Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften Institut für Sportwissenschaft
Hauptseminar: Psychische Belastungen und Beanspruchungen im Sport
SS 2002
Verfasser: Christian Kuhn
M öglichkeiten des Stressabbaus mittels asiatischer Bewegungskünste 2
INHALTSVERZEICHNIS
1. Problemstellung 3
2. Asiatische Philosophie - Grundlage für sportliche Bewegungspraktik 5
2.1. „Kulturgut Bewegungskunst“ 5
2.2. Konfuzianismus und Taoismus 5
2.3. Buddhismus 8
3. Drei asiatische Bewegungskünste - Entwicklung und Charakterisierung 9
3.1. Tai Chi Chuan 9
3.2. Qi Gong 12
3.3. Yoga 12
4. Mögliche Wirkungsweisen des Stressabbaus mittels
asiatischer Bewegungspraktiken 13
4.1. Ein empirischer Beleg für die gesundheitsfördernde Wirkung
von Tai Chi Chuan 14
4.2. Allgemeines zur Stressproblematik 15
4.3. Indirekt-präventive und direkt-situative Wirkungsmechanismen 16
5. Schlussbetrachtung 1 8
5.1. Kritische Charakterisierung der drei Übungssysteme 18
5.2. Zusammenfassung 19
5 3 A u s b l i c k 2 0
LITERATURVERZEICHNIS 21
Möglichkeiten des Stressabbaus mittels asiatischer Bewegungskünste 3
1. Problemstellung
Während des oben aufgeführten Hauptseminars wurden im Rahmen der Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen und Beanspruchungen in unterschiedlichen Sportarten exemplarisch einzelne Kampfsportarten analysiert. Dabei standen trainings- und insbesondere wettkampfspezifische Aspekte im Mittelpunkt. Am Beispiel des Boxens konnte gezeigt werden, dass dem Stress in den Kampfsportarten durch den Einfluss einiger typischer Stressoren eine ganz eigene Qualität zukommt. Zu solchen in der Welt des Sports sonst eher seltenen Stressoren zählen verschiedene physikalische Einwirkungen, insbesondere Schlag-, Stoß- oder Wurfwirkungen, dadurch hervorgerufene Traumata sowie ungewöhnliche Körperzustände in Wettkampfsituationen („Gewicht machen“) 1 . Im Einklang mit weiteren Untersuchungen zum Stress - auch in anderen Sportarten - wurde der erhöhte Bedarf an effektiven Methoden zur Stressbewältigung für den Sport deutlich. Demnach sollten sich die darauf folgenden Seminarsitzungen mit Möglichkeiten des Umgangs mit psychischen Beanspruchungen im Sport befassen. Vorab bot es sich an, im Kontext der Kampfsportarten ein Thema zu referieren, welches sich übergangsartig zwar dem Thema Kampfsport im weitesten Sinne zuordnen lässt, aber an sich bereits eine Möglichkeit des Stressabbaus darstellt. Im asiatischen Kulturraum und mittlerweile auch in unseren Breiten lassen sich nämlich neben vielen Kampfsportarten bzw. Kampfkünsten auch traditionsreiche Bewegungspraktiken finden, die ganz bewusst auf die Beeinflussung des menschlichen Wohlbefindens ausgerichtet sind. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich Techniken wie Yoga, Qi Gong und besonders das direkt aus der Tradition der chinesischen Kampfkünste stammende Tai Chi Chuan. Letzteres wird noch heute alltäglich von Millionen von Chinesen praktiziert und stellt ein interessantes Untersuchungsobjekt dar, mit dem sich der Bogen von der schwer zugänglichen asiatischen Philosophie zur Sportwissenschaft schlagen lässt.
Zu diesem Zweck sollen in der vorliegenden Arbeit einige asiatische Bewegungskünste - mit besonderem Fokus auf dem Tai Chi Chuan - hinsichtlich ihrer
1 „Gewicht machen“ bedeutet im Boxsport das drastische Verringern des Kampfgewichtes vor dem Wiegen, um in einer günstigeren Gewichtsklasse bei noch möglichst guter körperlicher Konstitution kämpfen zu können. Erreicht wird dies vorrangig durch Dehydrierung.
Möglichkeiten des Stressabbaus mittels asiatischer Bewegungskünste 4
stressreduzierenden Wirkung charakterisiert und evaluiert werden. Beim Studium der zahlreichen Veröffentlichungen zu den einzelnen Übungssystemen und den asiatischen Zweikampfstilen fallen besonders die Aspekte der asiatischen Philosophie auf, welche diese Themen stets begleiten. Angesichts unseres abendländischen kulturellen Hintergrundes besteht die Gefahr, derartige Erklärungsansätze mit Esoterik zu verwechseln. Es soll daher anfangs versucht werden, den Zugang zu diesem „Mysterium“ zu erleichtern. Ihm wird ein direkter Bezug sowohl zur Entstehung und zum Zweck der Übungen als auch zu deren Praxis nachgewiesen, was letztlich auch für eine eventuelle stressreduzierende Wirkung von Bedeutung ist. Das erscheint umso wichtiger, da die Sportpsychologie als Fachgebiet der Sportwissenschaft im Kontext von Erziehung und Gesellschaft von den Teildisziplinen Sportgeschichte und Sportsoziologie begleitet wird. Im Anschluss daran werden die Übungsformen Tai Chi Chuan, Qi Gong und Yoga beschrieben und in den Kontext der Kampfsportarten gebracht. Am Beispiel des Tai Chi soll dann anhand einer chinesischen Studie die positive Wirkung solcher Übungen zunächst auf die allgemeine Gesundheit belegt werden. Daraufhin wird ein System möglicher Wirkungsmechanismen des Stressabbaus mittels asiatischer Bewegungskünste vorgestellt. Eine kritische Nachbetrachtung mit Argumenten für und gegen die Verwendung der einzelnen Übungssysteme soll den Abschluss dieser Arbeit darstellen.
Das wissenschaftliche Interesse widmet sich also zuerst philosophisch-kulturellen und danach physiologischen Aspekten. Bleibt zu bemerken, dass es n i c h t das Ziel dieser Arbeit ist, genaue Anleitungen zur Praxis einzelner Bewegungskünste zu geben oder diese gar als Allheilmittel darzustellen. Auch kann sicher nicht die Gesamtheit aller möglichen Wirkungsweisen für eine Reduzierung psychischer Belastungen und Beanspruchungen durch asiatische Bewegungskünste dargelegt werden, dies würde sowohl den zeitlichen als auch den inhaltlichen Rahmen dieser Arbeit sprengen. Gleiches gilt für die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Ursachen und Wirkungen von Stress, auch auf sportspezifische Aspekte des Stresses soll nicht weiter eingegangen werden. Ich möchte im Einzelnen lediglich versuchen, eine Unterteilung in direkte und indirekte möglichen Wirkungsmechanismen asiatischer Bewegungskünste vorzunehmen. Dies kann eine Grundlage für ausführlichere Untersuchungen sein.
Möglichkeiten des Stressabbaus mittels asiatischer Bewegungskünste 5
2. Asiatische Philosophie - Grundlage für sportliche
Bewegungspraktik
2.1. „Kulturgut Bewegungskunst“
„Morgens zwischen 6:00 und 7:00 Uhr kann man in den chinesischen Parks zahlreiche Menschen sehen, die regelmäßig ihr Tai Chi praktizieren. Dort sieht man Männer und Frauen, Junge und Alte, vertieft in Ihre Bewegungen. Alle möglichen Formen und Stile sind zu sehen. Mit und ohne Schwert, kurze und längere Formen, Chen-, Wu- und Yang-Stil werden nebeneinander toleriert. Es herrscht eine Stimmung gegenseitiger Akzeptanz. Nebenan ziehen Jogger ihre Bahnen, an anderer Stelle wird Federball gespielt.“ (Moegling & Moegling 1997)
Ein solches Szenario trägt zweifelsohne zu dem Bild bei, welches wir von der asiatischen Kultur - insbesondere von der chinesischen - haben. Zwar erscheint uns dieses Bild in Zeiten eines „Fitnesswahns“ und des Booms des Laufsports lange nicht mehr so exotisch und ungewöhnlich. Der hohe Stellenwert des Sports in unserer Gesellschaft und auch die Bewunderung derer, die asketisch und voller Hingabe große sportliche Leistungen vollbringen, tragen sicher dazu bei. Dennoch können wir einen Unterschied zu den Motiven der Chinesen und unseren, „Sport“ zu treiben, buchstäblich erahnen. Ich möchte daher zunächst mit einem kurzen Einblick in die Grundlagen der asiatischen Philosophie das fest verwurzelte Verständnis der Asiaten für Körper und Geist erklären, um so den Zugang zu den Bewegungskünsten zu erleichtern.
2.2. Konfuzianismus und Taoismus
Die chinesische Philosophiegeschichte umfasst bis heute einen Zeitraum von etwa 2500 Jahren. Mit den auf vorphilosophischen Weisheiten basierenden wichtigsten Lehren, Konfuzianismus und Taoismus, manifestiert sich bereits im 6. Jahrhundert vor Christus die Quintessenz der chinesischen Philosophie (vgl. Gan 1997). Den greifbarsten Bestand der vorphilosophischen Weisheit in China bildet das sehr alte kanonische Buch „I Ging“. Die darin zum Ausdruck gebrachten Prinzipien der „Einheit von Himmel und Mensch“, sowie der „Einheit aller Gegensätze und deren
Arbeit zitieren:
Christian Kuhn, 2002, Möglichkeiten des Streßabbaus mittels asiatischer Bewegungskünste (Tai Chi Chuan, Yoga, Qi Gong), München, GRIN Verlag GmbH
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