Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis IV
Abk ürzungsverzeichnis V
1. Einleitungg 1
1.1. Problemstellung 2
1.2. Zielsetzung und Hypothese 3
2. Literatur und Forschungsstand 4
2.1. Der Begriff „Entwicklung“ 5
2.2. Entwicklungspolitik 7
2.3. Entwicklungstheorien 8
2.4. Entwicklungsstrategien 21
3. Methodische Vorgehensweise 28
3.1. Verwendete Konzepte 29
3.2. Verwendete Datensätze und betrachtete Zeiträume 35
4. Brasilien - Ein Überblick 40
4.1. Geschichte 40
4.2. Politisches Systemm 45
4.3. Regionale Differenzierung 47
4.3.1. Der Norden 48
4.3.2. Der Nordosten 49
II
4.3.3. Der Mittelwesten 49
4.3.4. Der Südosten 50
4.3.5. Der Süden 51
5. Ergebnisse 52
5.1. Regionale Disparitäten 54
5.1.1. Alphabetisierungsgrad 54
5.1.2. Private Haushalte mit Anschluss an die Kanalisation 55
5.1.3. Armutsanteil 56
5.2. Regionaler Wohlstand 58
5.3. Nationaler Wohlstand 65
6. Schlussfolgerungen 70
6.1. Politikempfehlungen 72
6.2. Ausblick 74
7. Literaturliste 75
8. Anhangg 85
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Regionen und Bundesstaaten Brasiliens
Abbildung 2 BIP pro Kopf in R
Abbildung 3 Analphabetenrate in
Abbildung 4 Haushalte mit Anschluss an die Kanalisation in
Abbildung 5 Bevölkerungsanteil in absoluter Armut in
Abbildung 6 Investitionen Nordosten
Abbildung 7 Humankapital Nordosten
Abbildung 8 Wohlstand Nordosten
Abbildung 9 Gini-Koeffizient Nordosten
Abbildung 10 Investitionen Südosten
Abbildung 11 Humankapital Südosten
Abbildung 12 Wohlstand Südosten
Abbildung 13 Gini-Koeffizient Südosten
Abbildung 14 Investitionen national
Abbildung 15 Humankapital national
Abbildung 16 Wohlstand national
Abbildung 17 Gini-Koeffizient national
Abbildung 18 Good Governance
IV
1. Einleitung
Die mediale Berichterstattung über Brasilien scheint sich gewandelt zu haben. Wurden in der öffentlichen Wahrnehmung eher Korruptionsfälle, soziale Konflikte und Tourismus thematisiert, liest man heute positive Wirtschaftsmeldungen über das Land um den Zuckerhut. Investoren wird geraten, in brasilianische Firmen zu investieren und Erfolgsnachrichten über wirtschaftliches Wachstum scheinen sich zu überschlagen. 1 Dabei gleichen die Nachrichten und Studien über das ewige Schwellenland, wie es von den Brasilianern so gern genannt wird, mittlerweile fast den Meldungen über das Wachstum Chinas. Das ewige Warten auf Wachstum und Entwicklung scheint vorbei zu sein, Brasilien gilt als der große Aspirant des BRIC. 2
Gewaltige Rohstoffvorkommen, industrielle Agglomeration, eine stabile Demokratie und das größte landwirtschaftliche Potential der Welt
3
scheinen diese Ambitionen eindrucksvoll zu untermauern. Nationale Unternehmen wie
Embraer
(Flugzeugbau),
Vale
(Bergbau) oder
Petrobras
(Ölförderung) sind auf dem Weltmarkt angekommen und können sowohl steigende Forschungsausgaben als auch steigende Wachstumsraten vorweisen; internationale Großkonzerne wie
Volkswagen, General Motors
oder
Nestlé
sind seit Jahrzehnten fest in Brasilien etabliert und erfreuen sich des wachsenden Absatzmarktes.
4
Darüber hinaus verzeichnet das Land seit 1999 um den Zuckerhut ein jährliches Wirtschaftswachstum von durchschnittlich über 5 %.
5
Auch die Bevölkerung scheint am neuen Erfolg Brasiliens kräftig beteiligt zu werden: Man bemerkt die Zunahme der staatlichen Investitionen in Straßen-
1 Vgl.dazu The Economist, Catching up in a hurry, Heft vom 21.5.2011.
2 Brasilien, Russland, Indien und China sind auch BRIC bekannt, vgl. dazu Martinez-Diaz, L., BRIC, 2009, S. 1.
3 Vgl. dazu Kohlhepp, G., Führungsmacht, 2003, S. 1 ff.
4 Vgl. dazu Busch, A., Wirtschaftsmacht, 2009, S. 1 ff.
5 s. IBGE , in URL: www.ibge.gov.br/estatisticas, Stand: 05.07.2011.
1
bau, medizinischer Einrichtungen und sanitärer Anlagen, wenn man heutzutage Brasilien bereist und den Entwicklungsstand des Landes mit vor zehn Jahren vergleicht. Überall findet man Baustellen vor, das Straßennetz ist in einem besseren Zustand, wird stetig erweitert und die Sicherheit der Bürger hat ebenfalls zugenommen. Des weiteren gibt nur noch wenige Kinder, die an den Ampeln stark frequentierter Kreuzungen die wartenden Autos abstreifen, um etwas Kleingeld zu erbetteln. Augenscheinlich wurden die Armut reduziert, mehr Kinder eingeschult und mehr Wohlstand erreicht. Viele Brasilianer verbinden diese Erfolge mit der Regierung des ehemaligen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva (genannt Lula), der 2010 nach zwei Amtszeiten von seiner Parteifreundin Dilma Rousseff beerbt wurde. Viele seiner Anhänger sehen in Lulas Zeit als Präsident die Wurzel des Aufschwungs und des Wohlstands in Brasilien sowie die Grundsteinlegung weg von einem korrupten, ineffizienten politischen System zu einem modernen demokratischen Staat mit effizientem Verwaltungsapparat. 6 Bei allem Lob über die entstehende Führungsmacht in Lateinamerika lohnt dennoch ein kritischerer Blick auf das Land. Mit einer Fläche von 8.514.215 km 2 ist Brasilien fast doppelt so groß wie die Fläche der Europäischen Union. 7 Diese geographische Größe lässt erahnen, dass Brasilien von deutlichen Unterschieden zwischen den Regionen des Landes geprägt sein muss. Klimatische und geographische Gegebenheiten, die sich auf die Bevölkerungsdichte und Siedlungsstruktur auswirken, sind nicht von der Hand zu weisen. Darüber hinaus wirken sich diese Disparitäten auch auf die Bevölkerung aus, die unter den unterschiedlichsten Bedingungen in den einzelnen Regionen Brasiliens lebt.
1.1. Problemstellung
Augenscheinlich ist Brasilien geprägt von regionalen Disparitäten zwischen den fünf Hauptregionen des Landes trotz erheblichen wirtschaftlichen
6 Vgl. dazu Kohlhepp, G., Führungsmacht, 2003, S. 48.
7 s. IBGE, in URL: www.ibge.gov.br, Stand: 05.07.2011.
2
Wachstums und staatlicher Verteilungsprogramme. Aufgrund dessen stellt sich die Frage, ob gleichzeitig zum Wirtschaftswachstum eine Steigerung des Wohlstands einher geht. Weiterhin ist unklar, inwiefern Bildung, staatliche Förderung und Wohlstand in den verschiedenen Regionen ausgeprägt ist und welche Rolle die Effizienz der Regierungsführung auf nationaler Ebene dabei spielt.
1.2. Zielsetzung und Hypothese
Die Fragen, die diese Arbeit anleiten, sind: Wie groß sind die sozialen und wirtschaftlichen Disparitäten zwischen den Regionen Brasiliens? Welchen Einfluss haben Humankapital und Investitionen auf den Wohlstand der Bürger regional und national? Inwiefern beeinflusst Good Governance den Wohlstand auf nationaler Ebene?
