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Inhalt
1. Einleitung 4
2. Beginn der Vernichtung 4
2.1. Die Utopie des Madagaskar-Plans 4
2.2 Die Konzentration der jüdischen Bevölkerung im
Generalgouvernement 6
2.3. Der „Fall Barbarossa“ 7
2.4 Zwischenbilanz 8
3. Die Radikalisierung der Vernichtung im Krieg gegen die Sowjetunion 8
3.1. Die Einsatzgruppen schalten sich ein 9
3.2. Zwischenbilanz 10
4. Das Scheitern des Blitzkriegs und die Suche nach einer neuen Lösung
der Judenfrage 11
4.1. Die Phase der Entstehung der Pläne, jüdische Menschen
massenhaft umzubringen 11
4.2. Warum die Juden nicht gleich umbringen, wenn sie ohnehin
verhungern? 12
4.3. Experimente mit „humanen“ Vernichtungsmethoden 14
5. Aus „Regionalen Lösungen“ wird die „Endlösung“ 18
5.1. Die Einberufung der „Wannsee-Konferenz“ ihre Verschiebung 18
5.2. Die „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942 19
6. Bilanz 21
7. Literatur 24
4
1. Einleitung
Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 steht in einer Reihe von Ereignissen, die von der Ausgrenzung der Juden über Vertreibung und Deportation hin zur ihrer Vernichtung führte. Viele Historiker haben versucht, die Verantwortlichkeit für den Mord an der jüdischen Bevölkerung zu rekonstruieren. Die Chronologie der Geschehnisse beschreibt eine äußerst unglückselige Entwicklung, die in der sogenannten Wannsee-Konferenz einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.
Die Maßnahmen gegen die Juden in den von Deutschland besetzten Gebieten verschärften sich in diesen Monaten derart, dass am Ende der beschriebenen Zeit alle Voraussetzungen für den systematischen Genozid geschaffe n worden waren. Dabei, und auch das wird diese Arbeit zeigen, spielten weder zentrale Entscheidungen der Führung um Adolf Hitler die entscheidende Rolle, noch war der Weg zum Holocaust eine zufällige Entwicklung: Vielmehr führte ständiges Wechselspiel zwischen Befehlsrahmen und Eigeninitiative niederrangiger NS-Entscheidungsträger vor Ort zur Steigerung der Maßnahmen und der Wahl immer grausigerer Mittel - im Hinblick auf die Massenvernichtung von Menschenleben. Die Vernichtung jüdischer Menschen erreichte auf diese Weise ein bis heute ungekanntes Ausmaß. Dass diese Entwicklung ohne Impulse und Billigung der obersten Reichsführung um Hitler, Himmler und Göring nicht möglich gewesen wäre, bleibt dabei unbestritten. Aber es waren eben auch wichtigere kleinere Rädchen im System ständig in Bewegung, die die Walze der Vernichtung des jüdischen Volkes über Europa rollen ließen.
2. Beginn der Vernichtung
2.1. Die Utopie des Madagaskar-Plans
Noch am 2. Juni 1941, also gut ein halbes Jahr vor der Versammlung der Staatssekretäre am Berliner Wannsee, erklärte Hitler dem italienischen Duce Benito Mussolini, dass alle Juden Europa verlassen müssten und dass sie
5
„vielleicht“ in Madagaskar unterkommen könnten. 1 Auch wenn wir Hitlers Pläne zu diesem Zeitpunkt nicht explizit kennen, sind sich Historiker weitgehend einig, dass in dieser Zeit die mit dem Beginn des Krieges im Herbst 1939 2 begonnene Phase der Vertreibung und Ghettoisierung der Juden andauerte. 3 Das Wort Vertreibung bedarf in diesem Zusammenhang einer Erläuterung, weil es für sich genommen zu harmlos klingt: Einkalkuliert war schon zu diesem Zeitpunkt eine „natürliche Dezimierung“ der jüdischen Bevölkerung durch die Strapazen der Deportation und die Zustände in den Ghettos. Das nationalsozialistische Regime trieb zwar noch nicht die physische Vernichtung der Juden voran, nahm Todesfälle aber bewusst in Kauf. 4
Hatten die Planer der „Endlösung der Judenfrage“ also zunächst die utopische Lösung einer Massendeportation nach Madagaskar ins Auge gefasst, so wurde der Name dieser Insel im Kriegsverlauf und mit der immer schlechter werdenden Aussicht auf einen schnellen Sieg über England spätestens seit Herbst 1940 (Scheitern der Luftangriffe und Aufgabe des Plans zur Invasion Englands) zum Synonym für eine „territoriale“ L ösung der Judenfrage im „Irgendwo“. Zu diesem Zweck sollten die Juden Europas, mögliche Opfer auf den Transporten in Kauf nehmend, zunächst in Ghettos konzentriert werden, um sie später - wie Götz Aly schreibt - im Sumpf, Eismeer oder in Sibirien durch Arbeit vernichten zu können. 5 Mit dem Nisko-Lubin Plan hatte Eichmann bereits 1939 mit Ausbruch des Krieges erfolglos erste Deportationsabläufe getestet, um die polnischen Juden in Ghettos zu konzentrieren. 6 Später wurden drei - im
1 Philippe Burrin, Hitler und die Juden.Die Entscheidung für den Völkermord, Frankfurt a. M.
1993, S. 96
2 Götz Aly, „Endlösung.Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt a.M. 1995, S. 31
3 Vgl. Philippe Burrin, Hitler und die Juden, a.a.O., S. 96ff ; Hans Mommsen, Auschwitz, 17. Juli
1942.Der Weg zur Europäischen „Endlösung der Judenfrage, München ²2002, S.107 ff, Mark Roseman, Die Wannsee-Konferenz.Wie die NS -Bürokratie den Holocaust organisierte, München 2002, S. S.33 f., Götz Aly, „Endlösung“, a.a.O., S. S. 254f, S. 299f, Peter Longerich, Politik der Vernichtung.Eine Gesamtdarstellung der nazionalsozialistischen Judenverfolgung, München 1998, S. 277-292
4 vgl. z.B. Augenzeugenschilderung Chaim Kaplan in: Götz Aly, „Endlösung“, a.a.O., S. 258-262 und ebenda, S. 33, Mark Roseman, Die Wannsee-Konferenz, a.a.O., S. 59
5 Götz Aly, „Endlösung“, a.a.O., S. 273
6 Peter Longerich, Politik der Vernichtung, a.a.O., S. 256-261, Hans Mommsen, Auschwitz, 17. Juli 1942, a.a.O., S. 97-100, Richard Breitmann, Der Architekt der „Endlösung“.Himmler und die Vernichtung der europäischen Juden, Paderborn, München, Wien, Zürich 1996, S. 106-108,
6
Nazijargon so genannte - „Nahpläne“ und ein „Zwischenplan“ zur Verschiebung der westeuropäischen Juden in Judenreservate östlich von Krakau und umgekehrt eine Umsiedlung von „eindeutschungsfähigen Polen“ und osteuropäischen „Volksdeutschen“ in die neu eingegliederten Reichsgebiete umgesetzt, allerdings mit mäßigem Erfolg. 7
2.2 Die Konzentration der jüdischen Bevölkerung im Generalgouvernement Diese Deportationen in die besetzten polnischen Gebiete östlich der erweiterten deutschen Reichsgrenze, das sogenannte Generalgouvernement, zeigen, wie sich die Reichsführung die „Eroberung von Lebensraum im Osten“ vorstellte: Die annektierten westpolnischen Gebiete (Reichsgau Danzig-Westpreußen, Bezirk Zichenau, Reichsgau Wartheland und Niederschlesien) sollten mit „Auslands-“ und „Volksdeutschen“ aus dem Osten ethnisch neu besiedelt werden. Für Polen und Juden waren zunächst Gebiete im
Generalgouvernement vorgesehen. Diese Regionen sollten als Vasallenstaat des Reiches ausgebeutet werden und den Deutschen billige und ausreichend viele Arbeitskräfte bieten. Die in diesen Gebieten lebenden Menschen wären nach diesem Plan „ihrem Schicksal überlassen worden“.
In der Praxis indes scheiterten die in Berlin gefassten Pläne nur allzu oft an den örtlichen Gegebenheiten und der Konkurrenz innerhalb der Führungsriege des Dritten Reiches. Schon vor dem endgültigen Scheitern des Madagaskarplans beschwerte sich der Statthalter des Generalgouvernements, Hans Frank, aus ökonomischen Gründen mehrfach über die Deportationspläne Berlins und forderte, die umgesiedelten Juden weiter nach Osten in die sowjetischen Gebiete zu deportieren. Solange die Perspektive „Madagaskar“ noch offiziell bestanden hatte, konnte er Hitler auf seiner Seite wissen, der im Juli 1940 weitere Deportationen ins Generalgouvernement missbilligt hatte. 8 Doch mit der sich allmählich durchsetzenden Erkenntnis, dass eine territoriale Lösung in
Christopher R. Browning, Judenmord.NS-Politik,Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter,
Frankfurt a.M. 2001, S. 15-18
7 vgl. Götz Aly, „Endlösung, a.a.O., S. 45f, S. 108-111, S. 202f, Hans Mommsen, Auschwitz,
17.Juli 1942, a.a.O., S. 103f, S. 109f, Christopher Browning, Judenmord, a.a.O., S. 19-25. S.30-
33
8 vgl. ebenda, S. 268f., Götz Aly, „Endlösung“, a.a.O., S. 181, Mark Roseman, Die Wannsee- Konferenz, a.a.O., S. 42f, Peter Longerich, Politik der Vernichtung, a.a.O., S. 278
7
Übersee mittelfristig nicht erreicht werden könne, schwenkte Hitler auf die Linie
derjenigen ein, die das Generalgouvernement als eine territoriale
Zwischenlösung bis zur „endgültigen Lösung der Judenfrage“ befürworteten. 9
2.3. Der „Fall Barbarossa“
Begünstigt wurde diese Entscheidung durch eine militärische Zäsur: den „Fall
Barbarossa“. Bereits im Herbst 1940 fiel die Entscheidung Russland
anzugreifen, zu einer Zeit, in der die Kampfhandlungen im Westen noch nicht
abgeschlossen waren. Am 18. Dezember 1940, also rund ein halbes Jahr vor
Beginn des Russland-Feldzuges, unterschrieb Hitler die Aufmarschanweisung
„Barbarossa“. Mit einem Zurückdrängen der slawische n Rasse hinter den Ural,
so kalkulierten Hitler und die Verantwortlichen im Reich, ergebe sich der
zukünftige Lebensraum der arischen Rasse. Und auch für die Judenfrage fand
sich auf diese Weise eine Lösung wie sie schon Frank gefordert hatte: Die
Abschiebung der im Generalgouvernement konzentrierten jüdischen
Bevölkerung Richtung Osten. 10 Inwieweit zu diesem Zeitpunkt die physische
Vernichtung der Juden schon beschlossen war, ist unter Historikern
umstritten. 11 Fest steht aber, dass sich die Gewalt gegen die Juden schon vor
dem Angriff auf Russland in lokalen Pogromen 12 entlud, die zwar nicht zentral
koordiniert, wohl aber geduldet waren.
9 Götz Aly, „Endlösung“, a.a.O., S. 181f - Peter Longerich, Politik der Vernichtung, a.a.O., S.
285
10 Richard Breitmann, Der Architekt der „Endlösung“, a.a.O., S.191f - Götz Aly, „Endlösung,
a.a.O., S. 252f, Christopher Browning, Judenmord, a.a.O., S. 33f - Peter Longerich, Politik der Vernichtung, a.a.O., S. 289-292
11 Wolfgang Benz, Der Holocaust, München ³1995, S. 58 f, sieht spätestens im Plan zur
„Umsiedlung in ein noch zu bestimmendes Territorium“ schon den Beschluss, die Juden zu vernichten, es fehlten s.M. lediglich die Möglichkeiten des Vollzugs - ähnlich Götz Aly, „Endlösung“, a.a.O. S. 278f, der davon ausgeht, dass sich mit dem Ende des Madagaskar-Plans abzeichnete, die Deportierten im Osten eines „natürlichen Todes“ in Ghettos und Lagern sterben und sich zum anderen Teil totarbeiten zu lassen - Andererseits sieht Phillipe Burrin, Hitler und die Juden, a.a.O. S. 103f, in dieser Phase einen Unterschied in der Behandlung von arbeitsfähigen und arbeitsunfähigen Juden ausmacht und daraus folgert, eine Entscheidung zur generellen Vernichtung des jüdischen Volkes sei im Frühjahr 1941 noch nicht gefallen gewesen
- Unentschieden äußert sich Peter Longerich, Politik der Vernichtung, a.a.O., S. 291, zu dieser Frage, der weder konkrete Vorbereitungen für ein Reservat noch für einen Massenmord ausmacht und daraus folgert, dass die Dimension der „Endlösung“ noch nicht beschlossen war.
- Zum Streit in der Wissenschaft s.a. Christopher Browning, Judenmord, a.a.O. S.47-63
12 vgl. Mark Roseman, Die Wannsee-Konferenz, a.a.O., S. 44
Arbeit zitieren:
Matthias Thiele, 2003, "Auf jeden Fall wäre das angenehmer, als sie verhungern zu lassen." Die Verfolgung der Juden im Dritten Reich vom Frühjahr 1941 bis zur Wannsee-Konferenz, München, GRIN Verlag GmbH
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