selbst erklären zu lassen. Die Intention, die Bourdieu‘s mit seinem Werk „homo academicus“ gehabt hat, beschreibt er folgendermaßen:
„Ich wollte beweisen - und zwar als Gegenposition zu all denen, die nur die Wissenschaftlichkeit der Soziologie in Frage stellen wollen, wenn sie davon reden, daß der Soziologe in der sozialen Welt angesiedelt ist und damit notwendig eine sozial bedingte Sicht auf diese Welt hat -, daß der Soziologe diesen historistischen Zirkel bis zu einem gewissen Grade durchbrechen kann: wenn er es nämlich versteht, gestützt auf seine Kenntnis des sozialen Universums, in dem die Sozialwissenschaft produziert wird, die Effekte der Determinismen zu neutralisieren, die in diesem Universum und damit auch beim Soziologen selbst wirksam sind.“ (Bourdieu zitiert in Fuchs-Heinritz; König 2005, S.251)
Dieses Zitat ist für sich genommen für die Frage nach der Intention, welche zur Geburt des „homo academicus“ geführt hat, nicht sehr erhellend, denn Bourdieu spricht hier von einem historistischen Zirkel und von Effekten der Determinismen. Jene Begriffe bedürfen zu aller erst einer genaueren Erläuterung und sind im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu zu betrachten. Dennoch ist anhand dieses Zitates etwas zu erkennen, das für Bourdieu‘s Werke typisch ist und zwar der aufklärerische und politische Impetus, der seine Geburt teilweise Bourdieu‘s Erfahrungen in Algerien zu verdanken hat. Zum genaueren Verständnis muss darauf verwiesen werden, dass Bourdieu 1955 zum Militärdienst einberufen und nach Algerien, einer Kolonie Frankreichs, geschickt wurde. Die Besonderheit von Algerien ergibt sich aus folgenden Aspekten. Die algerische Bevölkerung war nach dem zweiten Weltkrieg nicht bereit, die französische Besatzung zu akzeptieren. In Algerien hatten sich viele Franzosen niedergelassen. Sie stellten annähernd zehn Prozent der Bevölkerung dar und bekleideten alle Führungspositionen im Land. Somit bestand die Oberschicht Algeriens aus den besagten annähernd zehn Prozent Franzosen, die etwa 20-mal so viel wie die einheimischen Algerier verdienten. Des Weiteren ist zu erwähnen, dass es bereits eine Schicht unter den Einheimischen gab, die bereits in den Genuss von europäischer Bildung gekommen sind und ebenfalls mit den europäischen Lehren der Emanzipation bekannt waren. Fragen der kolonialen Besatzung führten schon seit Jahren zu Streitigkeiten unter Frankreichs Intelektuellen. Als prominentester Vertreter der Gegner des algerischen Kolonialkriegs ist Sartre zu nennen. Bourdieu zählte sich ebenfalls zu den Gegnern des algerischen Krieges, aber er schloss sich nicht Sartre und seinen Anhängern an, denn seiner Meinung nach nahmen Sartre und seine Anhänger ein Urteil vor, ohne das algerische Volk und deren Nöte zu kennen.
2
Er selbst konnte sich Vorort als Soldat der Besatzungsmacht ein genaues Bild machen und kam zu der Erkenntnis, dass eine rein theoretisch begründete Urteilsfindung über die Lage der Algerier unangemessen sei und beginnt daraufhin den Alltag der Menschen in Algerien zu untersuchen (vgl. Rehbein 2006, S. 22). Rehbein schreibt, dass die Zielsetzung dieser Untersuchung die Erstellung eines Werkes über die Wirklichkeit in Algerien war mit dem er die französischen Intellektuellen konfrontieren wollte. Des Weiteren verweist Rehbein darauf, dass Bourdieu rückblickend betont, dass die Franzosen über die Algerier nicht viel wussten und somit die Intelektuellen Frankreichs keine Grundlage für ihre Position bezüglich der Lage in Algerien hatten (vgl. Rehbein 2006, S. 23). Diese Erkenntnis und weitere Erfahrungen, die er durch die Beobachtung des Alltags der Menschen in Algerien machen konnte, haben sein Denken nachhaltig beeinflusst. Der besagte aufklärerische Impetus hat mit Sicherheit seinen Ursprung in Bourdieu‘s Erfahrungen, die er in Algerien gemacht hat. Die Bedeutung, die Algerien für Bourdieu hatte, lässt sich auch anhand seiner Äußerungen in „ein Soziologischer Selbstversuch“ (2002) ersehen.
„Und nicht zuletzt bedeutet Algerien, ein Land, aus dem ich mit einer ethologischen Erfahrung zurückkehrte, die den schwierigen Bedingungen eines Befreiungskriegs entstammte, für mich einen entscheidenden Bruch mi der gelehrten Sicht der Dinge und führte zu einer kritischen Sicht der Soziologie und der Soziologen, in der der Ethnologe den Philosophen bestärkte, und vielleicht und vor allem auch zu einer einigermaßen entzauberten - oder realistischen - Sicht der Intelektuellen, für die in meinen Augen die algerische Frage einen wichtigen Prüfstein dargestellt hat.“ (Bourdieu 2002, S. 44)
Bourdieu‘s und Sartre waren nicht gänzlich unterschiedlicher Meinung in Bezug auf die Algerische Frage, denn beide übten starke Kritik an der Kolonialpolitik Frankreichs. Die Unterscheidung der beiden Positionen besteht vielmehr in der Grundlage, die zu der jeweiligen Position geführt hat und im weiteren Sinne was die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis sein sollte. Diesbezüglich betont Rehbein, das Bourdieu und Sartre sich darin unterscheiden „(…), dass Bourdieu keine Urteile als gegeben oder gar axiomatisch voraussetzen wollte; sondern er war der Meinung, dass wissenschaftliche Tätigkeit das Mittel sei, menschliches Leiden zu erkennen und letztendlich zu beseitigen.“ (Rehbein 2006, S. 23) D.h. Bourdieu ging davon aus, dass erst die Arbeit am spezifischen Untersuchungsgegenstand zu wissenschaftlichen Urteilen führen kann. Diese Arbeit ist anthropologisch eingefärbt, denn besagte Arbeit besteht in erster Linie in der Informationssammlung im Feld des
3
Untersuchungsgegenstandes. Aber sie ist ebenfalls geprägt von einem aufklärerischen Charakter, der die besagten Leiden der Menschen öffentlich zugänglich macht, d.h. im engeren Sinne überhaupt erst ersichtlich macht. Im Folgenden werden nun diese beiden Aspekte, der aufklärerische Charakter und der kritische Umgang mit wissenschaftlichen Urteilen, auf den „homo academicus“ übertragen. In diesem Licht stellt der „homo academicus“ den Versuch dar, das universitäre Feld für die Menschen zu entzaubern und die diesem Feld entsprechenden Mechanismen zu erklären. Dies bedeutet, die spezifische Logik, welche im Schatten liegt, ans Licht zu zerren. Jene Feldanalyse ist aber auch im Lichte des kritischen Umgangs mit wissenschaftlichen Urteilen zu betrachten, wie bereits betont wurde. Um sich diesem Aspekt des Werkes zu nähern, soll zuerst der Frage nachgegangen werden, was die Wissenschaft für den Menschen bedeutet. Diesbezüglich ist auf Max Weber, einer der Stammväter der Soziologie, zu verweisen. Er prägte Bourdieu nachhaltig mit seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (2006). Bourdieu versuchte die zentrale Frage dieses Werkes in seinen algerischen Studien nachzugehen, die darin bestand, eine Erklärung für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes zu geben (vgl. Rehbein 2006, S.24). In Bezug auf Wissenschaft hat sich Max Weber in „Wissenschaft als Beruf“ folgendermaßen geäußert:
„(…), was leistet denn nun eigentlich die Wissenschaft Positives für das praktische und persönliche »Leben«? (…) Kenntnisse über die Technik, wie man das Leben, die äußeren Dinge sowohl wie das handeln der Menschen, durch Berechnung beherrscht (…).“ (Weber 1995, S. 37)
Der Mensch betreibt Wissenschaft, damit er die Gewissheit hat, dass alle Phänomene seiner Welt von ihm verstanden werden können, er muss sich nur entsprechender technischer Mittel und Informationsquellen bedienen. D.h. der Mensch ist durch die Wissenschaft in der Lage, seine Umwelt zu verstehen und somit auch ihre Macht über ihn zu neutralisieren. Hiermit geht eine Entmystifizierung und Entzauberung der Welt einher (vgl. ebd., S. 19). Es ist die Berechenbarkeit und die Objektivierbarkeit der Welt, die nicht nur dem Weberschen, sondern prinzipiell auch allen Konzepten von Wissenschaft zugrunde liegt. Als Stätte der Wissenschaft gilt die Universität. Mit dem bereits genannten Zweck der Wissenschaft für den Menschen und dem von Bourdieu im Folgenden formulierten, ergibt sich die Besonderheit einer Analyse des universitären, d.h. des wissenschaftlichen Feldes.
