INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 3
1. PLESSNERS KONZEPT - EIN ÜBERBLICK 6
2. DEUTSCHLAND - DIE VERSPÄTETE NATION? 7
2.1. DIE „TERRITORIALE VERSPÄTUNG“ 7
2.2. DIE „WELTANSCHAULICHE VERSPÄTUNG“ 9
2.3. DER EINFLUSS DER RELIGION 11
2.4. DIE INDUSTRIALISIERUNG UND IHRE FOLGEN 13
RESÜMEE 16
LITERATURVERZEICHNIS 19
2
Einleitung
Sechs Millionen ermordete Juden, über 50 Millionen Kriegstote und ein völlig zerstörtes Deutschland - das ist die Bilanz Adolf Hitlers und seiner Bewegung. Die Geschehnisse während des Dritten Reichs können mit Sicherheit als das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden, beschäftigen auch heute noch - mehr als 66 Jahre nach Kriegsende - weite Teile der deutschen Öffentlichkeit und haben nicht zuletzt auch große Auswirkungen auf das kulturelle Gedächtnis der Bundesrepublik.
Umso größer ist das Bedürfnis nach Antworten. Antworten auf Fragen wie: Warum konnte all dies geschehen? Wie konnte die deutsche Bevölkerung solche Gräueltaten tatenlos hinnehmen, ohne nennenswerten Widerstand zu leisten oder sich für ihre jüdischen Mitbewohner oder Angehöriger anderer verfolgter Regimegegner einzusetzen? Und wie konnte in einem Land, das sich selbst gerne als „Land der Dichter und Denker“ bezeichnet oder bezeichnete, eine solche Barbarei vonstatten gehen?
Mögliche Antworten auf diese Fragen liefert die These von der verspäteten Nation. Dieser Begriff geht auf Helmuth Plessner zurück, der diesen 1934 im Rahmen einer Vorlesungsreihe an der Universität Groningen prägte. 1 Auch wenn er damals das Unheil, das vom nationalsozialistischen Deutschland ausgehen sollte, höchstens erahnen konnte, wird sein Werk doch häufig als mögliche Erklärung für die besondere Entwicklung Deutschlands, die schließlich in der Katastrophe des Dritten Reichs enden sollte, herangezogen. Aber auch andere Autoren nach ihm haben einen wichtigen Beitrag zur Debatte über eine mögliche Sonderentwicklung Deutschlands, dem so genannten „Deutschen Sonderweg“, beigetragen. Natürlich kann in diesem Zusammenhang nicht auf alle wichtigen Autoren eingegangen werden, die sich an dieser Debatte beteiligt haben. Daher seien hier nur einige wenige erwähnt, die einen wichtigen Beitrag zum Thema Sonderweg geleistet haben. 2 In dieser Hinsicht sei beispielsweise auf Hans-Ulrich Wehler hinzuweisen, der in seinem Werk „Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten“ auch auf die These vom deutschen Sonderweg eingeht und dabei u.a. den Ersten Weltkrieg auf jenes deutsche „Alternativprogramm zur westlichen Idee einer demokratisch verfassten Gesellschaft“ 3 zurückführt. Aber auch Karl-Dietrich Bracher spielt bei der Debatte um den Sonderweg eine wichtige Rolle. In dem von ihm herausgegebenen Kolloquium „Deutscher
1 Vgl. Ball, Hugo (2005): Die Folgen der Reformation. Zur Kritik der deutschen Intelligenz. Göttingen: Wallstein, S. 507.
2 Genaue Angaben zu den einzelnen Werken finden sich im Literaturverzeichnis am Ende dieser Arbeit.
3 Wehler, Hans Ulrich (2003): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. 1914 - 1949. München: Beck, S. 17-18.
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Sonderweg - Mythos oder Realität?“ setzen sich unterschiedliche Autoren bzw. Referenten mit der Haltbarkeit der These vom „Deutschen Sonderweg“ auseinander. In diesem Zusammenhang sei auch auf Helga Grebing hingewiesen, die in ihrer Abhandlung „Der ‚deutsche Sonderweg’ in Europa 1806-1945. Eine Kritik“ den Kontroversen um das Modell genauer auf den Grund geht und ebenfalls die Haltbarkeit des Modells überprüft. Schließlich darf auch Heinrich August Winkler nicht vergessen werden, der durch sein Werk „Der lange Weg nach Westen“ ebenfalls Wichtiges zur Debatte beitrug und dabei insbesondere auf die nationalstaatliche und demokratische Verspätung eingeht.
Die vorliegende Arbeit setzt sich jedoch in erster Linie mit dem Werk Plessners und der damit verbundenen These von der verspäteten Nation auseinander, da diese Arbeit vor allem den zeitlichen Aspekt untersuchen möchte. 4
Bei der nun folgenden Analyse spielen insbesondere folgende Fragen eine besondere Rolle: Kann man von einer verspäteten Nationenwerdung sprechen, die sich von der der anderen europäischen Großmächte unterscheidet? Weist Deutschland in seiner Entwicklung wirklich signifikante Abweichungen von der seiner europäischen Nachbarn auf, die damit gewissermaßen ein „Normalmaß“ 5 der geschichtlichen Entwicklung liefern, an dem man den historischen Fortgang der Dinge bemessen muss? Oder handelt es sich hierbei eher um ein nicht ohne Weiteres haltbares historisches Konstrukt?
Mit diesen und mit weiteren Fragen beschäftigt sich die nun folgende Abhandlung. Dabei wird die These vertreten, dass es sich beim Gedankengebäude der verspäteten Nation um ein allenfalls streckenweise überzeugendes Konzept handelt, das einzig mit der Hilfskonstruktion eines historischen Normalmaßes bzw. -verlaufs am Leben gehalten werden kann und zudem nur einige wenige implizite und keinerlei explizite Erklärungen für den Nationalsozialismus bereithält. Diese These soll im Folgenden in kritisch-analytischer Vorgehensweise genauer untersucht werden. Selbstverständlich können dabei nicht alle Details eines derart komplexen Konzepts berücksichtigt und behandelt werden, schon gar nicht bei einer Abhandlung dieses Umfangs. Aus diesem Grund beschränkt sich die Arbeit auf die wichtigsten Kernaussagen Plessners und versucht, diesen Gegenbeispiele gegenüber zu stellen.
4 Vgl. dazu Kapitel 1.
5 Vgl. dazu Stadler, Peter (2001): Cavour: Italiens liberaler Reichsgründer. München: Oldenbourg, S. 19.
4
Um auch dem nicht mit dem Thema vertrauten Leser eine Vorstellung davon zu verschaffen, was Plessner unter dem Konzept einer verspäteten Nation verstand, beginnt diese Arbeit mit einem kurzen Definitionsüberblick zum Thema. Anschließend werden die einzelnen Bestandteile dieses Konstrukts vorgestellt, um eine Basis zu schaffen, von der ausgehend dann die Argumente Plessners genauer unter die Lupe genommen werden. In diesem Zusammenhang soll der Leser dann auf historische Gegebenheiten aufmerksam gemacht werden, die der These vom deutschen Sonderweg bzw. der verspäteten Nation widersprechen und diese damit verwundbar machen. In einem abschließenden Resümee werden die Ergebnisse dann zusammengefasst und schließlich die anfangs aufgestellte These überprüft.
5
1. Plessners Konzept - ein Überblick
Der Begriff der verspäteten Nation geht, wie bereits angedeutet, auf Helmuth Plessner zurück, der diesen durch sein 1934 entstandenes Werk „Die verspätete Nation. Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“ 6 prägte. Er ist eng mit dem Begriff des „deutschen Sonderwegs“ verbunden. Beide Theoriegebäude besagen - auf einen Punkt gebracht -, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Großmächten einen Pfad eingeschlagen hat, der vom Weg der Geschichte seiner nationalstaatlichen Konkurrenten in Europa abweicht. Während jedoch bei der These vom Sonderweg weniger der Schwerpunkt auf die zeitliche Dimension gelegt wird, rückt Plessners Konzept die zeitliche Ebene in den Mittelpunkt. In dieser Hinsicht definiert er Deutschland bzw. die Deutschen als die „Zuspätgekommenen […], [die] als Nation die geschichtliche Verzögerung nicht [einholen]“. 7 Der Begriff ist also so betrachtet etwas präziser. Er spricht nicht von einer allgemeinen Sonderentwicklung, sondern bezieht bei dieser sogleich eine zeitliche Dimension mit ein. Es handelt sich also um ein spezifischeres Konzept, das man, wenn man so will, eher unter das recht allgemein gehaltene Konzept des „deutschen Sonderwegs“ subsumieren könnte, als es diesem gleichzustellen.
Der Begriff der verspäteten Nation wird allerdings im heutigen Sprachegebrauch nicht immer einheitlich verwendet. Allgemein gesprochen versteht man unter einer verspäteten Nation eine Gemeinschaft, die bestimmten historischen Entwicklungen hinterherhinkt. Häufig wird der Begriff aber auch nur auf die verspätete Nationalstaatswerdung bezogen, was aber nach Ansicht des Autors dieser Arbeit (und vermutlich auch der des Begründers des Theoriegebäudes) nicht das ganze Ausmaß des Konzepts umfasst und dieses daher nur bedingt wiedergibt. Plessner bezieht das Konzept in erster Linie auf Deutschland, auch wenn er zu Beginn auch Bezüge zu Italien herstellt. 8 Ob das Konzept auch auf andere Nationen anwendbar ist, ist jedoch fraglich, da Plessner keine genaue Definition einer verspäteten Nation liefert und das komplette Theoriegebäude nur an Beispielen aus der deutschen Geschichte festmacht. Trotzdem wird der Begriff in der Wissenschaft neben Italien häufig auch auf andere Staaten wie Japan oder gelegentlich auch Russland übertragen.
6 Für diese Arbeit wurde jedoch aufgrund der höheren Aktualität auf die zwei Jahrzehnte später und erst nach Ende des Nationalsozialismus erschienene Zweitauflage seines Werkes (Plessner, Helmuth (1959): Die verspätete Nation - Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Stuttgart: Kohlhammer) zurückgegriffen.
7 Plessner (1959). Die verspätete Nation, a.a.O., S. 11.
8 Vgl. ebd., S.12.
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Arbeit zitieren:
Simon Rietberg, 2012, Deutschland - die verspätete Nation?, München, GRIN Verlag GmbH
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