Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung S.1
2 Zur begrifflichen Bestimmung des Gegenstandes S.1
2.1 Der Aggressionsbegriff S.1
2.2 Der Gewaltbegriff S.2
3 Diagnostik und Entwicklungsverlauf S.3
3.1 Diagnostische Klassifizierung aggressiven Verhaltens S.3
3.2 Entwicklung aggressiven Verhaltens S.4
4 Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt S.5
4.1 Aggressionsarten S.5
4.2 Formen menschlicher Aggression S.5
4.3 Äußerlich-formale Einteilung S.6
4.4 Inhaltlich-motivationale Einteilung S.6
5 Klassische psychologische Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt S.7
5.1 Die Triebtheorien S.7
5.1.1 Die dualistische Triebtheorie nach Sigmund Freud S.8
5.1.2 Jüngere Triebkonzepte S.8
5.1.3 Die ethologische Triebtheorie S.9
5.2 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese nach Dollard et al. S.10
5.3 Das lerntheoretische Modell: Aggression als gelerntes Verhalten S.12
5.3.1 Lernen am Modell S.12
5.3.2 Lernen am Erfolg bzw. Misserfolg S.12
5.3.3 Kognitives Lernen S.13
6 Bedingungen von Gewalt und Aggression S.14
6.1 Außerschulische Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau S.14
6.2 Innerschulische Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau S.16
7 Gewalt an Schulen S.17
8 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten der Schule S.18
8.1 Verminderung aggressiven Verhaltens nach Nolting S.20
8.1.1 Aggressionen abreagieren’ -geht das? S.20
8.1.2 Die Anreger verändern S.21
8.1.3 Die Anreger anders bewerten S.21
8.1.4 Aggressionshemmungen fördern S.21
8.1.5 Alternatives Verhalten lernen S.21
8.2 Der Präventionsrat S.22
8.3 Das Interventionsprogramm Was wir gegen Gewalt tun können
nach Olweus S.23
8.3.1 Maßnahmen auf der Schulebene S.23
8.3.2 Maßnahmen auf der Klassenebene S.25
8.3.3 Maßnahmen auf der persönlichen Ebene S.27
8.4 Mediation oder Streitschlichtung S.29
8.4.1 Was ist Mediation und wie funktioniert sie? S.29
8.4.2 Bedingungen des Mediationsverfahrens S.30
8.4.3 Schritte des Mediationsverfahrens S.31
8.4.3.1 Vorphase S.31
8.4.3.2 Das Mediationsgespräch S.31
8.4.3.3 Umsetzungsphase S.32
8.4.4 Die Rolle des Mediators S.33
8.4.5 Grundlegende Methoden der Mediation S.34
II
8.5 Weitere Präventions- und Interventionsmodelle/-konzepte S.36
8.6 Zusammenfassung der Vorschläge zur Gewaltprävention
und -intervention S.38
9 Persönliche Stellungnahme /Schlussbetrachtung
10 Literatur- und Quellenverzeichnis
III
1 Einleitung
„Zwei Jahre lang war Johnny, ein stiller 13jähriger, für einige seiner Klassenkameraden ein menschliches Spielzeug. Die Teenager setzten Johnny zu, um an sein Geld zu kommen, sie zwangen ihn, Unkraut zu schlucken und Milch, die mit Waschmittel vermengt war, zu trinken. Sie verprügelten ihn in den Toiletten und legten ihm einen Strick um den Hals, mit dem sie ihn wie ein «Tier an der Leine» herumführten.“ (Olweus, 1996, S.21)
Mit derartigen, oft aber auch subtileren Manifestationen aggressiven Verhaltens werden Lehrer im Schulalltag immer wieder konfrontiert. In unserer dreijährigen Lehrerausbildung in Luxemburg wurde die Problematik „Gewalt an Schulen“ nicht ausreichend thematisiert. Da dieses Thema aber in letzter Zeit immer mehr ins öffentliche Interesse gerückt ist und weil wir den Eindruck haben, dass wir in diesem Bereich eine regelrechte Wissenslücke haben, ist es unser Anliegen, uns durch diese Hausarbeit einen Gesamtüberblick über die Thematik zu verschaffen, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Die vorliegende Arbeit zeigt die theoretischen Erklärungsansätze für Aggression bzw. die verschiedenen Formen von Gewalt auf, fasst den Forschungsstand psychologischer Aggressions- und Gewaltforschung zusammen und beinhaltet wirksame, im schulischen Kontext einfach realisierbare Ansatzpunkte und Handlungsmöglichkeiten zur Prävention, Intervention und Kontrolle schulischer Gewalt.
2 Zur begrifflichen Bestimmung des Gegenstandes
Die Aggressionsforschung ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden und hat all jene Arten aggressiven Verhaltens, denen wir in unserem täglichen Leben begegnen zum Gegenstand und Ziel ihrer Untersuchungen gemacht.
2.1 Der Aggressionsbegriff
Wenn wir uns mit der Thematik ´Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen´ auseinandersetzen, muss zunächst eine terminologische Abgrenzung vorgenommen werden. Es muss u.a. geklärt werden, was unter ´Gewalt´ und ´Aggression´ genau verstanden wird, denn beide Begriffe werden in zunehmendem Maße synonym verwendet.
In der Fachliteratur wird der Begriff der Aggression unterschiedlich weit gefasst. Im engeren Sinne beschränkt sich Aggression auf die zielgerichtete, direkte physische
1
Schädigung. Bei diesem engeren Definitionstyp geht man also davon aus, dass
Aggression mit Schädigung und Schmerzzufügung zu tun hat, und dass aber auch die Absicht dabei eine entscheidende Rolle spielt. Im Folgenden wollen wir einige enger gefasste Definitionen des Aggressionsbegriffs geben:
- „Aggression umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird.“ (Merz, 1965, zitiert nach Nolting, 2002, S.22)
- „Unter aggressiven Verhaltensweisen werden hier solche verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet schädigen, sie schwächen oder in Angst ve rsetzen.“ (Fürntratt, 1974, zitiert nach Nolting, 2002, S.22)
- „Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize.“ (Selg, 1988, zitiert nach Nolting, 2002, S.23)
Wie bereits oben erwähnt, gibt es noch einen anderen, wesentlich weiter gefassten Aggressionsbegriff, welcher für die vorliegende Arbeit jedoch nicht besonders
ergiebig ist. „Er [der weiter gefasste Aggressionsbegriff] geht meist vom lateinischen Ursprung des Wortes (aggreddi = herangehen) aus.“ (Nolting, 2002, S.24). „Mit Aggression ist jedes Verhalten gemeint, das im Wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt.“ In dieser weiter gefassten Definition von Bach & Goldberg (1974) 1 werden die Begriffe ´Aggression´ und ´Aktivität´ gleichgesetzt. Man könnte von dieser Definition ableiten, dass alles, was man in Angriff nimmt (d.h. jede gerichtete offensive Aktivität) zu aggressivem Verhalten neigt. Tatkraft und Destruktion werden somit in einen Topf geworfen.
2.2 Der Gewaltbegriff
Sehr häufig wird auch der Begriff ´Gewalt´ statt ´Aggression´ verwendet. Nach einem geläufigen Sprachgebrauch werden insbesondere körperliche Formen der Aggression als Gewalt bezeichnet. Verbale Formen von Aggression, wie beispielsweise Schimpfen und Verleumdung, fallen in diesem Fall kaum unter den Begriff der Gewalt. Der Begriff ´Gewalt´ ist in diesem Sinne ein noch engerer Begriff als ´Aggression´. Hierzu schreibt Schubarth (2000, S.11): „Obwohl der Gewaltbegriff dem (...) Aggressionsbegriff untergeordnet ist, wird er in letzter Zeit immer häufiger auch als Oberbegriff gewählt.“ Es gibt jedoch auch noch den von Galtung (1975)
1 zitiert nach Nolting, 2002, S.24
2
eingeführten Begriff der ´strukturellen´ Gewalt 2 . Unter diesem Begriff versteht man die stille Unterdrückung durch ein System sozialer Ungerechtigkeit. Sie bringt ähnlich gravierende Beeinträchtigungen mit sich wie andere schwere Aggressionsformen auch 3 - deshalb kann man sie als ´Gewalt´ ansehen. Man sollte, um der begrifflichen Ordnung willen, die strukturelle Gewalt nicht zur Aggression rechnen. (vgl. Nolting, 2000, S.26)
In jeder der von uns aufgelisteten Definitionen von ´Aggression´, kann eine oder mehrere der folgenden drei Komponenten wiedergefunden werden:
1. Zunächst einmal muss als Voraussetzung eine Schädigungsabsicht (Intention) vorliegen, d.h. eine freiwillige und gerichtete Handlung, die nicht zufällig ist, sondern geplant, mit der konkreten Absicht, jemandem zu schaden.