4
„Die Welt der Universität einer wissenschaftlichen Analyse zu unterziehen bedeutet, sich eine Institution zum Gegenstand zu nehmen, der gesellschaftlich das Recht zuerkannt wird, eine den Anspruch auf Objektivität und Universalität erhebende Objektivität durchzuführen.“ (Bourdieu 1992, S. 11)
Die Institution der Universität hat den Ruf, dass sie objektive und universelle Aussagen über die Welt trifft. Diese werden von der Gesellschaft anerkannt und ihnen wird ein Wahrheitswert zugesprochen, der das Weltbild der Menschen bestimmt. Als ein historisches Beispiel hierfür sei die Kopernikanische Wende erwähnt, die weitreichende Folgen für das gesamte Weltverständnis des Menschen und seinem Platz in Welt gehabt hat. Der Glaube an die Wissenschaft lässt ihre Aussagen über das wissenschaftliche Wissen hinaus zu einem kollektiven Wissen der Menschen werden. Es bildet das Hintergrundwissen der Menschen. Doch diese Objektivität der Wissenschaft kann, da sie vom menschlichen Standpunkt aus getroffen wurde, keine absolute sein, sondern immer nur eine relative. Dies hat auch Bourdieu erkannt. Diese relative Objektivität ergibt sich aus dem Feldbegriff und seiner Verflechtung mit dem Habitus.
Feld, Macht und Habitus
An dieser Stelle sollen beide Begriffe kurz erläutert werden, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass die folgende Erläuterung keine vollständige ist, denn dies würde wiederum eine eigenständige Arbeit zu diesem Thema erfordern. Unter dem Begriff des Feldes ist ein Netz oder eine Struktur von objektiven Relationen zwischen den verschiedenen Positionen zu verstehen, die von Akteuren innerhalb der Gesellschaft eingenommen werden. Das entscheidende Kriterium ist hier das Kapital, welches über die Position entscheidet. Es stellt sich diesbezüglich die Frage, inwiefern sich der Feldbegriff von dem Begriff des sozialen Raumes, der von Bourdieu oftmals in Form eines Koordinatensystems dargestellt wird, unterscheidet. Beide Begriffe sind zentral für Bourdieu‘s Denken. Gemeinsam ist ihnen, dass die Position der Akteure bestimmt wird durch das Volumen an Kapital, das der jeweilige Akteur besitzt. Ebenso wie die Aussagen von Bourdieu selbst sind die Arbeiten anderer Autoren, die versuchen diese Begriffe in Bourdieu‘s Sinne zu interpretieren, zahlreich. Eine genauere Erläuterung würde hier den Rahmen sprengen, dennoch soll der Versuch einer
5
Arbeit zitieren:
Elias Buck, 2009, Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie: Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie: neuer Titel erschienen: Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu
Elias Buck hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare