Inhalt
1. Einleitung 3
2. Quellenlage 4
3. Primat der Innenpolitik 6
3.1. Sozialdemokratisches folkhem 6
3.2. Wirtschaftliche Lage und Kriegshandelspolitik 8
3.3. Flüchtlingspolitik 10
4. Frage der Neutralität 10
4.1. Neutralität im Völkerrecht 12
4.2. Aufrüstung 12
4.3. „Negotiierte“ Neutralität 13
5. Sverige under andra världskriget 14
5.1. Neutral im Krieg der Großmächte 14
5.2. „Nichtkriegführend“ im Winterkrieg 15
5.3. Unternehmen „Weserübung“ 16
5.4. Schweden und die Sowjetunion 17
6. Fazit 20
7. Quellen- und Sekundärliteratur 20
7.1. Quellen 20
7.2. Sekundärliteratur 21
7.3. Elektronische Quellen 22
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1. Einleitung
„Schweden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges“ ist ein Thema, das in Schweden selbst in vielen Publikationen, sogar mit einer eigenen Publikationsreihe (Sverige under andra världskriget) detailliert behandelt worden ist und kaum als abschließend beurteilt aufgefasst werden kann. Dabei hat allein die Frage nach der schwedischen Neutralität im Zweiten Weltkrieg immer wieder Anlaß zu Diskussionen ergeben, jüngst unterstützt durch ein auf vier Jahre konzipiertes Forschungsprojekt unter der Leitung des Stockholmer Historikers Klas Åmark, das die schwedische Regierung unter Göran Persson in Auftrag gegeben hatte und explizit der Frage nach Theorie und Praxis der schwedischen Neutralität galt. Die Neutralität hatte zwar schon lange vor dem Ersten Weltkrieg als Grundsatz die schwedische Außenpolitik bestimmt. Aber, so fragte man sich schon während des Krieges, und das nicht nur in Schweden, kann man denn in einem Krieg neutral sein, in dem man mit Waffen, Ressourcen, Soldaten, Transportwegen, Kriegsschiffen, Nachrichtenwegen, Hilfeleistungen, Winterzelten und auch Todesopfern tatsächlich beteiligt ist? Ja, befand der schwedische Außenminister Christian Günther in einer Denkschrift von 1943, wenn die schwedische Neutralitätspolitik unter dem angestrebten huvudmål betrachtet wird „att hålla Sverige utanför kriget“ 1 . Dieses Ziel wurde erreicht, doch hat sich erst nach Zerfall der bipolaren Nachkriegsordnung, mit Beginn der 90er die wissenschaftliche Diskussion mehr auf die moralische Dimension dieser Frage hin verschoben 2 .
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob man dem im Titel dieser Arbeit konnotierten Primat der Außenpolitik Folge leisten soll, zumal sich die politische Mehrheit in Schweden im Vorfeld eigentlich auf das genaue Gegenteil, das Primat der Innenpolitik, festgelegt hatte und nur schweren Herzens in etwas so Unnützes wie Panzer, Schlachtschiffe und derlei Teufelszeug 3 investierte. Aber, es nützte nichts, auch folkhemmets Aufbau mußte hinter dem Krieg, bzw. dessen kriegswirtschaftliche Anforderungen zurückstehen, und gerade die aktivistische finnlandhjälpen oder auch nur die Popularität von Ulla Billquists „Min soldat“ 4 , so wie die vielen öffentlich geführten Diskussionen um die Maßnahmen der Regierung, ganz
1 Christian Günther, Svensk neutralitetspolitik under stormaktskriget. Föredrag i Eskiltuna den 7 maj 1943 av utrikesminister Christian Günther, Stockholm 1943, S. 20.
2 Publizistisch wurde die Diskussion schon 1942 in den Zeitungen eröffnet, als absehbar war, dass Deutschland diesen Krieg abermals verlieren würde, s. Ture Nerman, Sverige i beredskåp, Stockholm 1942.
