Obwohl Martins Verhältnis zu Franza in den letzten Jahren stark gelitten hat, macht er sich kurzentschlossen auf die Suche, um seiner Schwester zu helfen. Durch einen Anruf bei dem „Fossil“, wie Martin den Psychiater Jordan nennt, erfährt er, dass sich dieser von seiner Schwester scheiden lassen will. Daraufhin beschließt Martin nach Wien zu fahren, um Franza beizustehen. Dort angekommen, muss er jedoch erfahren, dass Franza verschwunden ist und niemand genau weiß, wo sie sich aufhält. Doch Martin gibt sich mit dieser kargen Auskunft der Haushälterin nicht zufrieden und durchstöbert die Wohnung von Franza und dem „Fossil“, in der Hoffnung irgendwelche Anhaltspunkte finden zu können. In einer Schublade findet Martin dann schließlich einige beunruhigende Briefanfänge, die sowohl an ihn als auch an das „Fossil“ gerichtet sind. In ihnen wird Franzas Verzweiflung deutlich: „Mein lieber Martin, es ist so entsetzlich, ich fürchte mich, ich habe ja nur Dich und deswegen schreibe ich Dir. Lieber Martin, ich bin so verzweifelt, ich muss Dir schreiben…“ 5 Plötzlich weiß Martin, wo er Franza finden wird - in ihrer Heimat Galicien; und so macht er sich alsbald auf den Weg, „um sein kleines Kriminalrätsel lösen zu können.“ 6
In Galicien angekommen, findet Martin seine Schwester tatsächlich ganz verstört in ihrem früheren Familienhaus auf. Ihn erfasst ein tiefes Entsetzen als er Franzas schlimmen Zustand bemerkt und erkennt, dass dies nicht mehr die Franza Ranner war, die er einmal kannte. „[…], das war nicht mehr die Franza von früher und nicht mehr die fremde Dame, die immer elegantere Dame aus Wien, und von Galicien war auch nichts mehr übriggeblieben, […].“ 7 „[…] sie weinte nicht nur, es war noch etwas andres, das von dem Weinen nur die Tränen hatte, sie zitterte und ihr Körper tat etwas mit ihr, was er nicht niederhalten konnte mit den Armen, in einer Konvulsion, in immer stärkeren Zuckungen, sie schlotterte und wollte ihn wegstoßen und krampfte sich dann wieder an ihn, […].“ 8 Franza scheint also nicht mehr nur ein psychisches Wrack zu sein; die seelische Zerstörung ist bereits auf ihren ganzen Körper übergegangen. Martins Ratschlag, sich ärztliche Hilfe zu holen, lehnt Franza vehement ab. Stattdessen bittet sie Martin, ihn auf seiner Studienreise nach Ägypten zu begleiten. Die Reise durch die Wüste wird für Franza gleichzeitig eine Reise durch ihre Krankheit. 9 Die Wüste als bedeutungsleerer Raum, bietet der erkrankten Franza die Möglichkeit zur Reflexion. 10 Sie durchquert hier ihre eigene Krankheit, in der Hoffnung dadurch wieder
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gesund werden zu können. Doch ihre Erkenntnis, ihre innere Heilung stürzt Franza schließlich in den von ihr so gefürchteten Tod.
Doch wie ist es dem angesehenen Wiener Psychiater Jordan gelungen, das einst fröhliche junge Mädchen so zugrunde zu richten und sie sogar in den Tod zu treiben? Wie konnte das „Fossil“ eine menschliche Seele derart zerstören, sodass nichts mehr von dem ursprünglichen Wesen übrig bleibt?
Bereits im ersten Kapitel „Heimkehr nach Galicien“ wird durch die Überlegungen Martins deutlich, dass Franza in Jordan vermutlich eine Vater-Figur sah, bei der sie sich den Schutz und die Geborgenheit erhoffte, die ihr in ihrer Kindheit verwehrt blieben, denn Franzas und Martins Eltern sind gestorben, als beide noch im Kindesalter waren. Damals übernahm Franza die Mutterrolle und sorgte für ihren kleinen Bruder, der sich jetzt als erwachsener Mann nicht vorstellen kann, dass die Frau, die ihm einst den größten Schutz bot, nun selber Schutz suchte. „[…], er war auf die Idee gekommen, daß Franza Schutz suchte, und er konnte sich das nicht vorstellen, weil sie immer sein Schutz gewesen war, daß sie auf der Suche war und etwas suchte, was nicht er war, und daß sie einen Vater geheiratet hatte.“ 11 Dass Franza ein Vater-Imago heiratete, wird auch ganz prägnant an einer anatomischen Auffälligkeit festgemacht, die Jordan mit Franzas Vater verbindet. Auch dieser Aspekt wird dem Leser durch die Überlegungen Martins aufgezeigt, dem aufgefallen war, dass das „Fossil“ ebenso wie sein Vater zwei dunkle Warzen im Gesicht hatte und diese nun als eigentlichen Heiratsgrund ansieht. Hier ist ein deutlicher Bezug zu Freuds Psychoanalyse und seiner Theorie vom Ödipuskomplex erkennbar, die die studierte Psychologin Ingeborg Bachmann in ihrer Arbeit aufnahm.
