Gliederung
A. Einführung - Wie spät war es am Anfang oder Was ist Zeit? 4
B. Kants transzendentale Ästhetik und ihre Bedeutung für die neuzeitliche
naturwissenschaftliche und philosophischen Zeit-Interpretation. 5
I. Zur subjektiven bzw. objektiven Bestimmung der Zeit 5
1. Der objektive Zeitbegriff und seine Bedeutung für die Naturwissenschaft 6
2. Der subjektive Zeitbegriff und seine Bedeutung für die Geisteswissenschaften. 10
II. Zur Zeit-Interpretation bei Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ 12
1. Immanuel Kants Zeit-Interpretation in der „Kritik der reinen Vernunft“ 12
2. Thesen zur Zeit-Anschauung bei Immanuel Kant 16
2.1 Die 1. These: Zur Apriorität der Zeit 16
2.2 Die 2. These: Zur Apriorität und den Vorstellungen der Zeit 16
2.3. Die 3. These: Zu den Erscheinungen in der Zeit 17
2.4. Die 4. These: Zeit als reine Form der sinnlichen Anschauung. 17
2.5. Die 5. These: Zur Unendlichkeit der Zeit 17
3. Zu Inhalt und Methode der Zeit-Interpretation in der „Kritik der reinen Vernunft“ 18
3.1 1. Interpretationsansatz: Raum-Zeit-Idealismus. 18
3.2 2. Interpretationsansatz: Raum und Zeit als Anschauungsformen. 19
3.3 3. Interpretationsansatz: Raum und Zeit für den Gebrauch der Wissenschaft 19
3.4 4. Interpretationsansatz: Von der Anthropologie zur Epistemologie 19
3.5 5. Interpretationsansatz: Kritik der reinen Vernunft als „Metaphysik von
der Metaphysik“ 20
III. Neuzeitlicher Entwurf von Kants Zeit-Interpretation innerhalb der
Transzendentalphilosophie. 20
1. Die Zeit und Kants religionsphilosohische Frage: „Was dürfen wir hoffen?“ 21
2. Die Zeit als „Freiheit durch Kausalität“ im Umkehrschluß zu I. Kant. 21
3. Die Zeit und ihre „neutrale Dimension“ als „Gebiet des Naturbegriffs“ im Sinne Kants
23
4. Die Feldtheoretische Transzendentalphilosophie 24
C. Schlußbetrachtung - Zur Interpretation der Zeit und ihrer rein sinnlichen Anschauung bei
Immanuel Kant 30
Anhang. 32
Literaturverzeichnis. 33
2
A. Einführung - Wie spät war es am Anfang oder Was ist Zeit?
Was oder wer treibt die Zeit an, läßt sie entstehen und vergehen, verweilen, fließen oder rasen? Zum zweiten möchte mancher, gar als Betroffener, gern wissen, wen oder was alles die Zeit eigentlich mit ihrem Druck auf Trab und in Bewegung hält, voranpeitscht und eben (an)treibt. Schließlich mag einer auch neugierig erkunden wollen, wie es der Zeit so geht und was sie halt den ganzen Tag treibt. Die kleine Frage, was die Zeit treibe, fragt also nach Subjekt, Objekt und Tätigkeitsinhalt. Zunehmende Zeitsensibilität ist ein Symptom für das Fortschreiten unseres Zivilisationsprozesses. Vieles dreht sich um die Zeit. In Phasen kulturellen Umbruches und Übergangs mag Zeit zum thematischen Kern des Lebensstils werden. Das Fragen nach der Zeit gehört zu den ungelösten Urfragen der Menschen, schlägt Brücken, verbindet Disziplinen und schafft Kontaktstellen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Kulturen. Es wird sowohl überlegt, was Zeit überhaupt sei, als auch, was wir mit ihr anfangen sollen, wie auch, was die Zeit mit uns anstellt. Antworten auf diese Fragen sind ausschlaggebend für das Verständnis von Natur, Technik, unseres Alltagslebens - des woher, Wohin und Wozu des Menschen. Was ist Zeit? Gibt es sie überhaupt, und wenn, dann seit wann? Wie spät war es Anfang? 1 Was ist Zeit und/oder was ist Ewigkeit?
Nach der Ansicht von Immanuel Kant (1724-1804), dessen transzendentale Elementarlehre der Zeit und ihrer Bedeutung für die neuzeitliche philosophische und naturwissenschaftliche Debatte mit diesem Essay untersucht werden soll, gibt es zwei reine Formen der Erkenntnis apriori - Raum und Zeit. Raum und Zeit seien keine Begriffe des Denkens, sondern haben Anschauungscharakter. Zeit sei kein Begriff, sondern eine notwendige Vorstellung, die der Wahrnehmung zugrunde liegt. Der innere Sinn der Zeit sei hierbei dem äußeren Sinn des Raumes übergeordnet, denn alles Räumliche müsse zeitlich angeschaut werden. Die Zeit ist nichts, hat nur empirische, aber keine absolute Realität und ist lediglich subjektive Bedingung unserer Anschauung.
Die Debatte zur Bestimmung der Zeit, ihrer Struktur, ihrem Verlauf und ihre Beziehung zur Ewigkeit bzw. ihre Bedeutung für Mensch und Natur, als objektiv-physikalische oder subjektiv-psychologische Zeit, hat seit der Antike immer wieder zu Diskussionen und Interpre-
1 KurtWeis, Was treibt die Zeit? München, 1998, S. 8
4
tationen geführt. Im Folgenden sollen nun verschiedene Zeit-Interpretationen mit Hilfe ausgewählter Beispiele aus Wissenschaft (s. B. I.1.) und Philosophie ( bzw. Religion) (s. B. II.2.) beleuchtet werden. (s. B. I.1.) Anschließend soll die Zeit als rein sinnliche Anschauung unter dem Aspekt von metaphysischer und transzendentaler Erörterung aus Sicht der kantischen transzendentalen Elementarlehre analysiert (s. B II.1) und erläutert werden (s. B. II.2 ), um zugleich ihre Bedeutung für die neuzeitliche feldtheoretische Transzendentalphilosophie von Peter Rohs zu veranschaulichen (s. B. III.).
B. Kants transzendentale Ästhetik und ihre Bedeutung für die neuzeitliche naturwissenschaftliche und philosophischen Zeit-Interpretation
Je mehr wir den neuesten Entwicklungssprüngen der Informationsgesellschaft und ihrer Kommunikationstechnologien hinterherhasten, desto dringlicher scheint die Frage nach der Zeit zu werden: als Richtungspfeil, als Maß von Gegenwart, für die Ordnung der Geschlechter, als Waffe im Wettbewerb und vieles andere mehr.
Naturwissenschaftler wie Philosophen haben sich daran gemacht Anfang und Ende, Fortschreiten und Geschwindigkeit der Zeit und ihre Bedeutung für die Menschheitsgeschichte zu ergründen. Dabei ist zu erkennen, daß sich die z.T. unüberwindbaren Gegensätze von Naturwissenschaft, Philosophie und Religion sich in Fragen von Entstehung, Verlauf und Endzeit einander anzunähern scheinen...
I. Zur subjektiven bzw. objektiven Bestimmung der Zeit
Die bereits aus der Antike entstammende Zeit-Debatte, die sich bis heute sowohl in der Philosophie als auch in der Naturwissenschaft immer noch mit die Frage nach Anfang, Verlauf und Ende der Zeit aus objektiver oder subjektiver Zeit-Interpretation beschäftigt, soll veranschaulichen, inwieweit mit den gegenwärtigen Erkenntnissen auch mit und gegen Kants Zeit-Anschauung argumentiert werden kann.
Die Unterscheidung dieser verschiedenen Positionen erfolgt somit mit der Einteilung in eine objektiv-physikalische und eine subjektiv-psychologische Zeit, was zugleich den Übergang von der subjektiven Zeitlichkeit der Person zur Geschichtszeit symbolisiert:
5
1. Der objektive Zeitbegriff und seine Bedeutung für die Naturwissenschaft
Die Zeit ist als Naturzeit ist sowohl als rhytmischer Wechsel von Jahres- und Tageszeiten als auch als einmaliger Entwicklungsgang im Sinne von Evolution zu verstehen. Man spricht dann von objektiver Zeit. Zu dieser gehört als Grundbedingung das Vergehen. Unter dieser objektiven Auffassung läßt sich Zeit alsdann dreifach bestimmen: 1.
• als Jetzt-Folge,
• als Fluß bzw. Verlauf, und
• als Auslegung, d.h. Zeit als eine „bleibende Einheit im Wechsel“ 2 zu interpretieren. Im objektiven Sinn hat J.W. von Goethe den Zeitbegriff in seinem Gedicht „Prometeus“ bereits treffend beschrieben:
Der objektiv-physikalische Zeitbegriff ist daher auch eng mit der wissenschaftlichen Forschung nach der Zeit verbunden. Wissenschaftlich gesehen sind Zeit und Raum die grundlegenden Existenzformen der Materie. Umgekehrt ist die Zeit auch stets an Materie gebundenes gibt keinen an sich seiende, unabhängig von der Materie existierende, absolute Zeit. Denn die physikalische Zeit beginnt mit dem erst mit dem Urknall. Es kann davor eine „Zeit“ gegeben haben oder auch nicht. 3 Die moderne physikalisch-mathematische Theorie der Zeit ist die Relativitätstheorie.
