Nach der Expansion des Fernsehens zum Massenmedium gab es in Deutschland rund zwei Jahrzehnte lang ausschließlich ein öffentlich-rechtliches System. Die beiden Sender ARD und ZDF verfolgen bis heute einen gesetzlichen Programmauftrag, der Meinungsvielfalt und eine Ausgewogenheit zwischen Informations-, Bildungs- und Unterhaltungssendungen einfordert. Gleichwohl waren die Fernsehanstalten (aufgrund fehlender Konkurrenz) lange Zeit nicht für Innovation und kontinuierliche Qualitätsverbesserung bekannt. Die Einführung der dualen Rundfunkordnung (1984) und die damit verbundene Koexistenz zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern versprach eine ausgeprägtere Meinungsvielfalt und eine Verbesserung des Fernsehens. Doch ist das wirklich eingetreten? Hat die Vielfalt der Programme zu einer besseren Qualität geführt? Taugt das deutsche Fernsehen heute noch als Bildungsinstanz? Oder erleben wir eine kollektive Verflachung? Diese Fragen sorgen immer wieder für Zündstoff - beispielsweise im Anschluss an die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Jahr 2008: Nachdem der berühmte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bei seinem legendären Auftritt („Ich nehme diesen Preis nicht an“) für einen Eklat gesorgt hatte, folgte ein öffentliches Gespräch mit Moderator Thomas Gottschalk über die Qualität des deutschen Fernsehens. Für Reich-Ranicki eine klare Sache: Früher habe es auf ARTE durchaus gute Sendungen gegeben, heute sei aber fast alles schlecht. Seine Forderung: Brecht und Shakespeare müssen ins Fernsehen - in die Hauptsendezeit versteht sich. Damit dürfte Reich-Ranicki zwar allein da stehen, doch seine Sorge um das deutsche Fernsehprogramm hat er nicht zu Unrecht. Die Privatsender setzten von Beginn an auf Unterhaltungsformate - diese Ausrichtung spiegelt sich gegenwärtig beispielsweise in unzähligen Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar (RTL) wider, die die Hauptsendezeit in Anspruch nehmen. Als privatwirtschaftliche Unternehmen müssen sie sich in erster Linie am Zuschauergeschmack orientieren - und mit solchen Formaten erreichen sie Woche für Woche hohe Einschaltquoten. Bedenklich ist aber, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen nachzieht. Mit Castingshows wie Die deutsche Stimme 2003 (ZDF) oder Der klügste Deutsche 2011 (ARD) nähern sie sich der Ausrichtung der Privatanbieter an. In der Hauptsendezeit dominieren mittlerweile solch inszenierte Superlative sowie alltagsnahe, heiter-komisch aufgebaute Serien oder Filme. Komplexe, investigative Dokumentationen wie die von Hubert Seipel oder renommierte Kulturmagazine wie aspekte (ZDF) werden in das Spätprogramm abgeschoben. Diese Entwicklung kritisiert Reich-Ranicki zu Recht. Jedoch dürfen wir die problematische Lage des öffentlich-
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rechtlichen Fernsehens nicht vergessen. Eigentlich müssen sie nur ihrem Programmauftrag nachkommen, dessen Erfüllung zur Legitimierung der Rundfunkgebühren dient. Im Anschluss an die duale Rundfunkordnung ist aber auch die Einschaltquote wichtig geworden, denn ein Programm mit geringer Reichweite würde ebenso die Legitimationsfrage aufwerfen. Mit dieser Situation sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten offensichtlich überfordert: Bei schwächelnder Quote werden Sendungen oftmals zügig wieder aus dem Programm genommen und durch niveauärmere ersetzt - eine verantwortungsbewusste Programmarbeit sieht anders aus. Von der Auffassung, dass gescheiterte Sendungen vielleicht zu banal waren und dass auch Formate mit geringer Reichweite einen wichtigen Stellenwert haben können, weil sie zur Integration von gesellschaftlichen Randgruppen beitragen, haben die Sender offenbar längst Abstand genommen. Das ist bedenklich, denn mit einem solchen „Quotenzynismus“ 1 tragen sie zur Entmündigung und nicht zur Bildung des Volkes bei: Die Programmgestalter beugen sich einer scheinbaren Mehrheit, die Interessen einer pluralistischen Gesellschaft werden vernachlässigt. Die Quote wird zur Erfolgserwartung stilisiert, an der sich die eigene Arbeit messen kann - Qualität und Vielschichtigkeit geraten zwangsläufig ins Abseits.
Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn in Deutschland gibt es eine fest verankerte, seriöse Informationskultur - das Fernsehen wird trotz eines zunehmenden Ausbaus des Unterhaltungsbereichs weiterhin überwiegend als Informationsmedium genutzt 2 . Diese Tradition schlägt sich seit Jahrzehnten in Nachrichtensendungen wie Tagesschau (ARD) oder heute (ZDF) nieder, die von Beginn an einen hohen Qualitätsanspruch definierten und eine Vermischung der Bereiche Information und Unterhaltung ablehnen. Daran hat die duale Rundfunkordnung nichts geändert: Nach einer 'wilden' Anfangsphase, in der die Nachrichtensendungen privater Sender nach US-amerikanischen Vorbild vorwiegend auf 'Infotainment' und einer damit verbundenen Trivialisierung komplexer Geschehnisse gesetzt hatten, wurden diese immer seriöser. Häufig wird von einem „Anpassungsprozeß seitens der kommerziellen Sender an die öffentlich-rechtlichen Sender“ 3 , also keineswegs von einer Verflachung der Nachrichtenlandschaft,
1
Jessen, Jens (2000): Die Quoten-Idioten. Warum ARD und ZDF die Zuschauer verachten. Online verfügbar am 05.06.2011 unter folgender URL:
http://www.zeit.de/2000/36/Die_Quoten-Idioten.
2 Gerhards, Maria / Klingler, Walter (2011): Sparten- und Formattrends im deutschen Fernsehen. In: Media Perspektiven 1, Seite 38.
3 Krüger, Udo Michael (1998): Zwischen Konkurrenz und Konvergenz. Fernsehnachrichten öffentlichrechtlicher und privater Rundfunkanbieter. In: Klaus Kamps, Miriam Meckel (Hrsg.), Fernsehnachrichten. Prozesse, Strukturen, Funktionen. Opladen, Wiesbaden, Seite 84.
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gesprochen. Insofern sind Verhältnisse wie in US-amerikanischen Formaten, die sich zwecks kommerzieller Verwertbarkeit unter Anderem durch einen hohen Anteil an 'weichen' Nachrichten und einen inszenierten Spannungsbogen auszeichnen, hierzulande wohl nicht zu befürchten. Zwar nutzt RTL Aktuell das in den USA beliebte Anchorman-Prinzip, wobei ein Moderator mit ausgeprägtem Wiedererkennungswert als dominierende Instanz durch die Sendung leitet; jedoch werden einzelne Themen (anders als in den USA) mittlerweile eher nach Relevanz und nicht nach Attraktivität angeordnet - die Informationsfunktion steht im Vordergrund. Diese Entwicklung konnte indes eine Etikettierung des Privatfernsehens als 'Unterschichtenfernsehen' nicht verhindern. Populär wurde der Begriff im Jahr 2005 durch den Entertainer Harald Schmidt. Entnommen hatte er ihn aus dem Buch Generation Reform (2004, Paul Nolte), in dem behauptet wird, dass die Ausweitung des Programms im Anschluss an die duale Rundfunkordnung eine „Verfestigung von Klassenunterschieden“ 4 bewirkt habe: Während das Bildungsbürgertum beispielsweise beim öffentlich-rechtlichen Kultursender 3sat auf seine Kosten kommt, so sprechen Privatsender wie Sat.1 und RTL bildungsferne Bürger an. In schlichten, stereotyp aufgebauten Reality-TV-Formaten sehen Letztere oftmals ihre eigene Lebenssituation widergespiegelt: Anderen Menschen geht es nicht besser als einem selbst - das tröstet. Man könnte die Privatsender daher sogar als integrativ und sozial stabilisierend bezeichnen, wenn sie in ihrem Quotenwahn nicht immer bedenklichere Formate wie Erwachsen auf Probe (RTL) entwickeln würden, in dem sich Jugendliche als Eltern ausprobieren können. Kinder werden zu Versuchskaninchen - privatwirtschaftliche Interessen dringen in Gebiete ein, „die nach allgemeinem Verständnis als besonders schutz- und verantwortungsbedürftig gelten“ 5 . Noch ist sich unsere Gesellschaft dessen bewusst. Aber wie sollen nachfolgende Generation eine gesunde Moral, eine realistische Vorstellung vom Leben entwickeln? Mit Begeisterung schauen sich heute viele Jugendliche die bedenklichsten Reality-TV-Formate an, die zwar nicht immer so umstritten wie Erwachsen auf Probe sind, aber doch meist auf Stereotypen basierende Scheinrealitäten konstruieren. Zuschauer, die eine Sozialisation ohne Reality-TV hinter sich haben, entlarven dieses Prinzip ohne Probleme. Aber schaffen das auch noch die Erwachsenen von morgen? Eine gesellschaftliche Verflachung ist zu befürchten, wenn den Privatsendern und ihren Reality-TV-Formaten keine Alternative gegenübersteht.
4
Nolte, Paul (2004): Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik. Bonn. Seite 41.
5 Bruns, Tissy (2010): Ein unmoralisches Angebot. Online verfügbar am 05.06.2011 unter folgender URL: http://www.zeit.de/online/2009/23/privatfernsehen-jugendliche.
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Arbeit zitieren:
Daniel Seehuber, 2011, Quo vadis deutsches Fernsehen?, München, GRIN Verlag GmbH
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