Inhalt:
1. Einleitung
2.Frauenbilder und ihre Entwicklung im 18ten Jahrhundert
3. Modifikationen eines Typus
3.1 Vor-Bilder: der Erstentwurf der “lasterhaften Buhlerin -die Marwood
3.2. Gräfin Orsina
3.3. Lady Milford
4. Gelehrte, mächtige und lasterhafte Buhlerinnen
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Vom Standpunkt einer studierenden Frau im Jahr 2000, noch ohne historische Einordnung rezipiert, erscheinen die fiktiven Figuren der Gräfin Orsina aus Lessings “Emilia Galotti” (1772) und der Lady Milford aus Schillers “Kabale und Liebe”(1784) als vergleichsweise eigenständige und selbstbestimmte, als intelligente, ja beinahe emanzipierte Frauen.
Orsina ist eine intelligente und gebildete, also eine gelehrte Frau. Zu Marinelli sagt sie:”(...) Ist dir das zu hoch, Mensch?” Worauf dieser antwortet:”Lauter Bewunderung!- Und wem ist es nicht bekannt, gnädige Gräfin, dass sie eine Philosophin sind?” Darauf Orsina:” Ja, ja, ich bin eine. (...)” (4.Aufzug, 3.Auftritt). Eine Bewertung dieser Aussagen sei erst im Folgenden versucht; trotz einiger Punkte, die gegen eine so positive Betrachtung der Orsina als intelligente, unabhängige Frau sprechen, überwiegt im Gesamteindruck die Tatsache, dass sie die einzige Frau im Stück ist, die offensichtlich denkt und handelt. Sie ist es, die das Verbrechen -nicht nur für sich ,wie Claudia Galotti- erkennt und aufklärt -indem sie Odoardo Galotti informiert. Ihre Rolle als Aufklärerin verstärkt sich noch, als sie das Verbrechen “auf dem Markte ausrufen” (4.Aufzug, 6.Auftritt) will, d.h. die Öffentlichkeit informieren will. Ist dies bereits die Androhung einer kämpferischen Handlung gegen den Prinzen, so handelt sie spätestens dann aktiv, als sie Odoardo den Dolch gibt und ihm so zumindest die Möglichkeit gibt den Prinzen zu ermorden, eine Tat , die sie selbst durchführen wollte. Damit ist sie auch die Figur, die die letztendliche Tragödie ermöglicht. Im Vergleich mit Emilia, die das ganze Stück über passiv bleibt (die verheiratet werden soll, die entführt wird), die selbst in ihrem Denken extrem von Vater und Mutter abhängig bleibt und deren einzige (halb)aktive Tat in ihrer Überzeugung des Vaters zum Mord an ihr (d.h. Selbstmord) besteht; sowie mit Claudia, die zwar denkt und das Spiel , wenn auch spät, durchschaut, letzten Endes aber ohne die Billigung ihres Mannes weder reden , noch handeln kann; im Vergleich mit diesen beiden Frauen muss Orsina selbstbestimmt, intelligent und stark wirken. Luise Millerin, die weibliche Hauptfigur aus “Kabale und Liebe” und der Gegenentwurf zu Lady Milford, ist zwar aktiver als ihre “Verwandte” Emilia Galotti, doch auch sie ist die tugendhafte, vom Vater abhängige, junge Unschuld. Die Frau des Musikus Miller spielt eine noch geringere Rolle als Claudia Galotti. Dagegen wird Lady Milford sogar mehr Raum gegeben als der Gräfin Orsina. Sie ist zwar weniger die “Gelehrte”, die intelligente, gebildete Frau, dafür besitzt sie als Favoritin
des Herrschers grosse Macht. Sie beeinflusst offen und versteckt dessen Entscheidungen, verändert und hintergeht sie. Sie handelt auch vollkommen eigenständig als Herrscherin, indem sie ihre Reichtümer an Untertanen weitergibt und vor allen Dingen ist sie es, die die Kabale inszeniert, die also die Geschichte erst ins Rollen bringt. Wo Orsina, durch ihren Dolch, nur mittelbar die Handlung bestimmt, ist Lady Milford von Anfang an aktive Initiatorin der Handlung. Selbst das Aufgeben ihrer grossen Macht am Ende des Stückes - was noch genauer zu betrachten sein wird- geschieht aus eigener Entscheidung. Das heisst, dass auch Lady Milford als eine selbstbestimmte, starke Frau, noch dazu mit grosser Macht, erscheint. Soweit der erste, vereinfachte, Eindruck, der sich bei unvoreingenommener Lektüre aus der Sicht einer modernen Frau aufdrängen kann. Der Versuch diese Frauenfiguren genauer zu deuten und einzuschätzen verlangt allerdings eine historische Betrachtung des Frauenbildes bzw. der Frauenbilder des 18ten Jahrhunderts und ihrer Entstehung. Dies wird das Thema des nächsten Kapitels sein. Sodann werden beide Figuren, sowie ihre Vorläuferin in der Literaturgeschichte, die Marwood, genauer untersucht, um abschliessend den Ersteindruck zu überprüfen und eine erweiterte und fundiertere Beurteilung der fiktiven Frauen Gräfin Orsina und Lady Milford vorzunehmen.
2.Frauenbilder und ihre Entwicklung im 18. Jahrhundert
Zuvorderst ist zu betonen, dass es hier nicht um eine Untersuchung der realen Frauen im 18. Jahrhundert geht, sondern um Imaginationen des Weiblichen, um Frauenbilder, Vorstellungen darüber wie Frauen sind oder idealerweise sein sollen, die fast ausschliesslich von Männern imaginiert und beschrieben worden sind. Etwas anderes ist für die Einordnung der Figuren der Gräfin Orsina und der Lady Milford auch nicht unbedingt nötig, da diese ja selbst zu den imaginierten Frauen gehören. Ausserdem ist “die Geschichte der Bilder, der Entwürfe, der metaphorischen Ausstattungen des Weiblichen ebenso materialreich, wie die Geschichte der realen Frauen arm an überlieferten Fakten ist.” 1 Simone de Beauvoir äusserte sich über das 18. Jahrhundert: ” Nicht das höfische Mittelalter oder das 19. Jahrhundert waren den Frauen am günstigsten, sondern das 18. Jahrhundert, wo die Männer die Frauen als gleichberechtigt betrachteten.” 2 Selbst nach Bovenschen “erhält die These vom
1 Bovenschen, S.: Die imaginierte Weiblichkeit.Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen., 1979, S.11
2 ebd., S.76
frauenfreundlichen 18. Jahrhundert, angesichts des Innovationsreichtums, den die Literatur dieser Zeit in der Präsentation des Weiblichen aufweist (...) einige Plausibilität.” 3 Allerdings untersuchte sie diese “Präsentationen des Weiblichen” sehr genau und dieser Untersuchung werde ich in diesem Kapitel weitgehend folgen, da Bovenschens ausführliche und gut belegte Arbeit einen Hintergrund schafft, vor welchem eine Beurteilung der Frauenbilder der Gräfin Orsina und Lady Milford erst möglich wird.
Blickt man auf den Beginn des 18. Jahrhunderts, so muss zuerst festgestellt werden, dass in Deutschland noch bis 1775 “Hexen” verbrannt wurden (in den Niederlanden schon seit 1610 nicht mehr!).” Die Hexe war in der orthodoxen kirchlichen Lehrmeinung noch immer präsent. In der Literatur war die Weiberschelte überaus beliebt.” 4 Das Bild der Hexe, das Weibliche als archaisch-destruktive Kraft, als das mit dem Teufel im sündig-sinnlichen Wesen Verwandte, war ein bereits seit langem existierendes und überaus wirksames Frauenbild. Als erster Herrscher in Deutschland beschloss Friedrich Wilhelm, der 1te 1714 in Preussen das Ende der Hexenverfolgung. Dieser Beschluss wird auf den Einfluss Thomasius zurückgeführt, der “die scholastische Hypothese von dem verderblichen Einfluss der Frauen aufgrund ihrer `Hexereien`mit naturrechtlichen und sozialethischen Argumenten bekämpfte.” 5
Mit der Frühaufklärung schufen zur selben Zeit vorallem Gottsched und Hippel ein völlig neues Frauenbild - die Gelehrte. Die allgemeinen aufklärerischen Merkmale der Offenbarung und Vernunft wurden von ihnen auch den Frauen zugestanden. “An der Gelehrsamkeit mochten die Anfechtungen der Unmoral und des Lasters zerschellen.” 6 und “Wenn man mit dem `Licht der Vernunft`die Ecken und Ritzen, in denen sich diese begrifflich schwer fassbaren Vorstellungen vom Weiblichen eingenistet hatten, nur gründlich ausleuchtete, dann würde, so stand zu hoffen, der ganze Spuk von selbst verschwinden.” 7 Die Frauen sollten also durch die Anwendung des ihnen zugesprochenen Verstandes mithelfen die Hexe auszutreiben und so zur Tugend gelangen. Dazu gab Gottsched unter den Pseudonymen Calliste, Phyllis und Iris 1725 eine Wochenschrift ”von gelehrten Frauen” für gelehrte Frauen heraus - “Die vernünftigen Tadlerinnen”. “Sind Männer und Frauen erst einmal
3 ebd., S.77
4 ebd., S.105
5 ebd., S.95
6 ebd., S.81
7 ebd., S.83
eingeschworen auf ein rationalistisches Ideal der Perfektibilität (...), dann sind, so glaubte man, auch jene dämonischen Anteile des Weiblichen gebannt (...), die (...) ein unheilvolles Bündnis mit den dunklen und unkontrollierten Mächten der Natur eingegangen waren.” 8 Mit der Gelehrten wurde ein völlig neuer Frauentypus präsentiert, da die aufklärerischen Grundideen eine Anknüpfung z. B. an die Mystikerinnen des Mittelalters unmöglich machten. Die neue Grösse der Frauen sollte sich in ihrer Tugend, für die das Wissen als Grundbedingung erachtet wurde, zeigen. Diese Begründung war so eindeutig und zwingend, dass sich die Forderungen von der tugendhaften Hausmutter, die nur neben ihren häuslichen Pflichten vor allem religiöse Literatur lesen soll, bis hin zur Vision einer Frauenuniversität steigerten.Dies war wohl der gleichberechtigste Entwurf eines Frauenbildes, der sich bis dato durchgesetzt hatte und er wohl stützt in der Hauptsache die These vom frauenfreundlichen 18. Jahrhundert . Allerdings konnte sich der Entwurf der Gelehrten nicht lange halten; er war zu abstrakt und konnte auf kein vorhandenes Bildreservoir zurückgreifen, in seiner extremen Form waren ihm sämtliche sinnlichen Bildqualitäten genommen, sodass das die männliche Phantasie beflügelnde Weibliche in ihm eigentlich nicht mehr vorkam. Ausserdem bedrohte ein solcher Entwurf die patriarchale Ordnung. Bereits in den zwanziger Jahren wurde so “der Gedanke einer Mobilisierung der weiblichen intellektuellen Leistungskapazität zunehmend auf die häuslichen Verrichtungen und die hausväterlichen Bedürfnisse hin funktionalisiert und somit verengt.(...) Der Typus der Gelehrten wird von seinem ursprünglichen Entwurf abgerückt und defensiv den Forderungen der Arbeitsteilung angepasst.” 9 In der Folge veränderte sich das ideale Frauenbild in einem langsamen Prozess, parallel zur “Intimisierung” oder “Emotionalisierung” der Familie. Heraus kam ein neuer Typus - die “Empfindsame”. Mit der strukturellen Veränderung bzw. Festigung der bürgerlichen Familie und der damit einhergehenden Spaltung des Lebens ihrer Mitglieder in private und öffentliche Bereiche, entstand erst “jene Ideologie, derzufolge die Frau mit dem, dieser Binnensphäre verpflichteten `natürlichen Beruf `geboren wird.” 10 Das neue Bild der Empfindsamen war nicht mehr, wie die Gelehrte, ein zum Mann analogischer Entwurf, sondern er war als naturgegebener weiblicher Geschlechtscharakter ein Entwurf, der dem Mann polar entgegengesetzt war. Beeinflusst von Rosseau und den englischen Sensualisten
9 ebd., S.108/109
10 ebd., S.147
Arbeit zitieren:
M.A. Astrid Berger, 2000, Die Gräfin Orsina und Lady Milford. Gelehrte, mächtige Frauen oder lasterhafte Buhlerinnen?, München, GRIN Verlag GmbH
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