „Verbrauch“, welches wiederum abgeleitet wird vom lateinischen consumere (verbrauchen). Letztendlich definiert es das Ziel und den Zweck allen Wirtschaftens. 2 Auch in Gablers Wirtschaftslexikon steht Ver- oder Gebrauch von Gütern im Vordergrund der Definition. 3
Die DDR teilte diese Auffassung ebenfalls, denn in ihrem Lexikon der Wirtschaft wird Konsumtion (Konsum selbst wird nicht definiert), als Inanspruchnahme eines (knappen) Gutes zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung definiert. 4 Die Einordnung des Konsums als reine Verbrauchskategorie ist eine traditionelle Sichtweise und erst im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung hat sich eine andere Betrachtungsweise herausgebildet. Diese sieht den Konsum nicht nur als rein ökonomisches Ereignis, sondern untersucht ihn als soziologischen Aspekt, als Maßstab industriellen und gesellschaftlichen Wohlstands. So werden dem Konsum Funktionen zugewiesen, die weit über eine schlichte Produktentnahme vom Markt hinausreichen. Über den Verbrauch wird letztendlich die Persönlichkeit dargestellt, die soziale Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie angezeigt und der Grad der Gruppenzugehörigkeit gemessen. Damit wird der Konsum zu einem Indikator der gesellschaftlichen Prozesse und zu einem wichtigen Stabilitätsfaktor im Staat.
2 Vgl., Brockhaus, Bd. 12, 19. Auflage, Mannheim 1990, S. 299.
3 Vgl., Gablers Wirtschaftslexikon, 15. Aufl., Wiesbaden 2000, S. 1796.
4 Vgl., Lexikon der Wirtschaft. Volkswirtschaftsplanung, Hrsg. von Horst Steeger, Berlin 1980
3
2.2 Konsumgesellschaft
Die Konsumgesellschaft wird als ein Typ der modernen Industriegesellschaft betrachtet, in der die wesentlichen sozialen Beziehungsformen durch die Konsumtion bestimmt werden. 5 Sie entstand im 18. Jahrhundert und war eng mit der industriellen Revolution in England verknüpft. Die Explosion der Nachfrage entstand durch steigenden Wohlstand und, damit einhergehend, wachsenden Ansprüchen. Damit wurden die Werte der vorindustriellen Gesellschaft hinfällig und neue geschaffen. Nachdem die Konsumgesellschaft sich im 18. und 19. Jahrhundert als Wertgefüge etabliert hatte, waren im 20. Jahrhundert zwei Faktoren für ihre Weiterentwicklung maßgeblich: Zum einen wurde durch die Erhöhung der Einkommen und die damit steigende Nachfrage die Massenkonsumkultur möglich, zum anderen entwickelte sich die Konsumkultur zur Erlebnisorientierung hin.
Die Konsumgesellschaft ist somit gekennzeichnet durch eine relativ hohe Massenkaufkraft und den materiellen Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten. Dies führt zu einer Massenproduktion preisgünstiger und leicht beschaffbarer Ver- und Gebrauchsgüter. Die Konsequenz daraus ist, dass Konsumstandards und Konsumgewohnheiten als Anzeiger für soziale Schicht -und Gruppenzugehörigkeit gelten. 6
Konsum ist also weit mehr als der Verbrauch von Gütern. Er ist ein sozialer Prozess, unabhängig von der sozialen Wirtschaftsordnung, und für die Konsumgesellschaft ein Indikator für gesellschaftliche Werte und Veränderungen. Deshalb ist es wichtig das System DDR auch einmal unter dem Gesichtspunkt des Konsums zu betrachten, da dieser ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens ist.
