Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
1.1 Fragestellung 4
1.2 Vorgehensweise 5
1.3 Aufbau 7
2 Lektüreempfehlungen für Mädchen im 18 Jahrhundert 7
2.1 Entwicklung bis 1780 8
2.2 Entwicklung ab 1780 9
3 Erste Mädchenbücher im 19 Jahrhundert 11
3.1 Weiblicher Alltag im 19 Jahrhundert 11
3.2 Die Situation der höheren Töchter 13
3.3 Pubertätslektüre für Mädchen 15
3.4 Emmy van Rhoden: Der Trotzkopf 18
3.5 Johanna Spyri: Heidi 24
4 Mädchenlektüre zwischen Jahrhundertwende und Erstem
Weltkrieg 28
4.1 Die Ausbildung der Mädchen 28
4.2 Zeitgenössische Mädchenliteratur 30
4.3 Else Ury: Nesthäkchen 31
5 Mädchenbücher im Ersten Weltkrieg 36
5.1 Die gesellschaftliche Situation der Frauen 37
5.2 Mädchenkriegsliteratur 38
5.3 Else Ury: Nesthäkchen und der Weltkrieg 39
6 Die Entwicklung der Mädchenbücher bis 1945 41
6.1 Die Zeit der Weimarer Republik 41
6.2 Der Nationalsozialismus 43
6.3 Zeitgenössische Mädchenliteratur 44
6.4 Magda Trott: Pucki 44
7 Die 1950er und 1960er Jahre Mädchenliteratur in der
Wirtschaftswunderzeit 48
7.1 Die Situation der Frauen und Kinder 48
7.2 Der Wiederaufbau 49
7.3 Der literarische Neuanfang 51
7.4 Überarbeitungen der gängigen Mädchenbücher 51
7.5 Enid Blyton: Dolly 53
7.6 Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf 58
8 Die Kulturrevolution von 1968 und ihre Auswirkungen in den
1970er und 1980er Jahren 61
8.1 Die Situation der Mädchen 63
8.2 Zeitgenössische Mädchenlektüre ...................................................... 64 8.2.1 Diskussion und Kritik der gängigen Literatur für Mädchen 64
8.2.2 Die neue Mädchenliteratur 67 8.3 Christine Nöstlinger: Gretchen Sackmeier ......................................... 68
9 Die Situation zur Jahrtausendwende ................................................ 74
9.1 Mädchenliteratur heute ...................................................................... 76 9.2 Cornelia Funke:
Die wilden Hühner
................................................... 77
10 Abschließende Betrachtung ............................................................ 82
Abbildungsverzeichnis 88
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
1 Einleitung
Litera- tur, die nicht ernst zu nehmen sei.
Dabei geben Mädchenbücher – da sie immer aus dem jeweiligen histori- schen und gesellschaftlichen Kontext heraus entstehen- zeitgenössische Vorstellungen von der Erziehung und der gesellschaftlichen Rolle der Mäd- chen wieder. Zugleich helfen sie dabei, dieses gesellschaftliche Idealbild zu prägen, zu fördern und zu vertiefen. In Kombination mit anderen Medien machen Mädchenbücher daher -ungeachtet ihres schlechten Rufs- bis heu- te einen wichtigen Bestandteil der weiblichen Sozialisation aus. Dieser Grund und die Tatsache, dass seit den letzten Untersuchungen von neuer- schienenen Mädchenbüchern mittlerweile fast zwanzig Jahre vergangen sind, sind Motivationen für die vorliegende Arbeit.
1.1 Fragestellung
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
das Erscheinungsjahr ist. Weiterhin wird untersucht, ob es sich bei den Neuerscheinungen lediglich um aktuellere Variationen der Motive der ersten Mädchenbücher handelt. Mädchenbuchserien werden zudem im Hinblick auf eine mögliche Persönlichkeitsentwicklung der Protagonisten bzw. auf eine mit dem Alter zunehmenden Mündigkeit hin untersucht.