2. Die zweite Komponente ist der eingetretene Schaden, d.h. dass eine Person hierbei tatsächlich psychisch oder physisch geschädigt wurde.
3. Eine weitere Komponente ist die der Normabweichung. Die Norm bzw. das gesellschaftliche Mittelmaß stellt im Prinzip das „Gesunde“ bzw. das „Natürliche“ dar.
3 Diagnostik und Entwicklungsverlauf
Aggression ist der häufigste Grund, im Kindes-und Jugendalter
psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
3.1 Diagnostische Klassifizierung aggressiven Verhaltens
Das Klassifikationsschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - das sogenannte ICD 4 - umfasst alle Krankheiten und Entwicklungsstörungen die es gibt. Gebräuchlich ist die zehnte Fassung, das ´ICD-10´, in welcher die aggressiven Verhaltensweisen zu den ´Störungen des Sozialverhaltens´ zusammengefasst werden. Diese Störungen lassen sich durch ein wiederholendes und andauerndes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens charakterisieren und in folgende Erscheinungsformen differenzieren:
• „auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens“
• „Störung des Sozialverhaltens bei fehlender sozialer Bindung“
• „Störungen des Sozialverhaltens bei vorhandener sozialer Bindung“
• „Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten“
2 Darunter sind alle Formen institutioneller Gewalt, die auf uns einwirken, zusammengefasst.
3 Nolting (2002, S.26) behauptet, dass Menschen an struktureller Gewalt sogar physisch oder psychisch zugrunde
gehen können (Hunger, Slums usw.).
4 ICD steht für „International Classification of Diseases”.
3
• „andere und nicht näher bezeichnete Störungen des Sozialverhaltens“
3.2 Entwicklung aggressiven Verhaltens
Die Formen aggressiven Verhaltens hängen entscheidend vom Alter des Kindes bzw. des Jugendlichen ab. Die nachstehende Tabelle 5 verdeutlicht diese Aussage:
Bestimmte Aggressionsformen sind für das Kindesalter typisch (z.B. oppositionelles Trotzverhalten), andere für das Jugendalter (z.B. dissoziales oder delinquentes Verhalten).
Aggressives Verhalten scheint nicht nur in der Kindheit sehr stabil zu sein, sondern auch delinquentem Verhalten in der frühen bis späten Jugend vorauszugehen. Anhand folgender Tabelle 6 sollen die Entwicklungsverläufe und -ausgänge dissozialen Verhaltens im Jugendalter aufgezeigt werden.
5 Altersabhängige Formen des Ärgerausdrucks und des aggressiven Verhaltens. (Loeber und Hay, 1997, zitiert
nach Petermann, 2001, S.2)
6 Entwicklungsverläufe und -ausgänge dissozialen Verhaltens im Jugendalter (Petermann und Kusch, zitiert in
Petermann, 1998, S. 238)
4
„Viele Studien belegen die hohe Stabilität aggressiven Verhaltens und zeigen auf, dass nur durch eine frühzeitige Intervention ein Therapieerfolg möglich ist.“ (Kusch, zitiert nach Petermann, 1998, S.235) Eine frühe Intervention verhindert also, dass sich aggressives Verhalten stabilisiert und auf diese Weise änderungsresistent wird.
4 Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt
Aggression wurde bereits von vielen Autoren in verschiedene Arten, Kategorien, Typen oder Formen eingeteilt, die sich teilweise überschneiden und ergänzen, teilweise jedoch auch widersprechen oder anderen Benennungen folgen, so dass es relativ schwierig ist eine strukturierte und einleuchtende Differenzierung unterschiedlicher Aggressionstypen vorzunehmen.
4.1 Aggressionsarten
Im Allgemeinen wird innerhalb der Aggressionsarten zwischen aktiven und passiven Formen unterschieden. In den Formen selbst unterscheidet man wieder zwischen direkter und indirekter Form. Zudem wird auch noch zwischen physischer und verbaler Aggression unterschieden.
Aus diesen Unterscheidungen ergibt sich dann folgendes Schema 7 :
4.2 Formen menschlicher Aggression
Petermann und Petermann (1990) unterscheiden zwischen folgenden Ausdrucksformen der Aggression:
• offen-gezeigte vs. verdeckt hinterhältige Aggression
• Körperliche vs. verbale Aggression
• aktiv-ausübende vs. passiv-erfahrende Aggression
• direkte vs. indirekte Aggression
• nach außen-gewandte vs. nach innen-gewandte Aggression
• prosoziale vs. antisoziale Aggression
Im Folgenden fassen wir die aufgeführten Aggressions -Systematisierungen in einem Überblick zusammen.
7 Klaus, Skript „Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie“ (2001)
5
4.3 Äußerlich-formale Einteilung
Die äußerlich-formale Einteilung beinhaltet all jene Charakteristiken, die man von außen her über den Aggressionsakt wahrnehmen kann und beschreibt demnach die Art und Weise wie Aggression dargeboten wird.
• Offene Aggression: Eine Aggression, d ie offen gezeigt wird, ist für Außenstehende
sichtbar und kann sich auf körperlicher Ebene, auf verbaler Ebene oder auf beiden Ebenen
zusammen äußern.
• Verdeckte Aggression: Ist eine Aggression verdeckt, spielt sie sich nur in der Phantasie
des Täters ab, ohne in die Tat umgesetzt zu werden. Sie ist also nicht für Außenstehende
sichtbar.
• Direkte Aggression: Diese Form von Aggression ist direkt gegen das Opfer gerichtet.
• Indirekte Aggression: Bei diesem Aggressionsakt ist das Opfer vielfach nicht anwesend.
• Verschobene Aggression: Durch verschiedene Umstände, z.B. Bestrafung in Hinblick auf
aggressive Handlungen, kann ein aggressiver Akt von seinem direkten Ziel abgelenkt und
verhindert werden. Die Aggression erfolgt entweder zu einem späteren Zeitpunkt und kann
sich auch auf ganz andere Personen oder Gegenstände verschieben. Es kommt zu einer
Verschiebung der Form und des Objekts.
• Einzelaggression: Einzelaggression wird von einem einzigen Täter ausgeführt. Sie geht
also von einer einzelnen Person aus.
• Gruppenaggression: Bei der Gruppenaggression besteht eine Mehrzahl an Tätern, die
sich zusammenschließen (Straßenbanden oder z.B. Völker während eines Krieges).
• Selbstaggression: Selbstaggression kann auch noch mit dem Begriff „Autoaggression“
bezeichnet werden. Bei diese Art der Aggression richtet der Täter den aggressiven Akt gegen
sich selbst.
• Fremdaggression: Fremdaggression charakterisiert das Anwenden von Aggressivität
gegenüber einem Anderen als sich selbst.
4.4 Inhaltlich-motivationale Einteilung
Aggression entsteht im Menschen selber. Für diese Entstehung kommen allerdings mehrere Gründe, Gefühle oder Absichten in Frage. Somit kann die folgende Einteilung vorgenommen werden, die beschreibt, warum ein Mensch aggressiv reagiert.
• positive Aggression: Die positive Aggression ist ein von der Kultur gebilligtes Verhalten.
Sie wird von der Umwelt akzeptiert.
• negative Aggression: Die negative Aggression ist ein, von der Umwelt verurteiltes Verhalten. Sie wird von der Kultur missbilligt.
• intentionale Aggressionen: Sie haben als Handlungsziel die Schädigung des
Gegenübers und können verschiedene Funktionen haben :
Arbeit zitieren:
Géraldine Haller, Michele Corbi, 2003, Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen - Was die Schule tun kann, München, GRIN Verlag GmbH
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