Der Minnesang
von Yvonne Vitt
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Ursprung des Minnesangs
3. Entwicklungsstufen
3.1 Früher donauländischer Minnesang
3.2 Minnesangs Frühling
3.3 Blütezeit des Minnesangs
3.4 Wende des Minnesangs
4. Formaler und musikalischer Aufbau der Minnedichtung
5. Themen und Inhalte des Minnesangs
6. Formen der Minne
7. Zur Überlieferung / Stand der Forschung
8. Schlussbetrachtung
1. Einleitung
In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erfuhr die deutsche Dichtung einen Wandel enormen Ausmaßes: An die Stelle des Klerus als Repräsentant der geistigen Kultur trat nunmehr das Rittertum mit seinen Idealen und Tugenden. Das Kloster, das einst als Wahrzeichen des kulturellen Weltbildes diente, verlor an Wichtigkeit und wurde hinsichtlich seiner repräsentativen Aufgabe durch die imposanten Burgen der Ritter abgelöst. Der kulturellen Veränderungen entsprechend vollzog sich ebenfalls ein Wandel innerhalb der mittelalterlichen Dichtung. Behandelten die größtenteils dem Klerus angehörigen Autoren zumeist geistliche Themen oder biographische Auszüge adeliger Personen1, so wandte man sich jetzt verstärkt weltlichen Themen zu.
In dieser Zeit entwickelte sich das ritterlich höfische Epos, das zum einen antike Stoffe wie z.B. die Geschichte um Alexander den Großen oder den Krieg um Troja behandelte, zum anderen den französisch-bretonischen Stoffkreis, dem sich beispielsweise Arthus- und Gralssage zurechnen lassen, aufgriff, und des weiteren auch die französischen Heldenepen, die sich insbesondere um die sagenumwobene Person Karls der Große drehten, nicht außen vor ließ. Bei den ritterlich-höfischen Epen, handelte es sich um eine Standesdichtung, eine Dichtung also, deren Adressanten- und Rezipientenkreis gleichermaßen dem Ritterstand angehörte. Von Spielleuten vorgelesen2, wurde durch diese Gattung, die sich mir ihrer Versreinheit und -rhythmik als eine gehobene Dichtersprache darstellte, ein Idealbild geschaffen, das als Maßstab des ritterliche n Lebens diente.3 Eine weitere Standesdichtung des Rittertums bildeten die Volksepen. Die Bezeichnung dieser Gattung rührte demnach nicht vom Adressanten- oder Rezipientenkreis, sondern vielmehr vom Inhalt, der das heimische, dem Volk gut bekannte, von heidnischen Elementen geprägte Sagengut zum Gegenstand machte.4 Als wohl berühmtestes aller Volksepen gilt noch heute das Nibelungenlied, dessen Autor bis heute unbekannt geblieben ist. Die dritte Gattung, die sich neben dem ritterlich-höfischen und dem Volksepos entwickelte, widmete sich ebenfalls einem weltlichen Thema – der Minne. Liebesbotschaften, die unerhörte Anbetung der Frau und die schmerzliche Trennung der Liebenden sind nur einige der Themen, denen sich der Minnesang widmete. Auf den folgenden Seiten soll nun die Entwicklungsgeschichte anhand der verschiedenen Phasen des Minnesangs erörtert werden.
2. Zum Ursprung des Minnesangs
[...]
1 Vgl. Annolied und Kaiserchronik
2 Man verzichtete hier auf einen freien Vortrag und bevorzugte das gelesene Wort.
3 Heinrich von Veldeke gilt mit seinem Werk ‚Eneide’ als Begründer des ritterlich-höfischen Epos, gefolgt von Hartmann von Aues Werken ‚Erec’, ‚Gregorius uf dem Steine’, ‚Der arme Heinrich’ und ‚Iwein’. Auch Wolfram von Eschenbachs ‚Parzival’ und die Bearbeitung von Tristan und Isolde durch Gottfried von Straßburg sind dieser ritterlich-höfischen Dichtung zuzuordnen.
4 Des weiteren darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass das gemeine Volk derzeit nahezu analphabetisch war und sein Volksgut in mündlicher Tradition überlieferte.
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Yvonne Vitt, 2002, Der Minnesang - Ein entwicklungsgeschichtlicher Einblick in eine literarische Form mittelhochdeutscher Dichtung, München, GRIN Verlag GmbH
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