INHALT
I. EINLEITUNG 3
II. DER ERFINDER DES “FIGHT CLUB 6
II.I. DER NAMENLOSE JEDERMANN - DAS HILFLOSE OPFER. 6
II.II. TYLER DURDEN - DIE SPIELFIGUR 10
III. DAS “EXTREMSPIEL “FIGHT CLUB 13
III.I. DAS SPIEL SEINES LEBENS 13
III.II. DAS VERHÄLTNIS VON SPIELEN ZU ERNST UND GEWALT. 15
III.III. SPIELDEFINITIONEN ANHAND DES “FIGHT CLUB 18
III.IV. WARUM EIN SOLCHES EXTREMSPIEL? 20
IV. TYLER DURDEN ALS FOLGE EINES UNTERDRÜCKTEN SPIELTRIEBES. 23
V. SCHLUß - KANN EIN SPIEL DAUERHAFTE ERLÖSUNG BIETEN? 28
QUELLENANGABEN. 34
LITERATUR 34
INTERNET.................................................................................................................................. 34
I. EINLEITUNG
Die rabenschwarze Satire "Fight Club" (1999) von Regisseur David Fincher ist von einer Vielzahl von Kritikern als der wichtigste Film der neunziger Jahre bezeichnet worden, das Buch von Chuck Palahniuk als “Kultbuch”.
In “Fight Club” erhalten wir einen Einblick in das triste Leben des namenlosen Erzählers, eines kleinen Büroangestellten, dessen Aufgabe es ist, die Ursache für Unfälle der von seiner Firma hergestellten Autos herauszufinden. Häufig sind defekte Wagenteile schuld am Tod der Autoinsassen, doch eine Rückrufaktion wird nur dann durchgeführt, wenn die zu erwartenden Gerichtskosten die Kosten der Rückrufaktion übertreffen.
Der Erzähler leidet unter der Gefühlslosigkeit unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Er beginnt, sich in Selbsthilfegruppen von Todkranken einzuschleichen. Hier kann er seine Gefühle ausleben und fortan sein Leben endlich wieder genießen. Doch das ist vorbei, als Marla Singer auftaucht, ebenfalls eine dem Leidenstourismus fröhnende Betrügerin. In ihrer Gegenwart, die seine eigene Lüge reflektiert, kann der Erzähler nicht mehr entspannen, und sein Leiden beginnt von vorn.
Eines Tages findet er seine Wohnung durch eine Explosion zerstört vor. Der das Leben spielerisch genießende Handelsvertreter Tyler Durden, den er auf einer Geschäftsreise kennengelernt hat, bietet ihm an, bei ihm einzuziehen. Als Gegenleistung bittet Tyler den Erzähler, ihn zu schlagen - er möchte spüren, was es heißt, sich zu prügeln. Die Beiden finden das Gefühl toll, prügeln sich nun des öfteren, und immer mehr Männer stoßen dazu und treffen sich abends im "Fight Club", um sich dort in Zweikämpfen zu schlagen, bis einer der beiden Kämpfer “Halt” sagt.
Bald begegnen sich überall in der Stadt Männer mit verschwollenen Augen oder Stützkorsetten und blinzeln sich verschworen zu, Hämatome und Wunden sind ihre geheimen Erkennungszeichen. Verstreut über das ganze Land sprießen rasch
Dependenzen des Vereins aus dem Boden. Tyler beschließt, die Sache noch einen Schritt weiter zu treiben, und gründet das Projekt Chaos, das rasch die Form einer Privatarmee annimmt. Unter Tylers Führung beginnen erste Anschläge gegen Geldinstitute und andere Statussymbole des "freien Unternehmertums". Wie in Trance registriert der Erzähler das Geschehen, nimmt bisweilen passiv teil, zeigt sich dann wieder entsetzt. Als er die ganze Dimension der Verschwörung erkennt, die darauf abzielt, die Errungenschaften der Zivilisation zu vernichten und eine neue Steinzeit herbeizuführen, versucht er, das Projekt zu stoppen. Parallel zu seinen Versuchen, den terroristischen Flächenbrand einzudämmen, muß er aber feststellen, daß er mit seinem Gegenspieler identisch ist. Tyler Durden ist das andere Ich des Erzählers, das nachts, wenn dieser sich schlafend wähnt, die Kontrolle übernimmt.
Es kommt zum finalen Kampf der Beiden, der mit Tyler Durdens Tod endet. Allerdings ist es dem Erzähler nicht mehr gelungen, die von Tyler veranlaßte Sprengung aller Banken der Stadt zu verhindern - Hand in Hand mit Marla betrachtet er am Ende des Films die Explosionen.
Film und Buch lassen sich ziemlich deutlich in zwei Hälften unterteilen - die erste behandelt den “Fight Club”, die zweite das Projekt Chaos. Diese Hausarbeit wird sich vor allem auf die erste Hälfte konzentrieren, auf die Entstehung und die Erfolgsgeschichte des “Fight Club”. Hier soll nachgewiesen werden, daß durch die Kämpfe eine Flucht aus einer kaum zu ertragenden Realität in die Phantasiewelt eines Spieles stattfindet. Das Projekt Chaos schließlich kann interpretiert werden als der Versuch, das beliebte Spiel der gesamten Zivilisation aufzuzwingen, und hat insofern nicht mehr viel mit dem Spiel an sich zu tun. Das Projekt Chaos wird uns also nur im Zusammenhang mit dem “Fight Club” interessieren und nicht als eigenständige Geschichte, da eine spezifische Betrachtung dieses zweiten Teiles des Filmes und des Buches den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde.
In dieser Hausarbeit soll nachgewiesen werden, daß “Fight Club” uns erleben läßt, wie sich das öde Leben des Hauptdarstellers und in dessen Folge eines großen
Teils der jungen, männlichen Gesellschaft durch die Erfindung eines Spieles und einer Spielfigur radikal wandelt, hin zu einer Einstellung, die durch mehr Spaß und Genuß geprägt ist als in der Zeit vor dem Erleben des Spieles. Die Fragestellung hierbei lautet, ob und wie das Sich-Prügeln in ritualisierten Zweikämpfen als ein Spiel bezeichnet werden kann, und warum solche Schlägereien eine erlösende Funktion haben können.
Um die Fragestellung ausführlich zu beantworten, wird im Verlauf der Arbeit zunächst die Hauptfigur, der Erfinder des “Fight Club”, charakterisiert, sowohl sein Ich als namenloser Erzähler als auch sein Über-Ich Tyler Durden. Weiter wird die Faszination des “Fight Club” erklärt, ebenso eine Antwort auf die Frage gegeben, ob man die Idee eines Verschaffens von Rauschzuständen durch das Erlebnis von Gewalt in brutalen Faustkämpfen überhaupt als Spiel bezeichnen kann. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Problematik einer nicht existierenden eindeutigen Definition v on “Spiel” hingewiesen. Der Begriff “Spiel” umfaßt ein immens weiträumiges Feld von Kinderspielen über Glücksspiele bis hin zum hochbezahlten Profisport, welches sich eindeutigen Definitionen entzieht. Die Aussagen dieser Hausarbeit wurden mit Hilfe ausgewählter Definitionen der Spielforschung getroffen, die den schwammigen Begriff “Spiel” so eindeutig wie möglich zuordnen. Das Kapitel IV, in dem noch einmal genauer auf Tyler Durdens Rolle als schizophrene Gestalt, als persönliche Spielfigur des Erzählers eingegangen wird, gehört eigentlich noch zur Charakterisierung der Hauptfigur. Da jedoch erst zum Ende von “Fight Club” deutlich wird, daß Tyler Durden nicht real existiert, wurde dieses Kapitel auch in der Hausarbeit ans Ende verlegt, um für den Leser die ohnehin sehr komplexe Handlung des Filmes und des Buches an dieser Stelle nicht noch weiter zu komplizieren. Im Schluß werden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Hausarbeit zusammengefaßt, bevor weiterführend die Frage beantwortet wird, ob laut “Fight Club” ein Spiel auch dauerhaft die Erlösung aus einer kaum erträglichen Realität darstellen kann.
II. DER ERFINDER DES “FIGHT CLUB”
II.I. DER NAMENLOSE JEDERMANN - DAS HILFLOSE OPFER
Das Gerüst, um das herum der Film aufgebaut ist, ist die ausdruckslose Stimme des Erzählers. Weder im Film noch im Buch erfahren wir seinen Namen. Den braucht der namenlose Jedermann auch nicht, denn er steht für uns alle, für jeden kleinen Angestellten.
In dem scharfen Witz und der schnellen Werbeclip-Ästhetik, mit der “Fight Club” geschildert wird, ist der Film ein sarkastisches Portrait des “American way of life”. Der Erzähler ist ein gutverdienendes und wohlsituiertes Opfer dieser Lebenseinstellung. Brilliant vermag der wandlungsfähige Darsteller Edward Norton das Unstete, das Verzweifelte in der Psyche des Ich-Erzählers herauszukehren, effektvoll unterstrichen durch sein erschreckend bleiches, ausgezehrtes Äußeres. Er hat einen geregelten Job, lebt den tristen Alltag eines Büroangestellten, den er folgendermaßen kommentiert: "Du kriegst das Gefühl, daß du einer von diesen 1 Weltraumaffen bist. Du machst den kleinen Job, für den sie dich dressiert haben." Oder, noch deutlicher: "(…) einen plötzlichen Tod in Büros riskierend, in denen sie 2 jeden Tag das Gefühl hatten, daß ihr Leben jede Stunde einmal zu Ende ging." Seine Aufgabe ist es letztendlich, teure Rückrufaktionen für fehlerhafte Autos zu unterbinden, auf Kosten der Sicherheit der Autofahrer: "Selbst wenn jemand unseren Fehler entdeckt, können wir immer noch eine ganze Reihe trauernder Familien entschädigen, bevor wir uns den Kosten für die nachträgliche 3 Innenausstattung von sechstausendfünfhundert Fahrzeugen nähern."
Unübersehbar ist das ein Bezug auf die Lebenssituation von Franz Kafka, der bei einer Versicherung angestellt war und dessen Aufgabe es war, berechtigte Ansprüche abzulehnen. Diese Tätigkeit war Grundlage vieler seiner Werke, die nicht
1 = Palahniuk: “Fight Club”, S.10
2 = Palahniuk: “Fight Club”, S.134
3 = Palahniuk: “Fight Club”, S.160f
zuletzt davon handeln, wie machtlos das Individuum gegenüber dem unüberwindbaren System ist.
Am Ende eines jeden öden Arbeitstages beim Autohersteller wartet auf den namenlosen Erzähler das Nichts: keine Frau, keine Freunde, keine Hobbys. "Mein Zuhause war eine Eigentumswohnung im fünfzehnten Stock eines Hochhauses, so 4 Über das eigentlich eine Art Ablageschrank für Witwen und junge Berufstätige." sehr schicke Apartment erfahren wir sogleich: "Man konnte die Fenster nicht öffnen, weshalb trotz Ahornparkett und Dimmerschaltern alle einhundertfünfzig luftdichten Quadratmeter immer nach deiner letzten Mahlzeit oder deinem letzten Gang ins 5 Badezimmer rochen."
Auch nach Feierabend, selbst in seiner tollen Wohnung, findet der namenlose Ich-Erzähler keine Entspannung. Er ist ein seelisches Wrack, das alle Bedürfnisse dem genuß- und besinnungslosen Vegetieren als Konsument geopfert hat: "Meine Bekannten, die früher mit Pornographie im Badezimmer hockten, die hocken nun mit ihrem IKEA-Katalog drin. Wir haben alle den gleichen Sessel "Johanneshov" mit dem grünen Streifenmuster "Stinne". (…) Wir haben die gleichen Papierlampen "Rislampa/Har" aus Draht und umweltfreundlich gebleichtem Papier. (…) Dann sitzt du in deinem hübschen Nest in der Falle, und die Dinge, die du einmal besessen 6 In "Fight Club" wird vor allem das materialistische hast, sie besitzen nun dich."
Gepräge der Gegenwart aufs Korn genommen: der Versandhauskatalog von Ikea, nach dessen Angeboten der Erzähler sein Leben möbliert, dient als überspitzte Metapher einer Konsum- und Kaufrauschmentalität, die nur um ihrer Selbst willen geschieht. Der materielle Besitz beherrscht den Menschen, nicht der Mensch die Luxusgüter.
Erfahrungen, die David Fincher in den modernen filmischen Formen Videoclip (unter anderem für Madonna und Michael Jackson) und Werbespot gesammelt hat, prägen "Fight Club" - und bei kaum einem Film dürfte der Einsatz dieser Werbespot-
4 =Palahniuk: “Fight Club”, S.43
5 = Palahniuk: “Fight Club”, S.43f
6 = Palahniuk: “Fight Club”, S.46f
Arbeit zitieren:
Florian Scharr, 2001, ´Fight Club´ als Erlösungsspiel für Erwachsene, München, GRIN Verlag GmbH
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