INHALT Danksagungen Einleitung
Der Jugendprotest als Ausdruck des Konflikts im Spannungsfeld Individuum - Gesellschaft
Welche Ziele sind im Menschen angelegt? Wonach strebt er? Welche Ziele verfolgen moderne Industriegesellschaften? Auswirkungen der gesellschaftlichen Ereignisse auf die Eltern und die Sozialisation ihrer Kinder Welche Möglichkeiten bleiben den Jugendlichen? Rockmusik als Musik der Jugend und Widerspiegelung der gesellschaftlichen Wirklichkeit Musik als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel Soziale und psychologische Aspekte in der Entwicklung der Rockmusik Gospels und Spirituals Der Blues Country und Western Jazz Rock´n Roll Beat und Rock
Wie erlebten Jugendliche damals ihre Rockmusik? Beat und Rock als Symbol der Jugend Punk Popmusik
Wie reagierte die Gesellschaft auf diesen musikalischen Protest? Literatur
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Danksagungen
Ich möchte allen danken, die durch ihr Verständnis und ihre Unterstützung zur Realisierung dieses Buches beigetragen haben.
Mein Dank gilt den alten Freunden und Kollegen, den Psychologen Hans Dess, der immer ein offenes Ohr für meine Wünsche und Rat in Zweifelsfällen wusste, sowie Jürgen Herkert und Felix Novak für ihre Anregungen und ihre freundliche Kritik. Mein Dank gilt auch einem guten Freund Mag. Artium Gerhard Martin Kirr, der mit großem Interesse die Entstehung des Buches verfolgte und mir tatkräftig beim Schreiben und den Korrekturen half. Ohne seine Mitarbeit und moralische Unterstützung hätte ich das Buch noch lange nicht vollendet.
Danken möchte ich noch einem guten Freund, dem Musiktherapeuten Bela Kovac, der mit mir viele Jahre musikalisch und musiktherapeutisch arbeitete; er hat sicherlich auch in diesem Buch seine Spuren hinterlassen.
Meine Arbeitskollegin, die Sozialpädagogin Sabine Haase und der Journalist Rainer Landeck haben sich die Zeit genommen, das Manuskript zu lesen und mit mir darüber zu reden. Herzlichen Dank für ihre Anregungen.
Sabine Haase, der Sozialpädagoge Reiner Haberl und meine Tochter, Psychologin Alex-andra Curic haben mir bei Arbeiten am Computer tatkräftig geholfen; dafür vielen Dank.
Mein besonderer Dank gilt meiner Tochter Marina Curic; sie hat mit sehr großem Einsatz das Manuskript dieses Buches geschrieben und auf CD übertragen. Nicht zu vergessen ist die Band, in der ich zehn Jahre (von 1960 bis 1970) als Berufsmusiker an Tourneen durch verschiedene Länder Europas teilgenommen habe. Diese musikalischen und gruppendynamischen Erfahrungen waren für meinen weiteren Berufsweg von grundlegender Bedeutung. Sie waren eine Vorstufe für mein Studium der Psychologie und meine spätere musiktherapeutische Tätigkeit. Das Buch ist meinen Kindern Alexandra, Marina und Alexander gewidmet. Mit ihnen habe ich oft rege, manchmal polemische Gespräche über die Rockmusik geführt. Auch sie haben dazu beigetragen, dass ich manche meiner Einsichten relativierte.
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Einleitung
Wer die Ereignisse in den 60er und 70er Jahren verfolgt hat, wurde immer wieder auf Probleme aufmerksam, welche die damalige junge Generation belasten und zu einer zunehmenden Unzufriedenheit junger Menschen führte.
