0 Einleitung
Kindheit wird heute vorwiegend als Konstrukt gesehen. Im Kind spiegeln sich unsere Vorstellungen vom Kind wieder, man kann sehen, wie wir uns gegenüber Kindern verhalten und Kindheit an sich betrachten.
Aus der Geschichte kennen wir viele Bilder von Kindheit. So z.B. von Friedrich Fröbel, der den Garten als idealen Raum für Kinder sah. Oder auch Maria Montessori, die Kinder als gottgleich ansah.
Doch die eigentliche Wurzel des Bildes vom Kind und von Kindheit finden wir bei Jean Jacques Rousseau. Er wird weithin als der Entdecker der Kindheit bezeichnet. Im Folgenden möchte ich auf diesen Ursprung der Kindheit zu sprechen kommen. Ich werde untersuchen, wie Rousseaus Bild vom Kind wirklich war. Zu diesem Zweck gehe ich zunächst auf Rousseaus Leben ein und werde danach die Epoche genauer beleuchten, in der er gelebt hat. Und schließlich werde ich Rousseaus Erziehungstheorie entfalten.
3
1 Biographische Daten zu Jean-Jacques Rousseau
Jean-Jacques Rousseau wird am 28.Juni 1712 in Genf als Sohn des Uhrmachers Isaac Rousseau und Suzanne Bernards geboren. Seine Mutter verstirbt wenige Tage nach Jean-Jacques’ Geburt. Nachdem sein Vater aus Genf fliehen musste und seinen Sohn einfach zurückließ, kümmerte sich Pastor Lambercier um seine Erziehung . Mit ca. 13 Jahren (1725) kam Jean-Jacques in die Lehre bei einem Kupferstecher. Bis dahin hatte er trotz allem eine glückliche Kindheit. Doch in dieser fremden Handwerkerfamilie fühlt er sich ausgestoßen; das macht ihn scheu und verschlagen. Eine innere Verwahrlosung beginnt (vgl. Rang 1991, S.117) 1728 flieht Rousseau schließlich nach Savoyen. In Annecy wird er von der Baronin Madame de Warens aufgenommen. Zu ihr hat Rousseau einerseits ein mütterliches Verhältnis, andererseits ist er in sie verliebt und teilt später auch das Bett mit ihr. „Kein anderes Verhältnis ist für seine intellektuelle und emotionale Entwicklung so bedeutsam gewesen wie diese Liebe zu der um zwölf Jahre älteren Frau“ (ebd. S.118)
In dieser Zeit widmet sich Rousseau auch einem intensiven autodidaktischen Studium.
Als Hauslehrer will er sich zunächst seinen Lebensunterhalt verdienen. So geht er 1740 nach Lyon ins Hause Mably, um dessen Söhne zu unterrichten. Auf dieser Grundlage entsteht Rousseaus erste pädagogische Schrift „Plan zur Erziehung des Herrn Sainte-Marie“. Darin drückt er v. a. sein Wissen über andere Pädagogen wie John Locke aus. Aber auch Anfänge seiner späteren Sichtweise auf Kinder und Erziehung lassen sich erkennen.
Aufgrund mangelnder Geduld und Selbstbeherrschung gibt Rousseau die Tätigkeit als Hauslehrer nach einem Jahr auf. Die Erfahrungen aus dieser Zeit lässt er später jedoch auch in seinen „Emile“ einfließen.
Er geht dann nach Paris, um als Musiklehrer, Musikschriftsteller und Komponist Karriere zu machen. So wird z. B. 1752 seine Oper „Der Dorfwahrsager“ vor dem König aufgeführt.
1743 beschäftigt sich Rousseau das erste Mal mit Politik: Er wird Gesandtschaftssekretär in Venedig. Inmitten der korrupten Adelsgesellscha ft Frankreichs merkt er immer mehr, wie ideal die sittlichen und politischen Zustände in
4
seiner Heimatstadt Genf waren. Er kommt mehr und mehr zu einem kritischen Bewusstsein gegenüber der Gesellschaft v. a. Frankreichs. So erscheint 1749 sein „Erster Diskurs: … über die Wissenschaft und die Künste“, der ihn über Nacht berühmt gemacht hat. 1754 folgt dem ersten der „Zweite Diskurs: … über die Entstehung der Ungleichheit“, in dem er u. a. die Ambivalenz des Fortschritts diskutiert. In diesen beiden Abhandlungen entwickelt Rousseau seine Gedanken zur Gesellschaft und Natur, die er später dem „Emile“ zugrunde legt und daraus Schlüsse für die Erziehung zieht.
