Sebastian Wilckens, Konjunktur & Wachstum
„Die Taylor Regel für die Geldpolitik - Ziele, Probleme, Umsetzung“
2 Inhaltsverzeichnis Einleitung I. Ziele der Taylor Regel a. Allgemeine Ziele geldpolitischer Regeln. b. Funktion der Taylor Regel. c. Intention der Taylor Regel. II. Probleme der Taylor Regel a. Messbarkeits und definitorische Probleme. b. Keine Prospektivität. c. Ungenügende adhoc Reaktion und Zinsglättung. d. Keine Berücksichtigung des Aussenwertes. III. Umsetzung der Taylor Regel a. Geldpolitischer Strukturbruch in den USA? b. Die Relevanz des Inflationskonzeptes am Beispiel der BRD. Schlusswort IV. Anhang V. Literaturverzeichnis
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„Die Taylor Regel für die Geldpolitik - Ziele, Probleme, Umsetzung“
3 Einleitung
Das Fehlen einer den Zentralbanken zur Verfügung stehenden Größe, die alle relevanten Informationen adäquat widerspiegelt, hat auch zur Folge, dass immer wieder neue Indikatoren entwickelt werden. In den neunziger Jahren hat dabei besonders das Konzept der Taylor Regel bei einigen Zentralbanken, Finanzmarktteilnehmern und internationalen
Organisationen eine gewisse Beachtung erlangt. 1 Im Rahmen dieser Studie wird untersucht, inwiefern sich diese Regel tatsächlich als Indikator zur Durchführung geldpolitischer Maßnahmen eignet. Nach der Vorstellung des formalen Konzeptes der Taylor R egel, sowie des Entstehungsumfeldes im ersten Kapitel, wird im zweiten Kapitel Kritik an der Taylor Regel als geldpolitischer Indikator geübt. Problematische Schwerpunkte liegen dabei in der definitorischen Vielfalt der Inputvariablen, sowie in der fehlenden Prospektivität der Taylor Regel. Im dritten Kapitel „Umsetzung“ wird dann die Unvereinbarkeit einer strukturell variablen Geldpolitik mit einer statischen geldpolitischen Regel vom Taylor Typ an einem Beispiel veranschaulicht. Abschließend wird am Beispiel der BRD die bereits im zweiten Kapitel erwähnte Relevanz der Wahl der Inputvariablen verdeutlicht.
I. Ziele der Taylor Regel
In diesem ersten Kapitel wird eingangs der Sinn und Zweck von geldpolitischen Regeln im Allgemeinen aufgezeigt. Anschließend wird die Funktion der Taylor Regel erläutert. Hierbei werden zunächst die einzelnen Parameter und Variablen vorgestellt, um die Wirkungsweise dann anhand eines Beispiels zu veranschaulichen. Zum Schluss wird im Speziellen auf das Entstehungsumfeld der Taylor Regel eingegangen und untersucht, welchem Zweck John Taylor diese Regel andachte und welche Ziele er damit verfolgte.
1 Deutsche Bundesbank (1999). Taylor-Zins und Monetary Conditions Index. Monatsbericht April 1999: S. 48.
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I.a. Allgemeine Ziele geldpolitischer Regeln Grundsätzlich unterscheidet man diskretionäre von regelgebundener Geldpolitik. Die diskretionäre Geldpolitik entscheidet adhoc über Interventionen, während die regelgebundene Geldpolitik, einer mehr oder weniger starren Regel folgend, Zinsen und Geldmenge steuert. Vorteil der diskretionären Geldpolitik ist beispielsweise die Möglichkeit durch Überraschungsinflation die Akteure zu täuschen und kurzfristig ein höheres Beschäftigungs- und Outputniveau zu erreichen. 2 Diese
geldpolitischen Überraschungen werden nach kurzer Zeit schon von den Marktteilnehmern „durchschaut“ und fließen in ihre Inflationserwartungen mit ein. Daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, dass eine geeignete geldpolitische Regel diese Versuche der Überraschungsinflation unterbinden sollte, um eine verlässliche Geldpolitik der „ruhigen Hand“ zu gewährleisten. 3 Die Vorteile einer solchen Geldpolitik sind verlässliche Planungssicherheit, eine niedrigere durchschnittliche Inflation (kein Inflation Bias), eine geringere Volatilität der Inflation und eine erhöhte Glaubwürdigkeit der Notenbank.
I.b. Funktion der Taylor Regel
Der amerikanische Ökonom John B. Taylor veröffentlichte im Rahmen seines 1993 erschienenen Aufsatzes „Discretion versus policy rules in practice“ 4 folgende geldpolitische Gleichung.
r
oder umgeformt
Die Gleichung enthält als endogene Variable den nominalen Zentralbankzinssatz r. Dieser bestimmt sich durch die Abweichung des
2 Barro, R. J. and Gordon, D. B. (1983). Rules, Discretion and Reputation in a Model of Monetary Policy. Journal of Monetary Economics 12: S. 101-121.
2 Vgl. Europäische Zentralbank. Fragen im Zusammenhang mit geldpolitischen Regeln. Monatsbericht Oktober 2001: S. 43f.
4 Taylor, J. (1993). Discretion Versus Policy Rules in Practice. Carnegie-Rochester Conference Series on Public Policy 39 : S. 195-214.
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aktuellen Inflationsniveaus 5 p vom gewünschten Inflationsniveau p*, sowie durch die prozentuale Abweichung des Volkseinkommens v om Produktionspotential. Diese Produktionslücke (Output-Gap) wird mit y bezeichnet. Beide Einflussfaktoren werden jeweils mit einem Parameter α beziehungsweise β gewichtet 6 und zum Inflationsniveau p zuzüglich dem langfristig optimalen Realzinssatz 7 r* addiert. Taylor grenzte die Wahl der Parameter nicht ein, beobachtete jedoch eine gute Übereinstimmung des durch die Taylor Regel bestimmten Zinses mit dem tatsächlichen historischen Zins der Fed. für α=β=0,5. In dieser Formulierung der Taylor Regel messen die den Inflations- und Produktionsabweichungen zugeordneten Gewichte α und β, wie aggressiv die Geldpolitik auf Abweichungen der Inflationsrate von ihrem Ziel bzw. der Produktion vom Produktionspotenzial reagieren sollte. Wählt eine Zentralbank
beispielsweise einen höheren Gewichtungsparameter für α, als für β, so agiert sie stärker auf Änderungen des Outputs, als auf Änderungen der Inflation.
Stabilitätsbedingung
Damit das System tatsächlich zur Zielinflation hin konvergiert, also eine gewisse Stabilität aufweist, ist es notwendig den Inflationgap mit einem Parameter >1 zu gewichten. Dies entspricht einem β>0 und wird durch die Umstellung von Gleichung (1) in Gleichung (1’) deutlich. Sonst würde im Falle p>p* (Inflation liegt über Zielinflation) der Nominalzins r nur unterproportional zur Inflation ansteigen. Der Realzins würde folglich gar nicht ansteigen und könnte somit auch keine dämpfende Wirkung auf die Ausgaben ausüben. 8 Die Folge wäre ein expansiver Impuls und eine sich verstärkende Inflation. Diese Bedingung wird auch Stabilitätskriterium oder Taylor-Prinzip genannt.
5 P ergibt sich als gleitender Durchschnitt des Inflationsniveaus, beispielsweise der letzten 4 Quartale.
6 Taylor wählte in seiner unter 3 aufgeführten Veröffentlichung Werte von jeweils 0,5 für die Gewichtungsparameter α und β.
7 Zu dessen Bestimmung siehe Abschnitt II.a.
8 Vgl. Europäische Zentralbank (2001). Fragen im Zusammenhang mit geldpolitischen Regeln. Monatsbericht Oktober 2001, S. 46f.
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6 Beispiel
Annahmen: Die Zentralbank eines Landes verfolge ein Inflationsziel p* von 2%. Der Nominalzins r betrage 4%. Die Parameter α und β betragen jeweils 0,5. Das Produktionspotential sei optimal ausgelastet ( y=0). Der langfristig optimale Realzinssatz betrage 1,8%.
Die jüngsten Inflationsdaten lassen den für p verwendeten Wert auf 3% ansteigen. Setzt man die Werte in Gleichung (1’) ein, ergibt sich Folgendes:
Der Nominalzinssatz ist nun von vormals 4% auf 5,3% angestiegen. Der sich daraus ergebende kurzfristige Realzins ist von vormals 2% auf 2,3% angestiegen. Es ergibt sich also auch real eine inflationsdämpfende Wirkung. Wählte man für β einen Wert ≤ 0, so würde der Inflationsgap mit einem Faktor kleiner gleich eins gewichtet werden. Für den Fall β=0 ergibt sich für r ein Wert von 4,8%. Der daraus resultierende kurzfristige Realzins würde nun auf 1,8% gesunken sein. In diesem Fall wäre anstelle eines d ämpfenden Zinsimpulses sogar ein expansiver Zinsimpuls eingetreten.
I.c. Intention der Taylor Regel
Nach dem Zerfall des Bretton Woods Systems und mit einer zunehmenden Unregelmäßigkeit der Geldumlaufsgeschwindigkeit lieferten viele geldpolitische Regeln, welche sich auf den Aussenwert einer Währung, oder das Geldmengenwachstum stützten nur noch unzureichend präzise, oder gar falsche Vorhersagen und
Handlungsanweisungen. Speziell die trendlose und dadurch nicht vorhersagbare Geldumlaufsgeschwindigkeit machte der bis dato erfolgreichen geldmengenorientierten Strategie einen Strich durch die Rechnung. Nach der Quantitätsgleichung von David Hume,
∗ = ∗ P Y U M
Arbeit zitieren:
Sebastian Wilckens, 2002, Die Taylor-Regel für die Geldpolitik - Ziele, Probleme und Umsetzung, München, GRIN Verlag GmbH
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