3 S.u. S. 11.
4 Dieses von Nils Perne komponierte Stück wurde am 8. Mai 1940 veröffentlicht und sollte eines der beliebtesten Lieder in Schweden während der Kriegsjahre werden. Es handelt von der als misslich, aber auch als notwendig befundenen Bereitschaft eines schwedischer Soldaten, der stellvertretend für alle als der Liebste von Ulla Billquist besungen wird, allerdings mit einem durchaus diminutiven Unterton: Die Uniform passt nicht recht, er verwildert etwas in den Wäldem, und als er endlich permission hat und die beiden ausgehen können, da schläft der Arme einfach ein! S. http://www.youtube.com/watch?v=AohDZLYhNus
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abgesehen von jener zeitweise nicht mehr periphären Lage Schwedens im allgemeinen Kriegsgeschehen bis hin zu den staatlich verordneten Rationierungen belegen, dass der Krieg auch in Schweden ein vorrangiges Interesse genoß und geniessen mußte. So dass ein Hauptteil dieser Arbeit sich auch mit dem Kriegsgeschehen am Rande Schwedens, sowie dessen Reaktionen darauf beschäftigen muß.
Ein neuerer Punkt, der, wie schon angedeutet, besonders die jüngere Forschung berührt, ist die eher die moralische Dimension berührende Diskussion um eine an vielen Stellen zu ahnende geistige Nähe zum Nationalsozialismus in Deutschland, die man nicht nur im allgemeinen Schulterschluss gegen den Kommunismus erkennen kann, sondern auch in einer potentiell völkischen Ideologie, die mit Begriffen wie folkhem und folksgemenskap operierte und sich z.B. auf eine sehr restriktive schwedische Flüchtlingspolitik auswirkte. Diese will nicht so ganz zu dem in Schweden wie auch im Ausland gepflegten „Mythos“ von den weissen Bussen passen 5 .
Die Arbeit beginnt mit einem kurzen Überblick über die zur Verfügung stehenden Quellen, stellt dann die relevanten innenpolitischen Voraussetzungen vor, unter welchen der Zweite Weltkrieg über Schweden hereinbricht, thematisiert darauf das schwedische Verhältnis zu seiner Neutralität und kommt dann zu den wichtigen Stationen des Kriegsgeschehens. Bestimmte Fragen wie Pressezensur oder Flüchlingspolitik werden an geeigneter Stelle eingefügt und behandelt.
2. Quellenlage
Für den zu behandelnden Zeitraum bieten sich natürlich unendlich viele Quellen an: Da sind die vielen Zeitungen, die vielen veröffentlichten Reden während der Kriegsjahre und auch die vielen schwedischen Publikationen, die politische Fragen zur Zeit des Krieges behandeln. Diese sind in großer Zahl speziell in Kiel vorhanden, da nicht nur die Kieler Universitätsbibliothek, sondern auch das der Kieler Universität angegliederte Institut für Weltwirtschaft (im Folgenden abgekürzt als IWW) unter der Leitung von Andreas Predöhl sehr viel schwedisches Material aufgenommen hat. Insbesondere zur schwedischen Wirtschaft
5 Vgl. Inge Lomfors, Veränderliche oder unveränderliche schwedische Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs, in: I. Lindgren u. R. Walder, Hg., Schweden, die Schweiz und der Zweite Weltkrieg (Beiträge zum interdispiplinären Symposium des Zentrums für Schweizerstudien an der Universität Örebro, 30.09. - 02.10. 1999), Frankfurt/ Main u.a. 2001, S. 221-232.
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gibt es für die wichtigen Jahre 1940 und 1941 vom IWW angefertigte Dossiers, die sehr genau die Importabhängigkeit der schwedischen Wirtschaft erfassen 6 . Außerdem gibt es die Memoiren und Aufzeichnungen der entscheidenden Personen in Schweden 7 . Deren wichtigster, statsministern Per Albin Hansson, hat darüber hinaus sogar gleich nach Kriegsende viele seiner Reden dokumentieren lassen, was insbesondere für das Verhältnis der Regierung zur Bevölkerung von Interesse sein kann. Allerdings stimmt die Darstellung seiner Beweggründe im Vorwort eher misstrauisch, wenn er etwa mit dieser Quellensammlung den Forschern, bzw. seinen vielen Kritikern, nur die Arbeit erleichtern will:
„En del uttalanden av mig torde komma att åberopas och kalfatras även i en fortsatt diskussion om svensk hållning och handling under krigsåren. Jag har velat underlätta granskarnas uppgift genom denna samling. Den är icke komplett. Inrikespolitiska uttalanden ha endast i några fall medtagits för sammanhangets skull. Men något väsentligt har i övrigt icke utlämnats.“ 8
Dann gibt es neben dem vielen Quellenmaterial des diplomatischen Verkehrs, die in der Sekundärliteratur bearbeitet wurden, noch eine geheime Diplomatie, die mit einigen jüngst aufgetauchten Fundstücken interessante Aspekte dokumentiert, wie etwa den vertraulichen Umgang des schwedischen Königs mit dem deutschen Diktator, ein überaus merkwürdiges Verhältnis, das gerade in letzter Zeit Anlass zu zwei Publikationen gegeben hat 9 . Stimmen schon Hanssons Aussagen eher misstrauisch, ist noch größere Vorsicht bei jenen Quellensammlungen geboten, die gleich nach dem Kriege von offizieller Seite veröffentlicht worden sind und etwa die Transitfrage im Jahre 1940 berühren. Über den
„Offenlegungsgehalt“ dieser „Weißbücher“ urteilt Carlgren: „En helt öppen redovisnig för krigstida beslut och uppträdande kunde av olika hänsyn inte lämnas än.“ 10 geworden.
6 Das IWW arbeitete dem Wehrwirtschaftsstab zu und erstellte viele Gutachten. So stellte Andreas Predöhl 1939 befriedigt fest: „Das IWW hat sich seit geraumer Zeit auf den Ernstfall vorbereitet. Es hat in den letzten Monaten umfangreiche wehrwirtschaftliche Untersuchungen für das Oberkommando der Wehrmacht durchgeführt und soeben weitere wichtige Aufträge von dieser Stelle erhalten, nämlich den Auftrag, die Bedeutung der russischen Rohstoffquellen für die deutsche Volkswirtschaft zu untersuchen, ... . Daneben wird das Institut sich bereithalten, kurzfristige Aufträge von Fall zu Fall entgegenzunehmen und jede Aufgabe zu lösen, die mit seinen Materialien lösbar ist.“ Zitiert nach Christop Dieckmann, Wirtschaftsforschung für den Großraum. Zur Theorie und Praxis des Kieler IWW und des Hamburger Welt-Wirtschafts-Archivs im „Dritten Reich“, in:Hg.G. Aly u.a, Modelle für ein deutsches Europa. Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum (Beiträge zur Nationalsozialistischen Gesundheits und Sozialpolitik 10), Berlin 1992, S. 177.
7 Viele Regierungsmitglieder führten auch Tagebuch, Hansson jedoch erst 1940, und das recht knapp - 5 Zeilen pro Tag. Hier fehlen insbesondere Aufzeichnungen von Christian Günther, wie ihm in einer neueren, sehr kritischen Publikation über ihn vorgeworfen wurde. Vgl. Henrik Arnstad, Spelaren Christian Günther (SUAV), Finnland 2006.
8 Per Albin Hansson, Svensk hållning och handling. Uttalanden under krigsåren, Stockholm 1945, S. 5. Immerhin läßt sich der Diskussionsbedarf nicht leugnen.
9 S. Staffan Thorsell, Mein lieber Reichskanzler! Sveriges kontakter med Hitlers Rikskansli, o.O. 2006 und Erik Carlsson, Gustav V och andra världskriget, Falun 2006
10 W. M. Carlgren, Korten på bordet? Svenska vitböcker om krigsårens utrikespolitik, Uddevalla 1989, S. 8.
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Möglicherweise ist so auch bei jener anderen wichtigen regierungsnahen Quellensammlung Svensk utrikespolitik under andra världskriget Vorsicht geboten. Neben den schriftlichen gibt es auch Quellen in Bild und Ton, die im schwedischen Fernsehen, in Dokumentationen und Interviews zu finden sind, sowie im Internet.
3. Primat der Innenpolitik
3.1. Sozialdemokratisches folkhem
Die Situation in Schweden scheint maßgeblich von einer Person bestimmt, die als Vorsitzender der größten Partei im schwedischen Parlament, Socialdemokraterna, die politische Ausrichtung Schwedens schon lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges prägte: Per Albin Hansson 11 . Dieser durchaus kontrovers beurteilte Politiker beschränkte sich nicht nur auf die Interessen der eigentlichen Klientel seiner Partei, die Arbeiterschaft, sondern wurde auch über die Parteigrenzen hinaus als eine Art Landesvater 12 wahrgenommen. Seine Führungsrolle im Krieg war zwar in einigen Krisensituationen gefährdet 13 , wurde jedoch von der schwedischen Bevölkerung grundsätzlich immer wieder in Wahlen bestätigt 14 und nach Kriegsende abermals mit einer sozialdemokratischen Alleinregierung belohnt, doch verstarb er kurz darauf. Unter seiner Führung gewann schon lange vor Ausbruch des Krieges die politische Vision des folkhem so sehr an Bedeutung, dass andere Vorstellungen roter oder auch brauner Provenienz marginal blieben.
Hansson verstand es geschickt, auch die verschiedenen politischen Lager unter seiner Führung einzubinden. Das war zunächst böndeförbundet, der seit 1933 und erneut seit 1936 mit den Sozialdemokraten zusammenarbeitete, um der auch Schweden in Mitleidenschaft ziehenden Weltwirtschaftskrise gemeinsam zu begegnen 15 . So wurden viele Verbesserungen für das Los der Arbeiter im Austausch gegen Subventionen für die Bauern erreicht. Der in den Wahlen immer weiter ansteigende Anteil der Sozialdemokraten ermöglichte dann im Krieg sogar eine Alleinregierung der SAP, doch wurde daraufhin im Winterkrieg lieber eine
11 Schweden weist fast bis in die jüngste Gegenwart eine starke sozialdemokratische Tradition, die immer auch stark an den Namen des entsprechenden Parteivorsitzenden geknüpft ist: Hjalmar Branting, Per Albin Hansson, Tage Erlander und Olof Palme.
12 Anders Isaksson, Per Albin. Bd. IV Landsfadern, Norge 2000.
13 Beispielsweise wurde der Abgang Sandlers im Zuge der Bildung der Sammlungsregierung begrüßt, aber auch „Per Albin Hanssons fortsatta chefskap“ verurteilt. S. „SOS“. Vi anklaga Hansson-Sandlerska regeringen. Dess Ålands- o. försvarspolitik en allvarlig fara för vårt land, Stockholm 1939, S. III.
14 Stimmenanteile der Parteien in den verscheidenen Wahlen in Schweden aus: Sveriges Historia. Koncentrerad uppslagsbok, hrsg. von Jan Melin, Alf W. Johansson, Susana Hedenborg, 3. Auflage 2003.
15 Florian Henning Setzen, Neutralität im Zweiten Weltkrieg. Irland, Schweden und die Schweiz im Vergleich, Hamburg 1997, S. 58f.
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Björn Fricke, 2008, Schweden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, München, GRIN Verlag GmbH
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