Hier soll der Zusammenhang zwischen den regionalen Disparitäten in Wirtschaft, sozialen Faktoren und Bildung und dem Wohlstand der Bürger in Brasilien genauer untersucht werden.
Die Hypothesen, die in dieser Arbeit untersucht werden, sind:
1. Brasilien ist geprägt durch starke regionale Disparitäten in Einkommen, Bildung, Infrastruktur und Armut.
2. Durch Steigerung von Humankapitals und Investitionen wird in Brasilien höherer Wohlstand erreicht.
3. Höherer Wohlstand ist ebenfalls von steigenden Werten in Good Governance abhängig.
Diese Hypothese soll im Folgenden auf ihre Gültigkeit hin untersucht werden. Dazu werden zunächst verwendete Literatur und der Forschungsstand zum Thema Entwicklung vorgestellt, um dann die Methode der Analyse zu erörtern. Weiterhin muss im Zuge einer ganzheitlichen Betrachtung ebenfalls ein Blick auf die Geschichte und das politische System Brasiliens geworfen werden, um dann die Ergebnisse der Analyse vorzustellen und zu diskutieren.
3
Abschließend werden dann die Ergebnisse zusammengefasst und Schlussfolgerungen daraus gezogen.
2. Literatur und Forschungsstand
Im Vorfeld der Analyse muss die relevante Literatur zum Themenkomplex identifiziert werden und die bereits existierenden Forschungsergebnisse zusammen gefasst werden. Dieses Feld ist sehr weitläufig, weshalb hier eine Auswahl der wichtigen Theorien und Strategien beschrieben und diskutiert werden soll.
Da Begriffe wie „Entwicklung“, „Entwicklungstheorie“, „Entwicklungspolitik“ und „Entwicklungstheorie“ unscharf sind, da sie unterschiedlich definiert sind und in der Literatur nicht eindeutig verwendet werden, wird für die vorliegende Arbeit eine Definition vorgenommen werden. 8 Die Begriffe Entwicklungsländer, Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe werden häufig unterschiedlich ausgelegt und sind Teil stark normativ geführter wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Besonders das Argument der Stigmatisierung der Begriffe 9 spielt hierbei eine große Rolle. Dies kommt beispielsweise in der begrifflichen Entwicklungslinie rückständige - unterentwickelte - nicht entwickelte - Entwicklungsländer zum Ausdruck. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich beim Begriff der Entwicklungshilfe, der mittlerweile von vielen Autoren mit Ressourcentransfer oder Entwicklungszusammenarbeit ersetzt wird. 10 Im Folgenden werden die unterschiedlichen Ansätze - unter besonderer Berücksichtigung der in der Arbeit verwendeten Literatur und Forschung - vorgestellt und unterschieden.
8 Vgl. dazu Kevenhörster, P., Entwicklungspolitik, 2009, S. 13.
9 Vgl. dazu ebd., S. 13.
10 Vgl. dazu Andersen, U., Entwicklungspolitik/-hilfe, 2008, S.94.
4
2.1. Der Begriff „Entwicklung“
Der Begriff der Entwicklung birgt einen großen Teil der Entwicklungsproblematik selbst, da er weder vorgegeben noch allgemeingültig definierbar noch wertneutral ist. Stattdessen ist er abhängig von Zeit und Raum und insbesondere von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen. 11 Die gewünschte Richtung eines gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandels auf Basis von theoretischen Annahmen zur Unterentwicklung eines Landes, einer sozialen Gruppe oder einer Region stellt ein normatives Konzept dar. Die Fülle der unterschiedlichen Deutungsmuster macht es kaum möglich, die verschiedenen Konnotationen auf einen Nenner zu bringen. 12
Wurde der Entwicklungsbegriff in den 1950er Jahren noch sehr eindimensional mit wirtschaftlichem Wachstum gleichgesetzt, hat er mittlerweile einen Bedeutungswandel erfahren und offiziell in der „UN Declaration on the Right to Development“ 1986 folgendermaßen beschrieben wurde:
„A comprehensive economic, social, cultural and political process, which aims at the constant improvement of the well-being of the entire population and of all individuals on the basis of their active, free and meaningful participation in developmemt and in the fair distribution of benefits resulting therefrom.“ 13
Im ersten Human Development Report von 1990 wurde der Entwicklungsbegriff dann weiter spezifiziert:
„Human Development is the process of enlarging people‘s choices. [...] The most critical ones are to lead a long and healthy life, to be educated and to enjoy a decent standard of living. Additional choices
