Johannes Gutenberg Universität Mainz
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Hauptseminar: Goethes „Dichtung und Wahrheit“ in komparatistischer Sicht
Zur Komposition der Sesenheim-Episode in Goethes Dichtung und Wahrheit
Katharina Schnell
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Beschreibung der Reise nach Sesenheim 2-4
3. Der Roman Vicar of Wakefield in der Sesenheim-Episode 4-9
3.1 Goethes Betrachtungen zu Vicar of Wakefield 4-5
3.2 Der direkte Vergleich zwischen der Sesenheim-Episode 5-9
und dem Vicar of Wakefield
4. Motive in der Sesenheim-Episode 9-17
4.1 Das Wanderer-Motiv bei Goethe 9-10
4.2 Die Darstellung des Beginns der Zeit mit Friederike 10-12
4.3 Zeichen der Änderung des Verhältnisses 12-13
4.4 Das Motiv des Fluchs 13-14
4.5 Die Prüfung 14-16
4.6 Die Trennung 16-17
5. Schlußbemerkung 17-18
Literaturliste S. 19-20
1
1. Einleitung
Schon oft ist darüber gerätselt worden, inwiefern die Ereignisse in Goethes Dichtung und Wahrheit 1 autobiographisch oder doch mehr dichterisch sind. Auch in bezug auf die Sesenheim 2 -Periode Goethes - die Zeit, in welcher Goethe Friederike Elisabetha Brion kennenlernte und eine Liebschaft mit ihr hatte - sind immer wieder Nachforschungen angestellt worden. In der nun folgenden Arbeit geht es darum, die Darstellung der Sesenheimer Zeit im neunten und zehnten Buch vorwiegend unter den dichterischen Aspekten zu betrachten. Im Gegensatz zu anderen Sekundärtexten ist es nicht das Ziel, möglichst viele biographische Begebenheiten aus dem Text abzuleiten. Somit wird Goethe hier mehr als Romanschreiber anstatt als Autobiograph gesehen. Es soll eine Darstellung der Komposition der entsprechenden Episode gegeben werden. Hierzu wird die Episode unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet; vor allem aber auf dem Hintergrund idyllischer Grundlagen und in diesem Zusammenhang auch im Hinblick auf Oliver Goldsmiths Vicar of Wakefield 3 .
2. Die Beschreibung der Reise nach Sesenheim
Goethe schreibt in einem Brief an Eckermann 4 bezüglich der Sesenheim-Episode: „Daß darin kein Strich enthalten, der nicht erlebt, aber kein Strich so wie er erlebt worden“ 5 . Insofern hat es seine Berechtigung, die Sesenheim-Episode auch unter dichterischen Gesichtspunkte zu betrachten. Bereits die Schilderung der Zeit vor Goethes Sesenheim Besuch zeigt, daß Goethe es in diesem Teil mit den biographischen Fakten nicht so genau nimmt und statt dessen der dichterischen Konstruktion den Vorzug gibt. So verwendet er mehrfach Anspielungen, auf das was ihm in Sesenheim passieren wird, obwohl er ja tatsächlich vor seiner ersten Reise nach
1 Veröffentlichung vgl.: Goethe Handbuch: Goethe seine Welt und Zeit in Werk und Wirkung, Bd. 1, Stuttgart 1961, S.1815 „...die Ausführung der drei ersten Teile [erfolgte] in raschem Zuge von Ende Januar 1811 bis November 1813 (Veröffentlichung 1811, 1812, 1814), während die Arbeit am vierten Teil sich auf die Jahre 1812, 1813, 1816, 1821, 1824, 1825, 1830, 1831 zersplitterte“, Veröffentlichung des vierten Teils 1833
2 Eigentlich Sessenheim; Goethes Schreibweise wird jedoch in der Arbeit beibehalten
3 Oliver Goldsmith: Vicar of Wakefield; Erstveröffentlichung 1766
4 Johann Peter Eckermann (1792-1854)
5 Vgl.: Lawrence Marsden Price: Goldsmith, Sesenheim, and Goethe, in: The Germanic Review 4 (1929), S.237-247, hier: S.241
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Sesenheim nicht wissen konnte, was ihm passieren würde. Jedoch bereits in Straßburg beschreibt Goethe, wie er vom Münster herab ein „Plätzchen“ sah,
„das, ob es gleich nicht bedeutend in der Landschaft hervortrat, mich doch mehr als alles andere mit einem lieblichen Zauber an sich zog. Bei solchen Gelegenheiten ward nun durch Erzählung die Einbildungskraft angeregt und manche kleine Reise verabredet, ja oft aus dem Stegreife unternommen, von denen ich nur eine statt vieler umständlich erzählen will, da sie in manchem Sinne für mich folgereich gewesen.“ 6
Obgleich am Ende des Zitats der aus der Vergangenheit erzählende Autobiograph- Goethe spricht, entsteht durch die Beschreibungen am Anfang der Eindruck, daß Goethe aufgrund einer Vorahnung schon bemerkt, daß es einen Ort gibt, zu dem er reisen sollte.
Er entschließt sich also aufzubrechen. Zunächst folgen ausschließlich Reisebeschreibungen, die keinerlei weitere Andeutungen auf den Ort mit dem „lieblichen Zauber“ 7 enthalten. So beschreibt Goethe sehr sachlich, wie er sich mit zwei Freunden, Engelbach und Weyland 8 , auf den Weg nach Zabern macht und dort die Zaberner Steige 9 besichtigt. Es folgen seitenlange detaillierte Beschreibungen von Errungenschaften, die der Mensch zu seinem Nutzen in die Natur baute. So werden neben der Zaberner Steige verschiedene durchreiste Ortschaften wie Saargemünd und Saarbrück beschrieben um schließlich Alaun-Gruben, „Regionen des brennenden Berges“ 10 ausführlich darzustellen.
Erst nach der Besichtigung des Werkes beschreibt Goethe eine erneute Vorausdeutung. Diese bildet nach all den technischen Beschreibungen einen deutlichen Kontrast, da sie stark mit idyllisch-romantischen Topoi versehen ist. So beschreibt Goethe wie er in jener Nacht keine Ruhe finden kann und deswegen das „höher gelegene Jagdschloß“ , welches „über Berg und Wälder, deren Umrisse nur an dem heitern Nachthimmel zu erkennen“ 11 sind, hinwegblickt. Allein läßt er sich an diesem Jagdschloß nieder und
6 Soweit nicht anders angegeben, werden alle Goethe-Zitate nachgewiesen durch: Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit, Werke 8, Könemann, 1998, hier: S.449
7 Goethe, S.449
8 Der Jurastudent Johann Konrad Engelbach (1744-1802) und der Medizinstudent Friedrich Leopold Weyland (1750-1785), der mit Familie Brion verwandt war und Goethe dort einführte
9 Eine 4 km lange Vogesenpaßstraße, die zwischen 1728 und 1737 angelegt wurde
10 Goethe, S.455
11 Goethe, S.457
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„hier, mitten im Gebirg, über einer waldbewachsenen finsteren Erde, die gegen den heitern Horizont einer Sommernacht nur noch finsterer erschien, das brennende Sterngewölbe über mir, saß ich an der verlassenen Stätte lange mit mir selbst und glaubte niemals eine solche Einsamkeit empfunden zu haben. Wie lieblich überraschte mich daher aus der Ferne der Ton von einem paar Waldhörnern, der auf einmal wie ein Balsamduft die ruhige Atmosphäre belebte. Da erwachte in mir das Bild eines holden Wesens, das von den bunten Gestalten dieser Reisetage in den Hintergrund gewichen war, es enthüllte sich immer mehr und mehr, und trieb mich von meinem Platze nach der Herberge, wo ich Anstalten traf, mit dem frühsten abzureisen.“ 12
Wiederum folgen zunächst weitere detaillierte Reisebeschreibung, aber nun läßt die nächste Vorausdeutung nicht mehr lange auf sich warten:
„denn jene sämtlichen Aussichten in eine wilde Gebrigsgegend und sodann wieder in ein heiteres, fruchtbares, fröhliches Land konnten meinen innern Blick nicht fesseln, der auf einen liebenswürdigen anziehenden Gegenstand gerichtet war. Auch diesmal erschien mir der Herweg reizender als der Hinweg, weil er mich wieder in die Nähe eines Frauenzimmers brachte, der ich von Herzen ergeben war und welche so viel Achtung als Liebe verdiente. Mir sei jedoch, ehe ich meine Freunde zu ihrer ländlichen Wohnung führe, vergönnt, eines Umstandes zu erwähnen, der sehr viel beitrug, meine Neigung und die Zufriedenheit, welche sie mir gewährte, zu beleben und zu erhöhen.“ 13
Jedoch bis der Leser endlich das „Frauenzimmer“, das Goethe immer wieder andeutet, kennenlernen darf, schiebt Goethe scheinbar zusammenhangslos die Lektüre des Vicar of Wakefields durch Herder ein und beschreibt neben Herders Art zu lesen auch Elemente der Handlung des Vicar of Wakefields, die ihm wichtig erscheinen 14 .
3. Der Roman Vicar of Wakefield in der Sesenheim-Episode
3.1 Goethes Betrachtungen zu Vicar of Wakefield
Oftmals wurde von Chronologisten die Frage gestellt, ob Goethe den Vicar of Wakefield tatsächlich schon gekannt haben kann, als er nach Sesenheim reiste. Vor allem unter diesem Aspekt wurden entsprechende Textstellen immer wieder erforscht. So wird von der Sekundärliteratur aufgrund verschiedener biographischer Belege wie Briefe und Erzählungen weitgehend ausgeschlossen, daß Goethe den Vicar of Wakefield schon kannte, bevor er nach Sesenheim reiste. In anderen Texten finden diese chronologische
12 Goethe, S.458
13 Goethe, S.460
14 Goethe, S.461ff
4
Arbeit zitieren:
Katharina Schnell, 2001, Zur Komposition der Sesenheim-Episode in Goethes "Dichtung und Wahrheit", München, GRIN Verlag GmbH
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