1.2 Vorgehensweise
der 1968er Generati- on. Eine neutrale Angabe darüber, was das Mädchenbuch ausmacht und was es vom Kinderbuch abgrenzt, existiert nicht, denn auch Lexika und an- dere Nachschlagewerke nehmen Bezug auf diese wertenden Aussagen, die Definition und Kritik zugleich beinhalten. (Eine genauere Betrachtung dieser Aussagen findet sich in Kapitel 8.4 der vorliegenden Arbeit.)
aufweisen:
Die Hauptperson ist weiblich.
Thema der Geschichte ist ihr Leben oder ein Teilausschnitt dessel- ben.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
Bereits der Titel, bzw. die Gestaltung des Einbands weisen auf diese Umstände hin, so dass die potentielle Leserin über die Andeutung enthaltener Identifikationsmöglichkeiten zum Kauf des Buches ani- miert wird.
Der Fokus der Untersuchung wird auf Epochen gelegt, die sich durch nach- haltige Veränderungen in der Erziehungs- oder Emanzipationsdiskussion auszeichnen, wobei das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts eine Betrachtung in engeren Zeitintervallen bedarf, da sich hier – als Folgeerscheinung der 1968er Debatten- eine wesentlich raschere Veränderung der weiblichen Situation vollzogen hat. Als Auswahlkriterium für die untersuchten Werke dienen ihre Auflagenstärke auf dem deutschen Büchermarkt und ihre anhal- tende Popularität bis heute. Deshalb befinden sich auch Bücher ausländi- scher Autoren unter der vorgestellten Mädchenlektüre.
, und hier zudem viele andersartige Faktoren auf die Erziehung von Mädchen Einfluss nahmen, beschränkt sich die Be- trachtung von 1945 bis 1989 auf die Entwicklung der Mädchenbücher in Westdeutschland.
Vielfältige Faktoren wirken an der Sozialisation junger Menschen mit. Damit die in den vorliegenden Werken stattfindende Sozialisation der jeweiligen Protagonistinnen verglichen werden kann, wird diese im Hinblick auf kon- krete Erziehungssituationen innerhalb und außerhalb der Familie, die dar- gestellte Familienstruktur, das soziale Umfeld sowie der Charakterisierung der Hauptpersonen betrachtet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Be-
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
trachtung von Serien, da diese eine Entwicklung der Protagonisten über mehrere Jahre hinweg darstellen. Eventuelle Auswirkungen der Erziehung und Entwicklungen der Charaktere sind hier im Werk selbst ablesbar.
Um die Mädchenbücher in ihren jeweiligen historischen Kontext zu stellen und die zeitgenössischen Annahmen über Erziehung von Mädchen, ihr We- sen und ihre Rolle in der Gesellschaft zum Vergleich heranziehen zu kön- nen, dient ein kurzer Überblick über die gesellschaftliche Situation der Frau in der jeweiligen Epoche als Anhaltspunkt. Zeitgenössische Ratgeberlitera- tur wird zur exakteren Bestimmung des Zeitgeistes herangezogen.
1.3 Aufbau
Die Arbeit gliedert sich in Kapitel, die in chronologischer Ordnung die Ent- wicklung der Mädchenlektüre wiedergeben. In den einzelnen Kapiteln wird zunächst der historische Kontext der Epoche kurz erläutert, wobei das Hauptaugenmerk auf der Situation der Frauen und Mädchen ruht. Danach werden entsprechende Werke vorgestellt, auf die dargestellte Sozialisation hin untersucht und vor dem zeitgenössischen Hintergrund bewertet. Ab- schließend erfolgt eine Auswertung im Hinblick auf die oben aufgeführten zentralen Fragen.