1756 geht Rousseau in die Abgeschiedenheit von Montmercy, um der „sündigen“ Gesellschaft von Paris zu e ntfliehen. Er nutzt die Einsamkeit für eine Schaffensperiode. So werden in kurzer Zeit drei seiner Werke veröffentlicht: 1761 „Julie oder Die neue He? loise“ 1762 „Emile oder Über die Erziehung“ 1762 „Der Gesellschaftsvertrag“
Im gleichen Jahr der Herausgabe werden „Emile“ und „Der Gesellschaftsvertrag“ vom obersten Gerichtshof und vom Erzbischof von Paris verurteilt. Gegen diese Verurteilung kämpft Rousseau so leidenschaftlich, dass man ihn verhaften wollte. Ihm blieb also nichts anderes übrig als die Flucht.
Zunächst geht er in die Schweiz, an das Gebiet am Neuenburger See (In Genf waren seine Schriften auch schon verboten.). Einer Einladung zufolge reist er bald darauf nach England. 1767 kehrt er schließlich nach Frankreich zurück und lebt unter dem Decknamen „Renou“.
In dieser Zeit des Auf-der-Flucht-Seins entstehen noch zwei seiner wichtigen Werke: seine Autobiographie „Bekenntnisse“ und „Dialoge: Rousseau urteilt über Jean-Jacques“.
Am 2. Juli 1778 stirbt Rousseau plötzlich in Ermenonwille bei Paris.
Für mich war Rousseau ein Revolutionär, der nach und nach immer deutlicher für seine neuen und teilweise bahnbrechenden Gedanken einstand und deshalb vielerorts auf der Flucht war. Er wollte in den Köpfen der Menschen etwas verändern, weil er sich die Welt genau anschaute und daraus seine Konsequenzen zog. Wie die damalige Welt, also die Epoche der Aufklärung war, möchte ich als nächstes skizzieren.
5
2 Der Gedanke der Aufklärung
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ Immanuel Kant
Die Zeit der Aufklärung umfasst den größten Teil des 18. Jahrhunderts. Sie geht einher mit einer philosophischen, pädagogischen, politischen und gesellschaftlichen Umstrukturierung, in der alles in Frage gestellt wurde. Die Aufklärung war eine Revolution, eine Zeit, in der die selbst verschuldete Unmündigkeit ein Ende haben sollte.
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautete das Postulat dieser Zeit.
Es breitete sich eine rationalistische, also vernunft- bzw. v erstandesgemäße Denkweise auf alle Lebensgebiete aus. Traditionelle Werte und Normen wurden in Frage gestellt. Mittels Verstand sollten Vorurteile und Unwissenheit beseitigt werden. Man begeisterte sich also für die Ratio und wandte sich dem Menschen zu. Alle Menschen sollten über die Welt und vor allem über sich aufgeklärt werden. Das Interesse galt demnach ganz dem Menschen, dem einzelnen Exemplar. Auf rationale Weise wollte man seine Autonomie begründen. Im Namen der Vernunft sprach man jedem Freiheit und Würde zu.
Wie Baader (1996) schreibt, wurde danach geforscht, „was der Mensch von Natur aus und was an ihm gesellschaftliche Zutat ist“ (S. 36) Das Kind sah man dabei als den natürlichen Menschen an.
Es bildete sich langsam eine neue Grundhaltung gegenüber dem Menschen heraus: Der Mensch ist von Natur aus gut - und zwar jeder! Man vertraute auf den menschlichen Verstand und darauf, dass man alles zu einem guten Ende führen kann, wenn man es nur vernünftig angeht. Man glaubte auch daran, dass eine Vervollkommnung des Menschen durch einen Appell an seine Einsicht und durch die richtige Belehrung möglich sei (vgl. Reble 1965, S. 139) Politisch gesehen herrschte ein kritischer Geist gegenüber den Bindungen des Absolutismus und der kirchlichen Autorität. So bekam der Staat einen rein weltlichen Charakter, indem er sich von der Kirche abgrenzte.
Es verbreiteten sich Ideen von Freiheit, Gleichheit und Selbständigkeit. Aus Untertanen wurden allmählich Staatsbürger. Mit der Zeit milderten sich die
6
Standesschranken. Es war die Zeit des aufsteigenden Bürgertums. Dieses wurde zur kulturtragenden Schicht.
