§ Es gab eine Bewegung von der Orthodoxie zum Reformjudentum, eine Annäherung an die protestantische Liturgie, wenig religiöses Leben, erst mit späteren Generationen wurde dies wieder stärker - es kamen auch deutschsprachige Rabbis und Mohels (Beschneider)
§ Jetzt gab es schon drei jüdische Gruppen in den USA: Reform-, konservative, und orthodoxe Juden
• Alle drei dynamischer als anderswo
§ Viele Juden wußten schon, was sie erwartet, denn Benjamin Franklin’s Erfolgmythos wurde schon früh ins Jiddishe übersetzt
§ Viele Juden kamen aus Süddeutschland und waren oft “Leaders”
• Beispiel: Guggenheims aus der Schweiz, mußten ins Ghetto durch soziale Einschränkungen und Schikanen, ein Teil wanderte nach Philadelphia aus. Arbeiteten als Peddler (Hausierer, z.B. Ofenpolitur), arbeiteten sich hoch zu Kupferminenbesitzern mit immensem Reichtum
§ 1881: Ermordung des Zars Alexander II è wieder stärkerer Antisemitismus è verstärkte Auswanderung aus dem “Pale” in Osteuropa
§ Ab 1892 Ellis Island als Anlaufstation, vorher Castle Garden
§ Innerhalb einer Generation überholten die osteuropäischen Juden die deutschen zahlenmäßig:
• Auswanderungsmotive: Überbevölkerung, Schmutz, Armut, Pogrome (hier aber kein linearer Zusammenhang)
• Politisch meist radikaler: Sozialismus
• Manche gingen zu Fuß (!) zur nächsten Hafenstadt, um nach Amerika auszuwandern
• Machten sich meist zur permanenten Auswanderung auf
• Großteil: skilled workers (Weber, Schneider, etc.)
• Andere Eßkultur
• Waren oft durch ein hartes Leben schon abgehärtet - Trotzdem sehr hohe Belastungen
• Einige konnten sich aus der Unterschicht herausarbeiten
§ Anfangs-Siedlungsgebiet: Lower East Side, Manhattan - sehr hohe Bevölkerungsdichte, Tenement Houses
§ Die schon angesiedelten Juden befürchteten Armut und neu aufkommende politische Denkweisen (Sozialismus)
§ 43% der jüdischen Einwanderer waren Frauen (sehr hoher Anteil)
§ Es bildeten sich eigene Wohnviertel je nach Herkunft (Wohnsegregation), innerhalb der Viertel jedoch trotzdem sehr heterogen, auch hier ein “lockeres” religiöses Leben anfangs
§ Es kam durch die Einwanderung auch zu einer Renaissance des jüdischen Lebens in Amerika, zu einer “Affirmation der Jiddishkeit” - mehr Rituale und Religiosität
§ Die Juden zogen vermehrt in die Städte und waren oft “Arbeiter und Intellektuelle in einem”
§ Binnenmobilität war höher als im Herkunftsland
§ Schulsituation: Deutschsprachige Juden bildeten die Lehrerschaft, unterrichteten auch osteuropäische Juden und Christen
§ Im Wirtschaftsleben wurde Selbständigkeit angestrebt
§ Frauen haben meist im eigenen Geschäft mitgeholfen, als Schneiderin, Händlerin (z.B. Fisch), etc.
§ Stetige Zuwanderung bewirkte Neubau von Synagogen - bald gab es mehr orthodoxe als reformerische
§ Es kam auch zu einer Aufspaltung in kleinste Gruppen durch religiöse Meinungsverschiedenheiten
§ 1880 - 1890: Zuwachsrate des jüdischen Bevölkerungsanteiles: 15%, Heute um 1%
§ Zwischen 1881 und 1914 kamen 1,4 Millionen Juden nach Amerika (ca. 1/3)
§ Massenbewegungen auch aus Teilen ohne Pogrome (Frieden, Freiheit, Land, Veränderung)
§ Orthodoxe Rabbiner befürchteten, daß dort der Glaube verloren geht
§ Im 19 Jh. war die Lebensqualität und Akzeptanz der Juden höher als in Europa - in Europa wurden Juden oft nachts noch in die Ghettos gesperrt
§ In den USA gab es immer noch eine Missionsbewegung, aber mit wenig Erfolg
§ 1917: Balfour Declaration: Errichtung eines Judenstaates wird gefordert (Zionismus)
§ Die Orthodoxen sind keine Zionisten, da ihrer Ansicht nach der Messias erst kommen muß, um sie ins gelobte Land zu führen
§ Insgesamt wurden Mischehen immer mehr akzeptiert
§ Nach dem 2. Weltkrieg gab es immer mehr jüdische Einzelgruppen: Reformjuden, Konservative, Orthodoxe, Ultraorthodoxe, Randgruppen
§ Heute:
• Es gibt mehr Juden in den USA als sonstwo (2,5 - 3%)
• Oberschicht (2/3 Akademiker oder leitende Angestellte)
• Überdurchschnittliches Einkommen
• 1/3 sind self-employed
• Sub-urbane Lebensweise
• 80% in den 10 größten Städten