Es gab junge Menschen, die durch Selbstmord dem Leben zu entfliehen suchten. Andere entzogen sich diesem Leben durch Leistungsverweigerung, durch Ablehnung verschiedener Formen der Autorität, durch Alkoholmissbrauch oder durch Drogenkonsum. Die Lage der damaligen Jugend in der Leistungsgesellschaft verursachte ihre große Unzufriedenheit und sogar den Aufstand, der sich bis heute nicht ganz beruhigt hat. Der Jugendprotest wurde ein Barometer immer größerer „Krisen der Wertsysteme“ und einer „Sinnkrise“ 1 , die seit Jahrzehnten die modernen Industriegesellschaften bedrohten. Subkulturen entstanden vor allem in den Großstädten und die Welt der Erwachsenen stand mit Unverständnis, mit Erschrecken, ja teilweise mit Abscheu den Rockern, Punkern und Skinheads gegenüber, die sich provokativ und aggressiv von ihren Herkunftsfamilien abzugrenzen versuchten.
Demonstrationen und gewaltsame Ausschreitungen beunruhigten damals die Polizei, die Politiker und die Mehrheit der Bürger. Von Staatsverdrossenheit war die Rede, von der Unfähigkeit der etablierten Parteien, das selbstzerstörerische System der Industriegesellschaft mit ihren Sachzwängen und Wachstumsnotwendigkeiten durch ein menschenwürdiges System zu ersetzen, und von der Ablehnung vieler Jugendlicher, in eine der etablierten Parteien einzutreten.
Alle diese Phänomene gab es schon geraume Zeit. Man kann nicht sagen, dass kein Bemühen erkennbar wäre, diese Probleme zu lösen oder wenigstens zu verbessern, und doch muss man feststellen, dass sehr wenig erreicht wurde.
Es soll deshalb hier der Versuch gemacht werden, die Ursachen und gesellschaftlichen Hintergründe der damaligen Zeit aufzuhellen.
Die Tatsache, dass dies zu Überlegungen geführt hat, inwieweit die Musik durch die Unzufriedenheit junger Menschen entstand, ist darin begründet, dass der Verfasser als
1 Frankl, V.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München 1979
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Diplom-Psychologe und Musiktherapeut die Bedeutung der Musik in diesem Geschehen besonders deutlich erfahren hat. Er hat auch die Erfahrung gemacht, dass die Musik ein Medium sein kann, um ein neues Verständnis füreinander zu entwickeln und in einer fruchtbaren Weise aufeinander zu zugehen. Dazu ist es aber notwendig, auf die originären Formen des musikalischen Ausdrucks zurückzukommen und nicht nur die kommerzialisierte Musik zu pflegen.
In dieser Arbeit gilt es dennoch aufzuzeigen, wie die ursprüngliche Beat- und Rockmusik als echter musikalischer Ausdruck die Geschehnisse der modernen westlichen Industrienationen widerspiegelte und wie die Jugend damals versucht hat, mit Hilfe der Musik ihr Leben zu gestalten und zu erleichtern. Die Dynamik des Zeitgeschehens kam darin ebenso zum Vorschein wie das Bemühen der Jugend, eine eigene Antwort auf all die gesellschaftlichen Gegensätze und Widersprüche zu finden. Die Art dieser Widersprüche soll hier betrachtet werden, ihre Ursachen einerseits und ihre Darstellung in der Musik andererseits sollen beschrieben werden. Dazu bedarf es aber einer gründlichen soziologischen Analyse, welche die Anfänge dieser Musik ebenso mit einbezieht wie die Entwicklung der damals bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.
Dieses komplexe Problem müssen wir natürlich unter dem Aspekt mehrerer Wissenschaftsdisziplinen betrachten, insbesondere der Errungenschaften der Soziologie, Psychologie, Pädagogik und Musikwissenschaft.
Bevor wir uns auf die Analyse dieser komplexen Problematik einlassen, möchten wir eine These aufstellen:
Es bestand damals ein Gegensatz zwischen den Zielvorstellungen junger Menschen und von gesellschaftlichen Kräften, die das bestehende System erhalten wollten und deshalb die Entfaltung der Jugendlichen behinderten. Bei den Jugendlichen entstand ein Konflikt zwischen idealen Vorstellungen und einer Realität, die ihre Verwirklichung nicht zugelassen hat. Dabei sollten diese idealen Vorstellungen der Jugendlichen nicht voreilig als wirklichkeitsferne Utopie abgetan werden, vielmehr müssten wir der Jugend ein besonderes Recht zugestehen, sich mit der Frage intensiv zu beschäftigen, wohin unsere Entwicklung in der Zukunft voranschreiten soll.
