Gliederung
Einleitung 3
Die Krise des Liberalismus. 5
Ort des Austauschs - Das Kaffeehaus. 7
Themen der Wiener Moderne
- Krise der persönlichen Identität. 10
- Krise der jüdischen Identität. 12
- Sexualität und Geschlechterrollen. 14
- Der Nationalitätenkonflikt und die Stimmung des drohenden
Untergangs. 16
Figuren der Literatur - Schnitzler und Hofmannsthal
- Arthur Schnitzler. 18
- Hugo von Hofmannsthal. 22
Fazit. 26
Anhang
Literaturverzeichnis. 27
Erkl ärung. 28
2
Einleitung
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist die Wiener Moderne unter besonderer Berücksichtigung der Literatur. Betrachtet wird hierbei in Schwerpunkt das künstlerisch-literarisch-gesellschaftliche Leben Wiens im fin de siècle, d.h. im Zeitraum um die Jahrhundertwende zwischen 1890 und 1910. In ihrer Fragestellung versucht die Arbeit zu beantworten, welche gesellschaftlichen uns sozialen Rahmenbedingungen für die Entstehung der Kultur des Jungen Wiens wesentlich waren, welche Themen die Literatur im Schwerpunkt beschäftigten und wie sich diese Themen im einzelnen in den Werken der Schriftsteller wiederspiegelten. In den zwanzig Jahren nach 1890 lag der Schwerpunkt einer kulturell äußerst vielseitigen und fruchtbaren Epoche. Die Intelligenz des Wiens der Jahrhundertwende schuf ihre Neuerungen in nahezu allen Bereichen des kulturellen Lebens. Eine Entwicklung die in Europa unter dem Begriff Wiener Schule zusammengefasst wurde. In Wien selbst machte das Schlagwort von den „Jungen“ die Runde. 1 Die Wiener Moderne definiert sich über den Bruch der Bindung an die historische Anschauung, die als typisches Merkmal der vorangegangenen Kultur der 19 Jahrhunderts gilt und über die soziale und politische Desintegration ihrer künstlerischen, literarischen und philosophischen Eliten. 2 Bekämpft und zugleich betrauert wurde das rationale Wertesystem des klassischen Liberalismus, weniger die Autorität der väterlichen Kultur. Der Niedergang eben dieses liberalen Wertesystems ist das Thema des ersten Kapitels. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Kaffeehaus, einer bis heute für Wien typischen Einrichtung, die durch ihre Funktion als Rückzugsort und Ort des Austausch zwischen den Disziplinen von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung der Wiener Moderne war.
Die Vielfalt der kulturellen Strömungen der Zeit läßt sich nur schwerlich unter einem einigenden Begriff zusammenfassen und charakterisieren, zu groß ist ihre Anzahl. So stellt Schorske fest:„Wem der Historiker abschwören muß, und nirgends mehr als gegenüber dem Problem der Moderne, das ist, im vorhinein einen abstrakten kategorischen gemeinsamen Nenner festzusetzen - was Hegel
1 Schorske, Carl E.: Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle. Frankfurt am Main 1982, S.
XVII. Im folgenden zitiert als Schorske.
2 Schorske: S. X.
3
den „Zeitgeist“ nannte und John Stuart Mill „the charakteristic of the age“. 3 Dem gegenüber stehen einige Themen, die sich als Motive in zahlreichen Werken wiederfinden und so als Leitmotive durchaus einigenden Charakter haben, wenngleich ihre Behandlung durchaus unterschiedlich war. Nach Le Rider 4 sind es vor allem die Krisen der persönlichen und der jüdischen Identität, sowie der Rollenkonflikt zwischen den Geschlechtern, die das Wesentliche der Moderne ausmachen. Diese Themen sind Gegenstand des dritten Kapitels. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, zwei bedeutenden Gestalten der Wiener Moderne, an deren Werken beispielhaft versucht wird zu zeigen, wie die zuvor behandelten Themen sich als Motive in der Literatur niederschlagen. Die wichtigsten Aspekte der Arbeit werden dann im abschließenden Resumee noch einmal zusammengefaßt dargestellt.
Neben den bereits erwähnten Schriften von Le Rider und Schorske stützt sich Arbeit vor allem auf die von Nautz und Vahrenkamp 5 herausgegebene Aufsatzsammlung zum Thema und auf die aktuellen Darstellungen von Keller 6 , Lorenz 7 und die Sammlung zeitgenössischer Texte von Wunberg. 8 Andere Werke dienten dem allgemeinen Verständnis der historischen Rahmenbedingungen der Wiener Jahrhundertwende.
3 Schorske: S. XIII.
4 Le Rider, Jacques: Das Ende der Illusionen. Die Wiener Moderne und die Krisen der Identität.
Wien 1990, S. 7 f. Im folgenden zitiert als: Le Rider.
5 Nautz, Jürgen und Vahrenkamp, Richard (Hg.): Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüße-
Umwelt-Wirkungen. Wien, Köln, Graz 1992.
6 Keller, Ursula: Böser Dinge hübsche Formel. Das Wien Arthur Schnitzlers. Frankfurt am Main
2000. Im folgenden zitiert als: Keller.
7 Lorenz, Dagmar: Die Wiener Moderne. Stuttgart, Metzler, Weimar 1995. Im folgenden zitiert
als: Lorenz.
8 Wunberg, Gotthart: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910.
Stuttgart 2000. Im folgenden zitiert als: Wunberg.
4
Die Krise des Liberalismus
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
mit der ich sonst viel Zeit verdorben;
sie hat so lange nichts von mir vernommen,
sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Mir ist auch nichts daran gelegen,
ob sie mich für gestorben hält.
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
denn wirklich bin ich gestorben der Welt. 9
Ein Erklärungsversuch der Entstehung Phänomens Wiener Moderne bietet
Schorske 10 mit dem Neidergang des Liberalismus an. „Die Epoche der Herrschaft der liberalen Mittelschicht begann in Österlich später als sonst irgendwo in Westeuropa und geriet früher als anderswo in eine tiefe Krisis. Bei freundlicher Berechnung dauerte die wirkliche Ausübung der Regierung ungefähr vier Jahrzehnte (1860-1900).“ 11 Die Macht teilte sich das liberale Bürgertum von Beginn an mit dem Adel. Es fehlte eine breite gesellschaftliche Basis, so daß dem liberalen B ürgertum stets die „offizielle“ Anerkennung verweigert blieb. Erfolg bedeutete für einen Künstler oder Schriftsteller meist nur, als „Angehöriger der oberen gesellschaftlichen Kreise anerkannt zu werden.“ 12 In dem Bestreben sich diesem anzunähern, suchte e s auch seine ästethische Kultur zu kopieren und sie zum Ausdruck der eigenen wissenschaftlich-moralischen Werte zu nutzen. Ein Erfolg in der Opposition war höchstens um den Preis gesellschaftlicher Deklassierung möglich. Die politische Niederlage und der R ückzug von der Macht zeigte nachhaltige Wirkung im Selbstverständnis des Bürgertums. Ein Gefühl der Vergeblichkeit aller Mühen und des drohenden Untergangs. 13 Die Nachfolge der traten jene Massenbewegungen an, die für all das standen, was den Liberalen verhasst war, Antisemitismus, Klerikalismus und Sozialismus. Hinzu kamen die Entwicklungen der Wissenschaft, namentlich Freuds Psychoanalyse und Machs „Beiträge zur Analyse der Empfindungen“ 14 , die das aufklärerische Menschenbild der Liberalen nachhaltig erschütterten. Die Folge war ein Rückzug
9 Mahler, Gustav: Ich bin der Welt abhanden gekommen. Maiernigg 1901. Text ist ursprünglich
von Friedrich Rückert, wurde jedoch von Mahler stark verändert.
10 Schorske: S. 3 ff.
11 Schorske: S. XVII.
12 Le Rider: S. 29.
13 Schorske: S. 7 f.
14 Mach Ernst: Antimetaphysische Vorbemerkungen, in: Die Analyse der Empfindungen und das
Verhältnis des Physischen zum Psychischen, in: Wunberg: S. 137 ff.
5
des liberalen Bürgertums von der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, ein Flucht ins Private. Die Kunst, ursprünglich ein Werkzeug der Assimilation, diente nun als Katalysator, um den Gefühl der allgegenwärtigen Krise Ausdruck zu verleihen. So entstanden auch die meisten modernen Bewegungen des Kulturlebens in den achtzehnneunziger Jahren und trugen ihre Blüte bis zum Beginn des ersten Weltkrieges. 15 Schorske fasste diese Entwicklung wie folgt zusammen: „In seinem Bestreben, der älteren aristokratischen Kultur der Anmut sich anzupassen, hatte das gebildete Bürgertum sich das künstlerische sinnliche Empfindungsvermögen zu eigen gemacht, aber in einer verweltlichten, verzerrten und hochgradig individualistischen Form. Selbstspiegelung und eine Hypertrophie des Gefühlslebens waren die Folge. Die Bedrohungen durch die politischen Massenbewegungen verlieh diesem schon vorhandenen Zug neue Stärke, weil sie das überkommene liberale Vertrauen in sein eigenes Vermächtnis der Rationalität, des Sittengesetzes und des Fortschritts schwächte. Von einem Ornament wurde die Kunst zum Wesentlichen verwandelt, und von einem Ausdruck von Werten, zu einer Quelle der Werte. Der Unglücksfall des Zusammenbruchs des Liberalismus bildete das ästhetische Erbe zu einer Kultur empfindsamer Nerven, eines missmutigen Hedonismus und einer oft rückhaltlosen Angst.“ 16
15 Schorske: S. XVIII.
16 Schorske: S. 9.
6
Ort des Austauschs - Das Kaffeehaus
„Kaffeehaus
Du hast Sorgen, sie es diese, sei es jene... ins Kaffeehaus!
Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu Dir
kommen... ins Kaffeehaus!
Du hast zerrissene Stiefel... Kaffeehaus!
Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus... Kaffeehaus!
Du bist korrekt sparsam und gönnst Dir nichts... Kaffeehaus!
Du findest Keine, die zu Dir paßt... Kaffeehaus!
Du stehst innerlich vor dem Selbstmord... Kaffeehaus!
Du haßt und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen...
Kaffeehaus!
Man kreditiert Dir nirgends mehr... Kaffeehaus!“ 17
Wohl kaum eine andere öffentliche oder halböffentliche Einrichtung kann für sich in Anspruch nehmen, so sehr typisch für das Kulturleben der Wiener Jahrhundertwende gewesen zu sein und solchen Einfluß auf seine Entwicklung gehabt zuhaben, wie das Kaffeehaus. Dieses Kapitel versucht in aller Kürze den Einfluß der „Institution Kaffeehaus“ auf die Wiener Moderne zu charakterisieren und zu erläutern.
Die Wiener Intelligenz selbst, steht „ihrem“ Kaffeehaus mit gemischten Gefühlen gegenüber. Während für die einen, wie Peter Altenberg, der das Café Central sogar als seine postalische Adresse angab, das Kaffeehaus den Status einer ganzen Lebenswelt hatte, geradezu eine Ersatzrealität darstellte, wurde es von anderen heftig als „Platz des Hochstaplertums,“ 18 als „Zuflucht der impotenten Lumpen“ 19 bezeichnet. „ Das Wiener Kaffeehaus verschlingt unsere Intelligenz und unsere Bildung. In diesem rauchigen Schlunde liegt unsere Intelligenz begraben.“ 20 heißt es an anderer Stelle.
Der Hintergrund dieser widersprüchlichen Betrachtung liegt in der veränderten gesellschaftlichen Funktion des Kaffeehauses. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war das Café, ähnlich wie der Salon, der um die Jahrhundertwende im Vergleich bereits deutlich an Bedeutung verloren hatte, 21 ein Ort der gepflegten weltanschaulichen und auch politischen Auseinandersetzung. Diesen Charakter hat das Kaffeehaus um 1900 fast völlig verloren. Noch immer trafen hier die Vertreter der unterschiedlichsten wissenschaftlichen und künstlerischen
17 Altenberg, Peter: Kaffeehaus, zit. nach: Keller: S. 70.
18 Viertel, Berthold: Brief an Herman Wlach von 1908, zit. nach Keller: S. 74.
19 Ebenda
20 Wengraf, R., in: Wiener Literaturzeitung, 2. Jg., Nr. 7 vom 15.5.1891, zit. nach: Keller. S. 68.
7
Arbeit zitieren:
Robert Albrecht, 2001, Die Wiener Moderne unter besonderer Berücksichtigung der Literatur Schnitzlers und Hoffmannsthals, München, GRIN Verlag GmbH
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