5 Vgl., Meyers Grosses Taschenlexikon, Band 12, Mannheim 1987, S. 126.
6 Vgl., Ebd., S.126.
4
2.3 Bedürfnis
In der Wirtschaftstheorie bedeutet ein Bedürfnis zu haben, einen Mangel zu verspüren mit dem gleichzeitigen Wunsch, diesen zu beheben. Es wird unterschieden zwischen existenziellen (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung), Wohlfahrts-, Luxus-, und Prestigebedürfnissen. 7 Auch in der DDR waren die Läden seit Ende der 50er Jahre voller Waren, dennoch war die Bevölkerung immer auf der Suche nach dem Besonderen, mit der ungestillten Sehnsucht nach etwas anderem. Die sogenannten Luxusgüter, wie zum Beispiel Telefone, Möbel und Autos waren Mangelware und dies führte unter den Konsumenten zu einer lautstark geäußerten Unzufriedenheit. Die Disproportionserscheinungen, die es laut planwirtschaftlicher Theorie eigentlich gar nicht geben durfte, speiste die immer wieder geäußerte Forderung nach einer bedarfsgerechten Produktion, die wiederum ein gesichertes Wissen über die Bedürfnisse und die zukünftige Entwicklung voraussetzte. Das Problem bestand darin, dass die Bedürfnisse der Menschen weder planbar noch vorausschaubar waren, da sie den Ausdruck individueller Sehnsüchte darstellten.
3. Die DDR auf dem Weg in die Konsumgesellschaft
Vor dem Hintergrund der Charakterisierung durch westliche
Massenkonsumgesellschaften werden sozialistische Gesellschaften meist recht plakativ als Mangel- oder Versorgungsgesellschaften beschrieben. Ob das auf den Konsumalltag in der DDR auch zutraf, wird im folgenden zu untersuchen sein.
7 Vgl., Meyers Grosses Taschenlexikon, Band 3, Mannheim 1987, S. 117
5
3.1 Der Übergang von der Bedarfsdeckung zur Bedürfnisbefriedigung
Als am 29. Mai 1958 die Reste der Lebensmittelrationalisierung in der DDR abgeschafft wurden, markierte dies den Übergang von der reinen Bedarfsdeckung zur Bedürfnisbefriedigung und gleichzeitig die
Teilmodernisierung der Konsumwelt. Die Nachkriegszeit wurde durch dieses Ereignis symbolisch beendet. 8
Seit den 60er Jahren herrschte kein existenzieller Mangel an lebenswichtigen Grundbedarfsgütern mehr und man versuchte eine eigenständige Gesellschaftsform zu gestalten. Eine alternative Lebensweise im Vergleich zum Westen wurde angestrebt.
Durch den Berliner Mauerbau 1961 erreichte die Staatsführung der DDR die innere Abgeschlossenheit der Gesellschaft. Die Masse der Bevölkerung fand sich mit der Teilung Deutschlands ab und begann sich in der DDR einzurichten. Gleichzeitig wurde durch den Mauerbau natürlich auch der Systemvergleich zum Westen eingeschränkt.
Der Staat war bemüht um die Umsetzung der sozialistischen Ideale, welche eine Erziehung der Bedürfnisse voraussetzte. Ziel war es den Konsum auf das Notwendige zu reduzieren und somit eine kontinuierliche Wohlstandssteigerung zu erreichen.
Die Regierung ging davon aus, dass gesellschaftliche Prozesse geplant werden könnten. Denn wäre die Gesellschaft planbar, und mit ihr die Bedürfnisse der Menschen, würden Ressourcen nicht unnötig verschwendet und die Menschen nur das haben wollen, was sie zu ihrer Existenzsicherung oder freien Entwicklung wirklich brauchen. 9
Basierend auf diesen Annahmen zielte die Konsumpolitik der DDR in drei Richtungen.
Ein Schwerpunkt lag bei der Lohn- und Preispolitik, deren Ziel es war die Einkommensverhältnisse aller Bevölkerungsschichten anzugleichen.
8 Vgl., Merkel, Ina. Der aufhaltsame Aufbruch in die Konsumgesellschaft. In: Wunderwirtschaft. DDR-
Konsumkultur in den 60er Jahren. Hsg. von NGBK. Köln 1996, S. 8.
9 Vgl., Ebd., S. 9.
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Arbeit zitieren:
Melanie Schauer, Daniela Rose, 2002, Historische Entwicklungstendenzen der DDR am Beispiel von Bedürfnis und Konsum, München, GRIN Verlag GmbH
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