Ideale sind dabei Zielvorstellung, in denen Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen hinsichtlich einer zukünftigen Wirklichkeit enthalten sind. Wenn wir uns dessen bewusst
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sind, dass das Ideal selbst unerreichbar bleiben wird, so stimmen wir doch darin überein, dass es die Richtung unserer Bemühungen festlegen soll. Daraus wird deutlich, dass diese Überlegungen für alle Menschen relevant sind, wenngleich die jungen Menschen mit der größten Zukunftsperspektive am meisten damit beschäftigt sind. Aus der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit und dem Versuch ihrer geistigen Bewältigung erwuchs der Jugendprotest, der sich neben anderem auch in der Musik der 60er und 70er Jahre manifestierte.
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Welche Ziele sind im Menschen angelegt? Wonach strebt er?
Wenn wir uns auf die Motivationstheorie von Maslow 2 beziehen (Bedürfnishierarchie), können wir davon ausgehen, dass alle Menschen Ziele für ihre Bedürfnisbefriedigung entwickeln. Das höchste Ziel wäre in dieser Vorstellung die Selbstverwirklichung. Ausgehend von der Auffassung der „ganzheitlichen Persönlichkeit“ handelt es sich dabei um den allseitig entwickelten Menschen mit schöpferischen Fähigkeiten und einem Höchstmaß positiver Eigenschaften (Toleranz, Altruismus, Aufrichtigkeit usw.). Ein Mensch, der sein kreatives Potential verwirklicht, drückt damit seine wahren Bedürfnisse aus. Aber diese Art von Selbstverwirklichung steht nicht im Gegensatz, sondern im Ergänzungsverhältnis mit sozialen Gegebenheiten. Der „reiche Mensch“ ist der produktive, der freie, der soziale, der zufriedene Mensch, er ist der gesunde Mensch. In ihm existiert die Suche nach Selbstverwirklichung als eine innere Notwendigkeit. Aber diese Selbstverwirklichung des Einzelmenschen vollzieht sich wiederum nicht im psychologisch freien Raum, sondern in aktiver Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt. Daraus ergibt sich eine Abhängigkeit der Selbstverwirklichung von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, jedem weitgehende Möglichkeiten zu seiner Verwirklichung einzuräumen. Da der Mensch gleichzeitig ein Natur- und Sozialwesen ist, müssen die Anforderungen der Gesellschaft an den Einzelnen einerseits dessen Natur entsprechen und andererseits den gesellschaftlichen Übereinkünften.
Die Mitglieder der Gesellschaft bestimmen den Gesellschaftsprozess mit und gestalten aktiv und gemeinsam dessen Ziele. Es muss im eigentlichen Interesse der Gesellschaft sein, dass die Menschen ihre eigene Lebensgeschichte selbst in die Hände nehmen, dass sie diese begreifen und gestalten und so nicht nur ihre eigenen egoistischen Ziele verfolgen, sondern auch solche, die allen dienen. Am Ende sollen sich die individuellen und die sozialen Zielvorstellungen wie selbstverständlich ergänzen.
2 Maslow, H.A.: Psychologie und Persönlichkeit. Freiburg i. B. 1987
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Eine Gesellschaft mit solchen Mitgliedern nennt Fromm eine „gesunde Gesellschaft“. 3 Viele sehen diese Vorstellungen Fromms als eine Utopie. Es ist jedoch zu fragen, ob die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit in jeder Beziehung so klar sind oder ob es nicht fließende Übergänge geben kann. Welche Ziele verfolgen moderne Industriegesellschaften?
Es liegt wohl nahe, dass diejenigen, welche diese Gesellschaften repräsentieren und sie im Wesentlichen bestimmen, in erster Linie an der Sicherung eigener Vorteile interessiert sind. Die Entwicklung und Förderung aller Menschen und deren grundlegende Bedürfnisse finden dabei nur soweit Beachtung, als sie sich ohne Schwierigkeiten in Einklang bringen lassen mit den Interessen der 'Mächtigen'. Welche Personen sind es nun, welche die Macht konkret ausüben, und welche Ziele verfolgen sie?
Es handelt sich um jene „Minderheit“, die einen Großteil des Kapitals und der finanziellen Mittel besitzt (ökonomische Macht) und die gleichzeitig politische Einflussmöglichkeiten (politische Macht) für sich nutzt. Damit kann zweifellos der Ablauf des Wirtschaftsgeschehens bestimmt werden und darüber hinaus nachhaltiger Einfluss auf alle Entscheidungen des öffentlichen Lebens ausgeübt werden.
Die große Mehrheit der Menschen in modernen Industriegesellschaften ist nicht nur von der Mitwirkung an wirklichen wirtschaftlichen Prozessen ausgeschlossen, sie hat auch ihre Fähigkeit eingebüßt, sich selbst mit den lebensnotwendigen Gütern zu versorgen; so hat sie ihre Selbstständigkeit verloren und ist von der mächtigen Minderheit ganz abhängig geworden. Zu eigener Existenzsicherung ist sie gezwungen, ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen. Der daraus entstehende „Mehrwert“, der Gewinn also, wird einseitig von der „herrschenden“ Minderheit vereinnahmt und vergrößert deren Handlungs- und Entscheidungsspielraum. Die mächtige Minderheit bezieht die Motivation zur Aufrechterhaltung des Systems aus der Möglichkeit, in diesem System Gewinne für sich zu erwirtschaften; diese werden (größtenteils) wieder investiert, um noch größere Gewinne zu erzielen. Das Streben nach solchen Gewinnen lässt so eine Eigendynamik
3 Fromm, E.: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1980.
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entstehen, in der Wachstum vorprogrammiert ist, wobei zuletzt nicht mehr gefragt wird, ob die Produkte gebraucht werden, sondern nur danach, ob sie schnellen, sicheren und viel Gewinn versprechen. In diesem Geschehen verbinden sich die mächtige Minderheit mit dem technologischen Fortschritt, weil sie ihn ebenfalls braucht, um ihre Ansprüche für die Zukunft sichern zu können. Aus Gewinngründen werden Bodenschätze ausgebeutet, wird die Umwelt in unvertretbarem Maße belastet, und es wird die Energie des Menschen bis an die Grenze des Erträglichen ausgeschöpft. Dabei ist zu beobachten, dass einer physischen Erleichterung (z.B. Arbeitszeitverkürzung) eine psychische Mehrbelastung (Monotonie, Hektik, Konkurrenzdruck) gegenüber steht und sich die Situation des arbeitenden Menschen ständig verschlechtert. Die „Ausbeutung von Menschen durch Menschen“ 4 entspricht nicht einem Naturgesetz, sondern ist durch die unzulängliche Entwicklung der Verhältnisse entstanden. Die Erhaltung solcher Verhältnisse ist deshalb nicht selbstverständlich, ja sie ist nur schwer sicherzustellen, weil im System selbst Widersprüche sichtbar werden und weil auch die originären menschlichen Bedürfnisse dem vielfach widersprechen; es kommt deshalb zu Krisen und Spannungen. Der eigentliche Widerspruch liegt in der kollektiven Anstrengung und Produktion der Güter durch die lohnabhängige Mehrheit und der einseitigen Nutzung der Erträge durch eine kleine mächtige Minderheit. Daraus ergeben sich weitere Disharmonien etwa in der Art, dass zwei Arbeiter gleichzeitig Partner und Konkurrenten sind, oder etwa so, dass ein Arbeiter den Unternehmer als Menschen schätzt und sich gleichzeitig von seinem Betrieb betrogen fühlt.
Das System bringt Institutionen hervor, die nicht nur den Fortbestand des Systems sichern sollen, sondern auch den Mächtigen die Möglichkeit eröffnen, auch auf mehr indirekte Weise Einfluss auf Menschen auszuüben. Der Staat ist eine Art Oberinstitution mit Steuerungsaufgaben; er versucht die Interessen der Minderheit so darzustellen, als handele es sich dabei um gesamtgesellschaftliche Interessen. Bei kritischer Betrachtung erkennen wir die bloße Umsetzung der Interessen der Minderheit, wobei es aber doch Aufgabe des Staates wäre, neue und bessere Möglichkeiten der Lebensbewältigung für alle Bürger ausfindig zu machen und durchzuführen.
4 Ebenda, S. 95.
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Damit hat sich der Staat in eine recht zwielichtige Position drängen lassen, weil er inoffiziell die Ziele der Minderheit durchzusetzen versucht, während er offiziell den Dienst für die Allgemeinheit als seine Aufgabe bezeichnet. Der Staat ist Bürge für die formale Gleichheit aller Bürger, wobei gleichzeitig Bedingungen der Ungleichheit herrschen. So versucht der Staat einen Ausgleich zwischen den Ungleichgewichten Arbeitskraft und Kapital zu schaffen. Durch die Politiker wird das, was die Mächtigen in der Minderheit als Ziel festgelegt hat , als „gut“ apostrophiert; es werden allgemein gültige Werte daraus abgeleitet. Solche Werte sind Disziplin, Ordnung, Fleiß, Leistung, Macht, Erfolg usw.; damit sollen die Ziele, wie z.B. Soziale Anerkennung, gesellschaftlicher Status, Luxus, Sicherheit, Wohlstand usw. erreicht werden. Um diese Ziele zu erreichen, muss der Einzelne also einerseits Fleiß und Disziplin zeigen, andererseits verlangt man von ihm, dass er seine eigenen Bedürfnisse hinter die der Vorgesetzten zurückstellt, dass er voll für eine Sache eintritt und dabei einen rücksichtslosen Wettkampf mit seinesgleichen führt. Wer aus diesem harten Wettkampf als Sieger hervorgeht, dem eröffnen sich viele Vorteile, welche diese Gesellschaft zu bieten hat.
Es wird jedem die Möglichkeit zugesichert, ohne Ansehen seiner Herkunft und Person zu seinem persönlichen Erfolg kommen zu können. Dazu werden Einzelschicksale zitiert, wie jemand vom Tellerwäscher zum Millionär geworden sei und dergleichen. Hierbei werden Ausnahmeschicksale als die Regel hingestellt. Alle, die in diesem Wettlauf unterliegen, müssen sich mit ihrer Durchschnittlichkeit abfinden. Die Hoffnung auf das Überwinden dieser beengenden Verhältnisse und die Angst vor dem noch weiteren Abgleiten in den Misserfolg sind die beiden wesentlichen Triebfedern für die Mehrheit, sich immer wieder neu auf den Wettbewerb einzulassen.
Moralisch handelt dabei der, welcher seine privaten Interessen verfolgt, solange er nicht gesellschaftliche Regeln missachtet. Normen und Gesetze sichern zusätzlich den allgemein gültigen Rahmen, innerhalb dessen der Einzelne Nutzen suchen kann. Das Individuum wird nicht nur von seinen ursprünglichen Bedürfnissen weggeführt und auf 'gesellschaftlich' relevante Ziele eingeschworen; der Einzelne unterliegt auch noch einer zweifachen Einschränkung durch Wettbewerb und allgemein gültige Vorschriften. Weil er aber Erfolgsdruck ausgesetzt ist, besteht die Gefahr, dass es sich über gesellschaftliche Regeln hinwegsetzt, um so einen Teil seiner diffus empfundenen Benachteiligung auszugleichen. Es wird immer schwieriger, alle Mitglieder der Gesellschaft gleicher-