11 Vgl. dazu Nohlen, D., Entwicklung, 2010, S. 206.
12 Vgl. dazu Kevenhörster, P., Entwicklungspolitik, 2009, S. 12.
13 s. UN, in URL: http://www.un.org/documents/ga/res/41/a41r128.htm, Stand: 25.06.2011.
5
include political freedom, guaranteed human rights and selfrespect.“ 14
Im Zuge eines wachsenden Umweltbewusstseins wurde der von im Brundt-land-Bericht 15 geprägte Begriff der Nachhaltigkeit ebenfalls Teil des Entwicklungsbegriffs:
„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. [...] This the goals of economic and social development must be defined in terms of sustainability in all countriesdeveloped or developing, market-oriented or centrally planned.“ 16
Somit hat sich der Entwicklungsbegriff von der Gleichsetzung zu wirtschaftlichem Wachstum zu einem Konzept entwickelt, das wirtschaftliche, kulturelle, soziale und politische Prozesse berücksichtigt und einschließt mit dem Ziel, die Lebensbedingungen aller Völker nachhaltig zu verbessern. Weiterhin kann Entwicklung zwischen drei Dimensionen unterschieden werden:
1. Den Zielen von Entwicklung,
2. dem Prozess, der zu diesen Zielen führen soll und 3. den Ergebnissen von Entwicklungsprozessen. 17
14 s. UNDP, in URL: http://hdr.undp.org/en/media/hdr_1990_en_front.pdf, Stand: 25.06.2011.
15 Der Brundtland-Bericht wurde 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung verfasst. Er wurde nach dem Namen der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland bekannt, welche in besagter Kommission den Vorsitz hatte. Vgl. dazu Nohlen, D., Nachhaltigkeit, 2010, S. 635.
16 s. World Commission on Environment and Development, in URL: http:// upload.wikimedia.org/wikisource/en/d/d7/Our-common-future.pdf, Stand: 25.06.2011.
17 Vgl. dazu Mürle, H., Scheitern, 1997, S. 6.
6
2.2. Entwicklungspolitik
Als Entwicklungspolitik bezeichnet man die Summe aller Maßnahmen und Mittel, die von der internationalen Gemeinschaft und allen Industrie- und Entwicklungsländern eingesetzt und/oder ergriffen werden, um die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung der Entwicklungsländer zu fördern. 18 Da Entwicklungspolitik vor dem Kontext zahlreicher weiterer Politikfelder, wie z.B. Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Migrations- und Umweltpolitik oder auch Sicherheitspolitik gesehen werden muss, 19 ist die Entwicklungspolitik ein genuin interdependentes Politikfeld. 20 Entwicklungszusammenarbeit ist die Ausführung der Entwicklungspolitik. 21
18 Vgl. dazu Nohlen, D., Entwicklungspolitik, 2010, S. 210.
19 Zum Interessengeflecht der Entwicklungspolitik vor dem Hintergrund der weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und NGO-Einfluss vgl. dazu Nuscheler, F., Entwicklungspolitik, 2007, S. 672 ff.
20 Vgl. dazu Kevenhörster, P., Entwicklungspolitik, 2009, S. 13 ff.
21 Der Begriff Entwicklungshilfe wird in der Literatur immer häufiger durch den Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“ ersetzt, da „ [Entwicklungshilfe] einen paternalistischen und somit hierarchischen Unterton hat und die heute angestrebte Partnerschaftlichkeit mit den E n t w i c k l u n g s l ä n d e r n n i c h t k l a r g e n u g z u m A u s d r u c k t b r i n g t [ … ] . [Entwicklungszusammenarbeit] bezeichnet das operative Geschäft, die praktische Durchführung von entwicklungspolitischen Programmen und Projekten in Planung, Durchführung und Evaluation.“ Ihne, H., Einführung, 2006, S. 4. International wird der Begriff „Official Development Assistance (ODA) benutzt, im Folgenden wird der Begriff „Entwicklungszusammenarbeit“ verwendet. s. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in URL: http://www.bmz.de/de/ministerium/zahlen_fakten/ Leitfaden_Was_ist_ODA.pdf, Stand: 26.06.2011.
