Gliederung:
1. Einleitung
Teil 1 Die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik
1.1. Die anthroposophische Lehre
1.2. Reinkarnation und Karma
1.3. Die vier Wesensglieder des Menschen
1.4. Das Kind als geistiges Wesen
Teil 2 Das Kind in seiner Entwicklung
2.1. Die Lebensjahrsiebte
2.2. Das erste Lebensjahrsiebt
2.2.1. Das Laufen
2.2.2. Das Sprechen
2.2.3. Das Bewusstsein
2.3. Das zweite Lebensjahrsiebt
2.4. Das dritte Lebensjahrsiebt
Teil 3 Die Temperamentenlehre
3.1. Das Temperament - Konstitution und Verhalten
3.2. Der pädagogische Umgang mit dem Temperament
Teil 4 Die Pädagogik der Waldorfschule
4.1. Die Ziele
4.2. Der Unterricht an der Waldorfschule
Teil 5 Die Lehrerpersönlichkeit
6. Abschlussbemerkung
7. Literatur
1. Einleitung
Licht in das umfassende Gesamtwerk (360 Bände) des Rudolf Steiner (1861-1925) zu bringen, erscheint anhand der Fülle des Materials nahezu utopisch. In der Auseinandersetzung mit der von ihm begründeten Waldorfpädagogik stößt man auf eine Vielzahl von Mitschriften, Kritiken und Analysen, auf widersprüchliche Recherchen und vielfältige Einblicke in die Methodik.
Zur Eingrenzung meines Prüfungsthemas in der Sozialpädagogik beschreibe ich im Rahmen dieser Hausarbeit zunächst die wichtigsten Grundlagen, derer sich Steiner bediente. Dazu gehört die Betrachtung der anthroposophischen Lehre mit ihren geisteswissenschaftlichen Annahmen.
Anthroposophie ist kein von Steiner fertig ersonnenes Weltbild, sondern eine bewusste Beziehung zum Geistigen im Menschen.
Aus dieser Weltanschauung heraus begründete Rudolf Steiner die Waldorfpädagogik, die sich mit der ersten Schulöffnung im Jahr 1919 in Stuttgart bis zum heutigen Tag fast weltweit etablieren konnte. Der erste Teil meiner Hausarbeit beschreibt die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik. "Die Pädagogik der Waldorfschule ist auf die Erkenntnis des heranwachsenden Menschen und auf der Einsicht in die Bedingungen und Gesetze menschlicher Entwicklung aufgebaut." (Kranich 1993, S.201)
Der Pädagoge orientiert sich an der Entwicklung des Kindes in Lebensjahrsiebten, an dem Temperament und an dem Ziel, das Kind zu einem individuellen Wesen zu verhelfen.
Die herausragende Zeit der ersten Lebensjahrsiebte, die Zuordnungen des kindlichen Temperamentes und der pädagogische Umgang mit ihnen erhalten als Grundlagen der Waldorfpädagogik in dieser Hausarbeit besondere Beachtung. Im zweiten und dritten Teil beschäftige ich mich mit dem Jahrsiebterhythmus und mit der Temperamentenlehre.
Als freie Schule in pädagogischer Selbstverantwortung, die freien Unterricht für die Schüler anbietet, stellt die Waldorfschule einen speziellen Zweig des Bildungswesens dar. Der vierte Teil meiner Hausarbeit verwendet einige Auszüge aus dem Unterricht der Waldorfschule, um den Unterschied zu staatlichen Schulen deutlich zu machen. Wesentliche Unterschiede, wie Eurythmie und Epochenunterricht, werden ausführlicher
beschrieben.
Der fünfte Teil setzt sich mit der Lehrerpersönlichkeit an der Waldorfschule auseinander. Hier geht es vor allem darum, was den Lehrer in seiner Tätigkeit auszeichnet, was er können und welcher Überzeugung er folgen muss in der Achtung vor dem Individuum, das unsterblich, einmalig und frei ist ? Wichtig erscheint mir die Betrachtung eines Kritikpunktes, der in der Literatur oft angebracht wird. Es heißt, die Waldorfschule wäre eine reine Weltanschauungsschule. Zum Ende meiner Hausarbeit wird diese Kritik aufgenommen und erläutert werden. Ich verstehe meine Hausarbeit als den Versuch einer zusammenfassenden Darstellung der Grundlagen der Waldorfpädagogik und der d araus resultierenden Unterrichtsmethoden.
Teil 1 Die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik
1.1. Die anthroposophische Lehre
Die Pädagogik Rudolf Steiners orientiert sich an der anthroposophischen Lehre, die sich als Geisteswissenschaft versteht und den Menschen als ein ganzheitliches, kosmisches Wesen, dessen Kern seinen Ursprung in der geistigen Welt findet, betrachtet. Die umfassende Weltanschauung beinhaltet Elemente aus der Theosophie, christlichem Glauben, fernöstlichem Gedankengut und eigenen Gedanken Steiners (Rendant 1999, S. 304-305).
Der Begriff Anthroposophie entsteht aus der Verknüpfung der Worte Anthropologie, die Wissenschaft vom Menschen und seiner Entwicklung, und der Philosophie, dem Streben nach Erkenntnis des Zusammenhanges der Dinge der Welt.
Die menschlichen Fähigkeiten und Erfahrungen sind nicht allein an die wahrnehmbare Sinneswelt und die Gesetze der umgebenden Natur gebunden, sondern erstrecken sich über geistige Gesetzmäßigkeiten, die die menschliche Entwicklung bedingen, hinaus (Hallwachs/Seitz 1996, S.108). Hier lassen sich zwei Wahrnehmungsbereiche unterscheiden. Der erste Bereich umfasst alle Prozesse, die den menschlichen Sinnen zugänglich sind, der andere das, was unseren körperlichen Sinnen nicht zugänglich ist, wie z.B. das Leben, die seelischen Vorgänge, die eigentlichen Ursachen der
Naturprozesse (Fränkl-Lundborg 1992, S.8).