In der Entwicklung der philosophischen Raum- und Zeittheorien widerspiegelt sich ein deutlicher Kampf materialistischer und idealistischer, dialektischer und metaphysischer Tendenzen. Dieser beginnt bereits vor der Zeitauffassung von Aristoteles, mit welcher aber aus Platzgründen hier begonnen werden soll.
2 Rolf Kramer - Phänomen Zeit, Berlin, 2000, S. 19
3 Henning Genz - Wie die Zeit in die Welt kam, München, Wien, 1996, S. 30 f.
6
Aristoteles` (384-322 v. Chr.) Zeitauffassung beinhaltet sowohl Bewegung als auch Veränderung. Denn die „Zeit ist die Zahl der Bewegung gemäß dem Früher und Später.“ 4 Die Zeitdauer wird als „Äon“ bezeichnet und kommt jedem einzelnen Ding, nicht nur dem Menschen, zu. Sie ist sie zugleich ewig. Raum und Zeit und ihre Veränderungen hingegen bleiben an die Gegebenheiten dieser Welt gebunden. 5 Isaac Newton indessen glaubte an eine absolute Zeit, daß bedeutete, daß das Zeitintervall zwischen zwei Ereignissen eindeutig zu bestimmen wäre und die Zeit dabei immer die gleiche bliebe, ohne Beziehung zu einem „äußeren Gegens-tand“. 6 Nach dieser Auffassung ist Zeit aber auch getrennt und unabhängig vom Raum. Die Zeitabfolge existiert objektiv, die Zeit selbst ist eine abstrakt gleichförmige und ungerichtete Zeit. Die Augenblicke dieser absoluten Zeit sind als Punkte auf einer geometrischen Geraden festgelegt. 7 In seinen „Mathematischen Prinzipien der Naturlehre“ von 1686 schreibt er: „Die absolute, wahre Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig, und ohne Beziehung auf irgend einen äußeren Gegenstand. Sie wird so auch mit dem Namen Dauer belegt.“ 8 Leibnitz hingegen sieht die Zeit nicht als eine absolute Größe, sondern er sieht sie, wie den Raum, als etwas Relatives an. Zeit ist lediglich eine Ordnung von Phänomenen. Die Materie ist dem Raum und der Zeit vorangestellt. 9
Mit der neueren Naturwissenschaft und der Messung des Lichts konnte die absolute Zeitauffassung von Newton überwunden werden. Von Ole Christensen Romer (1676) und James Clerk Maxwell (1865) wurde entdeckt, daß Licht sich mit endlicher, hoher Geschwindigkeit (224000 km/s - heute jedoch mit 300000 km/s) bewegt. Nun mußte man noch angeben in bezug worauf diese Geschwindigkeit zu messen sei. Man kreierte eine Idee des „Äther“, eine allgegenwärtige Substanz - auch im leeren Raum - zu welchem die Geschwindigkeit der Lichtwellen relativ sei. Zwischen 1887 und 1905 wurden Versuche unternommen zu erklären, daß sich Gegensände zusammenziehen und Uhren langsamer gehen, wenn sie sich durch diesen „Äther“ bewegen.
Doch 1905 zeigte Albert Einstein mit seiner „Relativitätstheorie“, daß die Vorstellung des „Äther“ überflüssig sei, wenn man die Vorstellung von der absoluten Zeit aufgäbe, da die
4 Aristoteles: Physikvorlesung. Übersetzt von H. Wagner, Darmstadt, 1967, Buch 4, Kap. 11, 219b1f., 220a24f.,
S. 113 ff.
5 Samuel Sambursky - Das physikalische Weltbild der Antike, Zürich, Stuttgart, 1965, S. 68 ff.
6 Peter Mittelstaedt - Über die Bedeutung und Begründung der speziellen Relativitätstheorie, in: Philosophie und
Physik der Raum-Zeit, Mannheim, Wien, 1988, S. 84
7 Bernd Bievert/Martin Held - Zeit in der Ökonomik, Frankfurt u.a., 1995, S. 24
8 vgl. Peter Mittelstaed - Der Zeitbegriff in der Physik, Heidelberg u.a., 1996, S. 15
9 vgl. Rolf Kramer - Phänomen Zeit, Berlin, 2000, S. 72
7
Arbeit zitieren:
M.A. Martina Merten, 2002, Die Zeit - Immanuel Kants transzendentale Ästhetik der Zeit und ihre Bedeutung für die neuzeitliche naturwissenschaftliche und philosophischen Debatte, München, GRIN Verlag GmbH
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