7
2.3. Entwicklungstheorien
Entwicklungstheorien sind das Spiegelbild zur praktischen Entwicklungspolitik mit einer erklärenden und einer handlungsorientierten Dimension: 22
„Theorien, welche den Entwicklungsprozess der aus der Dekolonisation hervorgegangen Staaten der Dritten Welt in seinen Voraussetzungen, darunter den Ursachen der Unterentwicklung, und in seinen Merkmalen zu erklären versuchen sowie in starker Praxisorientierung in Form von Entwicklungsmodellen und Entwicklungsstrategien auf Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit abzielen.“ 23
Die entwicklungstheoretische Debatte wurde jahrzehntelang von zwei großen Theorien dominiert: in den 1950er und 1960er Jahren von den Modernisie-rungstheorien und im weiteren Verlauf der 1960er und den 1970er Jahren von den Dependenztheorien. Danach von der Strukturanpassung in den 1980er und 1990er sowie Entitlement und Armutsreduzierung in den 1990er Jahren bis hin zur Diskussion über Big Push Theorien und Good Governance nach der Jahrtausendwende.
Wachstums- und Modernisierungstheorien
Die Modernisierungstheorien gehen von einem Prozess aus, der durch endogene Faktoren in Gang gesetzt wird und zur Angleichung der Entwicklungsländer an die Industrieländer führt. 24 In den 1950er Jahren bestimmten zwei Faktoren die damals neue Disziplin der Entwicklungstheorie: der Kalte Krieg und die Entkolonialisierung. Diese beiden Situationen erforderten einen
22 Vgl. dazu Többe Gonçalves, B., Entwicklungstheorie, 2005, S. 2.
23 Nohlen, D., Entwicklungstheorien, 2010, S. 210.
24 Vgl. dazu Mürle, H., Scheitern, 1997, S. 9.
8
theoretischen Ansatz, der nicht nur Erklärungen für Ent- und Unterentwicklungsprozesse lieferte, sondern zudem konkrete Strategien zur Erhöhung der ökonomischen Leistungsfähigkeit einzelner Staaten benannte. Die ersten Ansätze der Nachkriegszeit waren somit Wachstumstheorien, die als Teil eines technokratischen Entwicklungsdenkens zu verstehen sind, „welches nicht allein auf die Marktkräfte, sondern auch auf gezielte (wirtschafts-) politische Interventionen setzt. Dieses Denken basierte auf den Ideen von John Maynard Keynes (1883 - 1946), dessen Arbeiten in den dreißiger Jahren die von Adam Smith (1723 - 1790) begründete und bis dato vorherrschende klassische Nationalökonomie erschüttert hatten. [...] Der ökonomische Liberalismus wurde für die negativen Folgen einer Politik kritisiert, die zu einer Verschärfung der Arbeitslosigkeit, zur Ressourcenverschwendung und zu einer steigenden Monopolisierung unter den Unternehmen geführt hatte. [...] Der Einfluss seiner [Keynes‘] Ideen wirkte sich nicht nur wirtschaftspolitisch, sondern auch weltpolitisch positiv auf die Ambitionen der USA aus, die in der Nachkriegszeit und später auch in der Phase der Dekolonialisierung ihren (wirtschafts-) politischen Einfluss durch gezielte politische Planung weltweit ausbauen wollten.“ 25 Somit wurde in den neuen Planungsstäben und entwicklungspolitischen Organisationen der Wechsel vom Marktliberalismus zu technokratischen Wachstumstheorien geprägt:
Insbesondere das Harrod-Domar-Modell über Ersparnisse und Investitionen war in den 1940er und 1950er Jahren einflussreich und prägte die Moderni-sierungstheorien maßgeblich. Entwickelt von dem englischen Ökonomen Roy Harrod und dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Evsey D. Domar, ging dieses Modell davon aus, dass jede Nationalökonomie einen bestimmten Anteil des nationalen Einkommens sparen muss, um die fundamentalen fiskalpolitischen Strukturmaßnahmen - wie z.. B. Erhaltung des Straßennetzes - gewährleisten zu können. Um gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum zu gewährleisten, sind jedoch gleichzeitig neue Investitionen notwendig. Die dem Harrod-Domar-Modell zugrunde liegenden Fragen lauteten: In welcher Höhe muss das Einkommen wachsen, um ökonomisches Wachs-
