Inhalt
1. Einleitung 03
2. Die Kultstätte Oberdorla 04
2. 1. Opferperiode III 04
2. 2. Opferperiode IV 06
2. 3. Opferperiode V 08
2. 4. Menschenopfer 09
3. Die Kultfunde von Possendorf und Greußen 11
3.1. Das Heiligtum von Possendorf 11
3.2. Der „heilige Brunnen“ von Greußen 13
4. Schlusswort 16
5. Verzeichnisse 17
5.1. Literaturverzeichnis 17
5.2. Abbildungsverzeichnis 17
6. Abbildungsteil 19
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1. Einleitung
Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Moore wichtige Lieferanten des Brennstoffes Torf. Durch den Abbau von Torf, das als Torfstechen bezeichnet wird, traten viele archäologische Funde zutage. Aufgrund der besonderen chemischen Eigenschaften werden im Moor eingeschlossene Objekte konserviert. So ist es möglich 2000 Jahre alte Leichen mit Fleischresten, Haut und Haaren zu finden. Die Funde können zufällig hineingefallen sein oder wurden absichtlich im Moor deponiert. Eine gängige Methode bei den Germanen war das Verstecken erbeuteter Schätze in Mooren. Auch zur Vollstreckung von Strafen, wie zum Beispiel bei Ehebruch der Frau oder Verleumdung wurde das Moor zum Ertränken der Straftäter genutzt. Moore dienten jedoch auch als Kultplätze. Dazu zählen die Kultstätten von Oberdorla und Possendorf, die Gegenstand vorliegender Arbeit sind. Der heilige Brunnen von Greußen ist zwar kein Mooropferplatz, wird aber ebenfalls dargestellt. Die Darstellung von Greußen soll zeigen, dass zur Ausübung germanischer Kulte nicht unbedingt ein Moor erforderlich war, sondern es zahlreiche Arten von Opferstätten gab. Das größte Problem bei der Bearbeitung des Themas stellte die Literatur dar. Die Kultplätze von Possendorf und Greußen wurden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und dementsprechend alt sind auch die dazugehörigen Aufzeichnungen des damaligen Verantwortlichen, Prof. Klopfleisch. Im Laufe der Jahrzehnte gingen viele Informationen über Funde und Fundumstände verloren. Zudem wurden viele Funde zerstört, da ihnen beim Torfstechen keine Beachtung beigemessen wurde.
Neben den Veröffentlichungen von Neumann und Peschel stützt sich diese Arbeit hauptsächlich auf die Aufsätze und besonders auf die Monographie von Prof. Günter Behm-Blancke, der sich intensiv mit der Erforschung germanischer Kultstätten in Thüringen befasste. Leider wurden seine Aufzeichnungen bis heute nicht vollständig publiziert. Insgesamt ist die Literatur rar, dennoch versucht die vorliegende Arbeit einen Einblick in germanische Kulte, Kultausübung und Aufbau der Kultplätze zu geben.
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2. Die Kultstätte von Oberdorla
Im Jahr 1951 wurde beim Torfstechen eine germanische Kultstätte auf der Flur von Oberdorla bei Mühlhausen angeschnitten (Abb.1). 1 Zunächst wurden die Funde, die die Torfarbeiter entdeckt hatten, für Siedlungsabfälle gehalten. Es handelte sich um eine große Menge von Fuß- und Beinknochen u.a. von Wiederkäuern und Hunden, die zusammen mit stichbandkeramischen Scherben aufgefunden wurden. Jedoch gingen die Forscher zunächst davon aus, dass im Gebiet um das Moor keine neolithische Siedlung existiert. 2 In den folgenden Jahren wurden weitere Entdeckungen gemacht, die den Verdacht auf eine Opferstelle bekräftigten. Unter der Leitung von Günter Behm-Blancke (Abb. 2), dem ehemaligen Direktor des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens und Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, begannen am 20.06.1957 die Großgrabungen, die bis 1967 geführt wurden. Durch die Ausgrabungen konnten zum ersten Mal auf dem europäischen Kontinent Heiligtümer mit einem Nutzungszeitraum von der Hallstatt- und Latènezeit bis zur Römischen Kaiserzeit hinaus erforscht werden. 3 Die Kultstätte von Oberdorla setzt sich aus vier Komponenten zusammen: das Moor, der Kultsee, die Kultquellen im Moor und der Hain. 4 Für diese Arbeit sind jedoch „nur“ Kultsee und Hain relevant, da das Moor und die darin vorhandenen Kultquellen hauptsächlich in der Hallstattzeit genutzt wurden.
Des Weiteren wurde die Nutzung der Kultstätte von G. Behm-Blancke in sieben Opferperioden eingeteilt, wobei die Opferperioden III bis V im folgenden Kapitel dargestellt werden.