2 Lektüreempfehlungen für Mädchen im 18. Jahrhundert
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
2.1 Entwicklung bis 1780
Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts beginnt man, die Frau als potenziel- le Käuferin von Zeitschriften zu entdecken – wenn auch zunächst nur, um über sie das Interesse ihres Mannes an dieser Lektüre zu wecken. Die mo- ralischen Wochenzeitschriften –kleine Zeitschriften, die den Erbauungshef- ten aus England ähneln- erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie enthalten kleine Alltagsgeschichten im Stil persönlicher Gespräche, die unterhalten und zugleich belehren. Sie stehen in der Tradition der Frühaufklärung und treten somit ein für eine Bildung des Geistes, für die Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen das zu jener Zeit noch stark verbreitete Analpha- betentum. Das Lesen gilt als »höchst vernünftige Beschäftigung und ist ein höchst angenehmer Zeitvertreib« ,sowie »eine von den größten Türen zur Kenntnis und Wissenschaft und eine von den kräftigsten Methoden, Unwis- senheit, Vorurteil und Irrtum zu verbannen« (Unbekannter Autor 1767 zitiert n. Grenz 1997, S. 15 ).
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
»wo Religion, Tugend und Natur mit aller Schönheit einer keuschen und doch erhabenen Einbildungskraft geschildert und verschönert werden« (Fordyce 1767 zitiert n. Grenz 1997, S. 18).
Der Roman stößt, von einigen Ausnahmen abgesehen, auf Ablehnung, da er den Schwerpunkt auf die Handlung statt auf die Tugendlehre legt. »Leset also keine Romane, sie sind nur deswegen geschrieben, dass sie das Herz rühren, unsere Leidenschaften rege machen und unsere Neigungen und Begierden schmeicheln sollen« (Du Puy 1771 zitiert n. Grenz 1997, S. 17). Gefühle und Empfindsamkeit werden grundsätzlich als wider der Vernunft und damit schädlich betrachtet. Mit der Lektüre von Romanen aber werden diese angesprochen und »böse Lüste« geweckt, für die besonders Mäd- chen aufgrund ihrer angeborenen Geschlechtseigenschaften anfällig sind. Das Ideal der tugendhaften und keuschen Frau und die Hochschätzung der bürgerlichen Ehe werden durch sie bedroht (vgl. Grenz 1997, S. 23 ff.).
2.2 Entwicklung ab 1780
und zieht viele junge Menschen in seinen Bann, von welchen nicht wenige dem Helden in den Freitod folgen. Klagen über die Lesewut der jungen Leute und über die grassierende Seuche der Empfind- samkeit häufen sich (vgl. Grenz 1997, S. 16).
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
ten die sich in der Auflösung befindlichen bürgerlichen Großfamilien zu- gunsten interessanterer Lebenswege verlassen.
ausgesprochenen Warnung vor Mädchenlektüre zurück. Campe sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lesen und der Empfindsamkeit, die junge Menschen für das Alltagsleben untauglich macht und den jungen Mädchen die Unschuld nimmt. Die erwähnte Angst vor einer Abwendung der Frau von Heim und Familie klingt dabei deutlich an: »Oder glaubst du, dass ein Frauenzimmer, welches von dem, eurem Geschlechte verbotenem Baume der gelehrten Erkenntniß einmahl gekostet hat, nicht gegen jede einfache Nahrung des Geistes und des Herzens, welche von der Natur und der menschlichen Gesellschaft euch recht eigentlich angewiesen wurde, einen geheimen Ekel und Widerwillen empfinden werde?« (Campe 1830 zitiert n. Grenz 1997, S. 17) Das propagierte Ideal ist nunmehr die tugend- hafte Hausfrau, deren Realienwissen höher bewertet wird als ihre literari- sche Bildung. »Ein Pfund weibliche Haushaltswissenschaft ist mehr werth als ein Zentner weiblicher schöner Wissenschaften« (Germershausen 1767 zitiert n. Grenz 1997, S. 15). Auf dieser Grundlage entsteht eine philanthro- pisch geprägte Mädchenlektüre.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
ne Zeit mit größerem Gewinn zubringen, als wenn Du ein gutes und kluges Buch liesest« (Grenz 1997, S. 15).