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maßen auf eine einheitliche Moral einzustellen. Die Moral wird so zu einem Instrument, welches das Verhalten der jeweils Anderen regulieren soll. Diese moralischen Postulate verhindern dennoch nicht das Übertreten oder Nichtbeachten der Vorschriften, was damit zu erklären ist, dass die moralischen Maßstäbe Ausdruck eines Konfliktes zwischen Individuum und Gesellschaft sind. Die Gesellschaft schafft Instrumente, bedient sich u.a. der Wissenschaft, mit deren Hilfe sie dem Einzelnen im Falle seines Scheiterns die Schuld an seinem persönlichen Misserfolg zuweisen kann. Die Psychologie und die Philosophie werden z.T. dazu benützt, im Individuum selbst und ausschließlich dort die Gründe des Versagens aufzufinden. So ist die Ursachenfindung ganz von den gesellschaftlichen Gegebenheiten weg auf den individuellen Bereich verschoben. Die Widersprüche, die eigentlich zwischen Individuum und Gesellschaft bestehen, sollen nur noch aus dem Individuum verstanden und an ihm selbst gelöst werden. Um an die Lösung dieser Probleme heranzukommen ist wieder zu fragen, welche ursprüngliche Bedürfnisse im Menschen vorhanden sind (s.o. Wonach strebt der Mensch?). Die Untersuchungen von Maslow 5 haben gezeigt, dass die Bedürfnisse in den westlichen Industriegesellschaften nur einseitig befriedigt sind. Zwar werden die Menschen gut mit materiellen Gütern versorgt, es besteht aber ein nicht befriedigtes Bedürfnis hinsichtlich zwischenmenschlicher Beziehungen, was wiederum die Selbstverwirklichung behindert. Lediglich Bedürfnisse nach Nahrung, Wohnkomfort und technischer Ausstattung sind im Übermaß abgedeckt, dafür besteht ein Mangel an Kommunikation, Solidarität, Liebe und echter Zuwendung, Voraussetzungen, die für eine Selbstverwirklichung von Anfang an unverzichtbar sind. Die - nach Maslow - höheren sozialen Bedürfnisse werden aber nicht entwickelt, weil die Gesellschaft eher an 'eindimensional' 6 funktionierenden Menschen interessiert ist, statt an reifen, eigenständigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten. Wenn man sich den hochspezialisierten Facharbeiter vorstellt, der ganz in das industrielle Geschehen eingebunden ist, ohne dies zu über-blicken oder auch nur im entferntesten beeinflussen zu können, dann wird einem bewusst, dass es sich dabei um einen eingeschränkten, manipulierbaren Menschen handelt.
Wiederum versuchen Wissenschaftler, dies damit zu legitimieren, dass die Mehrzahl der Menschen nicht zu kreativem Denken und handeln berufen sei, sondern sich in der Rol-
5 Maslow,H. A.: Psychologie des Seins, München, 1973.
6 Markuse, H.: Der eindimensionale Mensch. Neuwied, 1971.
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le des Befehlempfängers wohler fühlen würde. 7 Dabei wird das Bild des schwachen, unselbständigen Menschen gezeichnet, der sein Schicksal nicht selbst in die Hand nehmen kann, sondern der beständig jemanden braucht, der ihm Ziele vorgibt und Handlungsanweisungen erlässt. Freiheit wäre für solche Menschen eine Belastung, was daraus zu ersehen wäre, dass sie noch strengere, konsequentere Führung verlangen. Der Mensch als gleichberechtigter Partner, als gleichwertiger Bürger kommt in dieser Philosophie nicht vor, weil man ihn weiterhin als Objekt der Manipulation sehen möchte. Unterwirft er sich diesem Vorhaben, wird er mit der Erfüllung seiner infantilen Wünsche belohnt. Damit ist er hinreichend abgefunden, weil man ihm ja darüber hinausgehende Bedürfnisse nicht zugesteht. Ein solcher Mensch ist nicht nur angepasst und opferbereit, er lässt sich bis in den privaten Bereich hinein vorschreiben, was er anstreben, wen oder was er lieben und schätzen soll (Keine Liebe jenseits der herrschenden Moral: „In einen Mann ohne Geld verliebe ich mich schon gar nicht“, sagt eine Siebzehnjährige!).
Es soll darauf hingewiesen werden, welch ein eklatanter Widerspruch darin besteht, dass man dem Menschen einerseits suggeriert, er sei „seines Glückes Schmied“, und andererseits in solchen Legitimationsphilosophien den Menschen wiederum so darstellt, als könne er selbst seine Ziele nicht alleine finden.
