Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Landesgeschichte und märkische Identität 1-4
III. Willibald Alexis und „die Freude an unserer besondern
provinziellen Existenz“ 5-7
IV. Theodor Fontane und die märkische Prinzessin 7-10
V. Fazit 10-11
VI. Literatur S 11-12
1
I. Einleitung
Das Bundesland Brandenburg ist nunmehr 20 Jahre alt. Es ist eines der „neuen Länder“, da es zuvor 38 Jahre lang von der Karte verschwunden war. Selbstverständlich wurde auch in der DDR zur Geschichte der Mark Brandenburg und Preußens, wenn auch mit wechselnden Tendenzen, 1 geforscht, doch erfolgte dies aus rein historiographischen Interesse heraus, nicht um die Forschungsergebnisse in die Bildung einer brandenburgisch-märkischen Identität einfließen zu lassen. Nach der Wende musste sich die Geschichtswissenschaft auch dieser Aufgabe stellen, wie der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe auf einer Tagung zu den Perspektiven der brandenburgischen Landesgeschichte 1997 gefordert hat: „Vielmehr haben die Menschen in Brandenburg, die einen umfassenden Wertewandel erfahren haben, ein legitimes Bedürfnis und einen Anspruch auf Landesidentität, die vor allem aus Geschichte besteht.“ Wie aber wurde vor ihrer über 40 Jahre währenden Vernachlässigung diese Aufgabe gehandhabt? Hierzu soll ein Blick ins 18. Jahrhundert erfolgen, bei dem überblicksartig der Entstehung von Landesgeschichte und landesgeschichtlicher, schöngeistiger Literatur, namentlich der Willibald Alexis’ und Theodor Fontanes, in Brandenburg-Preußen nachgegangen wird. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem brandenburgische Mittelalter, dem Theodor Fontane eine „Lehmkatenherrlichkeit“ zuschrieb. 2
II. Landesgeschichte und märkische Identität
Mehr noch als andere historiographische Wissenschaften obliegt der Landesgeschichte die Bewahrung und Stiftung der Identität der Bewohner des Landes, dessen Historie sich die jeweilige Landesgeschichtsschreibung zuwendet. Diese Funktion wird besonders in Zeiten einer gefühlten Entwurzelung hervorgekehrt, wenn die Sehnsucht nach der Selbstverortung in einem überschaubaren, eng begrenzten Kulturraum („Heimat“) zunimmt. In der Praxis nimmt sie sich als multidisziplinäre Wissenschaft aus, deren entscheidende Determinante die - ob geographisch, politisch oder sozial gezogene -Landesgrenze ist. Angesichts der daraus resultierenden Freiheiten postulierte der
1 Zunächst verdammt erfuhr Preußen in der Geschichtswissenschaft beider deutscher Staaten in den 80ern eine eigentümliche Renaissance.
2 Vgl. vollst. Zitat Anm. 24
2
Trierer Landeskundler Franz Irsigler auf der eingangs erwähnten Tagung: „Landesgeschichte darf alles, fast alles.“ 3 Womit vor allem die Zeitkompetenz, die üblichen Epochengrenzen nach den Erfordernissen des Raumes zu verschieben, gemeint ist. Zudem ist die Landesgeschichte gerade notwendigerweise für ihre Erkenntnisse auf andere (Hilfs-)Wissenschaften angewiesen: Geographie, Linguistik, Literatur-, Sozial-und Politikwissenschaft; Heraldik, Archäologie, Prosopographie, etc.
Entstanden ist die (deutsche) Landesgeschichte aus der Notwendigkeit heraus, aufgrund der Zersplitterung des Alten Reichs auf kleinteiligere Ansätze für die Darstellung älterer Sachverhalte zurückzugreifen, für die sich Dynastische oder Territorialpolitische nur bedingt geeignet hätten. Die akademische Landesgeschichte, wie sie eben skizziert wurde, nahm ihren Anfang im Rheinland des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit Karl Lamprecht als ihrem Nestor. Im Schatten zweier Neuordnungen des Rheinlands - 1815 (Schaffung der Provinzen Jülich-Kleve-Berg und Großherzogtum Niederrhein) und 1822 (Schaffung der Rheinprovinz) - wurde die Selbstverortung der Rheinländer verändert und ihre rheinische Identität erst geschaffen, sodass sich die rheinischen Historiker gewissermaßen anderen Disziplinen öffnen mussten, um dieser neuen Identität Rechnung zu tragen. 4
Für die brandenburgische Landesgeschichte - welche sich mit dem Gebiet der Mark im Allgemeinen und dem der Mittel- oder Kurmark, welches in etwa das heutige Brandenburg markiert, im Besonderen auseinandersetzt - ergab sich das Problem, dass diese Geschichte von der Brandenburg-Preußens und der Hohenzollerndynastie überlagert wird. Die somit zu stellenden Fragen, „Brandenburg oder Preußen? Kernland, Ordensland oder Dynastie?“, führten zu einem bis heute nicht ganz überwundenen historiographischen Dissens. 5 Mit dem allmählichen Aufstieg Brandenburg-Preußens unter den brandenburgischen Hohenzollern-Kurfürsten zum Königreich Preußen, welches sich mit dem Wandel vom Ständestaat zur absolutistischen Herrschaft vollzog, wurde die Mark mehr und mehr nur noch als geographisches Kernland und
3 Franz Irsigler: Landesgeschichte als regional bestimmte multidisziplinäre Wissenschaft, In: Liselott Enders, Laus Neitmann (Hgg.): Brandenburgische Landesgeschichte heute (Brandenburgische Historische Studien, Bd. 4), Potsdam, 1999, S. 9-22. Irsigler, S. 15.
4 Vgl. Irsigler, S. 10f.
5 Vgl. Wolfgang Neugebauer: Das historische Verhältnis der Mark zu Brandenburg-Preußen. Eine Skizze, In: Liselott Enders, Laus Neitmann (Hgg.): Brandenburgische Landesgeschichte heute (Brandenburgische Historische Studien, Bd. 4), Potsdam, 1999, S. 177-196. Neugebauer, S. 177f.
3
Hohenzollernresidenz wahrgenommen. Der Potsdamer Landeshistoriker Peter-Michael Hahn konstatiert schließlich für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich Preußen seines Führungsanspruchs in den deutschen Landen besann: „Im öffentlichen Diskurs war man Berliner, Preuße von Geburt oder aus Überzeugung, aber nicht Märker.“ 6 So schrieb auch die akademische, preußische Historiographie die märkische Geschichte von Preußen her, denn sie schrieb gewissermaßen preußische Geschichte wenn sie die Märkische schrieb; Johann Gustav Droysens monumentale Geschichte der Preußischen Politik ist dafür ein Beispiel: „Was diesen Staat [i. e. Preußen, M. M.] gegründet hat, was ihn trägt und leitet, ist […] eine geschichtliche Nothwendigkeit. […] Dieser Staat begann, als den Hohenzollern das Regiment der Marken übergeben ward.“ 7 Somit ist Preußens historische Aufgabe Triebfeder der Geschichte geworden als sich ab 1415 „wie zufällig […] Land und Leute sich gerade so zusammengefunden haben.“ 8 Nicht zuletzt war es auch die konservative Auslegung der Philosophie Hegels, nach der die Geschichte auf die schrittweise Verwirklichung der Vernunft im Staate Preußen hin zu untersuchen sei, welche in dieser Zeit den Blick auf „die Mark als einem historischen Raum“ 9 verstellte. 10 Historisch war die Mark weiland ohnehin schon geworden: Im Zug der Verwaltungsreformen nach dem Wiener Kongress wurde das Gebiet zur Provinz degradiert. Gleichwohl kann man gerade ab dieser Zeit von einer relativen „Publikationsflut“ zu Gegenständen der märkischen Geschichte sprechen, die sich aber allein aus Einzeldarstellungen und Quelleneditionen (als besonders wertvoll sollte sich der Codex Diplomaticus Brandenburgensis erweisen) schöpft; außerdem wurde der erste Geschichtsverein (Verein für Geschichte der Mark Brandenburg) gegründet. Die Herausgabe einer wissenschaftlichen Gesamtdarstellung wurde allerdings ins nächste Jahrhundert verschleppt. 11 Dem gegenüber stehen die monumentalen, dezidiert preußischen Geschichtswerke Droysens (1855-86) und Rankes (1847/48), sowie eine akademische Geschichtsschreibung, die besonders im Geiste Droysens Geschichte für
6 Peter-Michael Hahn: Geschichte Brandenburgs, München, 2009. Hahn, S. 89.
7 Johann Gustav Droysen: Die Gründung (ders.: Geschichte der Preußischen Politik, Bd. 1), Leipzig, 2 1868. Droysen, S. 3f.
8 Ebd.
9 Hahn, S. 89.
10 Vgl. Jörg Baberowski: Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault, München, 2005. Baberowski, S. 58.
11 Vgl. Johannes Schultze: Entstehung und Entwicklung unter den askanischen Markgrafen (bis 1319) (ders.: Die Mark Brandenburg, Bd. 1), Berlin, 2 1989. Schultze, S. 10f.
Arbeit zitieren:
Maxim Menschenin, 2010, Lehmkatenherrlichkeit? Landesgeschichte, Literatur und das Mittelalter in Brandenburg-Preußen im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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