Nicht zu empfehlen ist dagegen Lektüre, die keine moralische Würde besitzt und lediglich der Befriedigung der Neugier dient. Besonders die unrealisti- schen Liebesgeschichten gelten als ungeeignete Lektüre für Mädchen, da sie die Frau unzufrieden über die Realität machen und somit ihre zugedach- te Rolle in der Gesellschaft erschweren. Obgleich der rege Geist hoch ge- schätzt wird, dient die weibliche literarische Bildung in erster Linie dazu, dem späteren Gatten eine anregende Gesprächspartnerin zu sein und bleibt somit der weiblichen Bestimmung untergeordnet (Vgl. Ewald 1798 bei Grenz 1997, S. 30). Der Anspruch an die weibliche Lektüre sinkt.
Eigenschaften wie Aufopferungsbereitschaft, Triebentsagung und Selbstlosigkeit werden idealisiert. Das resultierende Mädchenbild von der im häuslichen Bereich aufgehenden Hausfrau und Mutter beeinflusst die nach- folgende Mädchenliteratur in entscheidender Weise.
3 Erste Mädchenbücher im 19. Jahrhundert
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
3.1 Weiblicher Alltag im 19. Jahrhundert
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehört der Großhaushalt, der neben engsten Familienmitgliedern mehrerer Generationen auch entferntere Ver- wandten und, je nach Einkommen, diverse Dienstboten oder untergemietete Pensionäre beherbergt, zum alltäglichen Bild in der Stadt und auf dem Land. Neben dem sozialen Leben spielt sich hier auch das geschäftliche ab. Sämtliche Konsumgüter und Lebensmittel müssen noch im Haus selber hergestellt oder zumindest weiterverarbeitet werden. In den bürgerlichen Familien steht hierzu Personal zur Verfügung, das von der Hausfrau organi- siert und angeleitet werden muss. Die bürgerlichen Kinder werden von ent- sprechenden Lehrern und Gouvernanten zuhause erzogen und unterrichtet, bis sie heiraten und einen eigenen Hausstand gründen. Auf diese Weise bleibt der Hausfrau die Zeit, sowohl am Geschäftsleben des Mannes als auch an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen.
Die fortschreitende Industrialisierung verändert die familiären Strukturen nachhaltig. Viele Konsumgüter können nun gebrauchfertig, aber teurer ein- gekauft werden, so dass die aufwendigen Herstellungsverfahren im Haus- halt wegfallen. Somit wird ein Großteil der zum Haushalt gehörenden Per- sonen überflüssig. Viele Dienstboten ziehen jetzt die vergleichsweise bes- ser bezahlte und mehr Freiheit bietende Arbeit in einer Fabrik vor, in wel- chen sich zudem ein neues Berufsfeld für weibliche Arbeitskräfte entwickelt.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
gesellschaftlich erwarteten Lebensstandard finanziell aufrecht halten zu können, übernimmt sie zudem die Wirtschaftsführung des Haushaltes, Aus- besserungen und Eigenproduktionen, sowie die Erziehung der Kinder. Daneben ist es ihre Aufgabe, den Ehemann zu entlasten und ihm ein Heim zu schaffen, in dem er sich von seinen beruflichen Anstrengungen erholen kann. Die bürgerliche Wohnung avanciert zur gesellschaftlichen Repräsen- tation, in der sich außerdem alle Familienmitglieder wohl fühlen sollen. Da- her wird diese zeitgemäß mit Bildern, Spiegeln, Souvenirs, Deckchen, Tep- pichen, Vorhängen und allerlei Zierrat ausgestattet, dessen Anordnung und Reinigung wiederum eines enormen Zeitaufwands bedarf. Die Frau der Großbourgeoise, des Bildungs- und Kleinbürgertums verbringt ihr Leben im Haus, während die der Arbeiter- und Bauernfamilie außerdem noch die glei- che Arbeit wie ihr Mann erbringen muss (vgl. Zahn 1983, S. 250 ff.).