Wie unrealistisch das ist, kann uns ein Beispiel verdeutlichen: nehmen wir einen Jungen, der in einer Alkoholikerfamilie aufgewachsen ist, der keine Berufsausbildung abgeschlossen hat, der auf der Straße als Einzelgänger lebt, der in seiner Jugendzeit schon im Gefängnis war und als Zwanzigjähriger „klauen“ geht, um überleben zu könnenüber den sagt die Gesellschaft, dass er frei war, das zu tun, was er wollte, und das er selbst daran schuld ist, wenn er wieder im Knast landet; da meinen wir, dass dieser Gedankengang nicht richtig, ja sogar bösartig ist (s. z. B. Auch Presley, Elvis: In the Ghetto).
Durch die finanzielle Entlohnung und die dadurch erschlossene Möglichkeit des generellen Konsums wird die Arbeit zur Nebensache, ein reines Mittel zum Zweck des Geldverdienens. Die Arbeit verliert dadurch ihren Stellenwert als sinnerfüllte Tätigkeit, der Arbeiter wird ein anonymer Teil der Produktion und beliebig austauschbar. Weil der
7 Strauss, G.: The personality versus Organisation Hypothesis, in Concepts and Controversy of
Organizational Behavior. Goodyear Publishing Company, 1972.
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Mensch seine wahren Bedürfnisse nicht befriedigen kann, sie im Laufe der Zeit gar nicht mehr wahrnimmt, schafft er einen Ausgleich für diesen Mangel, indem er konsumiert. Er konsumiert um des Konsums willen und nicht, um echte Bedürfnisse abzudecken. So schließt sich der Kreis, wenn der Mensch zuerst Dinge produziert, die er nicht braucht und danach diese Dinge konsumiert, obwohl daraus keine echte, bestenfalls eine fiktive, kurzfristige Befriedigung hervorgeht.
Die Gesellschaft braucht den Menschen als Produzenten einerseits und als Verbraucher andererseits; sie versucht deshalb, ihn auf diese Rolle festzuschreiben. Auswirkungen der gesellschaftlichen Ereignisse auf die Eltern und die Sozialisation ihrer Kinder
Die zunehmende Spezialisierung im Arbeitsbereich, die dem Einzelmenschen monotone, scheinbar unzusammenhängende, sinnlose Arbeitshandlungen zuteilt, führt zu einer Entfremdung 8 des Arbeiters vom Arbeitsgeschehen und vom Arbeitsergebnis. Seine innere Anteilnahme verringert sich, sein Interesse an der Sache schwindet. Der Arbeitsprozess wird zu einem frustrierenden Ereignis, das nur noch in der Existenzsicherung begründet ist und ein notwendiges Übel darstellt. Daraus ergaben sich permanente Belastungen, die auf den Familienbereich Auswirkungen haben in der Form, dass dort die Fähigkeit, sich auf die Bedürfnisse der übrigen Familienmitglieder einzustellen, zunehmend geringer wird und primär eine Kompensationsmöglichkeit für die Befriedigung eigener Bedürfnisse gesucht wird. Verstärkt werden solche Belastungen dort, wo der Arbeitnehmer in der Anonymität eines Massenbetriebes untergeht, wo er ein unbedeutender (Produktions-) Faktor unter Tausenden wird und sich so als austauschbar und ersetzbar erlebt. Eine derart unbeachtete Persönlichkeit steht in Gefahr, im privaten Bereich ihre Selbstbestätigung darin zu suchen, anderen, vor allem schwächeren Menschen gegenüber ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Die Technisierung im Arbeits-leben, die neue, kaum noch überschau- und beherrschbare Möglichkeiten bereitstellt und den Arbeitnehmer in einen - im wahrsten Sinne des Wortes - unmenschlichen (Computer)-
8 Fromm,E.: Das Menschenbild bei Marx, 1982, S. 49.
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Lazar Curic, 2011, Musik und Jugend - Aufschrei aus hunderttausend Kehlen, München, GRIN Verlag GmbH
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