Universität Würzburg Philosophische Fakultät III Lehrstuhl für Philosophie 2 SS 2003 Proseminar: Einführung in die Kulturtheorie der Psychoanalyse
Der Liebesbegriff bei Erich Fromm zwischen Theorie, Praxis und Verfall
Verfasser:
Robert Czech
1
INHALT
Die Kunst des Liebens -
Der Liebesbegriff bei Erich Fromm zwischen Theorie, Praxis und Verfall
1) Einführung: Zum Liebesbegriff im Kontext
von Erich Fromms Die Kunst des Liebens 2
2) Lieben als Kunst 4
3) Die Liebe und ihr Verhältnis zu unserer menschlichen Existenz 5
3.1) als Antwort auf das Problem menschlicher Existenz 5
3.2) als verfallendes Element unserer heutigen westlichen Gesellschaft 8
4) Zur Praxis der Liebe im Zusammenhang mit
unserer heutigen Situation als Individuum 10
5) Schlusskritik: Die Kunst des Liebens und der Kontrast
zwischen Individuum und Gesellschaft 12
6) Literatur 15
2
Wer den ordo amoris eines Menschen hat, hat den Menschen. Er hat für ihn als moralisches Subjekt das, was die Kristallformel für den Kristall ist. 1
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, desto größer ist die Liebe ... 2
[Paracelsus]
1) Einführung: Zum Liebesbegriff im Kontext von
Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“
Der philosophische Begriff der Liebe beinhaltet eine Vielzahl von unterschiedlichen Bedeutungsinhalten. Ist die Liebe bei Platon noch eine Art Verlangen, „eine das geistige Wesen des Menschen ausmachende Befindlichkeit“ 3 und damit in der Ausprägung des Eros der zentrale Antrieb der Seele auf der Suche nach allem Guten, Schönen und Wahren, erfährt das Verständnis des Liebesbegriffs im Laufe der Zeit zahlreiche Wandlungen. So definiert Augustinus Liebe als das Ineinander von Nächsten-, Selbst- und Gottesliebe 4 . Wahre, auf Gott ausgerichtete Liebe ersetzt bei ihm gar jegliche moralischen Gesetze. Mit dem neuzeitlichen Rationalismus fällt dagegen die ontologische Verklärung des Begriffs langsam ab, Liebe wird plötzlich zu einer subjektorientierten Eigenschaft, einem Gefühl oder einer Passion. 5 Für Friedrich Hegel ist der Grund der Liebe das Bewusstsein zu Gott, Max Scheler sieht den Menschen als ens amans, als liebendes Wesen, bei dem alles Erkennen und alle Wertannahme letztendlich in der Liebe gründen und den ‚liebenden Charakter des handelnden Menschen’ ausmachen (ordo amoris). Die Gottesidee ist bei Scheler der oberste Wert und die höchste Form der Liebe. Besonders ab Beginn des 20.Jahrhunderts und Sigmund Freud verlagert sich die Diskussion um den Liebesbegriff auf eine sozialphilosophische und psychologische
1 Max Scheler. In: dtv-Atlas Philosophie. S.199.
2 Paracelsus. In: E. Fromm: Die Kunst des Liebens. S.7.
3 Enzyklopädie der Philosophie. Liebe. S.205.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. ebd.
3
Ebene, die sich stets im Kontext der Gesellschaftsentwicklung vollzieht und sich dabei stark an den einzelnen Individuen orientiert.
Vor diesem Hintergrund ist auch Erich Fromms Die Kunst des Liebens von 1956 zu betrachten. Der Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Fromm (Frankfurt a. M. 23.3.1900 -Muralto 18.3.1980), der stark in der jüdischen Kultur und Religion verwurzelt war, errang als Autor populärphilosophischer Werke (u.a. „Sein und Haben“ 1976) einen hohen Bekanntheitsgrad. Er arbeitete und publizierte unter anderem in Berlin, New York und Mexiko City und war dreimal verheiratet. Als Mitglied der Frankfurter Schule trug er zu deren Sozialforschung bei, brach aber im amerikanischen Exil (ab 1934) mit den kritischen Theoretikern. Seine grundlegende Revision war die starke Ausweitung der Betrachtung der Persönlichkeitsentwicklung auf die Einflüsse des kulturellen Umfeldes (und nicht, wie Freud, auf den Geschlechtstrieb). Davon zeugt auch das vorliegende Werk „Die Kunst des Liebens“, in dem der Autor keine simple Anleitung zu dieser verlockenden Kunst geben will.
Denn das Buch möchte zeigen, dass „die Liebe kein Gefühl ist, dem sich jeder ohne Rücksicht auf den Grad der eigenen Reife nur einfach hinzugeben braucht.“ 6
Vielmehr offenbart die Schrift eine Hilfestellung zur Persönlichkeitsentwicklung, denn Fromm „möchte zeigen, daß [sic!] es in der Liebe zu einem anderen Menschen überhaupt keine Erfüllung ohne die Liebe zum Nächsten, ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin geben kann.“ 7 Dabei fällt besonderes Augenmerk auf die Verfassung unserer Gesellschaft (Stand der 1950er Jahre) und die Probleme des Individualisierungsprozesses, denn in einer Kultur, in der die angesprochenen notwendigen Eigenschaften rar geworden sind, wird die Fähigkeit zu lieben selten voll entwickelt. 8
Vor diesem Hintergrund möchte die vorliegende Arbeit zunächst entfalten, was Erich Fromm als eigentliche ‚Kunst’ ausmacht. Im Augenmerk des Interesses stehen daraufhin die sich ergebenden theoretischen Fragen im Hinblick auf unsere heutige menschlich-kulturelle Existenz und deren ‚Brandherde’, womit sich bereits der Schritt in die Praxis, also quasi hin zur Ausübung dieser ‚Kunst des Liebens’ und damit zum letzten Punkt der Arbeit andeutet. Insgesamt betrachtet sollen die grundlegenden Aspekte aus Fromms Werk, die behandelt, sowie die Perspektiven, die gegeben werden, aufgeführt und abschließend im Kontext unserer heutigen Situation als Individuum zu Beginn des 21. Jahrhunderts diskutiert werden.
6 E. Fromm: Die Kunst des Liebens. Vorwort. S.9.
7 Ebd.
8 Vgl. ebd.
Arbeit zitieren:
Robert Czech, 2003, Die Kunst des Liebens - Der Liebesbegriff bei Erich Fromm zwischen Theorie, Praxis und Verfall, München, GRIN Verlag GmbH
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