• obwohl sie eine kleine Minderheit sind, sind bei offiziellen Angelegenheiten immer ein evangelischer Priester, ein katholischer Pfarrer und ein Rabbi dabei
• Juden sind im politischen Leben überrepräsentiert
• Knapp ¼ der 400 reichsten Familien
• Über 8% des “who’s who”: Juden
• College Graduates - 8%: Medizin und Jura, Biochemie, etc. Überrepräsentation. Immer mehr werden Sozialwissenschaften studiert (è Reformtendenzen). Juden v.a. an Eliteunis stark repräsentiert
• Top-Executives: 5%, in den wichtigsten Wirtschaftszentren nur wenige Juden (z.B. Handelsbanken: 1%) è insgesamt keine Disproportionalität
• 3% der Tageszeitungsbesitzer Juden
• Kulturelle Elite: 12% Juden
• Aufgrund der Akademisierung der Werbebranche haben Juden im letzten Jahrzehnt Einfluß bekommen: College-Studenten mit Humor und wissenschaftlichen Techniken, Juden jetzt eher überrepräsentiert
• An den führenden Universitäten sind 20% der Professoren Juden; sie publizieren überdurchschnittlich viel und verdienen deshalb auch mehr
• Politische Präferenz: Liberal oder linksliberal, seit den 80ern aber auch eine starke neokonservative Gruppe (Sprachrohr: „Commentary“)
• Juden leben immer noch oft in jüdischen Vierteln è Kulturbewahrung
• Geringe Scheidungsrate, relativ hohe Familienstabilität
• Trotz Heirat wird die Ausbildung fortgesetzt
• Rituale spielen insgesamt eine größere Rolle als Dogmen: „Orthopraxis wird größer geschrieben als Orthodoxie“, Rituale vor allem bei den Ultraorthodoxen
• Weit verbreitet: „Compartmentalization“: Man nimmt am politischen und sozialen Leben teil, behält aber seine ethnischen Wurzeln bei: eigene Sphäre für Religion und Familie, Doppelstrategie
• Oft werden von den 617 Geboten im Talmud nur noch 2 praktiziert (zu Fuß zur Synagoge gehen und Milch und Fleischspeisen trennen)
• Die Zahl der Diaspora-Juden sinkt, wie auch der Prozentsatz der Juden in den USA
• Die Kulturproduktion der Juden (Bücher, etc.) ist sehr wichtig und „unsterblich“
• Mehrere Seitenströmungen:
• Pedriatisches Judentum: man macht schon seine Kinder mit Bräuchen vertraut
• nostalgisches Judentum
• gastronomisches Judentum
• gefühlsmäßiges Judentum (es ist wichtig, sich als Jude zu fühlen)
• Es besteht die Befürchtung, daß der jüdische Glaube Mainstream wird - wegen Mischehen, englischer Gebete, keiner Geschlechtertrennung in Synagogen, etc. è Kein „Survival“ der Juden und ihrer Kultur und Religion? Dagegen spricht:
• Wiederbelebung des Jiddishen, man kann es auch studieren
• Synagogen werden wiederbelebt
• Das Studieren des Talmuds aus Interesse, Jewish Studies erleben einen Aufschwung
• Andere Juden finden Amerika als Standort ideal
Statistiken: Calvin Goldscheider: Jewish Continuity and Change; S.M. Lipset: A Unique People in an Exceptional Country, aus: American Pluralism and the Jewish Community (1990); Charles Silberman: A Certain People: American Jews and their Lives today (1985)
Jüdische Organisationen, Platforms und Glaubensrichtungen
§ Organisationen für den Zusammenhalt des Judentums:
• B’nai B’rith (1843), eine der Benevolent Societies: Kreditverband und Einwanderungshilfe
• YMHA (1854)
• National Council of Jewish Women (1893)
• American Jewish Committee (1906)
§ Reformjudentum, dominant, verschiedene Statements:
§ Pittsburgh Platform (1871): Vernunft, ökumenisch, anti-zionistisch, sozial, Transzendentalismus, weniger Traditionen, Fortschritt
§ Osteuropäische Einwanderer, Konflikte è Columbus Platform (1937): Common History, Zionismus, Tora (= 5 Bücher Mose), jüdische Gesetzlichkeit, Rituale
§ San Francisco Platform (1976): wenig offensiv und milde, Zionistisch
§ Miami Platform (1998): vom “100th anniversary of the first World Zionist Congress”, Reformjuden sollen hebräisch lernen und Israel besuchen - Israel sollte als demokratischer, pluralistischer Staat weiterexistieren
§ Jewish Theological Seminary (1886), konservativ:
• Tora, Gebetsschal, Traditionen, Rituale, Offenbarung
§ Yeshiva Universität bildet orthodoxe Rabbiner aus
§ Untergruppen:
Arbeit zitieren:
Patrick Hammer, 1999, Juden in den USA, München, GRIN Verlag GmbH
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