Inhaltsübersicht
2. Zur Charakteristik des Physiologus
2.1.
Allgemeine Informationen und Entstehungsgeschichte
2.2. Der altdeutsche Physiologus Seite 6
3. Der mehrfache Schriftsinn in der Bibelhermeneutik
3.1.
Charakteristik und Funktionsweise der Schriftsinne
3.2. Bedeutung der Schriftsinne für den Physiologus Seite 9
4. Tierbeschreibungen im altdeutschen Physiologus
exemplifiziert an vier Darstellungen
4.1. Allgemeine Bemerkungen Seite 10
4.2. Der Löwe
4.3. Die Schlange
4.4. Der Elefant
4.5. Der Ibis Seite 18
5. Belehrungsanspruch der „Naturkundigen-Schrift“
und kurze Gesamtbeurteilung des Physiologus Seite 19
6. Fußnoten Seite 20
1. Einleitung
„Gewiss eine der merkwürdigsten Erscheinungen der gesamten Literatur ist das Buch, das wir unter dem Namen »Physiologus« kennen […]“
1
– das bemerkt schon Friedrich Lauchert über jenes Werk, das im Zentrum der folgenden Untersuchung steht. Tatsächlich wird man sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass diese Schrift eine Sonderstellung in der Literaturgeschichte beansprucht, sobald das Augenmerk auf ihre Wirkungsgeschichte
2
, ihre über viele Jahrhunderte fortdauernde Tradierung sowie die zahlreichen handschriftlichen Sonderfassungen gerichtet wird. So ist u m kaum ein anderes Werk hinsichtlich seiner Quellenfragen eine so umfassende und bisweilen kontroverse Diskussion geführt worden, ohne dass heute von einer wirklich gesicherten Erkenntnis über Entstehungszeit, Abfassungsort und Gestalt des Archetypus gesprochen werden kann. Obgleich die oftmals in der Forschungsliteratur für den Physiologus angewandte Diminutivkennzeichnung „Büchlein“
3
verwunderlich anmute n mag, so kann es nicht über den unbestrittenen Autoritätsrang hinwegtäuschen, dessen es sich im Mittelalter rühmen konnte , denn neben der Bibel galt es als wesentliche Quelle der patristischen Dingexegese und besaß einen lang anhaltenden Vorbildeinfluss auf die Naturlehre des Mittelalters. Was genau sich hinter diesem
Physiologus,
dessen Bezeichnung aus dem griechischen Wort
Φυσιολογοζ
(physiológos = Naturforscher, Naturkundiger)
4
abgeleitet wird, verbirgt und von welcher Beschaffenheit das Buch ist, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
Die Arbeit soll zunächst über die Entstehungsgeschichte und die allgemeinen Cha- rakteristika der unterschiedlichen Physiologus -Schriften informieren, bevor sie den altdeutschen Physiologus – vor allem die Millstätter Reimfassung in ihrer kritischen Transkription, in der sie von Friedrich Maurer herausgegeben wurde 5 , fokussiert. In einem weiteren Themenkomplex sind dann die Grundlagen über den geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter zu vermitteln, bevor ich mich der Millstätter Reimfassung in speziellem Bezug auf ihre Symbolik widmen werde. In Kapitel 5 sind schließlich in nuce der zu bestimmende Belehrungsanspruch des Physiologus im Mittelalter und eine kurze Zusammenfassung zu geben. Die Auflistung der Fußnoten erfolgt – der Übersichtlichkeit halber vor dem abschließenden Quellenverzeichnis.
2. Zur Charakteristik des Physiologus
2.1. Allgemeine Informationen und Entstehungsgeschichte
„Ir sult an disen stunden von wises mannes munde / eine rede suochen an disem buoche. / Phisiologus ist ez genennet, von der tiere nature ez uns zellet.“
6
Die einführenden Worte im Physiologus der Millstätter Reimfassung lassen vermuten, dass es sich bei dem Physiologus um den Titel des Buches handelt. Betrachtet man hingegen die griechische Physiologus -Schrift, so gibt die präliminäre Formulierung „Ο
Φυσιολογοζ ελεξε“
7
, die mehrfach zu Beginn eines Abschnittes vorausgeschickt wird, den Verfasser selbst als Physiologus aus. Letzteres scheint sich durch intensive Forschungen von literaturwissenschaftlicher Seite aus bestätigt zu haben. So weisen sowo hl Lauchert als auch Henkel sowie Seel darauf hin, dass der Name
Physiologus
nicht als Buchtitel zu verstehen ist, sondern als Synonym für eine naturwissenschaftliche Autorität gebraucht wird, der jene „Naturkundigen- Schrift“ zugeschrieben wird, die wir gemeinhin unter dem Namen
Physiologus
kennen. Dem Physiologus liegt zunächst ein rein naturwissenschaftliches Buch zu Grunde, dem er durch Bearbeitung eine christlich-symbolische Dimension beifügt. Sowohl der Verfasser des Naturbuches, als auch der christlich-allegorisierende Bearbeiter, welcher das Naturbuch zitiert, sind anonym oder zumindest nicht gesichert überliefert. Obgleich vereinzelte Physiologus-Versionen diverse Hinweise über einen Autor enthalten
8
, so scheinen sich jene Namensnennungen entweder aus reinen Missverständnissen in Folge der Tradierung oder erst in weitaus späteren Überlieferungen ergeben zu haben. Ferner bezeichnet Henkel die Frage nach der Verfasserschaft des naturkundlichen Buches als sekundär, wobei er jedoch bemerkt, dass sich „so einheitliche Bearbeitungstendenzen [zeigen], besonders bei den Tiergeschichten, daß man eine Bearbeiterpersönlichkeit unbedingt wird annehmen müssen.“
9
So gelangen wir schließlich zu einem Buch, das sowohl lebende als auch tote Materie – nämlich Tiere, Pflanzen und Steine beschreibt und sie in einen bestimmten Zusammenhang stellt: Eine naturgeschichtliche Schilderung des betreffenden Wesens respektive des Gegenstands wird mit einer Bibelstelle verbunden, in der das
Wesen bzw. das Ding erwähnt wird, an die sich nun eine typologische Deutung auf Christus, den Teufel oder den Gläubigen hin anschließt.
Trotz der Unsicherheiten, die hinsichtlich der Quellfragen bestehen, worauf bereits in der Einleitung hingewiesen wurde, sei nun doch auf weitgehend fundierte Datierungen hingewiesen.
Henkel rekapituliert in seinen Studien zum Physiologus im Mittelalter die neuere dies- bezügliche Forschung und weist auf Datierungsdifferenzen unterschiedlicher Wissenschaftler hin; doch befürwortet er deutlich eine zeitliche Einordnung des Ur- Physiologus in das 2. Jahrhundert. Während Petersons Theorie, das Jahr 385 als terminus post quem anzusetzen, von Ursula Treu entschieden zurückgewiesen wurde, ist sie selbst der Auffassung, der Physiologus habe schon Origenes (185-254) vorgelegen. Somit sei ein Zeitpunkt gesetzt, zu dem er spätestens hat existieren müssen, was auch bei Henkel auf Zustimmung stößt. Lauchert will im Physiologus der Urform deutliche Tendenzen der häretischen Gnosis in ihren Anfängen erkennen, was für ihn zu einem noch früheren, aber durchaus gesicherten terminus ante quem führt: „Es weist aber also Alles darauf hin, dass die Entstehung des Buches vor 140 fällt […]“ 10 Für Henkel habe auch die Datierung Laucherts „viel für sich“ 11 , so dass der Physiologus in jedem Fall auf das 2. Jahrhundert angesetzt werden kann. Bei der Lokalisierung der Physiologus-Entstehung, vor allem in Hinblick auf die Tiererzählungen, habe man nach Henkel das ägyptische Alexandria anzusehen: Alexandria war seit dem Hellenismus das Zentrum der antiken Wissenschaft, aber auch zahlreicher mystischer Strömungen. Hier entstehen zahlreiche Kollektaneen von Wundergeschichten, deren Wirkung etwa bei Plinius und Aelian deutlich zu sehen ist. Zudem wurde es bereits in der Mitte des 2. Jhs. Zentrum des Christentums in Ägypten […]. Neben jüdischen, christlichen und heidnisch-mystischen Strömungen war hier auch ein Mittelpunkt
12 antiker Naturwissenschaft und ägyptischer Götterverehrung.
Zwar weist Henkel auf einen Vorschlag Max Wellmanns hin, der den Entstehungsraum nach Syrien verlegt, doch ist dieser Theorie auf Grund ihrer fehlenden kausalen Logik mehrfach widersprochen worden. 13 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der griechische Archetypus des Physiologus’ mit hoher Wahrscheinlichkeit während des 2. Jahrhunderts im ägyptischen Alexandria entstand. Nach der Auffassung Henkels, der sich dabei auf Francesco Sbordone beruft, lässt sich der griechische Physiologus insgesamt in vier
Redaktionen einteilen, deren erste als Vorlage für die spätere Übertragung in das Lateinische diente , auf denen wiederum sämtliche abendländischen Fassungen und mithin auch die altdeutschen Versionen beruhen.
2.2. Der altdeutsche Physiologus
Deutsche Physiologus -Übersetzungen sind lediglich aus dem 11. und 12. sowie, unabhängig davon, im 15. Jahrhundert überliefert. Im Mittelpunkt der Untersuchung sollen hier jedoch nur die altdeutschen Fassungen des 11. und 12. Jahrhunderts stehen. Bei einer Analyse der Makrostruktur lässt sich bei ihnen ein Verwandt- schaftsverhältnis zum
Physiologus Theobaldi
sowie der
Dicta Chrysostomi
feststellen. Lauchert lokalisiert den jüngeren deutschen Physiologus auf österreichischem Boden, auf dem er vermutlich vor Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden ist, von seiner Sprachform zwischen Alt- und Mittelhochdeutsch steht und vollständig erhalten ist. Friedrich Maurer weist bei seiner Ausgabe darauf hin, dass die mittelhochdeutschen Texte der Wiener Prosa und des Millstätter Reimwerks mit Hilfe des
schema homoeoteleuton
in Verse gebracht wurden. Zusätzlich zu den mit Eigennamen oder direkten Reden beginnenden Versen, greift Maurer bei Abschnitten mit neuen gedanklichen Zusammenhängen auf die Initialtechnik zurück. Dies führt im Millstätter Reimphysiologus zu Stropheneinheiten, die sich von zwei bis auf acht Zeilen erstrecken können und fortwährenden Langzeilencharakter aufweisen. Was die Reimtechnik anbelangt, so scheint Maurer seine Übereinstimmung zu Studien auszu- sprechen, die das Stück zu den „primitiven Reimern“ zählt. Insgesamt ergeben sich 29 Kapitel (die Einleitung mitgezählt), in deren Zentrum jeweils ein spezielles Tier
bzw. eine Pflanze oder ein Stein steht. An späterer Stelle sollen einige von ihnen exemplarisch herausgegriffen und untersucht werden. Auf die Analyse von Herkunft, genauen V erwandtschaftsverhältnissen sowie der Beschaffenheit einzelner Handschriften muss in dieser Arbeit verzichtet werden. 14 Wer detaillierte Studien zu
der paläographischen Quellenlage oder sprachlich-formalen Spezifika anstrebt, der sei hier auf Friedrich Maurers große Ausgabe von 1964 oder Henkels Studien zum Physiologus im Mittelalter verwiesen.
Arbeit zitieren:
Tim Brüning, 2004, Der altdeutsche Physiologus - Seine Tiersymbolik unter dem Aspekt des mehrfachen Schriftsinns und christlicher Allegorese., München, GRIN Verlag GmbH
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