Freud geht davon aus, dass jedes Kind, welches seine phallische Phase vollzieht, unbewusst sexuelle Wünsche auf das Elternteil des jeweils anderen Geschlechts richtet. Zunächst stützten sich seine Studien noch auf die psychosexuelle Entwicklung der Jungen. Später sprach Freud auch von einer präödipalen Phase bei Mädchen, in der sie die Mutter noch als Liebesobjekt betrachtet. In der nachfolgenden ödipalen Phase richtet sich die sexuelle Begierde des Mädchens dann an ihren Vater. Andere Psychoanalytiker, die sich auf diese Freud’sche Theorie stützten, bezeichneten den Ödipuskomplex bei Mädchen auch als Elektrakomplex.
Da Leo Jordan ein anerkannter Psychoanalytiker ist, kann davon ausgegangen werden, dass er mit den wissenschaftlichen Theorien Freuds vertraut ist und auch grundlegende Kenntnisse
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über die Theorie des Ödipuskomplexes besitzt. Vermutlich nutzte er genau dieses Wissen aus, um Franza für ihn gefügig zu machen. Schließlich ist Franza durch ihre familiäre Vorgeschichte besonders geeignet, um diese psychosexuellen Gefühle in ihr wachzurufen, die Jordan für seine Zwecke missbrauchen kann. Den Zweck, den Jordan mit seiner Ehe verfolgt, ist eindeutig: Er war die ganzen Jahre nicht mit Franza, sondern mit der Wissenschaft verheiratet. Und Franza ist nicht zu seiner Frau, sondern zu seiner Patientin, zu seinem Experiment geworden, das er zugrunde analysierte und sezierte. Jedes Verhalten, jede Bemerkung und jedes Gefühl, das Franza äußerte, wurde von Jordan wissenschaftlich analysiert und dokumentiert. Eines Tages, so berichtet Franza es ihrem Bruder, fand sie einige Zettel auf Jordans Schreibtisch, auf dem in Stenographie einige halbe Sätze über Franza zu lesen waren. „Hie und da stand F. da, und es berührte mich nicht das, sondern der Inhalt, […]. Ich bezog es noch nicht auf mich, und ich weiß auch fast nichts mehr außer einem halben Satz, Fs Selbstbewusstsein. Wäre mehr zu erschüttern. Ihre Selbstverständlichkeit, Gier, Vitalität.“ 12 An diesem Punkt realisierte Franza noch nicht, dass sie all die Jahre nicht Frau Jordan, sondern der Fall „F“ gewesen war. Erst einige Zeit später verstand sie, was Jordan ihr eigentlich antat. „Er bearbeitete mich, er bereitete mich vor, seinen Fall. Er hetzte mich hinein in einen Fall. Und jedes Blatt, das er mich finden hieß, das hetzte mich weiter.“ 13 An dieser Stelle wird deutlich, dass Jordan eine ganz klar durchdachte Strategie verfolgte, mit der er Franza allmählich von Innen heraus zerstörte. Ihre seelische Zerstörung nahm von Zeit zu Zeit auch äußerliche Formen an, denn auch Franzas körperliche Verfassung verschlimmerte sich zusehends. Die seelische Qual breitete sich also auch auf Franzas Körper aus. Doch die innere Zerstörung äußert sich noch anhand eines weiteren wichtigen Aspekts: Franza verliert ihre Sprache, sie verstummt. Dies machen beispielsweise auch ihre unabgeschlossenen Briefe deutlich, in denen sie weder für Jordan noch für Martin die passenden Worte findet, um ihre Situation und ihr Empfinden äußern zu können. Franza selbst wird sich im Kapitel „Jordanische Zeit“ über all die Verbrechen bewusst, die an ihr verübt wurden und muss erkennen, dass sie Jordan ausgeliefert war und nichts hätte gegen seine Strategie tun können, die sie zur Gefangenen machte. „Wie habe ich mich benommen, wie ein Tier, das in seinem Käfig auf- und niederrennt, und wenn ich die Stäbe hätte durchrennen können mit meinem Schädel, wäre ich noch im Käfig gewesen, in dem Käfig seiner Notizen, die mich verfolgten, die mir vorausgingen.“ 14
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Arbeit zitieren:
B.A. Christina Klemke, 2010, Die "Jordanische Strategie", München, GRIN Verlag GmbH
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