2. 1. Opferperiode III, späte Latène- und frühe Römische Kaiserzeit
Das Hauptheiligtum (Abb.3) befand sich in der Nähe des Südwestufers des Kultsees. Die Grenzen des Opferplatzes wurden durch senkrecht in den Moorboden gesteckte Ruten markiert; sein Durchmesser betrug 14,00m bis 15,00m. Auf ihm wurden mehrere Holzgegenstände, Idole und „Kultstangen“ (Abb.4), vorgefunden. 5 Die „Kultstangen“ lagen
1 Behm-Blancke, 2003, 15.
2 Behm-Blancke, 2003, 22.
3 Behm-Blancke, 2003, 15.
4 Behm-Blancke, 2003, 24 ff.
5 Behm-Blancke, 2003, 51.
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recht ordentlich auf dem Moorboden, so dass angenommen wird, sie seien absichtlich umgelegt worden, wahrscheinlich als das Heiligtum aufgegeben worden ist. 6 Vermutlich dienten „Kultstangen“ bei Ritualen als Zepter und / oder Würdestab. Sie wurden auch zum Abgrenzen des Opferplatzes genutzt.
Weiterhin wurden im Westen des Heiligtums mehrere Idole oder Holzobjekte mit sakraler Bedeutung entdeckt. Dazu zählen ein 1,20m langes Phallusidol, ein Pfahlidol ohne Phallus und zwei weibliche Astgabelidole (Abb. 5 und Abb. 6). Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um zwei Idolpaare, wobei das eine vom anderen abgelöst wurde. 7 Beide Paare standen in der Westhälfte des Heiligtums. Von außen rückten sie im Laufe der Opferperiode III zur Mitte des Opferplatzes. Pfahlidole waren leibhaftige Abbildungen der Götter. Leider können sie bis heute keinen spezifischen Göttern zugeteilt werden. 8
Östlich von dem Standort der Idolpaare traten zahlreich Knochen von Opfertieren (Abb. 7), darunter Pferd, Rind, Schwein, Schaf oder Ziege, Hund, Greten vom Hecht, sowie Schädelbruchstücke von einem Menschen zu tage (Abb. 8). 9 Zu den Funden gehörte ebenfalls eine vollständig erhaltene Tonschale (Abb. 9). Sie wird wahrscheinlich Opferspeisen für das Idolpaar beinhaltet haben. 10 Eine zweite Opfertierkonzentration und ein zerscherbtes Gefäß befanden sich im Südwestteil des Heiligtums nahe einer hölzernen Stange, die aufgrund der dortigen Funde als Kultpfahl anzusehen ist. 11 An der östlichen Heiligtumsgrenze trat neben einer Reuse (Abb. 10) und einem Brettpfahl (Abb. 11) eine dritte Opfertierkonzentration zu tage. Am Westufer des Kultsees wurde eine ähnliche Fundsituation freigelegt. Im Umkreis der Reuse und des Brettpfahls waren zahlreiche Haustier- und Jagdtierknochen, sowie Hechtköpfe deponiert. Die Fischopfer, die nahe der Reuse niedergelegt wurden und die Jagdtierknochen in Verbindung mit dem ungewöhnlichen Brettpfahl legen die Vermutung nahe, es handle sich hier um einen separaten Kultplatz, an dem für ergiebige Wildbeute gedankt wurde. 12
Im Folgenden sollen die südlich vom Hauptheiligtum gelegenen Kultplätze FR3 und FR4 beschrieben werden. Beide waren mit Stangen eingefasst. Der Kultplatz FR4 war recht fundleer. Lediglich eine Geweihhacke und ein Hämmerchen wurden geborgen. 13 Dagegen zeigten sich auf dem Kultplatz FR3, und besonders um dessen Feuerstelle, zahlreiche
6 siehe Anm. 5.
7 Behm-Blancke, 2003, 52.
8 Behm-Blancke, 2003, 89.
9 Behm-Blancke, 2003, 52.
10 Behm-Blancke, 2003, 53.
11 siehe Anm. 10.
12 siehe Anm. 10.
13 Behm-Blancke, 2003, 55.
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Scherben und Extremitätenknochen von Haustieren. Die Kultorte FR3 und FR4 haben zur gleichen Zeit wie das Hauptheiligtum existiert, was sich anhand der Keramikfunde des Großromstedter Horizonts belegen lässt. 14 Da sich im Hauptheiligtum keine Feuerstellen befunden haben, wurden die Opferspeisen wahrscheinlich auf dem Kultplatz FR3 zubereitet. Im Hauptheiligtum fanden dann die kultischen Handlungen statt: Speisung der Idole und Niederlegung der Opfergaben.
Die Kultplätze FR1 und FR2 befinden sich nördlich des Hauptheiligtums. Im Torfboden von FR1 steckte ein eisernes Schwert in einer mit Rippenmuster versehenen Scheide. Dieser Fund ist in die Spätlatènezeit einzuordnen. Knochenfunde aller Haustierarten, außer Schwein, wurden östlich des Schwertes festgestellt. Auch auf dem Kultplatz FR2 wurden zahlreiche Haustierknochen deponiert. Nach Prof. Behm-Blancke stand das Schwer im Mittelpunkt kultischer Handlungen. Unwahrscheinlich ist, dass es lediglich zur Tötung der Opfertiere benutzt wurde, da die Knochen Messerschnittmarken aufweisen. 15 Es wurde wahrscheinlich ebenso verehrt wie die Idole. Dafür spricht der Schwertkult, der für einige germanische Stämme belegt ist, denn das Schwert galt als Vertreter und Symbol des Kriegsgottes. 16 In der Opferphase III vollzog sich anscheinend der Wandel von einer Fruchtbarkeitskultstätte zu einem Opferplatz für den Kriegsgott. Diese Wandlung könnte sich durch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Hermunduren und Chatten erklären lassen. 17 Bei den menschlichen Schädelbruchstücken handelt es sich also vermutlich um Teile des gegnerischen Stammes, die zum Dank geopfert wurden.
2. 2. Opferperiode IV, frühe und mittlere Römische Kaiserzeit
Der Kultsee von Oberdorla verkleinerte sich im Gegensatz zur vorherigen Periode. Am West-, Süd- und Ostufer entstanden mehrere neue Heiligtümer (Abb. 12). Von dem Heiligtumkomplex der Opferperiode III war lediglich eine halbkreisförmige Anlage (P1) erhalten geblieben, die in der mittleren Römischen Kaiserzeit weiterhin als Kultplatz genutzt wurde. Die Anlage besaß einen Durchmesser von 5,50m, wurde von Ruten begrenzt und war zum See hin offen. Im Süden der Anlage befanden sich zwei Kultpfähle und ein kleines idolartiges Objekt (Abb. 13). 18 Im Zentrum der Opferstätte lagen neben zahlreichen
14 Behm-Blancke, 2003, 55.
15 Behm-Blancke, 2003, 56.
16 siehe Anm. 15.
17 Behm-Blancke, 2003, 57.
18 Behm-Blancke, 2003, 59.
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Holzkohlescheiten, Hechtköpfen und zwei sorgfältig geschnitzten Holzgegenständen auch zwei Pfahlidole, bei denen es sich vermutlich um ein göttliches Paar handelt. 19 (Abb. 14) Außerhalb der Anlage befanden sich eine Feuerstelle (PII 5) und ein weibliches Astgabelidol. Weiterhin wurden auch im Nordteil der Opferstätte einige Holzgegenstände entdeckt: ein Stab mit krückenartig gebogenem Griff, ein Stock, der einem Hockeyschläger ähnelt und eine kleine Keule (Abb. 15). 20 Nach Behm-Blancke sind diese Gegenstände für Kulthandlungen bei dem weiblichen Idol genutzt worden.
Neben der Anlage PI waren an der Süd- und Westseite des Kultsees zahlreiche kleinere Heiligtümer angelegt worden. Zwei Kultplätze an der Südseite konnten ausgegraben werden. Die Anlage P II, die einen Durchmesser von etwa 7,00m besaß, war durch eine niedrige Flechtwerkmauer begrenzt. Es konnten zwei Kultpfähle freigelegt werden bei denen angebrannte Holzscheite, eine Holzschale und der Schädel eines Wisentbullen entdeckt wurden. 21
In der Anlage P II, 1 befand sich ein Pfahlidol und eine 4,80m lange Stange auf der ein Hengstschädel gesteckt hatte.
In beiden Kultstätten wurden offenbar nur männliche Gottheiten verehrt. 22 Denn weibliche Idole fehlten und die Opfertiere waren ausnahmslos männlichen Geschlechts. Am Nordwestufer des Kultsees lag eine Opferstätte, bei der außer einem Astgabelidol, dass durch eine Vulvaeinritzung als eindeutig weibliches Idol (Abb. 16) gekennzeichnet war, und zwei „Kultstäben“, nichts gefunden. In dieser Opferstätte wurde also ausschließlich eine weibliche Gottheit verehrt.
Während in der Opferperiode III Gottheiten männlichen und weiblichen Geschlechts verehrt werden, so vollzog sich in der Opferperiode IV eine Trennung der Geschlechter. Es stellt sich die Frage warum dies der Fall ist. Wie bereits erwähnt gab es in der frühen Römischen Kaiserzeit kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Hermunduren und Chatten, was der „Schwertkultplatz“ belegt. Es war also wichtig einer männlichen Gottheit zu opfern, da diese im Allgemeinen für Krieg, aber auch für Jagd zuständig war. Womöglich wurden die männlichen und weiblichen Idole getrennt verehrt, um ihnen einzeln besser opfern zu können. In der Opferperiode V wird ausschließlich eine weibliche Gottheit verehrt. Vielleicht spielten nun für die Opfernden Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen keine Rolle mehr, sondern der Fruchtbarkeitskult stand in der späten Römischen Kaiserzeit im Mittelpunkt.
19 siehe Anm. 18.
20 Behm-Blancke, 2003, 59.
21 Behm-Blancke, 2003, 60.
22 siehe Anm. 21.
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Alexandra Nowak, 2007, Die germanischen Moorfunde in Thüringen aus der Römischen Kaiserzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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