25 TöbbeGonçalves, B., Entwicklungstheorie, 2005, S. 15.
9
tum nicht zu verlangsamen? Ihre Ergebnisse basieren auf folgenden Grundannahmen:
- Es gibt einen perfekten Wettbewerb.
- Es gibt Vollbeschäftigung.
- Es gibt keine staatliche Regulierung.
- Es handelt sich um eine geschlossene Gesellschaft.
- Es wird nur ein Produkt erzeugt. 26
Durch die vereinfachten Annahmen des Modells war es möglich, mathematische Gleichungen
27
über ökonomische Entwicklung aufzustellen. Harrod und Domar verfolgten das Ziel, die Bedingungen für einen Ausgleich zwischen der Sparquote und den Investition in einer Volkswirtschaft zu eruieren und kamen zu dem Schluss, dass die Wachstumsrate des Einkommens gleich dem Quotienten aus der Sparquote und der Profitrate sei. Somit kommt es im Harrod-Domar-Modell zu einem Wachsen des nationalen Einkommens, wenn die Bereitschaft zum Sparen größer ist als die Profitrate. Entwicklung kann also demnach auf Investitionsentscheidungen zugunsten von Kapitalakkumulation in Entwicklungsländern reduziert werden.
28
Das Problem ist jedoch, dass das Harrod-Domar-Modell zum einen von vereinfachten Annahmen ausgeht und zum anderen, dass alle Variablen im gleichen Verhältnis steigen oder fallen, was äußerst unwahrscheinlich ist. So würden Unternehmen, die eine erhöhte Nachfrage erwarteten, im gleichen Maße Investitionen tätigen. Überstiege die Nachfrage dann aber diese Investitionen, würden die Unternehmen nochmals investieren, was zu einer Wachstumsexplosion führen würde. Das Gleiche gilt im Umkehrschluss dann auch für einen erwarteten Rückgang der Nachfrage. Dieses Problem wird das
Knife-Edge-Problem
ge-
26 Vgl.dazu Todaro, M., Development, 2009, S. 112 ff.
27 Vgl. dazu Hess, P., Theories, 1997, S. 79 ff.
28 Vgl. dazu Többe Gonçalves, B., Entwicklungstheorie, 2005, S. 17.
10
nannt und erst mit dem Neoklassischen Wachstumsmodell von Solow gelöst. 29
Um den ökonomischen Fokus der Wachstumstheorien zu überwinden, wurden sie in den 1960er und 1970er Jahren um nicht-ökonomische Elemente erweitert. Dabei spielen besonders Theorien über sozialen und institutionellen Wandel eine große Rolle, da die Wachstumstheorien so in einen neuen Theorienstrang überführt werden konnten - den Modernisierungstheorien. Im Gegensatz zu den strukturalistischen Entwicklungstheorien sind die Moderni-sierungstheorien nicht klar abgrenzbar. 30 Dennoch lassen sich einige Charakteristika der Modernisierungstheorien benennen, die im weiteren Verlauf diskutiert werden.
Entwicklung wird im modernisierungstheoretischen Ansatz mit Modernisierung gleichgesetzt. Modernisierung ist dabei eine Reihe von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformationsprozessen, wie zum Beispiel technologischem Wandel oder auch Veränderung des Wertesystems. Im Vergleich zu den Wachstumstheorien wird dem sozialen Wandel eine große Rolle zugeschrieben. So sind Werke wie die protestantische Ethik Max Webers oder Emile Durkheims „Über die Teilung der sozialen Arbeit“ fester Bestandteil des modernisierungstheoretischen Denkens, da sie die Einteilung in traditionelle und moderne Gesellschaften vornehmen. So würde sich aus wachsender Interdependenz zwischen traditionellen gesellschaftlichen Segmenten eine komplexere, spezialisierte Arbeitsteilung und letztendlich eine Gesellschaft modernen Typus entwickeln, die sich durch Spezialisierung und Institutionalisierung auszeichne. Der Dualismus (traditionell vs. modern) impliziert eine klare Hierarchie innerhalb der Modernisierungstheorien. 31
29 Solow erklärte Wachstum als Folge aus dem Einsatz von Arbeit, Kapital und Technologie in einer Volkswirtschaft durch die Flexibilität und die Austauschbarkeit der Faktoren wurde das Knife-Edge-Problem gelöst. Vgl. dazu Todaro, M., Development, 2009, S. 147 ff. und Hess, P., Theories, 1997, S. 80.
30 Vgl. dazu Nohlen, D., Entwicklungstheorien, 2010, S. 210 ff.
31 Vgl. dazu Többe Gonçalves, B., Entwicklungstheorie, 2005, S. 22.
11
Das Rostowsche Wachstumsmodell ist Ausdruck dieser Denkweise. Nach Rostow kann die Transformation einer unterentwickelten in eine entwickelte Gesellschaft mit fünf Stadien umschrieben werden:
1. Die traditionelle Gesellschaft
2. Die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum
3. Nachhaltiges Wachstum
4. Die Entwicklung hin zur Stabilität
5. Das Zeitalter des Massenkonsums. 32
Es werden die Bedingungen der Transformation einer traditionellen in eine moderne Gesellschaft beschrieben, indem sich ein Land wirtschaftlich und gesellschaftlich von einem Agrarstaat in einen Industriestaat verwandelt. Folgt man Rostow‘s Argumentation, muss jede Gesellschaft diese fünf Stadien durchlaufen. Großer Kritikpunkt des Modells ist jedoch genau dieser Anspruch. Das Rostowsche Wachstumsmodell blendet die einzigartigen und unterschiedlichen politischen, historischen und kulturellen Einflussfaktoren komplett aus. 33
Ein weiteres Beispiel für modernisierungstheoretische Modelle ist das Lewis-Modell. Das Lewis-Modell sollte aufzeigen, wie die Not in der Dritten Welt durch geeignete wirtschaftliche Maßnahmen und somit größeres wirtschaftliches Wachstum zu lindern wäre.
„In the Lewis model, the underdeveloped economy consists of two sectors: a traditional, overpopulated rural subsistence sector characterized by zero marginal labor productivity - a situation that permits Lewis to classify this as surplus labor in the sense that it can be withdrawn from the traditional agricultural sector without any loss of output - and a high-productivity modern urban industrial sector into which labor from the subsistence sector is gradually transferred. The