Mit seiner Erwerbstüchtigkeit wuchs auch der Bildungsdrang des Bürgertums. Es wollte nun auch geistig dem Adel in nichts nachstehen. „Da das Bürgertum aber in dieser Epoche im Staate seine Kräfte noch nicht befriedigend entfalten kann, bestellt es in verstärktem Maße das Feld geistigen Schaffens und geistiger Freiheit, sittlicher Lebensgestaltung und rationaler Welterfassung“ (ebd. S. 138) So war ein zentrales Merkmal der gesamten Aufklärungszeit die Idee der allgemeinen Volksbildung. Auch die untersten Schichten lernten lesen und schreiben, und konnten sich so bilden. Die allmähliche geistige Gleichstellung mit dem Adel befreite die Menschen aus den verschiedenen Stä nden. Durch die wachsende Bildung bestand nun die Möglichkeit, dass jeder mündig werden konnte.
Aufgrund der Begeisterung für die Ratio und der Hinwendung zum Menschen bezeichnet man das Zeitalter der Aufklärung auch als das „pädagogische Jahrhundert“. Dies drückt sich besonders in einer Pädagogisierung der Wissenschaft und des gesamten Lebens aus. Man glaubte daran, die Menschen durch Belehrung verbessern und geistig mündig machen zu können. Auch bedingt durch die Milderung der Standesschranken fühlten sich nun sehr viele Professionalitäten dazu ermuntert, dieses große neue Werk der allgemeinen Volkserziehung zu verrichten. So verstanden sich Philosophen, Staatsmänner, Dichter und Pfarrer plötzlich als Lehrer und Erzieher (vgl. ebd. S. 141)
Die Erziehung und Bildung bekam in dieser Zeit eine Allmachtsstellung. Begründet wird diese vor allem durch Kants Worte: „Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss… Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“ (Kant zitiert nach Tenorth 1988, S. 74)
Durch Erziehung sollte der Mensch lernen, seinen Verstand zu gebrauchen. Des Weiteren sah man Erziehung als unerlässlich an, da dem Menschen nun eigene Begabungen und eine eigene Natur zugesprochen wurden. Zu diesen konnte er jedoch nur durch die entsprechende Erziehung gelangen.
Ein Beispiel dafür, wie der Mensch zu seiner jeweiligen Natur kommen kann, zeigt Rousseau mit seinem „Emile“, den es hier zu besprechen gilt.
7
Arbeit zitieren:
Ines Lück, 2004, Rousseaus Bild vom Kind, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die pädagogische Gedankenwelt J. J. Rousseaus - Emile oder über die Er...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Seminararbeit, 18 Seiten
Rezension zu: Jean-Jaques Rousseau - Emile oder über die Erziehung
Rezension / Literaturbericht, 10 Seiten
Die Reformpädagogik und Landerziehungsheimbewegung
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Vordiplomarbeit, 31 Seiten
Pestalozzis Erziehungsmethoden und ihre Bedeutung für die heutige Zeit
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 17 Seiten
Zu: "Emile oder über die Erziehung" von Jean-Jacques Roussea...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Referat (Ausarbeitung), 9 Seiten
Jean Jaques Rousseau als Wegbereiter einer neuen Pädagogik
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hauptseminararbeit, 19 Seiten
Frauenrolle und Frauenbildung in der Zeit der Aufklärung am Beispiel J...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 30 Seiten
Zur Entwicklung von Lesemotivation in der 1./2. Klasse durch das Lesen...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Bachelorarbeit, 37 Seiten
Die Anfänge institutionalisierter Bildung bürgerlicher Mädchen zur Zei...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Zwischenprüfungsarbeit, 29 Seiten
Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet"
Philosophie - Philosophie der Antike
Essay, 8 Seiten
Das Politikverständnis von Hannah Arendt
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
Geschichte der Erziehung: Zurück zur Natur und die natürliche Erziehun...
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Schuldfrage in Max Frischs "Andorra" und Wolfgang Borche...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 16 Seiten
Rousseau: das Paradigma moderner europäischer Pädagogik
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hauptseminararbeit, 22 Seiten
Räumliche Auswirkungen des demographischen Wandels auf Großwohnsiedlun...
VWL - Mikroökonomie, allgemein
Seminararbeit, 23 Seiten
Ines Lück hat den Text Rousseaus Bild vom Kind veröffentlicht
Ines Lück hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare