Ähnlich wie mit der Zeitung vom Vortag verhält es sich mit der Mode der Manieren, wer sein Auftreten nicht dem neusten Stand angepasst, wird auffallen. Und das in einer fatalen Art und Weise. Anstatt sich durch konformes Verhalten in die gute Gesellschaft zu integrieren, wird man ausgeschlossen werden. Kenner der aktuellsten Anstandscodes werden ihr gnadenloses Urteil fällen, ähnlich wie es Edgar Allan Poe seinen Protagonisten in der Kurzgeschichte ‘Der Mann in der Menge’ feststellen lässt:
„Erschienen mir diese Leute als die vollkommene Nachahmung dessen, was vor zwölf bis achtzehn Monaten ›bon ton‹ gewesen war. Sie hatten die abgelegten Manieren der ersten G2esellschaftskreise, und das, glaube ich, ist am bezeichnendsten für diese Gruppe.“ 1
Bei der beschriebenen Gruppe handelt es sich um Dienstboten in einer Klassengesellschaft, beflissentlich darauf bedacht, durch Nachahmung der Anstandsregeln ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gruppe zu erlangen. Durch Gebrauch veralteter Manieren offenbaren sie nicht nur ihre Zugehörigkeit zu einer in der gesellschaftlichen Hierarchie niedriger stehenden Klasse, sondern auch den Wunsch nach sozialem Aufstieg. In ihrem Bestreben, sich gegen soziale Mobilität von unten abzugrenzen, war es vor allem die Oberschicht, die immer differenziertere und komplexere Umgangsformen entwickelte. Manieren spiegeln die soziale Ordnung und dienen zur Abgrenzung, aber auch zur Integration.
Eine Anekdote aus dem Leben des Bankies Carl Fürstenberg illustriert, wie sich der gesellschaftliche Wandel hin zu einer
1 Edgar Allan Poes Werke. Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen, Band 3: Verbrechergeschichte. Herausgegeben von Theodor Etzel, Berlin: Propyläen-Verlag, [1922], S. 11-23
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demokratischen Gesellschaft im Gebrauch der Manieren ausdrückt.
„Als der Krieg zu Ende ging und die und die Spartakisten lärmend und in die Luft schießend vorbeimarschierten, forderte Fürstenberg seinen Diener auf: ‘Willhelm, kiek mal nach, wat dat für`n Lärm is’ Willem wurde steif: ‘Herr Fürstenberg es ist Revolution. Wir sind jetzt ein Volksstaat, und ich möchte als dessen gleichberechtigter Bürger von nun an mit ‘Sie’ angeredet werden.’“ 2
Der Anekdote nach verständigen sich Fürstenberg und sein Diener Willem schließlich darauf sich gegenseitig zu duzen. Mit der in demokratischen Staaten allgemein verwendeten Anrede ‘Herr’ werden nun nicht mehr die Standesunterschiede hervorgehoben, sondern aufgelöst. Indem sie für alle Bürger eines Landes gleichermaßen verwendet wird, impliziert sie die Vollwertigkeit des einzelnen.
Manieren stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zu den Strukturen einer Gesellschaft. Einerseits setzen bestimmte Manieren entsprechende Strukturen voraus, andererseits befördern bestimmte Strukturen entsprechende Manieren. Dienstboten mit dem Vornamen anzureden, setzt die Struktur der Klassengesellschaft voraus und innerhalb der Strukturen einer Feudalgesellschaft ist physische Gewaltanwendung kein gesellschaftlich geächtetes Verhalten, sondern gebräuchliches, für das Funktionieren der Gesellschaft notwendiges Verhalten 3 . Elias hat in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ auf diesen kausalen Zusammenhang hingewiesen. Manieren werden demnach von den gesellschaftlichen Erfordernissen bestimmt. Nur durch die Einbeziehung der Gesellschaftsform wird individuelles
2 Cziffra (1981), S.59f. Diese Anekdote wird in gleicher Form auch über den Mahler Max Liebermann erzählt. Tatsächlich hatten sich während der Novemberrevolution monarchistische Freikorps in Liebermanns Stadtwohnung verschanzt und sich einen Schusswechsel mit den Spartakisten geliefert.
3 Vgl. Elias (1976), Band I, S.268f
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Verhalten erklärbar. Baumgart und Eichner sehen genau darin seine „originäre wissenschaftliche Hauptleistung“ 4 . Bereits an diesen zwei Beispielen zeigt sich, dass Manieren nicht nur dazu dienen, einen angenehmen zwischenmenschlichen Umgang zu gewährleisten, sondern vielfältige Funktionen erfüllen. Manieren ähneln somit in ihrem integrierenden oder exkludierenden Potential „symbolischen Systemen“ wie sie Bourdieu beschreibt:
„...symbolische Systeme sind als Unterscheidungsmerkmal dazu geschaffen, eine gesellschaftliche Funktion von Trennung und Verbindung zu erfüllen, genauer gesagt: die Unterscheidungsmerkmale auszudrücken, die für die Struktur einer Gesellschaft jeweils kennzeichnend sind, indem sie sie die konstitutiven Elemente dieser Struktur, Gruppen oder Individuen der Bedeutungslosigkeit entreißen.“ 5
Hier zeigen sich Manieren in jener konfliktträchtigen Ambivalenz, die für sie gewissermaßen kennzeichnend ist. Manieren „als Zeremoniell des sozialen Kontaktes“ 6 sind wie die Strukturen der Gesellschaft einem steten Wandel unterworfen. Ihre Legitimation gründet sich, wie bereits erwähnt, auf die jeweilige Gesellschaftsstruktur, keineswegs liegt ihnen eine universelle Moralvorstellung zugrunde. So erklärt sich denn auch „die Ratlosigkeit des späteren Betrachters“ bei Betrachtung von „Sitten und Gebrächen der frühen Phase (…), die einen anderen Standard des Schamgefühls ausdrücken“ 7 . Sitten und Gebräche Etikette und Manieren vergangener Zeiten oder geographisch weit entfernt gelegener Kulturen wirken oft befremdlich auf den Betrachter. Kritik an der Rohheit der Sitten meint in diesem Zusammenhang zweierlei: zum einen das niedrige Niveau, den eines simplen Benimm und Verhaltenscodex, zum anderen eine
4 Vgl. Baumgart, Eichner (1991), S. 94.
5 Bourdieu (1974), S. 62.
6 Machwirth (1970), S. 281.
7 Elias (1976), Band I, S. 324.
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stärkere Gegenwart von Rohheit als solcher. Rohheit, verstanden als physische Gewalt, wird in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur in Ausnahmefällen toleriert und stellt in aller Regel ein sanktionswürdiges Verhalten dar.
Tatsächlich ist Gewalt, auf Grund gewisser Struktureigenheiten ein zentrales Problem menschlicher Vergesellschaftung. Zumindest physische Gewalt ist abgesehen von der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers, und im Gegensatz zu anderen Gewaltformen wie etwa der psychischen Gewalt völlig voraussetzungslos. Neidhardt bezeichnet physische Gewalt als „Universalsprache“ 8 , die ohne gemeinsame Kommunikationsebene funktioniert. Jeder kann von ihr voraussetzungslos Gebrauch machen und auf andere Menschen unmittelbar zugreifen.
Luhmann hat in diesem Zusammenhang auf die hohe Strukturunabhängigkeit 9 von Gewalt hingewiesen. Physische
Gewalt kann sich auf Grund dieser Strukturmerkmale völlig willkürlich vollziehen. Daraus folgt, dass jeder, immer und überall Opfer von physischer Gewalt werden kann. Genau deshalb wird sie gefürchtet.
In jedem sozialen Kontakt liegt auch ein gewisses Konfliktpotential. Manieren stellen in diesem Kontext eine Möglichkeit bereit, um der Eskalation des Konfliktpotentials vorzubeugen. Sie stellen standardisierte Verhaltensmuster zur Verfügung, die es den Kommunikationspartnern ermöglichen, ihre Ziele zu vermitteln und zu erreichen, ohne sich ‘wilder’, unberechenbarer Verhaltensweisen zu bedienen. Durch Verwendung eines gemeinsamen Codes mit überschaubaren möglichen Handlungsoptionen werden Reaktion und Aktion im sozialen Kontakt kalkulierbar.
8 Neidhardt (1986), zitiert nach Imbusch (2005), S.22.
9 Imbusch (2005) S. 22.
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Manieren dienen nicht nur zur Zügelung der unberechenbaren menschlichen Natur, mit ihnen ist auch ein beträchtliches Machtpotential verbunden. Als Sollvorstellung des sozialen Kontaktes kommt ihnen entscheidende Bedeutung bei der Organisation sozialer Umgangs zu. Macht, verstanden als Möglichkeit der Einflussnahme auf die Handlungen anderer Menschen, entfaltet sich überhaupt erst in Beziehungen und sozialen Kontakten.
Den Menschen als isoliertes Einzelwesen ohne soziale Kontakte gibt es überhaupt nicht, so sieht es zumindest Norbert Elias. Menschen stehen in wechselseitigen Abhängigkeiten, diese Verflechtungsfigur bezeichnet Elias als Figuration, ein zentrales Konzept in seinem Werk. Sie können keine „totale Autonomie“ erlangen, sondern sind „Zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen“ 10 . Weder ist der Mensch ohne soziale Kontakte möglich, noch sind soziale Kontakte ohne die Gegenwart von Macht möglich. Macht ist eine
„Struktureigentümlichkeit menschlicher Beziehungen“ und somit allgegenwärtig 11 .
Manieren sind also auch ein Machtmittel, sie sind ein Instrument, um soziale Kontakte zu organisieren, zu gestalten aber auch um sie zu manipulieren. Daher ist das scheinbar große Interesse 12 , dessen Benimm- und Verhaltensratgeber dieser Tage in der Geschäftswelt erfreuen, auch nicht weiter verwunderlich. „Mit guten Manieren zum Erfolg“ 13 ist aber nicht nur der Titel eines Benimm-Buches für Führungskräfte, sondern auch Methode von Hochstaplern und Heiratsschwindlern. Dem Potential von guten Manieren als Mittel der Manipulation und dem daraus
10 Elias (1976), Band I, S. LXVII.
11 Vgl. Baumgart/Eichner (1991), S. 115.
12 Ein ausgesprochen reichhaltiges Angebot an neueren Veröffentlichungen legt dies zumindest nahe.
13 Helga Gfader, Mit guten Manieren zum Erfolg -Knigge für den internationalen Manager-, Verlagshaus Langen Müller, 1994.
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resultierenden Nutzen, war sich schon Freiherr von Knigge bewusst, wenn er über den Umgang an Höfen und in besseren Gesellschaftskreisen schreibt:
„Man muß (…) manchen Menschen sehn, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schätzt, auch sucht man ja in diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften oder wenigstens unser Ansehn befestigen, wo es wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehn fühlen.“ 14
Verkäufer werden geschult, durch standardisierte Fragenkataloge scheinbares Interesse an ihrem Gegenüber zu suggerieren, damit die Distanz zu verringern und Nähe vorzutäuschen, um den Ausgang eines Verkaufsgespräches in ihrem Sinn erfolgreich zu gestalten. Einzelnen Branchen eilt diesbezüglich ein gewisser Ruf voraus. Dabei machen sie sich die relative Verbindlichkeit von Manieren zu Nutze. Der Gebrauch von gewissen Umgangsformen, wie einer freundlichen Begrüßung, verpflichtet den
Kommunikationspartner seinerseits den Gruß zu erwidern und appelliert ebenfalls seinerseits eine freundliche Haltung zu einzunehmen.
Nicht nur für Verkaufspersonal, auch beim gehobenen
Management herrscht großer Bedarf an Seminaren und Literatur zu ‘Business-Etikette’. Kenntnisse guter Manieren suggerieren nicht nur gute Erziehung, gute Bildung und daraus resultierend große Kompetenz, sondern auch eine gesteigerte Wertschätzung der eigenen Person. Manieren können zur Demonstration von Souveränität und Selbstsicherheit dienen. Machwirth stellt in seiner Schilderung des typischen Gentlemans fest:
„Er handelt aus dem Bewußtsein seiner eigenen Würde heraus und bestätigt das eigene Werturteil, die eigene Wertschätzung im Benehmen. …der Gentleman bekundet im Benehmen, welche Erziehung
14 Knigge (1788), III Kapitel, Textteil 326
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Arbeit zitieren:
Ben Breuer, 2009, Grausame Manieren und Rohheit der Sitten, München, GRIN Verlag GmbH
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