Vorwort
„Situationen, die von Menschen als real definiert werden, haben reale Folgen.“ (Thomas & Thomas, 1928, S. 572)
Für welche Stelle haben Sie sich zuletzt beworben? Und welches Bewerbungsverfahren mußten Sie dabei durchlaufen? Egal, ob das ein Gespräch um die Stelle als Wissenschaftliche Hilfskraft war, eine Probevorlesung auf dem Weg zur Professur oder ein umfangreiches Bewerbungsverfahren für eine andere berufliche Position, stellen Sie sich die Bewerbungssituation noch einmal vor. Wie haben Sie die Auswahlsituation erlebt? War es eine klassische Prüfungssituation, in der Sie sich eher unwohl gefühlt haben? Konnten Sie sich so gut wie möglich verkaufen? Woran lag es Ihrer Meinung nach, daß Sie sich eher unwohl oder auch wohl gefühlt haben? Woran, daß Sie sich mehr oder weniger gut einbringen konnten?
Von der Komplexität der organisatorischen Strukturen und Prozesse gleichermaßen beeindruckt wie herausgefordert, beschäftigten mich diese Fragen während eines Praktikums in der hier untersuchten Institution für Personelle Entwicklungszusammenarbeit. Wie gingen wohl die Bewerber dieser Institution mit der Situation des persönlichen Erstkontakts in der Auswahl um? Inwieweit stellt die Auswahlsituation mit ihren Besonderheiten eine Belastung für die Bewerber dar, die eventuell die Qualität der Eignungsdiagnose negativ beeinflußt? Gespräche mit Mitarbeitern des Bewerberbereichs ergaben, daß diese Fragestellung so noch nicht untersucht wurde, daß sie im Zuge einer aktuellen Gesamtevaluierung des Auswahlverfahrens nicht berücksichtigt wird, und daß es aufgrund eines zunehmend anspruchsvolleren Anforderungs- und damit Bewerberprofils von Interesse ist, nach dem Bewerbererleben in der Auswahlsituation zu fragen. Die Idee dieser Diplomarbeit war geboren. Ich sollte für die Institution untersuchen, wie die Bewerber das Auswahlverfahren erleben, und herausfinden, wie man die Auswahl unter Einbezug dieses Wissens optimieren kann. Nach einer ersten Konzepterstellung und Absprachen mit der Referats- und Abteilungsleitung standen das Thema und die organisatorischen Rahmenbedingungen fest. Eine Voruntersuchung im Winter 1997 erbrachte Antworten auf Fragen der Untersuchungsdurchführung, des Untersuchungsinhalts und die Genehmigung, im Februar 1998 mit der Hauptuntersuchung zu beginnen.
Die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis dieser Untersuchung, die im Rahmen des Diplomstudiengangs Psychologie als wissenschaftliche Diplomarbeit geschrieben wurde. Sie ist jedoch nicht ausschließlich an den betreuenden Professor, den Prüfungsausschuß und einen Platz im Bücherregal gerichtet. Hauptadressat ist die Institution, für die diese Untersuchung durchgeführt wurde. Darüber hinaus werden sich all diejenigen darin wiederfinden, die schon einmal an einer Personalauswahl teilgenommen haben, sei es als Bewerber, als Arbeitgeber oder als Auswahlexperte.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die diese Arbeit ermöglicht haben.
Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Relevanz einer qualitativen, systematischen Personalarbeit, in der sowohl der potentielle als auch der tatsächliche Mitarbeiter vom Arbeitgeber als „Kunde“ entdeckt wird, um dessen „Gunst“ er sich zu bemühen hat, findet auch das Erleben der eignungsdiagnostischen Situation durch die Bewerber zunehmendes Interesse in Praxis und Forschung. In der vorliegenden Arbeit wird ein Personalauswahlverfahren - ein Assessment-Center - für Entwicklungshelfer unter dem Aspekt dieses Bewerbererlebens evaluiert.
Dabei stellt das Konzept der sozialen Validität, worunter man eine Sammelbezeichnung dessen versteht, was die eignungsdiagnostische Situation zu einer akzeptablen sozialen Situation macht, die Basis der Untersuchung dar. Dieses Konzept beinhaltet vier Situationsdeterminanten, die Einfluß auf das Erleben der Auswahlsituation durch den Bewerber ausüben. Im einzelnen sind das die wahrgenommene Information während der Auswahl, die erlebte Transparenz im Auswahlverfahren, die Partizipation bei der Auswahl, d.h. inwieweit sich der Bewerber mit seinen Stärken einbringen kann und die Kommunikation in der Auswahlsituation. Das Personalauswahlverfahren wird daraufhin geprüft, ob es in der Konzeption, in der Realisierung durch die Auswahlpersonen und vor allem im Erleben der Bewerber sozial valide ist, d.h. ob es informativ, transparent, partizipativ und kommunikativ angelegt ist, durchgeführt wird und auch als solches erlebt wird.
Zur Beantwortung dieser Fragen wurde eine Dokumentenrecherche durchgeführt, Gespräche mit Mitarbeitern des Bewerberbereichs wurden geführt, sechs Auswahlverfahren passiv teilnehmend beobachtet und insgesamt 63 Teilnehmer standardisiert befragt. Die Beobachtung fand mit Hilfe einer eigens dafür entwickelten Beobachtungs-Checkliste statt, die es erlaubte, relevantes Verhalten standardisiert zu erfassen. Für die Befragung wurde ein standardisierter Fragebogen entwickelt, der sich an der Theorie der sozialen Validität orientiert und der an die Praxis im Feld adaptiert wurde. Bei der Auswertung der Beobachtungsdaten wurde eine empirisch-qualitative, bei der Auswertung der Befragungsdaten eine empirisch-quantitative Explorationsstrategie angewandt.
Die Ergebnisse bestätigen die im Kontext der Forschung zum Konzept der sozialen Validität getroffenen Annahmen größtenteils, wobei die Situationsdeterminante der Kommunikation kritisch diskutiert werden muß. Die Konzeption des Auswahlverfahrens, die der Assessment-Center-Technik entspricht, ist als potentiell valide zu bezeichnen. Die Durchführung der Auswahl ist im Sinne des Konzepts der sozialen Validität auf unterschiedlich hohem Niveau informativ, transparent, partizipativ und kommunikativ, und, was besonders erfreulich ist, das Auswahlverfahren wird von seinen Teilnehmern auch als solches erlebt. Bezüglich des Bewerbererlebens zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Bewerbergruppen. Weibliche Teilnehmer unterscheiden sich bezüglich der erlebten Kommunikation von männlichen Teilnehmern. Vorbereitete Teilnehmer unterscheiden sich bezüglich der erlebten Transparenz, der wahrgenommenen Information und der erlebten Partizipation von unvorbereiteten Teilnehmern. Besonders deutlich unterscheiden sich erfolgreiche Teilnehmer hinsichtlich aller Dimensionen von erfolglosen, d.h. abgelehnten Teilnehmern.
Aus den Ergebnissen können Hinweise abgeleitet werden, die zu einer sozialen Validierung des Auswahlverfahrens und seiner organisatorischen und inhaltlichen Durchführung beitragen. Diese Optimierungsvorschläge können sich auf die Qualität der Auswahlergebnisse auswirken und damit zu einer besseren Aufgabenerfüllung der Institution beitragen. Zu den Optimierungsvorschlägen zählt beispielsweise der Einsatz eines strukturierten Informationskonzepts und die Implementierung einer kontinuierlichen Reflektion über die Form, den Inhalt und die Durchführung des Auswahlverfahrens mit Hilfe einer systematischen Verlaufskontrolle, die
als solche bereits einen Beitrag zur Partizipation der Bewerber und damit zur sozialen Validierung leisten kann. Eine testtheoretische Analyse des Fragebogens ergab, daß dieser in modifizierter Form dafür geeignet ist. Die Beobachtungs-Checkliste bedarf einer Weiterentwicklung, um diesem Zweck dienen zu können.
Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Arbeit werden weiterführende praxis- und forschungsrelevante Fragen formuliert. So steht aus praktischer Sicht die Basisdokumentation verschiedener statistischer Werte und die Ausweitung der Untersuchung auf die Personalvorauswahl und -zuordnung im Vordergrund. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte die Eigenständigkeit der Situationsdeterminante der Kommunikation geprüft werden Der Zusammenhang zwischen dem Konzept der sozialen Validität und anderen organisationspsychologischen Konzepten, beispielsweise dem der Arbeitszufriedenheit oder dem des „commitments“ sollte erforscht werden. Besonders wichtig scheint die Erarbeitung neuer, wirkungsvoller Untersuchungsstrategien im qualitativen Bereich für die Erforschung der sozialen Validität von Personalauswahlverfahren im Feld.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Theoretischer Hintergrund 3
2.1 Psychologische Eignungsdiagnostik in der Personalauswahl 4
2.1.1 Grundzüge psychologischer Eignungsdiagnostik 4
2.1.2 Eignungsdiagnostische Einzelverfahren 8
2.1.3 Die Assessment-Center Technik 13
2.1.4 Fazit 16
2.2 Die eignungsdiagnostische Situation in der Personalauswahl 17
2.2.1 Kennzeichen der eignungsdiagnostischen Situation 17
2.2.2 Die Perspektive der Bewerber 21
2.2.3 Fazit 26
2.3 Das Bewerbererleben in der Personalauswahl 27
2.3.1 Frühe Forschung zum Bewerbererleben 27
2.3.2 Das Konzept der sozialen Validität 29
2.3.3 Stand der Forschung zum Bewerbererleben und der sozialen Validität 35
2.4 Zusammenfassung 38
3 Methodischer Hintergrund 41
3.1 Untersuchungsplan und Untersuchungsmethoden 41
3.1.1 Ziele und Fragestellung der Untersuchung 41
3.1.2 Untersuchungsdesign und Untersuchungsplan 42
3.1.3 Operationalisierung und Meßinstrumente 43
3.2 Untersuchungsfeld 46
3.2.1 Merkmale der Institution 46
3.2.2 Das Personalauswahlverfahren der Institution 47
3.2.3 Das Bestreben der Institution nach einer sozial validen Personalauswahl 57
3.3 Die Stichprobe 59
3.4 Untersuchungsdurchführung 59
4 Ergebnisse der Untersuchung 61
4.1 Beobachtung 61
4.2 Befragung 64
4.2.1 Stichprobencharakteristika 64
4.2.2 Einschätzung der sozialen Validität durch die Bewerber 66
4.2.3 Atmosphäre, Kompetenz, Echtheit des Verhaltens, Belastung 70
4.2.4 Beliebtheit der einzelnen Auswahlinstrumente 71
4.3.5 Freie Antworten 72
4.2.6 Meinung der Bewerber zur Befragung 73
4.3.7 Einflußfaktoren des Bewerbererlebens 74
4.2.8 Testtheoretische Analyse des Fragebogens 77
4.3 Verbindung von Beobachtung und Befragung 81
5 Diskussion und Ausblick 83
5.1 Beobachtung 83
5.2 Befragung 86
5.2.1 Repräsentativität der Stichprobe 86
5.2.2 Befragungsergebnisse und Verbindung mit den Beobachtungsergebnissen 87
5.2.3 Beurteilung der Qualität des Fragebogens 89
5.3 Resümee 90
5.4 Ausblick 91
6 Literaturverzeichnis 95
Anhang 105
Anhang A: Empirische Untersuchungen zum Bewerbererleben 106
Anhang B: Das Beobachtungsinstrument 112
Anhang C: Das Befragungsinstrument 114
C 1 : Items des Fragebogens nach Dimensionen zusammengefaßt 114
C 2 : Bewerberfragebogen 116
Anhang :D Ablaufplan der Untersuchung 121
Anhang E: Der Verfasser 122
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen
Tabellen
Tab. 1. Validitätskoeffizienten für verschiedene eignungsdiagnostische Verfahren. 12
Tab. 2. Einsatzhäufigkeit verschiedener eignungsdiagnostischer Verfahren. 13
Tab. 3. Überblick empirischer Studien zum Konzept der sozialen Validität. 32
Tab. 4. Entwicklungshelferzahlen geordnet nach Ländern und Sektoren. 47
Tab. 5. Zahlen der Personalvorauswahl und der Personalauswahl der Institution 56
Tab. 6. Ergebnisse der Verhaltensbeobachtung 62
Tab. 7. Weitere sozial valide bzw. sozial invalide Verhaltensweisen 63
Tab. 8. Stichprobe im Hinblick auf Angaben zur Person und das Auswahlergebnis 65
Tab. 9. Vorbereitung auf bzw. Vorerfahrung mit Auswahlverfahren. 66
Tab. 10. Einschätzung der Dimension „Transparenz“ des Auswahlverfahrens. 67
Tab. 11. Einschätzung der Dimension „Information“ des Auswahlverfahrens 68
Tab. 12. Einschätzung der Dimension „Partizipation“ des Auswahlverfahrens. 69
Tab. 13. Einschätzung der Dimension „Kommunikation“ des Auswahlverfahrens 70
Tab. 14. Einschätzung der Dimensionen „Atmosphäre“, „Kompetenz des Auswahl
teams“, „Echtheit des Verhaltens“ und „Belastung im Auswahlverfahren“ 71
Tab. 15. Beliebtheit der einzelnen Auswahlinstrumente 72
Tab. 16. „Was hat Ihnen heute gut gefallen, was fanden Sie weniger gut?“ 72
Tab. 17. „Meinung zur Befragung“ 73
Tab. 18. Mittelwertsunterschiede bei weiblichen bzw. männlichen Teilnehmern. 74
Tab. 19. Mittelwertsunterschiede bei vorbereiteten bzw. nicht vorbereiteten
Teilnehmern 75
Tab. 20. Mittelwertsunterschiede bei erfolgreichen bzw. nicht erfolgreichen
Teilnehmern 76
Tab. 21. Itemreduktion durch eine Reliabilitätsanalyse. 77
Tab. 22. Erklärte Gesamtvarianz durch die Hauptkomponentenanalyse 78
Tab. 23. Korrelationskoeffizienten zwischen Items und Faktoren 79
Abbildungen
Abb. 1. Übersicht über den Ablauf der Untersuchung und den Inhalt dieser Arbeit.
Abb. 2. Beziehung zwischen den drei Komponenten der Berufseignungsdiagnostik.
Abb. 3. Veranschaulichung des Ablaufs eines prototypischen AC in der Praxis.
Abb. 4. Die Attraktions-Auswahl Situation.
Abb. 5. Der Auswahlprozeß als Sequenz einzelner Entscheidungsepisoden
Abb. 6. Gründe für die Orientierung am Bewerbererleben
Abb. 7. Einzelne Schritte des Personalmarketing-Prozesses.
Abb. 8. Erlebensrelevante Aspekte einer Auswahlsituation.
Abb. 9. Items zur Operationalisierung der vier Aspekte der sozialen Validität.
Abb. 10. Anforderungen und Kriterien an eine Kontrollierte Praxis
Abb. 11. Die Untersuchungsziele auf einen Blick.
Abb. 12. Organisatorischer Ablauf der Untersuchung
Abb. 13. Interessenten- und Bewerbererstanfragen im Zeitraum 1988 1997 .
Abb. 14. Behandlung der Interessenten- und Bewerbererstanfragen 1997
Abb. 15. Ablauf der Personalvorauswahl
Abb. 16. Aufbau und Ablauf der Auswahltagung
Abb. 17. Ablauf der Personalzuordnung
Abb. 18. Extrahierte Faktoren der explorativen Faktorenanalyse
Abb. 19. Diagonalmodell zur Verbindung von Beobachtungs- und Fragebogendaten.
Abb. 20. Handlungshinweise zur Optimierung des untersuchten Auswahlverfahrens.
Abb. 21. Multiplikatives Modell der sozialen Validität von Auswahlverfahren.
1 Einleitung
Personalauswahl ist ein komplexer Prozeß, in dem Arbeitgeber und Bewerber versuchen, so viele Informationen wie möglich über einander zu sammeln und einander so attraktiv wie möglich zu erscheinen. Die eine Seite des Prozesses, die Anstrengungen des Arbeitgebers, Informationen über den Bewerber zu erhalten, um eine Einstellungsentscheidung treffen zu können, und seine Bemühungen, die Organisation und den Arbeitsplatz so vorteilhaft wie möglich darzustellen, sind durch die Personalauswahlforschung zur Eignungsdiagnostik (Schuler, 1996; Schuler & Funke, 1995) und zum Personalmarketing (Baldus & Holling, 1995; Moser, 1992; Vollmer, 1989) elaboriert untersucht worden. Auch ein Teil der anderen Seite des Prozesses, das Bestreben des Bewerbers, unter Beweis zu stellen, daß er der Geeignete ist - was allgemein als „impression management“ oder als optimale Selbstpräsentation bezeichnet wird - wurde im Interesse des Arbeitgebers bereits ausgiebig untersucht (Bungard, 1992; Guldin, 1991; Tedeschi, 1981).
Das Bewerbererleben im allgemeinen und speziell die Anstrengungen des Bewerbers, Informationen über die Organisation zu erhalten, um eine Entscheidung treffen zu können, ob er ein Stellenangebot annimmt oder nicht, wurden bisher jedoch wenig erforscht. Dies spiegelt die traditionelle Perspektive in der Personalauswahl wider, worunter Auswahl als einseitiger Prozeß verstanden wird, in dem sich Organisationen nach ihren Bedürfnissen und Zielvorstellungen mit dem nötigen Personal versorgen. Der Wirkung von Auswahlsituationen auf Bewerber, auf deren Wohlbefinden, deren Entscheidung und deren Handlung wird darin wenig Beachtung geschenkt. Dabei gibt es gute Gründe, die dafür sprechen, das Bewerbererleben der Auswahlsituation zu berücksichtigen. Nicht nur Arbeitgeber wählen Bewerber aus, sondern auch Bewerber nehmen eine individuelle Organisationswahl vor (Schuler & Moser, 1992; Wanous, 1992), womit die Personalauswahl per se als ein zweiseitiger Prozeß verstanden werden muß. Im ersten persönlichen Kontakt mit dem Arbeitgeber formt sich der erste Eindruck, der die Basis für alle weiteren individuellen Wahrnehmungen der Organisation darstellt. Dieser erste Eindruck hat Einfluß auf die Arbeitszufriedenheit, das „commitment“, womit die Bindung an bzw. Verpflichtung gegenüber dem Arbeitgeber Engagement und Einsatz zu zeigen gemeint ist, die Fluktuation und damit allgemein auf die Arbeitsleistung eines Mitarbeiters (Murphy, 1986; Premack & Wanous, 1985; Thornton, 1993; Wanous, 1992).
Das in der Personalauswahlforschung lange Zeit vernachlässigte Bewerbererleben von Auswahlsituationen ist Gegenstand dieser organisationspsychologischen Feldstudie. Dabei wird das Personalauswahlverfahren einer Institution der Personellen Entwicklungszusammenarbeit evaluiert. Diese Institution entsendet berufserfahrene und sozial engagierte Fachkräfte als Entwicklungshelfer zur Mitarbeit in Projekten und Programmen von Partnerorganisationen in Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ in Asien, Afrika und Lateinamerika. Als theoretisches Rahmenmodell dient das Konzept der sozialen Validität, das von Schuler und Stehle (1983) entwickelt wurde, um Bewerbererleben und -reaktionen auf Auswahlsituationen systematisch zu erforschen. Die Untersuchung soll zur Optimierung der Personalauswahlarbeit im Sinne einer Kontrollierten Praxis (Petermann, 1992) beitragen. Der Begriff der Kontrollierten Praxis stammt aus dem Kontext der klinisch-therapeutischen Psychologie. Er wird hier in modifizierter Form auf die Praxis der Personalauswahl und deren soziale Validität übertragen. Allgemein versteht man darunter den Anspruch, „die Effekte praktischen Handelns so gut wie möglich zu erfassen“ (Petermann, 1992, S.147). Praktisches Handeln soll dadurch evaluiert, optimiert, begründet und gegenüber Dritten legitimiert werden.
Im wissenschaftlichen Sinne besitzt die Studie explorativen Charakter. Sie stellt einen empiri- schen Beitrag zur Untermauerung des Konzeptes der sozialen Validität dar und entspricht somit
2 Kapitel 1
der Forderung Schulers (1996) nach weiterer (Feld-)Forschung auf dem Gebiet des Bewerbererlebens. Dabei werden die gewonnenen Informationen zu neuen Ideen verdichtet und neue praxis- und forschungsrelevante Fragen formuliert (vgl. Bortz & Döring, 1995).
Abbildung 1 stellt den Ablauf der Untersuchung im Feld und den Inhalt der vorliegenden Arbeit dar.
Abb. 1. Übersicht über den Ablauf der Untersuchung und den Inhalt dieser Arbeit.
Im ersten Teil dieser Arbeit wird der theoretische Hintergrund zur Personalauswahl beleuchtet. Dabei werden als Basis die Grundzüge der psychologischen Eignungsdiagnostik und deren Instrumente beschrieben. Anschließend wird die Auswahlsituation und die Perspektive des Bewerbers thematisiert. Mit der Darstellung des Bewerbererlebens der Auswahlsituation, des Konzepts der sozialen Validität und einem Überblick der wesentlichen empirischen Untersuchungen auf diesem Gebiet schließt der erste Teil. Der methodische Hintergrund ist Gegenstand des zweiten Teils. Hier werden Fragestellung, Untersuchungsdesign, Operationalisierung und Meßinstrumente, aber auch das Untersuchungsfeld, die Stichprobe und die Untersuchungsdurchführung eingehend behandelt. Entsprechend der induktiven Vorgehensweise dieser Untersuchung bietet es sich an, die Beschreibung des Untersuchungsfeldes (siehe Kapitel 3.2) vorweg zu lesen, um ein Bild über die Institution, in der diese Studie durchgeführt wurde, zu erhalten. Im dritten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung, d.h. der Beobachtung, der Befragung, der Verbindung der Daten beider Quellen und außerdem die Erkenntnisse einer testtheoretischen Überprüfung des Fragebogens ausführlich beschrieben. Aus der Diskussion der Ergebnisse im vierten Teil werden mögliche Handlungsstrategien für eine Optimierung der praktischen Personalauswahlarbeit abgeleitet und in einem Ausblick, der im Sinne des Wortes den Blick über die vorliegende Untersuchung und ihre Ergebnisse hinaus richten soll, neue Ideen und weiterführende praktische und theoretische Forschungsfragen entwickelt.
Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Sprach- form gewählt.
2 Theoretischer Hintergrund
In den betrieblichen Aufwendungen, die dem Faktor „human resources“ gewidmet werden, den beträchtlichen Investitionen in Suche, Anwerbung, Auswahl, Integration und Qualifizierung, in Führungskompetenz und Persönlichkeit neuer Mitarbeiter, spiegelt sich die Bedeutung einer systematischen Personalarbeit wider (Vollmer, 1989). In der Betriebswirtschaftslehre werden die einzelnen Komponenten dieser systematischen Personalarbeit unter dem Stichwort des Personalmarketing behandelt. Mit Personalmarketingkonzepten versuchen Arbeitgeber, ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern zu decken. Schuler und Prochaska (1992) zweifeln nicht daran, daß aufgrund des stetigen Wandels auf den Absatz- und Beschaffungsmärkten und der Entwicklung immer neuer Technologien der Bedarf an qualifizierten Fach- und Führungskräften in den nächsten Jahren und damit die Anforderungen an eine systematische und strategische Personalarbeit steigen werden. Dabei ist es, von gesamtwirtschaftlichen und regionalen Fluktuationen in Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt abgesehen, für Brandstätter (1995) zuallererst eine Frage der Attraktivität eines Unternehmens, als Arbeitgeber tüchtige und kooperationsbereite Mitarbeiter zu gewinnen. Bedingungen und Wirkungen dieser Attraktivität, bei der die Personalauswahl, die im Normalfall den ersten Kontakt eines zukünftigen Mitarbeiters mit dem Unternehmen darstellt und aufgrund der persönlichen (Lebens-)Bedeutung des Ereignisses eine zentrale Rolle spielt, wurden bisher psychologisch wenig untersucht.
Die bereits existierenden Engpässe bei Führungskräften und Spezialisten einerseits und die extrem hohen Beschaffungskosten sowie alle mit einer Fehleinstellung verbundenen weiteren Kosten und Risiken für die Organisation andererseits, sehen Baldus und Holling (1995) als Triebfeder dafür, daß die Mitarbeiter von morgen als „Kunden“ entdeckt worden sind, um deren „Gunst“ man sich zu bemühen hat. Diese Bemühungen finden aus organisationspsychologischer Sicht in einer kontinuierlichen Verbesserung der Personalentwicklung und der Personalauswahl einer Organisation ihren Ausdruck. Bezüglich der in dieser Arbeit interessierenden Personalauswahl unterscheiden Schuler und Stehle (1983) zwischen einer generellen Verbesserung im technisch-empirischen Sinne, d.h. im Methodenbereich psychologischer Auswahlverfahren, und einer Verbesserung im Sinne der sozialen Qualität von eignungsdiagnostischen Situationen. Dabei stellen sie den Begriff der sozialen Qualität oder Validität in Kontrast zur technischen Validität. Das Konzept der sozialen Validität, das „als Sammelbezeichnung dessen gilt, was die eignungsdiagnostische Situation zu einer akzeptablen sozialen Situation macht“ (Schuler & Stehle, 1983, S. 35), wird das Kernstück der organisationspsychologischen Feldstudie sein und damit im theoretischen Teil dieser Arbeit eine zentrale Stelle einnehmen.
Auf der Grundlage der methodisch-technischen Perspektive in der Eignungsdiagnostik führt die Begründung der Relevanz einer Optimierung der sozialen Qualität der gesamten Aus- wahlsituation zur Darstellung des Konzepts der sozialen Validität.
4 Kapitel 2
2.1 Psychologische Eignungsdiagnostik in der Personalauswahl
Die Einzigartigkeit von Menschen ist ein grundlegendes Phänomen des Lebens. Kein Mensch gleicht dem anderen in Aussehen, Gestik, Mimik und allgemeinem Auftreten, in Denkweise, Meinungen und Einstellungen, in Sprache und Verhalten. Diese individuellen Eigenarten der Menschen haben eine große Bedeutung für das soziale Gefüge einer Gesellschaft. Dabei wird die Auffassung, daß nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft alle anfallenden Aufgaben gleich gut bewältigen können, nicht erst seit dem Aufschwung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert und der damit verbundenen Differenzierung der Sozialstruktur und Spezialisierung der Menschen im beruflichen Bereich vertreten. Bereits aus den Zeiten des alten Chinesischen Reichs, um 1115 v. Chr., wird von gezielten Leistungsprüfungen auf den Gebieten Reiten, Musizieren, Bogenschießen, Schreiben, Rechnen und Sozialverhalten berichtet, mit denen aus den Bewerbern für gehobene Posten im Staatsdienst die geeignetsten ausgewählt werden sollten (Dubois, 1966). Erste Formen systematischer Eignungsdiagnostik werden dem Arzt Juan Huarte (1529-1588) zugeschrieben, der unter anderem Testverfahren zur Überprüfung der Intelligenz und zur Feststellung beruflicher Eignungsvoraussetzungen entwickelte (Jäger & Altstötter-Gleich, 1992). Doch erst seit Beginn dieses Jahrhunderts, seitdem Psychologen in der Lage sind, Tests für die Vorhersage zukünftiger Leistungen und zukünftigen Verhaltens zu entwickeln, finden standardisierte Formen psychologischer Selektion in der Personalauswahl Anwendung. Psychologische Eignungsdiagnostik wurde damit zu einem wichtigen Teilgebiet der angewandten Psychologie (Schuler, 1996).
Die Beschreibung der Grundzüge psychologischer Eignungsdiagnostik soll in das Thema dieser Arbeit einführen.
2.1.1 Grundzüge psychologischer Eignungsdiagnostik
Alle Bemühungen, aus einer Vielzahl von Menschen den Richtigen für eine Aufgabe auszuwählen, zielen darauf ab, Eignung festzustellen. Nach Dorsch, Häcker & Stapf (1994) ist unter Eignung „das Insgesamt der im Individuum liegenden Bedingungen für das Eintreten positiv bewerteter Ereignisse im Berufsleben oder in der Schullaufbahn“ (S. 182) zu verstehen. Unter diesem „Insgesamt der im Individuum liegenden Bedingungen“ sind das Eigenschaftsprofil, d.h. Fähigkeiten, Interessen und weitere strukturelle Merkmale der Person, und das Verhaltensprofil, d.h. das Verhaltensrepertoire und verschiedene kognitive Prozesse, zu verstehen (Schuler & Funke, 1995). Dabei kann Eignung als vierdimensionaler Begriff angesehen werden. Eine Person mit all ihren Personmerkmalen tritt mit der Situation an einem Arbeitsplatz und damit mit einer Vielzahl von Situationsmerkmalen in Interaktion. In der Interaktion treten Person- und Situationsmerkmale in Wechselwirkung. Da sich Eignung nicht nur auf eine aktuelle Wechselwirkung bezieht, sondern aufgrund eines längerfristigen Verbleibs der Person am Arbeitsplatz auch eine zeitliche Komponente aufweist, wird aus der Interaktion im Abstimmungsprozeß von Person und Situation eine Transaktion (Schüpbach, 1998). Die Diagnose von Eignung beschränkt sich damit nicht allein auf eine Statusdiagnostik. Eignung ist kein statisches Konzept, sondern nach Jüttemann (1995) als Prozeß zu verstehen, in dem Lernen, Entwicklung und die Fähigkeit, zu lernen und sich zu entwickeln, eine entscheidende Rolle spielen.
In der betrieblichen Personalauswahl basiert die Annahme oder Ablehnung eines Bewerbers auf einer Einschätzung seiner Eignung, also der Chance, ein erfolgreicher Mitarbeiter zu werden. Diese Eignungsdiagnostik wird nach Gebert und von Rosenstiel (1996) in Organisa- tionen primär als Selektionsstrategie betrieben, d.h. für einen bestimmten Arbeitsplatz wird aus
Theoretischer Hintergrund 5
einer Reihe von Bewerbern der Passende ausgesucht (Auswahl) oder für einen bestimmten Bewerber wird aus verschiedenen Arbeitsplätzen der Passende gewählt (Plazierung). Um eine Auswahl treffen zu können, ist die Kenntnis von drei in Beziehung stehenden Komponenten notwendig. Sowarka und Sarges (1995) nennen diese erstens berufliche Anforderungen am Arbeitsplatz, zweitens Indikatoren eines beruflichen Erfolgs (Kriterien) und drittens erfolgsbedeutsame Personmerkmale der Bewerber (Prädiktoren). Diese drei Komponenten (vgl. auch Schuler, 1996) spielen eine zentrale Rolle in der Berufseignungsdiagnostik. Sie sind in Abbildung 2 in ihrer Beziehung zueinander dargestellt.
Abb. 2. Beziehung zwischen den drei Komponenten der Berufseignungsdiagnostik.
Um eine empirisch fundierte Vorhersage treffen zu können, ob ein Bewerber ein erfolgreicher Mitarbeiter werden wird, benötigt man zuerst die genaue Beschreibung der beruflichen Anforderungen und damit der Merkmale des Arbeitsplatzes (Schuler, 1996). Dazu muß zunächst eine Situationsdiagnostik vorgenommen werden, die üblicherweise in Form von Arbeits- und Anforderungsanalysen durchgeführt wird. Schuler und Funke (1995) nehmen eine Kategorisierung der Arbeitsanalyseverfahren nach drei generellen Beschreibungsebenen für Anforderungen vor. Zum einen ist das die Ebene der aufgabenorientierten Arbeitsanalyse, deren Schwerpunkt auf der Beschreibung des Arbeitsinhalts anhand der Aufgaben und ihrer objektiven Merkmale liegt. Zum zweiten ist das die Ebene der verhaltensorientierten Arbeitsanalyseverfahren. Hier liegt das Hauptaugenmerk auf dem Verhalten eines Mitarbeiters während der Arbeitsausführung. Die dritte Beschreibungsebene stellt die eigenschaftsorientierte Arbeitsanalyse dar, bei der die Eigenschaften eines Mitarbeiters, die für die Aufgabenausführung und den Berufserfolg erforderlich sind, d.h. seine Fähigkeiten, Fertigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften und Interessen, beschrieben werden. Die mit Hilfe von Arbeits- und Anforderungsanalysen erstellten beruflichen Anforderungsableitungen werden von Schuler und Funke (1995) als Übergang von der Darstellung des Arbeitsplatzes in Situationsbegriffen zu einer Darstellung in Personbegriffen verstanden.
Die zweite Komponente, die erfolgsbedeutsamen Personmerkmale eines Bewerbers (Prädiktoren), werden direkt aus den beruflichen Anforderungen und damit aus den Merkmalen des Arbeitsplatzes abgeleitet. An ihnen werden die personellen Leistungsvoraussetzungen (Hacker, 1983), die ein Bewerber für eine erfolgreiche Bewältigung der Arbeitsaufgabe mitbringen muß, mit Hilfe verschiedener eignungsdiagnostischer Personalauswahlverfahren gemessen (Schuler, 1996).
Den Maßstab, ab wann eine Arbeitsaufgabe als erfolgreich bewältigt gilt, legen die In-dikatoren des beruflichen Erfolgs (Kriterien) als dritte Komponente der Berufseignungsdiagnostik fest. Sie sind eng mit der jeweiligen Erfolgsorientierung einer Organisation verbunden (von Rosenstiel, 1989). Im Vorfeld der Definition von Kriterien einer erfolgreichen Mitarbeit stellt sich die Frage, was eine Organisation als Erfolg ansieht. Als Indikatoren für Erfolg werden tra-
6 Kapitel 2
ditionell Produktions- und Leistungskriterien wie Verkaufs- oder Umsatzzahlen, Produktionseinheiten, Fluktuationsdaten und Fehlzeiten, Ausschußzahlen, Reklamationen und Marktanteile herangezogen (Drenth, 1995). Zunehmend finden auch Kriterien der Arbeitszufriedenheit, der Gesundheit und der Beurteilungen des Organisationsklimas durch die Mitarbeiter Anwendung (Eckardt & Schuler, 1992).
Sowarka und Sarges (1995) beklagen, daß ein überzeugendes Konzept, welches die drei Komponenten schlüssig zueinander in Beziehung bringt, noch immer fehlt (vgl. auch Lewis, 1995). Drei methodische Problemfelder spannen sich auf: das erste methodische Problem liegt in der gültigen und zuverlässigen Situationsdiagnostik der Anforderungen am Arbeitsplatz und dem Übergang von Situationsbegriffen in die Darstellung von Personbegriffen. Diese Ableitung gehört nach Gebert und von Rosenstiel (1996) zu den besonders schwierigen Aufgaben der Eignungsdiagnostik. Sie soll in dieser Arbeit nicht näher thematisiert werden. Ein zweites Problem ergibt sich aus der Definition der Indikatoren des beruflichen Erfolgs und ihrer Erfassung. Die Prognose erfolgsrelevanter Verhaltensweisen und Einstellungen von zukünftigen Mitarbeitern kann nur so gut sein, wie die definierten und operationalisierten Kriterien für Berufserfolg (Schuler, 1992). Auch dieses Problemfeld soll im weiteren nicht vertieft werden.
Das dritte methodische Problem stellt sich mit dem Versuch einer im testtheoretischen Sinne objektiven, reliablen und validen Persondiagnostik (Lienert & Raatz, 1994). Für die Diagnose der verschiedenen erfolgsbedeutsamen Personmerkmale eines Bewerbers, den Prädiktoren, müssen eignungsdiagnostische Instrumente entwickelt werden (vgl. Schuler, 1996), die intersubjektiv nachvollziehbar und kontrollierbar sind (Objektivität), bei deren Aussagen geklärt ist, inwieweit die Merkmalserfassung fehlerfrei bzw. fehlerbehaftet ist (Reliabilität) und von denen klar ist, welche Merkmale sie erfassen (Validität). Im Zusammenhang mit der sozialen Validität von Personalauswahlsituationen wird dieses Problemfeld von Interesse sein. Eine kurze Begriffsklärung (vgl. Fisseni & Fennekels, 1995; Lienert & Raatz, 1994; Schmid, 1992; Schuler, 1996) wird deshalb der Beschreibung der in der Praxis gebräuchlichen eignungsdiagnostischen Einzelverfahren vorangestellt.
Objektivität
In diesem Gütekriterium zeigt sich das Anliegen der Standardisierung. Objektivität gibt an, wie weit menschliches Verhalten bei der Durchführung, Auswertung und Interpretation von eignungsdiagnostischen Verfahren gleichartig erfaßt wird, d.h. inwieweit die Ergebnisse vom Anwender unabhängig sind (Schuler, 1996). Jeder Anwender sollte bei demselben Bewerber unter Verwendung des gleichen eignungsdiagnostischen Verfahrens zu demselben Ergebnissen kommen.
Reliabilität
Dieses Gütekriterium charakterisiert ein eignungsdiagnostisches Verfahren unter dem Aspekt der Präzision, ohne nach dem Inhalt zu fragen. Reliabilität bezeichnet dabei die Abgrenzung von wahrem und fehlerhaftem Anteil in einem Meßergebnis und sagt dem Anwender, wie weit er bei der Merkmalserfassung mit Fehlern rechnen muß (Fisseni & Fennekels, 1995).
Theoretischer Hintergrund 7
Validität
Validität bedeutet allgemein Gültigkeit. In diesem Gütekriterium zeigt sich das Anliegen der
inhaltlichen Merkmalsbestimmung. Validität gibt dabei an, welches Merkmal ein eignungsdia
gnostisches Verfahren vorherzusagen erlaubt und damit, ob es das mißt, was es zu messen vor
gibt. Entsprechend der allgemeinen Methodenliteratur (Lienert Raatz, 1994 Schmid, 1992 )
unterscheidet man die folgenden Validitätsarten:
Kriteriumsvalidität
Zur Kriteriumsvalidität werden die Vorhersagevalidität (prognostische Validität) und die Übe
reinstimmungsvalidität gezählt. Durch die Validierung wird überprüft, in welchem Ausmaß ein
eignungsdiagnostisches Instrument einen momentanen Zustand (Übereinstimmungsvalidität)
oder eine erst zukünftig beobachtbare Verhaltensweise (Vorhersagevalidität) erfaßt. Die Kriteri
umsvalidität stellt damit das für den Anwender am ehesten relevante Gütekriterium dar. Prob
leme bei der Validierung können dadurch entstehen, daß das Auswahlinstrument die gewünsch
ten Merkmale nicht reliabel erfaßt oder daß das außerhalb liegende Kriterium, auf das geschlos
sen wird, nicht reliabel erfaßt wurde. Die Validierung wird mit korrelationsstatistischen Metho
den und Regressionsanalysen vorgenommen
Inhaltsvalidität
Die Inhaltsvalidität erfaßt, inwieweit der Inhalt der Messung repräsentativ für die Gesamtmenge
des Verhaltens, das gemessen werden soll, ist. Inhaltliche Validität ist gegeben, wenn das Aus
wahlinstrument eine repräsentative Verhaltensstichprobe des untersuchten Verhaltensuniver
sums, z B. einer Arbeitstätigkeit, darstellt. Diese Validität kann nicht berechnet, sondern nur
von Fachleuten der jeweiligen Arbeitsbereiche beurteilt werden. Problematisch daran ist, daß
Beurteilungen stets subjektive Faktoren enthalten. Die Augenscheinvalidität („face validity“)
bezeichnet im Sinne der Inhaltsvalidität die Gültigkeit von Messungen auf den ersten Blick
Konstruktvalidität
Bei der Konstruktvalidierung wird die Frage gestellt, welche psychologischen Eigenschaften
oder Konstrukte mit dem Auswahlinstrument gemessen werden, d h. welche Konstrukte Testva
rianz zustande bringen. Schmid (1992 ) unterscheidet zwei Möglichkeiten der Konstruktvalidie
rung: Erstens die inferenzstatistische Konstruktvalidierung nach Cronbach (1961 ), bei der eine
empirische Überprüfung der Hypothesen vorgenommen wird, die auf der Grundlage einer Theo
rie, in der das untersuchte Konstrukt enthalten ist, gebildet wurden und zweitens die korrelati
onsstatistische Konstruktvalidierung nach Campbell und Fiske (1959 ), die die konvergente und
diskriminante Validität in der Multitrait-Multimethod Matrix unterscheiden. Dabei versteht man
unter der konvergenten Validität die Übereinstimmung der Meßergebnisse des gleichen Merk
mals (z B. berufserfolgsrelevante Personmerkmale) mit verschiedenen Methoden (z B. eig
nungsdiagnostische Personalauswahlverfahren) Diskriminante Validität ist hingegen gegeben,
wenn die Messungen verschiedener Merkmale mit den gleichen Methoden nicht übereinstim
men
Schuler (1992 ) faßt zusammen, daß ein eignungsdiagnostisches Verfahren dann prog
nostisch valide Schlüsse ermöglicht, wenn die Ergebnisse in empirisch nachweisbarer Bezie
hung zum späteren Berufserfolg stehen. Es ist dann inhaltsvalide, wenn die Aufgaben eine re
präsentative Stichprobe der späteren Tätigkeiten darstellen, und es ist dann konstruktvalide,
wenn bekannt ist, daß mit diesen Übungen tatsächlich die Fähigkeiten erfaßt werden, die man zu
messen beabsichtigt
8 Kapitel 2
Im Zusammenhang mit dem Gütekriterium der Validiät stellt sich außerdem die Frage der Validitätsgeneralisierung, d.h. die Frage, ob ein eignungsdiagnostisches Verfahren organisationsspezifisch zu konstruieren ist oder ob eignungsdiagnostische Standardverfahren in verschiedenen Organisationen eingesetzt werden können. Eine Antwort gibt Schuler (1992): „Je höher man die Generalisierbarkeit ansetzt, desto klarer müssen die Konstrukte sein, mit denen man arbeitet“ (S. 15). Eignungsdiagnostische Instrumente zur Messung der erfolgsbedeutsamen Personmerkmale sollen den testtheoretischen Ansprüchen gerecht werden, d.h. sie sollen objektiv, reliabel und valide sein, um eine bestmögliche Vorhersage über den beruflichen Erfolg eines zukünftigen Mitarbeiters und damit letztendlich über den Erfolg der gesamten Organisation treffen zu können (Schuler, 1996).
Die folgende Aufstellung eignungsdiagnostischer Einzelverfahren gibt einen Überblick der in der Praxis vorwiegend angewandten Instrumente zur Erhebung von berufserfolgsrelevanten Informationen über den Bewerber.
2.1.2 Eignungsdiagnostische Einzelverfahren
In der Literatur werden verschiedene Vorschläge zur Einteilung von eignungsdiagnostischen Instrumenten vorgenommen. Während Gebert und von Rosenstiel (1996) keine explizite Kate-gorisierung vornehmen sondern letztlich alle Vorgehensweisen, die innerhalb der Psychodiagnostik Verwendung finden (vgl. Jäger & Petermann, 1992), als mögliche eignungsdiagnostische Instrumente ansehen, schlagen Schuler und Funke (1995) eine Zweiteilung nach eigen-schaftsorientierten und simulationsorientierten Prognosekonzepten vor.
Bei den simulationsorientierten Konzepten bestehen die Übungen des Auswahlverfahrens aus Simulationen wichtiger realer, beruflicher Aufgaben. Die Prädiktoren beziehen sich auf heterogene Verhaltensbereiche. Die üblichen Instrumente der Erhebung sind Bewerbungsunterlagen, biographische Fragebögen, multimodale Interviews, Arbeitsproben, Assessment-Center und die Probezeit. Bei eigenschaftsorientierten Konzepten wird dagegen durch die Entwicklung spezieller leistungsrelevanter Prädiktoren ein Basiskonstrukt für die Erarbeitung eines Auswahlverfahrens geschaffen, welches homogene Verhaltensmerkmale bzw. Eigenschaften erfaßt. Hier sind die gängigen Instrumente der Erhebung im weitesten Sinne alle Tests und herkömmliche Interviews.
Im folgenden werden die in der einschlägigen Literatur (z.B. Gebert & von Rosenstiel, 1996; Sarges, 1995; Schuler, 1995b, 1996; Schuler & Funke, 1991; Schuler & Funke, 1995; Schuler & Prochaska, 1992) diskutierten eignungsdiagnostischen Instrumente der Personalauswahl in Organisationen referiert. Dabei wird die Assessment-Center-Technik aus zwei Gründen in einem eigenen Kapitel ausführlicher beschrieben: zum einen kommt dieser Verfahrenstechnik eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit dem Konzept der sozialen Validität zu, zum anderen findet sie im Personalauswahlverfahren des Untersuchungsfeldes Anwendung. Am Ende dieses Kapitels werden in tabellarischer Form sowohl die prognostische Validität der beschriebenen Einzelverfahren als auch ihre Anwendungshäufigkeit in der Praxis zusammenfassend dargestellt.
Bewerbungsunterlagen
Bewerbungsunterlagen sind ein Standardinstrument der Personalvorauswahl. Unter dem Sammelbegriff Bewerbungsunterlagen faßt man im allgemeinen organisationsspezifische Bewer- bungsbögen, Bewerbungsschreiben, Lebenslauf, Schul- und Arbeitszeugnisse und eingeforderte
Theoretischer Hintergrund 9
Referenzen zusammen. Die Auswertung von Bewerbungsunterlagen stellt nahezu immer den ersten Schritt bei der Auswahl neuer Mitarbeiter dar. Sie werden Untersuchungen zufolge (Schuler, Frier & Kauffmann, 1992) neben dem Einstellungsgespräch in fast allen Fällen der Personalauswahl als Entscheidungsgrundlage herangezogen, von der Auswahl ungelernter Arbeiter bis zur Auswahl von oberen Führungskräften. Dabei erfüllen diese Unterlagen die Funktion, den Bewerber kennenzulernen und prognostisch relevante Informationen über ihn zu erhalten. Zudem spielt dabei die Selbstpräsentation der Bewerber eine Rolle. Aus den Informationen, die durch die Bewerbungsunterlagen gewonnen werden, wird mittels Induktions- bzw. Analogieschluß von vergangenem Verhalten auf ein zukünftiges Verhalten, bzw. von einem bestimmten Verhalten auf ein anderes Verhalten geschlossen. Die Validitätswerte der einzelnen Bestandteile von Bewerbungsunterlagen variieren hinsichtlich der an früherer Stelle diskutierten Validitätsarten stark (vgl. Tabelle 1 und Schuler & Funke 1995).
Biographischer Fragebogen
Inhaltlich gesehen handelt es sich bei biographischen Fragebogen um eine standardisierte Selbstbeschreibung, die einen Bezug zu berufserfolgsrelevanten Ausschnitten der Lebensgeschichte des Bewerbers aufweist. Sie sind im Gegensatz zu herkömmlichen Personalfragebogen umfangreicher und erfassen auch andere Erfahrungsbereiche. Im Unterschied zu Persönlichkeitstests sind die Fragen im biographischen Fragebogen konkreter und meist erfahrungsbezogen formuliert (Schuler & Prochaska, 1992). Funktional ist dieses Auswahlinstrument mit den Bewerbungsunterlagen oder Einstellungsinterviews vergleichbar. Auch hier sollen prognostisch relevante Informationen erhoben werden. Zukünftiges Arbeitsverhalten und zukünftiger Berufserfolg wird aus vergangenem Verhalten und Erfahrungen und der subjektiven Verarbeitung und Wiedergabe induktiv bzw. analog geschlossen (Schuler & Funke, 1995). Ein wesentliches Merkmal biographischer Fragebogen ist die empirische Validierung der einzelnen Items. Für verschiedene Einsatzbereiche hat sich dieses eignungsdiagnostische Instrument mit hohen Validitätskoeffizienten bewährt.
Die hohe Akzeptanz von biographischen Fragebogen bei den Bewerbern wird von Schuler und Prochaska (1992) mit dem offensichtlichen Zusammenhang, der zwischen den Fragen und den späteren beruflichen Anforderungen besteht, und den persönlich bedeutsam und transparent erscheinenden Fragen in Verbindung gebracht. In der Praxis wird der biographische Fragebogen am häufigsten bei der Auswahl von Trainees und Führungskräften angewandt (vgl. Tabelle 2 und Schuler, Frier & Kauffmann, 1992).
Einstellungsinterview/Einstellungsgespräch
Wie das Instrument der Bewerbungsunterlagen ist auch das Einstellungsinterview in nahezu allen Fällen der Personalauswahl als Entscheidungsgrundlage zu finden (Schuler, Frier & Kauffmann, 1992). Die Form des Einstellungsinterviews variiert dabei stark und reicht von der völlig freien Gesprächsform über die teilstandardisierte Form bis zum vollstrukturierten Interview (Schuler, 1995a). Umfangreiche Forschung auf dem Gebiet der Einstellungsinterviews haben zu Verbesserungen durch eine veränderte Fragegestaltung geführt. Das multimodale Interview von Schuler (1992b) stellt dabei eine besondere Form des halbstrukturierten Einstellungsinterviews dar. Eines seiner Kennzeichen ist die Kombination verschiedener Frageprinzipien, darunter offene Fragen im freien Gespräch, biographiebezogene Fragen und situative Fragen. Das Einstellungsgespräch erfüllt die Funktion, den Bewerber persönlich kennenzulernen, d.h. Kontakt aufzubauen und ergänzende Informationen aus dem Gesprächsverlauf zu erheben. Überdies hat das Erstgespräch die Funktion, den Bewerber zu informieren und die Organisation darzustellen. Die Antworten des Bewerbers und alle weiteren Eindrücke aus dem Gesprächsver-
10 Kapitel 2
lauf werden in der Regel zu einem klinischen Urteil, d.h. in intuitiver Kombination und Gewichtung zusammengefaßt.
Hinsichtlich der Validitätswerte von Einstellungsinterviews läßt sich mit Schuler und Funke (1995) feststellen, daß die Validität generell mit zunehmender Strukturierung zunimmt, die Akzeptanz bei den Bewerbern allerdings, aufgrund einer abnehmenden Situationskontrolle, dabei abnimmt. Dies haben bereits frühe Untersuchungen von Schmitt und Coyle (1976) belegt. Auch neuere Studien von Latham und Finnegan (1993) stützen diese Ergebnisse.
Arbeitsproben
Unter Arbeitsproben versteht man im allgemeinen standardisierte Aufgaben, die inhaltlich valide, erkennbar äquivalente Stichproben des erfolgsrelevanten beruflichen Verhaltens darstellen. Sie werden weitgehend nach den gleichen Prinzipien konstruiert wie psychologische Tests. Allerdings findet keine Operationalisierung der Arbeitstätigkeiten in für deren Ausführung erforderliche erfolgreiche Personmerkmale statt, d.h. es wird direkt von einer Verhaltensstichprobe auf ähnliches künftiges Verhalten geschlossen (Schuler & Prochaska, 1992). Damit stellen Arbeitsproben Simulationen realer Arbeitstätigkeit in einer späteren Anstellung dar. Als Erfolgsmaß gelten dabei entweder Prozeßparameter, d.h. z.B. Informationsbedarf des Bewerbers während der Durchführung und die Zahl der benötigten Versuche, oder ein Leistungsmaß nach Abschluß der Arbeitsprobe (Schuler & Funke, 1995).
Arbeitsproben finden hauptsächlich im Bereich der Auswahl von technischen Auszubildenden, Facharbeitern und Angestellten ohne Führungsaufgaben Anwendung (Schuler, Frier & Kauffmann, 1992). Aufgrund der hohen Augenscheinvalidität von Arbeitsproben, d.h. dem offensichtlichen Zusammenhang zwischen Prüfverfahren und späterer Tätigkeit, wird die Akzeptanz auf Seiten der Bewerber als hoch beschrieben (Schuler & Prochaska, 1992).
Psychologische Tests
Psychologische Tests spielen in methodischer Hinsicht eine entscheidende Rolle. Zwar werden psychologische Testverfahren heute durch eine Vielfalt anderer Verfahren ergänzt und in manchen Bereichen sogar abgelöst (Schuler & Prochaska, 1992), die Theorie und Technik des Testens hat jedoch eine lange Tradition und setzt auch heute noch methodische Standards in Bezug auf die bekannten, testtheoretischen Gütekriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität für alle diagnostischen Verfahren (Lienert & Raatz, 1994). Der Begriff „Test“ wird deshalb oft als Sammelbezeichnung für alle Prüfverfahren verwendet, die nach testtheoretischen Prinzipien konstruiert sind (Schuler & Funke, 1989).
Psychologische Tests gelten deshalb als objektiv, da sie strikt zwischen der Durchführung und der Urteilsbildung trennen. Ihre Konstrukte sind testtheoretisch fundiert und psychometrisch überprüfbar. Die Frageinhalte, ihre Durchführung und Auswertung sind standardisiert. In der psychologischen Eignungsdiagnostik werden vor allem Tests der allgemeinen Intelligenz, Leistungstests zur Prüfung allgemeiner Fähigkeiten, Persönlichkeitstests und Interessen- und Motivationstests eingesetzt (Gebert & von Rosenstiel, 1996). Inhaltlich beziehen sich diese Tests auf einen definierten Verhaltensbereich bzw. die entsprechende Eigenschaft (Schuler & Funke, 1995). Die Auswertung erfolgt normorientiert, d.h. Testergebnisse werden mit den Ergebnissen einer Referenzgruppe oder mit einem festgelegten Kriterienraster verglichen. Bezüglich der Akzeptanz von psychologischen Testverfahren bei Bewerbern gibt es seit den 70er Jahren (Grubitzsch, 1991) immer wieder heftige Diskussionen. Die Anwendung organisa- tionsinterner Testverfahren durch „selbsternannte (Taschen-)Psychologen in Personalabteilun-
Theoretischer Hintergrund 11
gen und eine verbreitete Testitis“ (Hesse & Schrader, 1988, S. 152) einerseits und eine mangelnde Transparenz und ein offensichtlich mangelnder Bezug zur Tätigkeit in den späteren Arbeitsfeldern andererseits führen zu Unbehagen und fehlender Akzeptanz bei Bewerbern, was Poortinga et al. (1982) zufolge bis zur Meidung solcher Auswahlverfahren und damit der Organisationen, die solche Verfahren anwenden, führt. Diese Entwicklung ist dafür verantwortlich, daß psychologische Testverfahren heutzutage fast nur noch bei der Auswahl von Auszubildenden eine Rolle spielen (Schuler, Frier & Kaufmann, 1992).
Computergestützte eignungsdiagnostische Einzelverfahren
Hierbei handelt es sich nicht um eignungsdiagnostische Einzelverfahren im eigentlichen Sinne, sondern um eine vergleichsweise neuartige Darbietungsform von Prüfverfahren wie Tests und Simulationen über das Medium Computer. Die bedeutendste Funktion liegt nach Schuler und Funke (1995) in der Rationalisierung der Durchführung und Auswertung, aber auch im Ansatz des adaptiven Testens, d.h. in der Optimierung der Itemauswahl, speziell für die zu prüfende Person. Es werden bereits verschiedene psychologische Leistungstests auf Computersoftware angeboten, ebenso ist es schon möglich, verhaltensorientierte Aufgaben via Computer darzubieten.
Als einen Vorteil computergestützter Eignungsdiagnostik (CED) nennen Schuler und Funke (1995) die im Vergleich zu Papier-Bleistift-Verfahren höhere Akzeptanz seitens der Bewerber, die Kersting (1998) als „mehr Spaß“ an den so dargebotenen Aufgaben dechiffrieren konnte. Die Verbreitung der Anwendung computergestützter eignungsdiagnostischer Einzelverfahren ist zum aktuellen Zeitpunkt als gering zu bezeichnen. Lediglich öffentliche Einrichtungen, wie beispielsweise die Bundeswehr oder die Bundesanstalt für Arbeit (Hilke, 1993) nutzen diese Darbietungsform für die standardisierte Eignungsuntersuchung mit psychologischen Testreihen bereits in größerem Maße.
Weitere Einzelverfahren
Weiterhin gibt es verschiedene Informationsquellen, die genutzt werden, um tatsächlich oder auch nur vermeintlich erfolgsrelevante Informationen über Personen zu sammeln. Schuler und Funke (1995) zählen darunter die Probezeit, die als zeitlich ausgedehnte Arbeitsprobe einer der validesten Prädiktoren späteren Berufserfolgs darstellt, die Graphologie, worunter man die Auswertung von Handschriftenmerkmalen versteht und ausdrucksdiagnostische Methoden, wie die Deutung von Mimik, Gestik, Körperhaltung und physiognomischen Merkmalen. Bezüglich graphologischer Gutachten berichten Schuler, Frier und Kauffmann (1992), daß diese in der Praxis lediglich bei der Auswahl von Führungskräften Anwendung finden, bei den Bewerbern jedoch auf eine geringe Akzeptanz stoßen. Die ausdrucksdiagnostischen Methoden sind metho- disch noch wenig erforscht und dazu sehr umstritten.
12 Kapitel 2
Tabelle 1 gibt einen Gesamtüberblick über die prognostische Validität, d.h. die Leistungsfähigkeit für die Vorhersage des Berufserfolgs, der hier aufgeführten eignungsdiagnostischen Instrumente und des im folgenden beschriebenen Assessment-Center-Verfahrens (Prädiktortypen).
Tab. 1. Mittlere Validitätskoeffizienten (max. 1.00) für die verschiedenen in der Eignungsdiagnostik eingesetzten Prädiktortypen (Daten aus Schuler & Funke, 1989 und Schuler & Funke, 1995).
Tabelle 2 (S. 13) gibt einen Überblick über die Einsatzhäufigkeit der verschiedenen eignungsdiagnostischen Verfahren zur externen Personalauswahl. Die Daten stammen aus einer vergleichenden Untersuchung der Personalauswahl bei insgesamt 105 Unternehmen in Europa von Schuler, Frier und Kauffmann (1992). Hier werden, im Hinblick auf die empirische Untersuchung im Feld, lediglich die auf die Auswahl von Führungskräften bezogenen Verwendungshäufigkeiten aufgeführt. Wiederum wird das im folgenden beschriebene Assessment-Center- Verfahren bereits mit aufgeführt.
Theoretischer Hintergrund 13
Tab. 2. Einsatzhäufigkeit (Prozentangaben) der verschiedenen eignungsdiagnostischen Verfahren zur externen Personalauwahl von Führungskräften auf unterer, mittlerer und höherer Ebene von insgesamt
105 untersuchten europäischen Unternehmen (Daten aus Schuler, Frier & Kauffmann, 1992).
2.1.3 Die Assessment-Center-Technik
Im Gegensatz zu den bisher dargestellten eignungsdiagnostischen Einzelverfahren stellt das Assessment-Center (AC) eine multiple Verfahrenstechnik dar, zu der mehrere der beschriebenen eignungsdiagnostischen Instrumente oder leistungsrelevanten Aufgaben zusammengestellt werden (Schuler & Funke, 1995). Ihren Ursprung findet diese Technik im deutschen Militär der zwanziger Jahre und dem Versuch der Verbesserung der Auswahlmethoden für Offiziersanwärter. Neu an der Methode war, daß eine ganze Reihe von unterschiedlichen Einzelverfahren Anwendung fand, um zu einem Endurteil zu gelangen, das von einem Beurteilerteam getroffen wurde. Dieser neue Ansatz wurde über England in die USA getragen und dort weiterentwickelt. Nach dem 2. Weltkrieg beschäftigten sich amerikanische Industriepsychologen mit diesem Auswahlverfahren und implementierten die AC-Technik in verschiedenen Wirtschaftsunternehmen. Anfang der 70er Jahre gelangte die Technik dann wieder nach Deutschland und wurde kurz darauf in der Industrie zur Personalauswahl eingesetzt (Jeserich, 1995).
Die Relevanz der AC-Technik innerhalb der heutigen Eignungsdiagnostik ist als hoch zu bezeichnen. Schuler (1992a) wagt die Prognose, daß es in den 90er Jahren kaum noch ein großes Unternehmen geben dürfte, das nicht mit der AC-Technik zumindest versuchsweise gearbeitet hat und Schuler, Frier & Kauffmann (1992) fanden in ihrer Untersuchung zur Personalauswahl im europäischen Vergleich heraus, daß besonders Trainees und Führungskräfte euro- paweit bevorzugt mit der AC-Technik ausgewählt werden. Aufgrund dieser praktischen Rele-
14 Kapitel 2
vanz und bezüglich der Fragestellung der vorliegenden Untersuchung, der Beurteilung eines AC in der Praxis unter dem Aspekt der sozialen Validität, wird hier eine ausführliche Beschreibung dieser Auswahltechnik vorgenommen. Um eine Vorstellung davon zu erhalten, worum es sich bei einem AC handelt, wird in Abbildung 3 vorweg ein prototypisches AC mit seinen verschiedenen Übungen dargestellt werden. Im folgenden Text wird dann näher auf die Besonderheiten der AC-Technik eingegangen.
Abb. 3. Veranschaulichung des Ablaufs eines prototypischen AC in der Praxis (angelehnt an Jeserich & Cornelli, 1991 und Fisseni & Fennekels, 1995).
Das AC ist ein Personalauswahl und -entwicklungsinstrument der betrieblichen Praxis (Fisseni & Fennekels, 1995; Gebert, 1992; Gebert, 1995; Gebert & von Rosenstiel, 1996; Jeserich, 1995; Lattmann, 1989; Schuler, 1992a, 1996; Schuler & Funke, 1995; Schuler & Prochaska, 1992; Schuler & Stehle, 1992). Als Aufgaben des AC beschreibt Schuler (1992a) die Selektion (Selektions-AC) und die Förderung (Potentialerfassungs-AC) von zumeist höher qualifizierten Mitarbeitern und Führungskräften. Neben dieser manifesten Funktion des AC nennt Schuler (1992a) mehrere latente Funktionen, wie die Diskussionsmöglichkeit über die Führungskultur eines Betriebs, die Möglichkeit des sozialen Vergleichs und der Selbsteinschätzung bei den Teilnehmern, die Möglichkeit, einen systematischen Überblick über den Nachwuchs zu bekommen und die Möglichkeit, Leistungsdefizite im Unternehmen aufzuspüren. Lattmann (1989) nennt als eine weitere „Nebenwirkung des AC“ (S. 27) die Ausbildung und Entwicklung der als Beurteiler wirkenden Mitarbeiter, die im organisationspsychologischen Sinne zu einer Führungskultur der Förderung aller Mitarbeiter beiträgt.
Theoretischer Hintergrund 15
Die Definition Neubergers (1989) gibt in prägnanter Form die wesentlichen Charakteristika des AC wieder. Danach ist das AC die Kurzbezeichnung für eine Klasse eignungsdiagnostischer Verfahren, die dadurch gekennzeichnet sind, daß gleichzeitig mehrere Kandidaten mit mehreren Verfahren untersucht und dabei von mehreren Beurteilern (auf zwei Kandidaten kommt durchschnittlich ein Beobachter) im Raster mehrerer Dimensionen beobachtet und bewertet werden. Als Dimensionen der Beobachtung und Beurteilung nennt Jeserich (1995) die soziale Kompetenz, Denk- und Planungskompetenz, Intrapersonale Kompetenz und Aktivität, Leistungs-/Führungs-orientierung. Fachliche Fähigkeiten werden im allgemeinen ausgeklammert. Diese Dimensionen sind, wenn auch mit unterschiedlichen Namensgebungen, in den meisten AC zu finden (vgl. Sowarka & Sarges, 1995).
Die Dimensionen haben sich allerdings als zentrales methodisches Problem der AC-Technik herausgestellt (Eckardt & Schuler, 1992; Schuler, 1992a). So schreibt Schuler (1992a), daß es um die Konstruktvalidität des AC „nicht gut bestellt“ ist. Nach wie vor muß als ungeklärt gelten, was den Urteilen der Beobachter zugrunde liegt. Die Bemühungen der Konstruktvalidierung sind bis heute unbefriedigend. Die konvergente und diskriminante Validität sind bisher unzulänglich, die Einstufung verschiedener Merkmale innerhalb der gleichen Auswahlaufgabe sind generell höher korreliert als Beurteilungen jeweils gleicher Merkmale über verschiedene Aufgaben hinweg (Eckardt & Schuler, 1992; Kleinmann, 1997a; Kleinmann, Exler, Kuptsch & Köller, 1995; Sackett & Dreher, 1982). Der Schluß liegt nahe, das Beobachter recht gut in der Lage sind, erfolgsrelevantes Verhalten einzuschätzen, die Einschätzung von Eigenschaftsmerkmalen jedoch unzulänglich ist. Zur Erhöhung der Konstruktvalidität fordert Schuler (1992a) weitere Forschung auf dem Gebiet der Urteilsprozesse, die parallele Anwendung anderer eignungsdiagnostischer Verfahren, den Vergleich mit mehreren Außenkriterien, experimentelle Variationen, Verfahrenswiederholung und testtheoretische Analysen der AC-Aufgaben. Dagegen ist im allgemeinen eine inhaltliche Validität der AC-Aufgaben gegeben, da sie üblicherweise von offensichtlicher Relevanz für die spätere Berufstätigkeit sind (Fisseni & Fennekels, 1995). Bezüglich der Prognosesicherheit des AC bezogen auf seine Einsatzgebiete, stellt Jeserich (1995) fest, daß die AC-Technik nach wie vor mit mittleren Validitätswerten von r = 0.37 zu den prognostisch validesten Verfahren zählt (vgl. auch Thornton, Gaugler, Rosenthal & Bentson, 1992). Diese Aussage muß allerdings relativiert werden. Fisseni und Fennekels (1995) weisen zurecht darauf hin, daß der Vergleich des Validitätsgesamtwertes eines AC mit dem eines Einzelverfahrens unzulässig ist. Die Frage der Validitätsgeneralisierung wird kontrovers diskutiert. Fisseni und Fennekels (1995) vertreten den Standpunkt, daß jedes AC ein Spezifikum der jeweiligen Organisation darstellt und eng verzahnt ist mit den innerbetrieblichen Anforderungen und dem daraus abgeleiteten Personalentwicklungskonzept.
Fisseni und Fennekels (1995) nennen als wesentliche Charakteristika der AC-Technik die Anforderungsnähe und Beobachtungs- bzw. Verhaltensnähe der einzelnen Aufgaben, sowie die Verfahrens- und Beobachtervielfalt. Dabei stellt die Verhaltensorientierung das zentrale Bestimmungsstück des AC dar. Während beispielsweise das Interview oder der Fragebogen eine Deskription von Merkmalen erheben und damit Auskunft über Auskünfte geben, welche die befragten Bewerber über sich erteilen, bezieht sich das AC nicht auf die kognitive Repräsentanz, die eine Person von ihren Merkmalen entwickelt hat. Diese ist zwar zur Erfassung der Gesamtperson unersetzlich, da nur sie Einblicke in die Subjektivität eines Menschen gewährt, doch die kognitive Repräsentanz läßt sich verfälschen. Eine Person kann über ihre Kompetenz in sozial erwünschter Weise Auskunft geben. Im AC ist jeder Teilnehmer genötigt, seine Kompetenzen in manifestem Verhalten darzustellen. Protokollierte Verhaltensbeschreibungen sind das einzige Mittel, zwischen tatsächlichem Teilnehmerverhalten und Interpretationen oder Schlußfolgerungen der Beobachter zu unterscheiden. Die Basis der Beobachtung und Bewertung von Eignung im AC ist das beobachtbare Verhalten der Teilnehmer. Damit ähnelt die AC-Technik im psychologisch diagnostischen Sinne eher einem Leistungs- als einem Persönlich- keitstest, da vom Teilnehmer eine Verhaltensrealisation und keine Verhaltensdeskription gefor-
16 Kapitel 2
dert wird. Personmerkmale werden in sich selbst erfaßt. Verhaltensorientierte AC-Aufgaben beziehen sich nicht auf die kognitive Repräsentanz, die eine Person von ihren Merkmalen entwickelt hat, sondern auf die Merkmale selbst. Als gebräuchlichste Einzelverfahren im AC nennen verschiedene Autoren (vgl. Gebert, 1995; Jeserich, 1995; Lattmann, 1989) übereinstimmend: individuell auszuführende Arbeitsproben und Aufgabensimulationen, Gruppendiskussionen mit und ohne Rollenvorgabe, Vorträge und Präsentationen, Rollenspiele (meist dyadisch, z.B. Einstellungsinterview, Verkaufsgespräch), Interview, Wirtschaftsspiele, Problemlöseaufgaben, Fähigkeits- und Leistungstests, Persönlichkeits- und Interessentests, biographische Fragebogen und Lockerungsübungen. Die zeitliche Länge eines AC kann zwischen einem Tag und mehreren Tagen variieren (Lattmann, 1989). Die Beobachter erhalten im Vorfeld des AC ein Beobachter- bzw. Beurteilertraining (Fisseni & Fennekels, 1995). Im sogenannten Entwicklungs-AC werden im Idealfall am Ende der Auswertung für jeden Teilnehmer Maßnahmen festgelegt, die seiner weiteren Entwicklung zugute kommen sollen (Jeserich, 1995). Sarges (1995) beschreibt mit dem Einzel-AC und dem Lernpotential-AC weitere Varianten der AC-Technik, zu denen auch die Entwicklung eines interkulturellen AC (vgl. Kühlmann, 1995) zählt. Einer adäquaten Ergebnisrückmeldung an die Teilnehmer eines AC kommt nach Schuler und Funke (1995) eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg einer Personalentwicklungsmaßnahme zu, da die Rückmeldung so gestaltet sein muß, daß sie Reflexions- und nicht Abwehrprozesse anregt (vgl. auch Farr, 1993; Dickinson, 1993).
Die Akzeptanz seitens der Bewerbern wird bei Jeserich (1995) als sehr hoch beschrieben. Diese Akzeptanz kann vermutlich auf die Transparenz, die Augenscheinvalidität und die Chancengleichheit durch den Einsatz mehrerer Beobachter im AC-Konzept zurückgeführt werden. Die Aussage korrespondiert mit Ausführungen von Schuler und Stehle (1983, 1985) und Holling und Leippold (1991), die dem AC als Personalauswahlinstrument im Vergleich zu anderen Auswahlverfahren per se eine hohe soziale Qualität zusprechen, welche eine hohe Akzeptanz seitens der Teilnehmer zur Folge hat. Auch Schuler, Frier & Kauffmann (1992) berichten von einer hohen bis mittleren Akzeptanz der AC-Technik bei den Bewerbern. Dieser Befund wird im späteren Verlauf noch weiter diskutiert.
2.1.4 Fazit
Die Personalauswahl als Teilgebiet der angewandten Psychologie stellt im Zeichen der zunehmenden Relevanz einer systematischen qualitativen Personalarbeit in Organisationen ein wichtiges Feld der Forschung und Praxis im Dialog dar. Dabei spiegelt die aktuelle Praxis der Personalauswahl in Organisationen die klassische Ausrichtung der Personalauswahlforschung wider. Diese hat sich lange Zeit hauptsächlich mit den methodisch-technischen Fragestellungen des Einsatzes eignungsdiagnostischer Instrumente auseinandergesetzt, woraus sich ein reines „Instrumentenverständnis“ von psychologischer Eignungsdiagnostik entwickelt hat. Dieses führte dazu, daß die unterschiedlichsten eignungsdiagnostischen Verfahren von den verschiedensten Professionen innerhalb einer Vielzahl von Berufsfeldern in persönlich präferierter Art und Weise eingesetzt, d.h. zur Beschaffung persondiagnostischer Informationen verwendet wurden.
Mit der Darstellung der Grundzüge psychologischer Eignungsdiagnostik und einzelner Auswahlverfahren wurde die methodisch-technische Perspektive, die dem Blickwinkel des Anwenders, also des Arbeitgebers, entspricht und die ohne Zweifel Grundlage einer wissenschaftlich fundierten psychologischen Personalauswahl ist, beschrieben. Betrachtet man Personalauswahl allerdings als zweiseitigen Prozeß, an dem sowohl Arbeitgeber als auch Bewerber beteiligt sind, greift das methodisch-technische Wissen zu kurz. Es muß um das Bewerbererleben in der eignungsdiagnostischen Situation erweitert werden. Angaben zur Bewerberseite, zur Akzeptanz einzelner Verfahren seitens der Bewerber und zum Erleben der eignungsdiagnostischen Situati-
Theoretischer Hintergrund 17
on sind jedoch spärlich. Wo sie vorhanden sind (vgl. Schuler, Frier & Kauffmann, 1992) ist die Operationalisierung der Akzeptanz durch das eindimensionale Rating „voll akzeptiert“, „eingeschränkt akzeptiert“ und „nicht akzeptiert“ eher als dürftig zu bezeichnen. Somit ist es kein Zufall, daß in den vorstehenden Ausführungen das Thema „Bewerbererleben“ eher kursorisch unter dem Stichwort der „Akzeptanz“ mit aufgeführt wurde. Rynes (1993a,b) schreibt dazu, daß die Fragestellung des Bewerbererlebens in der Literatur zur Personalauswahl nach wie vor eher anekdotisch abgehandelt wird (vgl. auch Hesse & Schrader, 1988).
Besonders bei der Auswahl qualifizierter Mitarbeiter und Führungskräfte, die den Arbeitgebern nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, ist die Erweiterung der methodisch-technischen Perspektive um die Perspektive des Bewerbererlebens aus organisationspsychologischer Sicht notwendig. Diese Erweiterung ist Gegenstand der folgenden Kapitel, wobei zunächst mit der Beschreibung der eignungsdiagnostischen Situation der Einsatzort von Auswahlinstrumenten näher beleuchtet werden soll. Die Begründung der Relevanz des Interesses am Bewerbererleben wird dann überleiten zum Bewerbererleben von Auswahlverfahren und damit zum Konzept der sozialen Validität.
2.2 Die eignungsdiagnostische Situation in der Personalauswahl
Herriot (1989) beklagt, daß die eignungsdiagnostischen Instrumente der Personalauswahl zu oft isoliert von der sozialen Situation und damit ihrem Einsatzort betrachtet werden. Es wird zuwenig berücksichtigt, daß mit dem Einsatz von Auswahlinstrumenten stets wenigstens zwei Personen in Kontakt treten, ein Bewerber und ein Instrumentenanwender. Damit ergibt sich im Sinne Goffmans (1964) zwangsläufig eine soziale Situation, da „a social situation arises whenever two or more individuals find themselves in one another’s immediate presence, and it lasts until the next-to-last person leaves“ (p. 135).
Vor dem Hintergrund, daß kaum Überblicke und Vorstellungen zu Gestaltungserfordernissen und -möglichkeiten der Auswahlsituation existieren (Eckardt & Schuler, 1992), wird hier zuerst eine Beschreibung der Besonderheiten dieser eignungsdiagnostischen Situation gegeben.
2.2.1 Kennzeichen der eignungsdiagnostischen Situation
Das aktuelle Verhalten eines Menschen ist immer ein Verhalten in einer konkreten Situation. Das Verhalten wird dabei - das haben die Ergebnisse der Differentiellen Psychologie belegt (z.B. Amelang & Bartussek, 1990) - sowohl von Merkmalen der Person als auch von Merkmalen der spezifischen Situation bestimmt. Schuler (1992a) nennt als Beispiel den Offizier, der am Badestrand zumeist weniger kommandiert als auf dem Kasernenhof. Die eignungsdiagnostische Situation läßt sich allgemein zu den psychologisch diagnostischen Situationen zählen. Diese stellen eine besondere Art sozialer Situationen dar und müssen von Alltagssituationen abgegrenzt werden. Die Besonderheit sieht Jeserich (1995) zum einen in den Chancen, die sich aus dem Abschneiden für den Bewerber ergeben, und der dadurch individuell antizipierten, erlebten und verarbeiteten Belastung - Rynes (1993a) schreibt „job search is often a highly unique and life-central event“ (p. 34) - zum anderen darin, daß die Entscheidung, die sich aus der diagnostischen Situation ergibt, zwischen dem Risiko bzw. dem Nutzen einer Einstellung für den Arbeitgeber im Sinne einer Kosten-Nutzen-Überlegung zu vermitteln hat. Die von Spitznagel (1982) dargestellten invarianten Charakteristika psychologisch diagnostischer Situationen, die asym-
18 Kapitel 2
metrische Regelung des Informationsaustauschs, die Vertraulichkeit in der Situation und die Reaktivität der Situation, gelten auch für die eignungsdiagnostische Situation. Diese läßt sich sozialpsychologisch als Rollenbeziehung zwischen (wenigstens) einem Bewerber und (wenigstens) einer auswählenden Person charakterisieren. Abbildung 4 gibt diese Rollenbeziehung zwischen Individuum und Organisation wieder und zeigt gleichzeitig deren Konfliktpotentiale auf.
Abb. 4. Die Attraktions-Auswahl Situation (modifiziert nach Porter, Lawer und Hackman, 1975).
Die Rollenbeziehung zwischen Individuum und Organisation ist gekennzeichnet durch eine asymmetrische Regelung des Informationsaustauschs zwischen Bewerber und auswählender Person (Spitznagel, 1982). Der Diagnostiker muß innerhalb kürzester Zeit alle diagnostisch notwendigen Informationen über den Bewerber gewinnen, um eine Auswahl treffen zu können. Dies kann im Konflikt zur Absicht stehen, einem Bewerber so attraktiv wie möglich zu erscheinen (Konflikt 1. Art), auch wenn die einseitige Selbstenthüllung des Bewerbers funktional legitimiert ist, d.h. der Bewerber, der einen Arbeitsplatz sucht, sich bewußt und freiwillig darauf einläßt. Die Bemühungen seitens des Bewerbers, so viele Informationen wie möglich über den potentiellen zukünftigen Arbeitgeber zu erhalten, um eine Organisationswahl vorzunehmen, können in gleicher Weise mit seiner Absicht in Konflikt treten, so attraktiv wie möglich zu erscheinen (Konflikt 1. Art). Die normative Regelung des Auskunftgebens und Auskunfverlangens ist auf beiden Seiten durch ethische Überlegungen einerseits - Schutz der Privatspähre, Schutz der Vertraulichkeit (Pulver, Lang & Schmid, 1978; Schuler, 1980) - und rechtliche Bestimmungen andererseits - Auskunftverweigerungsrecht, Regelungen zur Mitbestimmung des Betriebsrats/Personalrats bei der Personalauswahl (Oechsler, 1997) - mehr oder weniger eindeutig begrenzt.
Mit der Selbstenthüllung kommt es zwangsläufig zur Veröffentlichung privater Informationen, die außerhalb einer eignungsdiagnostischen Situationen von der Einschätzung abhängig gemacht wird, ob und inwieweit das Gegenüber vertrauenswürdig ist. In diesem Zusammenhang nennt Spitznagel (1982) als zweite Invariante diagnostischer Situationen die Vertraulichkeit in der Situation. Durch die Zusicherung der Vertraulichkeit soll das für den Bewerber mit einer Selbstenthüllung verbundene Risiko des Informationsmißbrauchs verringert werden, wodurch seine Offenheit in der Situation und damit die mitgeteilte Informationsmenge zunehmen soll.
Ein weiters Kennzeichen der eignungsdiagnostischen Situation sieht Spitznagel (1982) in der Reaktivität, d.h. dem Wissen des Bewerbers, beobachtet zu werden. Dieses Wissen ver- ändert das Verhalten des Bewerbers und führt zum sogenannten „impression management“ (Te-
Arbeit zitieren:
Dipl. - Psychologe Hans-Georg Willmann, 1998, Personalauswahl in einer Non-Profit-Organization - Ein empirischer Beitrag zum Konzept der sozialen Validität, München, GRIN Verlag GmbH
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