1.2. Reinkarnation und Karma
Die Anthroposophie vertritt eine christliche Grundhaltung. Durch seine kosmische Herkunft ist d er Mensch untrennbar mit dem Schöpferwesen verbunden. Deshalb beschäftigt sich die anthroposophische Menschenkunde als Geisteswissenschaft mit dem Gedanken der Zusammenhänge des Schicksals wie Reinkarnation und Karma. Die Reinkarnation beschreibt die Wiedergeburt oder Wiederverkörperung in einen menschlichen Leib. Für ein oder mehrere Erdenleben folgt das reinkarnierte Wesen seinem Schicksal, dem Karma. Das "Karma beinhaltet die Lebensaufgabe, der sich ein Mensch in einer bestimmten Inkarnation zu stellen hat." (Hallwachs/Seitz 1996, S.109).
1.3. Die vier Wesensglieder des Menschen
Im anthroposophischen Weltbild wird der Mensch als ein ganzheitliches, aus Leib, Seele und Geist bestehendes Wesen begriffen.
Steiner gliedert den Menschen in den physischen Leib, den Lebens- oder Ätherleib, den Empfindungs- oder Astralleib und über diese Dreigliederung hinaus in das ICH, welches die Merkmale der Individualität des Einzelnen trägt. Die Entwicklung der einzelnen Wesensglieder vollzieht sich Siebenjahresrhythmus.
Der physische Leib ist mit der materialistischen Welt verbunden und besteht aus dem fühlbaren Körper, der Materie. Erst der Ätherleib als Lebensorganismus erfüllt den Körper mit Leben, sorgt für die lebensnotwendige Atmung, den Herzschlag, das Wachstum. D as dritte Wesensglied, der Astralleib, ist Träger des empfindenen Bewusstseins, der Gefühle, der Triebe und Bedürfnisse. Die drei Grundkräfte der Seele sind Denken, Fühlen und Wollen.
Das ICH bildet den Kern des menschlichen Wesens und unterscheidet es vom Tierwesen. Als Träger der individuellen Gedanken, Erinnerungen und als Gestalter des eigenen Schicksals kann das ICH nach übersinnlicher Menschenerkenntnis streben und durch Geistesschulung zu höheren seelischen Fähigkeiten gelangen (Hallwachs/Seitz 1996, S.110-112; Fränkl-Lundborg 1992, S.11-15; Limbrunner 1993, S. 20-23). 1.4. Das Kind als geistiges Wesen
Das Weltbild Steiners hat sich in der Waldorfpädagogik mit wichtigen Prinzipien manifestiert. Neben der Temperamentenlehre und der Einteilung des Lebenslaufes in Lebensjahrsiebte, auf die in den folgenden Absätzen eingegangen wird, soll sich die Pädagogik an der Ehrfurcht vor der geistigen Herkunft des Kindes, das in bestimmte Schicksalszusammenhänge hinein inkarniert wurde, orientieren. Das Kind ist e in geistiges Wesen, dessen Führung durch einen erfahrenen Pädagogen übernommen wird. Unter Berücksichtigung des Mitgebrachten und der Temperamente soll er pädagogisch sinnvolle Erziehungs- und Unterrichtsmethoden anwenden.
Ziel des Erziehers ist die Menschenbildung, die hier in seiner zweifachen Bedeutung verstanden werden kann. Zum einen umfasst der Begriff die Schulbildung im Allgemeinen, zum anderen die Herausbildung zum Menschen über den geistigen Erkenntnisweg.
Hallwachs/ Seitz (1996) vermerken, es "stehe eines immer im Vordergrund: die richtigen pädagogischen Schritte und Maßnahmen können sich in der Waldorfpädagogik niemals aus irgendeinem Programm, einer Theorie entwickeln, sondern allein dadurch, dass der Erziehende seine Intuition schult, dass er dem Kinde ablauscht, [...] welche zu entwickelnden geistigen Anlagen es mitgebracht hat." (ebd. S.114). Um im Sinne der Waldorfpädagogik zu arbeiten, müssen die Entwicklungskräfte des Kindes beachtet werden. Das Kind ist durch seine innere Veranlagung in der Lage, Entwicklungsprozesse, die das Laufen, das Sprechen und das Denken betreffen, ohne übermäßiges fremdes Zutun, zu bewältigen (Steffen 1983, S.47). Es erlebt mit dem Älterwerden offenkundige Verwandlungen und Veränderungen in seinem Verhalten. Teil 2 Das Kind und seine Entwicklung
2.1. Die Lebensjahrsiebte
Eine der grundlegendsten Prinzipien in der Waldorfpädagogik ist die Einteilung des menschlichen Lebenslaufes in die Lebensjahrsiebte. Diese Einteilung folgt keiner festen Phasenzuordnung. Es handelt sich vielmehr um einen lebendigen und durch Beobachtung erlebbaren Rhythmus, der durch verschiedene Entwicklungsstufen zum Ende eines jeden Jahrsiebtes gekennzeichnet ist.
Im Laufe der Lebensabschnitte mit einer Dauer von etwa sieben Jahren entwickeln sich die Wesensglieder, die den Menschen zur leiblichen, seelichen und geistigen Reife zu bringen.
Arbeit zitieren:
Christian Honig, 2001, Die Waldorfpädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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