32 Vgl. dazu Todaro, M., Development, 2009, S. 111.
33 Vgl. dazu Többe Gonçalves, B., Entwicklungstheorie, 2005, S. 30 ff.
12
primary focus of the model is on both the process of labor transfer and the growth of output and employment in the modern sector.“ 34
Mit dem Arbeitskräfteübergang geht ebenfalls ein steigender Lohn einher. Aufgrund der Tatsache, dass die abwandernden Arbeitskräfte die Produktivität des Agrarsektors nicht senken, steigen die Löhne der verbliebenen Arbeitskräfte ebenfalls. Somit sind die wichtigsten Akteure im Lewis-Modell die Unternehmer des modernen Sektors. Nur, wenn sie ihre Profite reinvestieren, kommt es zu weiterem Wachstum. 35
Das Problem des Lewis-Modells ist jedoch, dass es den institutionellen und ökonomischen Realitäten von Entwicklungsländern nicht gerecht wird. Lewis legt ebenfalls den Fokus auf eine geschlossene Volkswirtschaft, in der es marginal zum Austausch zwischen zwei Wirtschaftssektoren kommt. Zudem werden Faktoren wie Armut und soziale Ungleichverteilung komplett ausgeblendet. Viele Entwicklungskonzepte, die den Ideen des Lewis-Modells folgten, führten zu einer Vernachlässigung des Agrarsektors, übermäßiger Arbeitsmigration und steigender Arbeitslosigkeit in den Städten vieler Entwicklungsländer. 36
Dependenztheorien
Das Pendant zu den Modernisierungstheorien wird in der Literatur meist mit dem Begriff der Dependenztheorien bezeichnet und ist eine „Theorierichtung innerhalb der Entwicklungstheorie, die v. a. auf die extreme Verursachung der Unterentwicklung abhebt und sich als Gegenparadigma zur Modernisie-rungstheorie begreift, welche die internen Entwicklungshemmnisse in den
34 Todaro, M., Development, 2009, S. 115.
35 Vgl. dazu Hess, P., Theories, 1997, S. 79 ff.
36 Vgl. dazu Todaro, M., Development, 2009, S. 118 ff.
13
Mittelpunkt des Zusammenhangs gestellt hatte.“ 37 Der Begriff der Dependenz entstammt der lateinamerikanischen Dependencia-Schule der 1960er Jahre und ist Ergebnis neomarxistischer Überlegungen zur Unterentwicklung. Sie entstand als Reaktion auf die Erschöpfungsanzeichen der importsubstituierenden Industrialisierung 38 und das Ende von politischen Reformversuchen in Lateinamerika. Der am Begriff der Abhängigkeit angelehnte Begriff der Dependenztheorien bezog sich zum Teil auf die Verschlechterung der Handelsbestimmungen, zum Teil auf marxistische Ansätze, die die Unterentwicklung in Lateinamerika nicht den feudalistischen Strukturen, sondern den Besonderheiten eines abhängigen, peripheren Kapitalismus zuschrieben. So wird die Unterentwicklung als Folge einer ineffizienten Integration der Entwicklungsländer in den Weltmarkt beschrieben. Deshalb müsse eine Herauslösung der Entwicklungsländer aus dem Weltmarkt oder eine sozialistische Revolution erfolgen. 39 Ursachen für die Unterentwicklung von Ländern seien nicht innere, sondern äußere Faktoren, insbesondere der Kolonialismus. Durch das kapitalistische System übten die weiter entwickelten Länder Druck auf die weniger entwickelten Länder aus, um diese weiterhin arm zu halten. Besonders die Terms of Trade, die ungleichen Handelsbestimmungen, seien Ausdruck der Machtausübung wirtschaftlich stärkerer Länder. 40 Die Depen-denztheorie ist hauptsächlich auf eine Reihe von linken Intellektuellen zurückzuführen, die vor den Militärdiktaturen in Bolivien, Brasilien und Argenti-
37 Boeckh,A., Dependencia, 2010, S. 158.
38 „Importsubstitution war die von den bereits in den Weltmarkt eingebundenen späteren Entwicklungsländern (hauptsächlich in Lateinamerika) gewählte Industrialisierungsstrategie, mit der die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zu überwinden versucht wurde. Sie brachte zunächst Wachstumserfolge, war jedoch an Protektionismus, die bestehende Nachfrage und hohen Investitionsgüterimportbedarf gebunden und konnte sich nicht zur Massennachfrage bzw. zu kompetitiver Wettbewerbsfähigkeit der Industriegüter weiterentwickeln. Das Scheitern der importsubstituierenden Industrialisierung war damit gewissermaßen vorprogrammiert und offenbarte sich spätestens mit der Verschuldungskrise der 1980er Jahre.“ Nohlen, D., Importsubstitution, 2010, S. 385.
39 Vgl. dazu Többe Gonçalves, B., Entwicklungstheorie, 2005, S. 38 ff.
40 Vgl. dazu Nohlen, D., Entwicklungstheorien, 2010, S. 210.
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Christoph Blepp, 2011, Brasilien - aufstrebende Weltmacht? , München, GRIN Verlag GmbH
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