3.2 Die Situation der höheren Töchter
von 1864.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
Chancen auf dem Heiratsmarkt. Die Auswanderungswelle, die viele Hei- ratskandidaten in die USA verschlägt, sorgt zudem für einen Frauenüber- schuss, so dass sich die Wartezeit bis zur Eheschließung für viele bürgerli- che Töchter verlängert. Eine Liebesheirat ist in den seltensten Fällen Reali- tät. »Das Ideal der bürgerlichen Ehe war die „vernünftige“ Liebe: Mann und Frau sollten einander schätzen und achten, und die Frau sollte nicht gera- dezu Widerwillen beim Gedanken an die physische Vereinigung empfinden (...). Damit waren die Wahlmöglichkeiten schon erheblich eingeschränkt« (Schenk 1987, S.61).
Im Gegensatz zu den Töchtern der Arbeiter und Bauern haben diese Mäd- chen nichts gelernt, das ihnen finanzielle Unabhängigkeit von der Familie sichern könnte. Fabrikarbeit schickt sich nicht für höhere Töchter, die nun als Belastung für die Familie ein sinnentleertes Dasein im Haus fristen, und Weiterbildungsmöglichkeiten existieren kaum.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
Weitverbreitete Versorgungsschwierigkeiten innerhalb der Familien geben vielen bis dahin unproduktiven bürgerlichen Töchtern den Anstoß zur Suche nach geeigneten Betätigungsfeldern. Lehrerinnenseminare, eine der weni- gen akzeptierten Ausbildungen für Mädchen neben Erzieherin und Gesell- schafterin, füllen sich. Ihre Qualität genügt jedoch lediglich den Ansprüchen einer Mädchenerziehung. »Ich kann die positivste Versicherung geben, daß (…) mein Wissen das Maß gewöhnlicher Elementarkenntnisse kaum über- stieg und schwerlich den Bildungsstand eines Quartaners (…) erreichte. Trotzdem war auf meinem Zeugnis zu lesen, daß ich zum Unterricht wohl befähigt sei« (Dohm 1979). Einige Töchter beginnen für Mädchen zu schreiben- meist unter Pseudonym aus Rücksicht auf die Familie, da sich eine solche Tätigkeit für sie nicht schickt.
Mit der zunehmenden Selbstständigkeit wächst vielerorts auch der Wunsch nach besseren Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen, die tatsächlich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ausgedehnt werden - freilich zunächst nur für höhere Töchter. In den unteren Schichten werden dagegen selten die vorgeschriebenen acht Schuljahre absolviert, da die Mädchen früher zum Familienverdienst beitragen müssen.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
Bildung der Schülerinnen voran. Bis 1870 bleibt das Mädchenpensionat das bevorzugte Schulsystem für höhere Töchter.
3.3 Pubertätslektüre für Mädchen
- die Mädchen, die sich mit 15 oder 16 Jahren am Ende ihrer Schullaufbahn be- finden und, an das Haus gebunden, auf einen Ehemann warten. Durch kör- perliche Veränderungen und wachsende Ansprüche der Umwelt verunsi- chert und zum passiven Warten verdammt, wissen die Backfische nicht, wer sie sind und wohin sie gehören. Das bislang autonome kindliche Individuum muss nun Entsagung und Selbstaufgabe lernen, um der gesellschaftlichen Vorstellung einer Dame gerecht zu werden und somit Chancen auf einen Freier zu erhalten. Gleichzeitig wird ihm aber noch ein »gewisser Schon- raum zugestanden, in dem es sich noch nicht tugendhaft verhalten muss« (Daubert 1994, S.40). Da die Autorinnen aus bürgerlichen Schichten stam- men, berichten sie über eben jene und sprechen somit ihresgleichen an, was die Geschichten glaubwürdig und für Mädchen attraktiver gestaltet. Die Lektüre bietet ihnen Zeitvertreib und Unterhaltung, ist aber zugleich auch Anstandsliteratur, von der die Leserin erfährt, was von einer jungen Dame erwartet wird. Zudem kann sie emotional kanalisierend wirken in einer Zeit, in der der Übergang vom Mädchen- ins Frauendasein durch zunehmende gesellschaftliche Widersprüche immer schwieriger wird.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
6
Es geht in den Backfischbüchern nicht um eine Identitätsfindung der Prota- gonistinnen. Statt herauszufinden, was sie wollen und wer sie sind, geht es um die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Normen und Anpassung an die erwartete Rolle (vgl. Daubert 1994, S.41). Grundlage für die Entstehung der Backfischbücher ist ein neues Verständnis einer Mädchenzeit und die Akzeptanz einer weiblichen Pubertät (vgl. Grenz 2000, S.337).
Sexualität findet in den Backfischbüchern generell keine Erwähnung, ob- wohl gerade Mädchen dieses Alters zum ersten Mal mit ihr konfrontiert wer- den und sicherlich Interesse an der Thematik haben. Neben der zeitgenös- sischen Annahme, dass man Kindern und besonders Mädchen auf Fragen nach sexuellen Zusammenhängen ausweichend und beschönigend antwor-
Ein weiteres Beispiel ist Clementine Helms »Backfischchens Leiden und Freuden. Eine Erzählung für junge Mädchen« von 1863.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
ten soll (vgl. Eschenbroich 1977, S.133 ff.), ist ein Grund für diese Ausspa- rung sicher auch der für bürgerliche Frauen heikle Umgang mit der sexuel- len Doppelmoral ihrer Männer. Deren Wunsch nach einer sittlichen Gattin und einer sexuell aktiven und verführerische Liebhaberin zugleich wird nicht selten außerhäuslich verwirklicht, was eine strikte Trennung zwischen Pros- tituierter oder braver Hausfrau bedingt. Eine Auseinandersetzung der Mäd- chen mit dieser Problematik würde sich verheerend auf ihre Gesundheit und Entwicklung auswirken (vgl. Wilkending 1990, S.222).
Nichtsdestotrotz nennt die zeitgenössische Kritik die Backfischbücher schlüpfrig, frivol und zum Eigensinn anstachelnd (vgl. Wilkending 1997, S. 123). Sie gelten besonders in Kombination mit Lesewut und Onanie als ge- sundheitsschädlich und werden unter anderem für die unter Mädchen häufi- ge Bleichsucht verantwortlich gemacht (vgl. Grenz 1997, S. 27).
Der Trotzkopf
(1905) von
Der Verlag ändert den Titel recht bald in »eine Erzählung für junge Mädchen« um. Wahrscheinlich ging man davon aus, mit diesem Titel eine größere Leserschaft anzusprechen.
Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre
(1930) von Else Wildhagen. Das Werk wurde in 10 Sprachen übersetzt. 1983 verfilmte das Bayrische Fernsehen die Geschichte in 8 Folgen. Untersucht wird hier der erste Band, da er be- reits einen kompletten Entwicklungszyklus darstellt, während die Fortset- zungen lediglich Variationen des Themas sind. Es existieren verschiedene Buchumschläge diverser Verlage. Der Großteil zeigt ein Mädchen im Vor- dergrund, das im Stil der Jahrhundertwende gekleidet ist und den Betrach- ter fröhlich bis verschmitzt anblickt (Abb.3).
Abbildung 1: (v. links) Aktuell erhältliches Cover im Arena Verlag und Sammelband von 1983.
Arbeit zitieren:
Silke Diehring, 2003, Der Wandel der Frauenbilder im Spiegel der Mädchenlektüre vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute, München, GRIN Verlag GmbH
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